Rezension: Adam, Eva und die Evolution von Tim Keller

Wie passen Bibel und Evolutionsbiologie zusammenpassen? Der Apologet Tim Keller hat sich mehrfach dazu bekannt, eine bestimmte Spielart der evolutionären Entwicklung für wahrscheinlich und mit dem Schöpfungsbericht für vereinbar zu halten. Andreas Münch stellt das Buch:

  • Timothy Keller, Adam, Eva und die Evolution – Wie Bibel und Wissenschaft zusammenpassen, Brunnen: Gießen, 2018, Euro 4,99.

vor.

„Noch ein Buch zum Verhältnis von Schöpfungsglaube und Evolution? Ist dazu nicht bereits alles gesagt?“, so fragt Christoph Raedel im Vorwort. Die Frage ist angesichts der literarischen Flut zu diesem Thema verständlich. Wenn man das Buch von Keller in den Händen hält, fragt man sich auch, was er auf den nur 43 Seiten zur Diskussion beitragen möchte?

Timothy Keller schreibt aus der Perspektive eines Pastors, der die Frage seiner Gemeindemitglieder, wie bibeltreuer Glaube und wissenschaftliche Erkenntnisse zusammenpassen, ernst nimmt. Er sieht sich und seine Kollegen in der Pflicht, sich diesen Fragen zu stellen:

„Genau das gehört zu den Dingen, die Gemeindemitglieder von einem Pastor erwarten. Wir müssen eine Brücke zwischen der Welt der Wissenschaft und der Welt der Straße und der Kirchenbank sein. Mir ist durchaus bewusst, dass das nicht leicht ist. Ich wüsste keine Zeit und Kultur, in der der Job des Pastors anspruchsvoller gewesen wäre als heute. Aber ich bin überzeugt, dass das unsere Berufung ist.“ (S. 14–15)

Keller baut seine Argumentation so auf, dass er drei häufige Fragen von Christen beantwortet.

Die Frage nach der Autorität der Bibel

Bei der ersten Frage geht es um die Autorität der Bibel: „Wenn Gott diese Welt durch die Evolution geschaffen hat, können wir Genesis 1 nicht wörtlich verstehen. Warum sollten wir dann andere Teile der Bibel wörtlich nehmen?“ (S. 16).

Keller antwortet darauf, dass wir zuerst klären müssen, ob ein biblischer Autor überhaupt wortwörtlich verstanden werden will? Um diese Frage zu beantworten, müssen wir die Literaturgattung bestimmen. Hier wird es nun knifflig, denn Keller gibt zu, dass es nicht einfach ist, Genesis 1 eindeutig einzuordnen. Mit Bezug auf einen anderen Autor folgt Keller der Meinung, dass es sich bei Genesis 1 um erhabene Prosaerzählung handelt, d. h. es wird uns etwas Wahres über die Welt gesagt, ohne das man den Text wortwörtlich verstehen muss (S. 20). Keller vergleicht Genesis 1 und 2 miteinander und schlussfolgert:

„Genesis 1 zeigt uns eine Reihenfolge der Schöpfung, die keiner ‚natürlichen Abfolge’ entspricht. So gibt es zum Beispiel Licht (Tag 1), bevor es Lichtquellen gibt – Sonne, Mond, Sterne (Tag 4). [...] In Genesis 2 dagegen ist die natürliche Abfolge die Norm.“ (S. 20–19)

Sein Fazit daraus lautet:

„Es bedeutet, dass Genesis 1 nicht lehrt, dass Gott die Welt in sechs Tagen mit 24 Stunden schuf. Natürlich bedeutet es auch nicht, dass Gott durch Evolution schuf; weil der eigentliche Prozess, durch den Gott am Ende menschliches Leben erschuf, gar nicht Thema ist.“ (S. 21)

Die Frage nach dem Verständnis von Evolution

Die zweite Frage lautet: „Wenn die biologische Evolution wahr ist – heißt das, dass wir nichts weiter sind als genetisch gesteuerte Tiere und dass man den Menschen restlos durch die natürliche Auslese erklären kann?“ (S. 22). Keller widerspricht dieser Meinung, indem er zwischen einer biologischen Evolution als Schöpfungsprozess und Evolution als Weltanschauung unterscheidet. Er wehrt sich gegen die Behauptung der „neuen Atheisten“, dass der Glaube an eine biologische Evolution automatisch zu einem materialistischen Weltbild führen muss, in dem Gott kategorisch ausgeschlossen wird. Was muss laut Keller deshalb geschehen?

„Christliche Pastoren, Theologen und Wissenschaftler, die von einer Version der Evolution als biologischem Prozess ausgehen, müssen gleichzeitig einen Schwerpunkt darauf legen, Evolution als Gesamttheorie aller Dinge argumentativ zu entkräften.“ (S. 25)

Im Klartext heißt das: Die biologische Evolution kann nur mit einem dahinterstehenden Schöpfergott überzeugen, aber nicht ohne ihn.

