Rezension: Mit anderen Augen: Perspektiven des Evangeliums für Scham-, Schuld- und Angstkulturen von Jayson Georges

Der Missionswissenschaftler Jayson Georges lebte selbst als Missionar in Zentralasien, wurde dort mit Scham-Ehre-Dynamiken konfrontiert und unterstützt heute Christen dabei, Menschen anderer Kulturen mit dem Evangelium zu erreichen (u. a. durch seine Internetseite HonorShame.com).

Der Grundansatz des Buches beruht auf der Beobachtung, dass in der kulturellen Vielfalt unserer Welt drei unterschiedliche Grundtypen von Kultur zu identifizieren sind: Schuld-Unschuld-Kulturen, Scham-Ehre-Kulturen und Angst-Macht-Kulturen. Keiner dieser Typen existiert allerdings in Reinform.neufeldverlag

Schuld-Unschuld-Kulturen sind an Gesetzen orientiert. Man denkt in den Kategorien Richtig und Falsch. Gerechtigkeit spielt eine große Rolle. Wird ein Gesetz übertreten, so meldet das Gewissen, dass Schuld vorliegt. Schuld kann bereinigt werden, indem man dazu steht und nach Möglichkeit Wiedergutmachung leistet. Dieser Gesellschaftstypus bildet eine individualistische Ausprägung des Denkens und Lebens und dominiert in Europa und Nordamerika.

Im Gegensatz dazu stehen für Scham-Ehre-Kulturen harmonische Beziehungen im Vordergrund. Orientierungspunkt für das Verhalten ist das Ansehen, die Ehre. Der Einzelne versteht sich als ein Repräsentant seiner Gruppe (Familie, Dorf, Nation), sein Verhalten fällt auf die Gruppe zurück. Diese belohnt ein den Erwartungen entsprechendes Verhalten mit Ehre und sanktioniert Fehlverhalten durch Ausschluss, weil die Gruppenehre gewahrt bleiben muss. Hat jemand sein Gesicht verloren, so ist er auf die Hilfe eines anderen angewiesen, um wieder zu Ehren zu kommen und wieder in die Gruppe aufgenommen zu werden. Zu finden ist dieser Kulturtyp vor allem im Nahen Osten, in Afrika und in Asien.

In Angst-Macht-Kulturen, die bei vielen Naturvölkern und in der Karibik zu finden sind, steht die Angst vor geistlichen Mächten, den Ahnen, bösen Geistern im Zentrum des Lebens. Da diese unberechenbaren Mächte Einfluss auf den Verlauf der Ereignisse in der sichtbaren Welt nehmen können, liegt alles daran, sie keinesfalls zu verärgern, sondern sie möglichst günstig zu beeinflussen. Durch magische Rituale oder Gegenstände hofft man, Schutz vor Unheil zu erlangen. Geistliche Macht kann erhalten, wer sich mit ihnen verbündet.

Diesen Kulturtypen versucht der Autor nun eine jeweils eigene Facette des Evangeliums zuzuordnen, indem er den Sündenfall und die Heilsgeschichte aus jeder der drei Perspektiven nachzeichnet.

Für den Schuldorientierten beginnt alles mit der Übertretung des göttlichen Gebotes. Daraufhin vertrieb der heilige und gerechte Gott die ersten Menschen aus dem Garten Eden. Gott gab Israel das Gesetz, durch das die Menschen erkennen sollen, dass sie nicht in der Lage sind, es zu halten. Aber das Gesetz beinhaltete auch die Möglichkeit, Vergebung zu erlangen. Jesus lebte sündlos und opferte sich selbst als fehlerloses Opfer für die Sünde der Welt. Dadurch sind wir mit Gott versöhnt. Wer erkennt, dass er ein Sünder ist, und an Jesus glaubt, statt auf eigene Leistung zu vertrauen, erhält in Jesus aus Gnade die Rettung. Am Ende der Zeit wird Jesus als der gerechte Richter wiederkommen und das endgültige Urteil über jeden Menschen sprechen.

Für den Schamorientierten steht am Anfang ein Garten Eden, in dem Gott als ehrwürdiger König Adam und Eva mit Ehre und Herrlichkeit gekrönt hatte. Doch als sie „auf eigene Weise ihre Ehre suchten“ (S.  42), verloren sie ihre Ehre, entehrten Gott und brachten Schande über sich. Die Sünde in unserer Welt wurzelt seitdem darin, dass wir versuchen, unsere Scham zu bedecken und Ehre zu erlangen. Gott wollte die menschliche Ehre wieder herstellen und erwählte Israel, um durch sie die Völker zu segnen und zu ehren. Doch auch Israel versagte und geriet in Schande. So sandte er Jesus, der sich gerade der Ausgestoßenen der Gesellschaft annahm und sie dadurch ehrte. Weil er damit aber die religiösen Führer verunehrte, brachten sie ihn ans Kreuz. Jesus hat diesen schändlichen Tod gehorsam durchlitten und so Gottes Ehre wiederhergestellt. Durch die Auferweckung ehrte der Vater Jesus und belohnte ihn mit dem Ehrenplatz zu seiner Rechten. Wer zu Jesus gehört, dessen Schande ist weggenommen, seine Ehre ist wiederhergestellt. Seine Herkunft spielt dabei keine Rolle. Jesu Wiederkunft bringt für die einen ewige Herrlichkeit, für die anderen ewige Schande.

Für den Angstorientierten ist Gott als der mächtige Herrscher von Bedeutung, der die Welt schuf. Er setzte Adam und Eva als „Prinzregenten“ (S.  53) ein. Doch mächtige Engelwesen innerhalb der Schöpfung rebellierten gegen Gott. Der Teufel brachte Adam und Eva unter seine Herrschaft und der Mensch verlor seine Machtposition, wurde zum Sklaven. Als Gott Israel erwählte, sollten sie sein Werkzeug im geistlichen Kampf sein, an dem sich Gottes Herrschaftsanspruch über die ganze Welt zeigte. Doch sie folgten viel zu oft fremden Göttern. Jesus aber widerstand den Versuchungen des Teufels und in ihm wurde Gottes Herrschaft wieder sichtbar. Er trieb Dämonen aus, heilte Kranke, machte Tote lebendig. So plünderte er Satans Reich. Satan glaubte, Jesus besiegen zu können, wenn er ihn tötete, doch tatsächlich wurde er selbst dadurch besiegt. Wer an Jesus glaubt, lebt nicht mehr im Reich der Finsternis, sondern im Reich des Lichts und wird am Ende wieder Macht und eine Herrschaftsposition erhalten.

Diese Heilsgeschichte(n) haben für Georges ihre Entsprechung in unterschiedlichen Sühnetheorien: In der (allerdings mit theologischen Fragwürdigkeiten behafteten) Lösegeldtheorie findet die Perspektive des Angstorientierten ihren Anknüpfungspunkt, in der Wiedergutmachung (Anselm von Canterbury) und der östlichen Theosis die des Schamorientierten, in der Stellvertretertheorie die des Schuldorientierten.

Dieser 3D-Blick auf das Evangelium soll uns helfen, Menschen aller Kulturtypen mit der frohen Botschaft zu erreichen, da „Gott die zentralen Herzenswünsche jeder Kultur gleichermaßen“ anspricht, nämlich Unschuld, Ehre und Macht (S. 63). Anhand des Schemas der Vier geistlichen Gesetze entwickelt Georges für jeden Kulturtyp eine kontextualisierte Evangeliumsbotschaft. Dem werden praktische, kulturtyp-orientierte Methoden an die Seite gestellt. Dabei entspricht die Methode Wahrheit lehren (argumentativ, Predigt) dem Schuldorientierten, die Methode Macht erfahrbar machen (Seelsorge, Wunder, Prophetie, usw.) dem Angstorientierten und die Methode Gemeinschaft leben (gemeinsam essen, Beziehungen bauen, die Menschen ehren, möglichst die Gruppe mit einbeziehen) dem Schamorientierten.

Darüber hinaus will Georges den Christen im Westen helfen, die nicht-schuldorientierten Aspekte des Evangeliums auch für sich selbst zu erkennen, da Gott uns nicht nur von Schuld, sondern auch von Scham (Bin ich nicht gut genug?) und Angst (die uns Schutz bei modernen „Mächten“ suchen lässt, z. B. Versicherungen; S.  86) befreien will.