Die Frage nach der Historizität von Adam und Eva sowie dem Leid

Die kritische Anfrage lautet wie folgt: „Wenn die biologische Evolution wahr ist und es Adam und Eva als historische Gestalten nicht gibt, wie erklären wir dann, woher die Sünde und das Leid kommen?“ (S. 27). Kellers Antwort ist erfrischend ehrlich: „Der Glaube an die Evolution lässt sich durchaus vereinbaren mit dem Glauben an einen historischen Sündenfall und an Adam und Eva als reale Personen. In dieser Hinsicht gibt es noch viele unbeantwortete Fragen; daher müssen Christen, die glauben, dass Gott die Evolution genutzt hat, auch offen sein für die Sichtweisen anderer.“

Keller ist sich bewusst, dass man in exegetische und theologische Schwierigkeiten gerät, wenn man die Historizität von Adam und Eva zugunsten eines Mythos leugnet. Ein Grund ist für ihn der Apostel Paulus:

„Ich glaube nicht, dass wir Genesis 1 wörtlich verstehen sollten, weil der Autor das selbst nicht von uns erwartet. Aber mit Paulus ist es anders. Er wollte definitiv sagen, dass Adam und Eva historische Personen sind. Und wenn man sich weigert, einen biblischen Autor wörtlich zu verstehen, obwohl er ganz klar so verstanden werden will, entfernt man sich vom traditionellen Verständnis von biblischer Autorität.“ (S. 32)

„Wenn Adam nicht historisch ist, ist die ganze Argumentation von Paulus hinfällig - nämlich dass beides, Sünde und Gnade, in dieser Bundesstruktur wirkt [Keller bezieht sich hier auf 1. Korinther 15,21-22, wo Paulus lehrt, dass in Adam alle sterben und in Christus alle lebendig gemacht werden.] [...] Wer nicht glaubt, was Paulus über Adam glaubt, lehnt das Herzstück paulinischer Theologie ab.“

Keller hält also an der Historizität von Adam und Eva fest, weil sie zu einem unaufgebbaren Bestandteil der christlichen Theologie gehört. Wie aber passt diese Ansicht mit einer (von Gott gesteuerten) Evolution zusammen? Keller präsentiert am Ende ein mögliches Modell, wobei er sich dabei auf Aussage von Derek Kidner stützt. Nach diesem Modell endete die Evolution mit Adam, dem Gott sein Ebenbild einprägte. Eva wurde gesondert geschaffen und gemeinsam erklärte Gott sie zu seinen Repräsentanten über die ganze Schöpfung (S. 37ff). Einige Fragen sieht Keller damit beantwortet, andere wieder nicht.

Abschließend weißt Keller auf weitere denkbare Modelle hin und schließt sich erneut Kidner an, dass man offen für Korrekturen sein muss (S. 41–43).

Fazit

Ich tue mich ehrlich gesagt ein bisschen schwer, dieses Buch zu bewerten, denn ich gehöre nicht zur eigentlichen Zielgruppe. Wie der Titel bereits erahnen lässt, wird die Evolution als Tatsache vorausgesetzt. Das sollte einen spätestens nach einem Blick ins Impressum nicht verwundern, da der ursprüngliche Herausgeber die BioLogos Foundation ist, das amerikanische Sprachrohr der Befürworter der theistischen Evolution.

Keller richtet sich mit diesem Werk eindeutig an bibeltreue Christen, die bereits davon überzeugt sind, dass Gott durch Evolution geschaffen hat. Christen, die an eine buchstäbliche 7-Tage-Schöpfung oder eine Alte-Erde-Schöpfung vertreten, werden nicht wirklich einbezogen oder zum Dialog eingeladen. Das scheint, schon allein aufgrund der Kürze, auch nicht beabsichtigt zu sein. Wer bereits als Christ von der theistischen Evolution überzeugt ist, wird zweifellos von Kellers Argumenten profitieren können. Alle anderen werden bereits der Grundannahme des Buches kritisch betrachten.

Positiv zu sehen ist die Herangehensweise von Keller: Sein Ton ist seelsorgerlich, sachlich und fair. Er möchte die Menschen mit ihren ehrlichen Anfragen ernst nehmen und nimmt Pastoren hier besonders in die Pflicht, sich den wichtigen Fragen unserer Gesellschaft zu stellen. Sein Appell, sich intensiv mit der Bibel auseinanderzusetzen, um die Botschaft des antiken Verfassers herauszuarbeiten, kann ich nur unterschreiben. Dankbar bin ich ihm für die Ausführungen, dass wir die Historizität von Adam und Eva nicht ohne verheerende theologische Konsequenzen leugnen können.

Auch Vertreter anderer Schöpfungsmodelle können von Kellers Ausführungen profitieren, selbst wenn sie seine Ansicht von der theistischen Evolution nicht teilen. Ob Letztere allerdings als Faktum vorausgesetzt werden kann, steht auf einem anderen Blatt. Diese Diskussion wird jedoch woanders zu führen sein.


Münch

Andreas Münch arbeitet beim Herold-Verlag und studiert nebenberuflich Theologie am Martin Bucer Seminar. Ausserdem arbeitet er freiberuflicher als Autor. Im Jahr 2016 erschien sein Andachtsbuch Leben als Gottes Volk – Tägliche Andachten aus den fünf Büchern Mose (Herold-Verlag). Andreas ist mit Miriam verheiratet. Gemeinsam haben sie zwei Kinder.