Was Georges präsentiert, ist nicht neu. Das Bemerkenswerte an dem Buch ist, dass diese missiologischen Überlegungen hier nun in übersichtlicher Kürze und in allgemeinverständlicher Sprache an die breitere Öffentlichkeit herangetragen werden – und das in einer Zeit, in der deutsche Gemeinden erkennen, wie sich ihnen vermehrt die Chance zur kulturübergreifenden Mission vor der eigenen Haustür bietet. Es ist tatsächlich ein wichtiger Augenöffner, sich mit den inneren Triebfedern der unterschiedlichen Kulturen zu befassen, um Menschen dort abholen zu können, wo sie sind. Die Stärke des Buches liegt klar darin, dass es Blickwinkel auf das Evangelium vermittelt, die in der Gedankenwelt des Gegenübers beginnen. Die biblische Botschaft besitzt einen Reichtum, der nicht nur aus einer Richtung erschlossen werden kann. Diese Vielfalt der Anknüpfungspunkte hilft, um Menschen jeweils ihren Zugang zur biblischen Botschaft zu eröffnen. Auch die praktischen Hilfestellungen, besonders im Hinblick auf das Gespräch mit Menschen aus schamorientierten Kulturkreisen, sind wertvoll – und zugleich verblüffend einfach und plausibel.

Aber der Augenöffner erstreckt sich auch auf die eigene Kultur. So verweist Georges auf typisch westliche blinde Flecken wie den mangelnden Blick für die geistliche Welt und den Individualismus. Tatsächlich erweist sich der Blick über den Tellerrand als Bereicherung der eigenen Sicht und es lohnt sich, diese Aspekte in der Bibel bewusst wahrzunehmen und die eigene Kultur aus dieser Perspektive zu reflektieren.

Fraglich ist aber, ob Georges im Hinblick auf dieses letztgenannte Anliegen wirklich weiterhilft. Denn bei näherer Betrachtung erweist sich seine Botschaft als erstaunlich kulturkonform mit der postmodernen westlichen Christenheit: Was uns fremde Kulturen über den christlichen Glauben lehren sollen, ist in Wirklichkeit längst hier im Mainstream angekommen. Beispielsweise die Überzeugung, dass das Thema Sünde und Schuld viel zu lange überbewertet wurde (S.  14). Wo ist denn die Predigt über die Sünde des Menschen angesichts eines heiligen und richtenden Gottes (S.  40–41) im Westen überhaupt noch zu hören? Längst gilt doch als zentrale christliche Botschaft, dass der Mensch lernen müsse, seinen eigenen Wert und seine Bedeutung zu erkennen, die er in Gott findet. So lenkt auch Georges den Blick der Menschen auf Ehre, Macht und Herrlichkeit, die ihn in Gottes Familie erwarten.

Das hier gezeichnete Bild des schuld­orientierten Westens geht an der heutigen Wirklichkeit vorbei: Werden im Westen denn kognitive Ansätze wirklich noch geschätzt (S.  70)? Kann man unter westlichen Christen denn wirklich eine Vorliebe für systematische Theologie beobachten (S. 71)? Wird all das nicht als verkopftes Christsein und toter Buchstabenglaube längst auch ohne Georges’ Hilfe in vielen Kreisen geringgeschätzt? Bröckelt nicht sogar die pure Bibelkenntnis in den Gemeinden, weil das für nicht mehr so wichtig erachtet wird, wenn nur die Beziehung zu Jesus stimmt?

Während Georges die biblische Verankerung von scham- und angstorientiertem Denken hervorhebt, ist er zugleich (leise, aber hartnäckig) um die Marginalisierung der Schuldorientierung bemüht – und verstärkt damit schlicht die vorhandenen Trends. Beispielsweise, indem er die schuldorientierte westliche Kultur als Ergebnis von griechisch-römischer Philosophie und europäischer Renaissance und Aufklärung beschreibt (S.  21–22), ohne auch nur mit einem Wort auf den Einfluss von 2000 Jahren Christentum zu sprechen zu kommen – was beim Leser den Eindruck der gleichen Ausgangsposition wie der der anderen Kulturtypen erweckt. Aber könnte da nicht vielleicht doch auch eine Verbindung bestehen zwischen der Existenz eines schriftlich niedergelegten Wortes Gottes und der Überzeugung, dass das Leben durch objektive Maßstäbe zu beurteilen ist, die außerhalb des Einzelnen wie auch der Gemeinschaft liegen?

Zwar kritisiert Georges (zu Recht) den westlichen Individualismus, doch leistet er ihm tatsächlich kräftig Vorschub. Bei allen Beteuerungen, dass es um das eine Evangelium aus verschiedenen Perspektiven gehe (S.  14), bewegt er sich dennoch mindestens auf einer Gratwanderung, das Evangelium eben doch in drei Evangelien zu splitten. Es wäre hilfreich gewesen, wenn am Ende eine Synthese der drei Heilsgeschichten gestanden hätte. Die Botschaft des Buches kann und wird im Westen durchaus gut postmodern verstanden werden: Jeder sieht eben in der Bibel etwas anderes – meine Wahrheit, deine Wahrheit … Dabei ist das Thema ist von gewaltiger Tragweite: Die Intention des Buches beschränkt sich ja durchaus nicht darauf, Anknüpfungspunkte für kulturübergreifende Evangelisation aufzuzeigen, sondern nimmt in Anspruch, die westliche Christenheit von ihrem „theologischen Tunnelblick“ zu befreien (S. 85; auch diese Mission ist wohl ein Trend, der im Westen um sich greift, vgl. Worthaus). Die Konstruktion von kulturspezifischen Ausprägungen des Evangeliums, die zwar nicht eindimensional sein sollen, aber immerhin unterschiedliche Priorisierungen vertragen, ist ein heikles Unterfangen. Viel Sorgfalt und theologische Klarheit sind nötig, damit nicht letztendlich doch jeder aus der Bibel nur das nimmt, was zu ihm passt. Das vorliegende Buch wird in der Hinsicht wohl eher als willkommene Legitimation wahrgenommen werden, sich seine persönliche Variante des Evangeliums zurechtzulegen.

Alles in allem erweist sich also die vermeintliche Sehhilfe aus der Außenperspektive als recht betriebsblind für die eigene Kultur und bestätigt vielfach populäre Ansichten der westlichen Christenheit. Unbequeme Anfragen, die scham- oder angstorientierte Perspektiven tatsächlich an uns stellen, bleiben dagegen außen vor (z. B. im Hinblick auf einen verbindlichen und verantwortlichen Lebensstil, der die Gemeinschaft höher achtet als die persönliche Selbstverwirklichung).

Die Erarbeitung des Themas wirkt insgesamt unpräzise (was bei einer Gratwanderung verhängnisvoll sein kann!). Es wird – zwangsläufig – mit Vorannahmen gearbeitet, diese aber nicht offengelegt oder gar begründet. Es bleibt unklar, wie das Verhältnis von Bibel und Kultur zueinander generell zu sehen ist. Wer verändert wen? Wer beurteilt wen? Soll die biblische Botschaft an die Kultur angepasst werden oder soll sie sie durchdringen und verändern? (Und falls letzteres: Wohin würde das führen? Was wird z. B. aus einer Angst-Macht-Kultur, die die Angst vor bösen Mächten überwindet?) Oder: Da prinzipiell davon auszugehen, dass menschliche Kultur immer auch von Sünde gezeichnet ist – was bedeutet das für die Kontextualisierung? Und dann: In welchem Verhältnis stehen die drei Dimensionen Schuld-Unschuld, Scham-Ehre und Angst-Macht eigentlich in der Bibel zueinander? Gibt es unterschiedliche Gewichtungen? Laufen sie wirklich parallel oder sind sie miteinander verknüpft? In welcher Weise? Georges stolpert selbst über seine betonte Darstellung als drei gleichrangig nebeneinander laufende Linien, wenn er formuliert: „Sünde kann nicht nur mit Schuld gleichgesetzt werden, sie verursacht auch Scham und Angst“ (S.  52, Hervorhebung TB). Klarheit fehlt auch beim vorschnellen Schluss vom weltlichen auf den geistlichen Begriff: „Wir müssen gemeinschaftsorientierten Menschen erst die Erfahrungen in der Gruppe anbieten, bevor wir sie zum Fest des Lebens einladen. Sonst fällt es ihnen schwer, unsere Einladung des Glaubens anzunehmen. Im Neuen Testament wird häufig die Eingliederung in die Gemeinde Gottes mit geistlicher Rettung gleichgesetzt“ (S.  78–79). Jeder einzelne Satz ist für sich wahr, aber soziale und geistliche Eingliederung in die Gemeinde sind dennoch unterschiedliche Dinge.

Für den Einstieg in das missionarische Gespräch mit Menschen aus fremden Kulturen wird das Buch eine wertvolle Hilfe sein. Dagegen bleibt im Hinblick auf die Grundlagen und die daraus abzuleitenden Schlussfolgerungen noch manche Frage zu klären.


Die Buchbesprechung von Tanja Bittner erschien zuerst in der Zeitschrift Glauben und Denken heute, Nr. 22, (2/2018). Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung.