Lasst die Kirche Kirche sein! Calvins Theologie der sozialen Gerechtigkeit

Bild: The Gospel Coalition

In seinem berühmten „Brief aus dem Gefängnis von Birmingham“ beschuldigte Martin Luther King Jr. die weiße Kirche Amerikas, das Evangelium zu kompromittieren. Der schmerzhafteste Kompromiss war für King nicht, dass manche Kirchen auf offensichtlich häretische Weise Rassismus und Segregation verteidigten. Der schmerzhafteste Kompromiss kam von moderaten weißen Pastoren, die sich weigerten, die Kirche Kirche sein zu lassen:

Ich habe so viele Pastoren sagen hören: „Es gibt soziale Fragen, mit denen das Evangelium nichts zu tun hat“, und ich habe so viele Kirchen gesehen, die sich einer völlig außerweltlichen Religion gewidmet haben, die einen fremdartigen Unterschied zwischen Körper und Seele, dem Heiligen und dem Säkularen machen.

Zahlreiche Theologen haben seitdem Dr. Kings Kritik aufgegriffen. Von dem sorgsamen Willie Jennings, der die Meinung vertritt, dass die christliche Theologie ihren eigenen Anteil am Kolonialismus nie wirklich aufgearbeitet hat, zu dem radikalen James Cone, der das Zeugnis der Mainstreamkirche berühmtermaßen als „weiße Theologie“ beschrieben hat, haben Kritiker immer wieder gesagt, dass, wenn es zum Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit kommt, die westliche Kirche ihren Weg verloren hat.

Es scheint leicht, diese Theologen einfach abzutun. Zu viele von ihnen scheinen bereit zu sein, die christliche Lehre für zunehmend radikalere Formen der Befreiungstheologie aufzugeben, die wenig mit dem Evangelium gemein haben. Aber das zu tun hieße, eine Möglichkeit auszuschlagen. Die Wahrheit ist, dass vieles von der Kritik am traditionellen Christentum weit zutreffender ist, als wir zugeben wollen.

Jesus und die soziale Gerechtigkeit

Ich habe mich mit diesem Thema auseinandergesetzt, als ich in der Bibelschule Jesu Predigt in Matthäus und Lukas 4 studierte. Die Standardinterpretation der Evangelikalen von Jesu Aussagen, dass er gekommen sei, „den Armen frohe Botschaft“ und „Gefangenen Befreiung zu verkünden“ (Lk 4,18) – zumindest in den respektierten Kommentaren, die ich las – war, dass Jesus Methapern gebrauchte, um Errettung aus geistlicher Armut und Unterdrückung zu beschreiben. Und es schien einen allgemeinen Konsens zu geben, dass wenn Jesus diejenigen beschreibt, die nach Gerechtigkeit hungern und dürsten – und dafür verfolgt werden – er von denen sprach, die sich nach Rechtfertigung und Heiligung sehnen (Mt 5,6.10).

Deshalb war ich überrascht, als ich Calvin aufschlug und herausfand, dass zumindest bezüglich dieser Bibelstellen seine Interpretation viel näher zu den Befreiungstheologen stand, als zu vielen zeitgenössischen evangelikalen Theologen. Zum Beispiel schreibt er über Jesu Seligpreisung derer, die um der Gerechtigkeit willen leiden:

Ich sage, dass nicht nur die, die sich um die Verteidigung des Evangeliums bemühen, sondern die, die auf irgendeine Weise die Sache der Gerechtigkeit verteidigen, um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden. Deshalb, egal ob wir Gottes Wahrheit gegen die Falschheiten des Teufels verkündigen oder den Schutz der Guten und Unschuldigen gegen die Boshaftigkeit der Gottlosen unternehmen, müssen wir die Angriffe und den Hass der Welt erdulden, der unserem Leben, unser Vermögen oder unserer Ehre schaden kann. (Calvin, Institutio 3.8.7)

Ich fragte mich, ob Calvins Theologie der Kirche helfen könnte, ein treueres Zeugnis für das Evangelium im Bereich der sozialen Gerechtigkeit wiederzugewinnen. Ich wurde nicht enttäuscht.

Calvin und die Kirche

Calvins Theologie der Kirche verdient aus verschiedenen Gründen erneute Aufmerksamkeit. Erstens, vielleicht mehr als irgendein anderer Reformator sah Calvin seine Hauptaufgabe darin, die Schrift im Dienst der Kirche richtig auszulegen und zu lehren. Zweitens, Calvin war sich der Gefahr zutiefst bewusst, dass die Politisierung der Kirche ihre Berufung kompromittieren würde, das „geistliche Reich Christi“ in der Welt zu sein.

Für Calvin lag diese Gefahr in drei Richtungen. Am offensichtlichsten war die römisch-katholische Kirche. Calvin glaubte, dass Christus seine Kirche ermächtigt hatte, spezifische geistliche Funktionen des Dienstes zu erfüllen: das Evangelium zu verkünden, die Sakramente zu spenden, Kirchenzucht zu üben und sich um die Armen zu sorgen. Die Kirche war nur insoweit die Kirche als sie treu diese Funktionen ausübte.

In Calvins Sicht hatte die römische Hierarchie – vom Papst bis zum Priester – die Berufung dieses Dienstes für eine Berufung des Herrschens eingetauscht. Rom hatte sich das Recht angemaßt, anstelle von Christus zu herrschen. Es behauptete von sich die Autorität, Lehren zu erschaffen, Sakramente zu erfinden, Gewissen zu binden und die Interessen der Armen für den eigenen Pomp und das eigene Prestige zu opfern. Die Kirche war zu einer politischen Institution geworden – und dazu noch zu einer tyrannischen – statt, dass sie eine geistliche Präsenz der Reiches Christi war.

Eine zweite Gefahr stammte von der magistralen Reformation selbst. Die führenden Reformatoren – einschließlich Luther, Zwingli und Bullinger – stimmten zu, dass die mittelalterliche Kirche es überzogen hatte, und sie reagierten darauf, indem sie fast alle Funktionen der Kirche an die zivilen Behörden übergaben. Sie stimmten zu, dass Pastoren dazu berufen waren, das Evangelium zu verkünden und die Sakramente zu spenden, aber alles andere – einschließlich Kirchenzucht und Armenfürsorge – wurde dem Staat übertragen. Die staatsgeführte Kirche wurde folglich zu einer Institution der Lehre und der Anbetung, die jedoch unfähig war, ihre eigene Mitgliedschaft zu regeln oder dem Reich Christi materiellen Ausdruck zu geben. Sie wurde so leicht reduziert auf ein Werkzeug des Staates.

Eine dritte Gefahr kam von den Wiedertäufern. Die frühen Wiedertäufer waren Nachfolger von Luther und Zwingli, die unzufrieden waren mit den Kompromissen der Staatskirche. Um die Verbindung von Staatsbürgerschaft und Kirchenmitgliedschaft aufzulösen, lehnten sie die Kindstaufe ab und bestanden auf die rigorose Anwendung von Kirchenzucht und Kirchenausschluss. Um Kirche und Gesellschaft voneinander zu trennen, verlangten sie von Christen, dass sie weder das Schwert führten noch für die Regierung arbeiteten, und sie forderten das Teilen von materiellen Gütern. Die Kirche wurde zu einer politischen Institution – wenngleich zu einer radikal neuen Art – die sich mehr darauf konzentrierte, ihre Trennung von der Welt aufrechtzuerhalten, als die Gnade des Evangeliums zu bezeugen.

Die Geistlichkeit der Kirche

Die Alternative war für Calvin, die Geistlichkeit der Kirche zu betonen. „Die Kirche ist das Reich Christi“, so schrieb er (Institutio, 4.2.4), womit er meinte, dass die Kirche die Gruppe von Menschen ist, unter denen die Realitäten des Reiches Christi durch den Heiligen Geist Gestalt annehmen. Deshalb sind die „Merkmale“ der Gegenwart des Reiches für Calvin die Merkmale der Kirche: die Verkündigung des Evangeliums, das Abendmahl und die Taufe. Diese Merkmale haben ihren notwendigen Ausdruck in der Kirchenzucht, ohne die keine Kirche gesund sein kann (weshalb Calvin sich weigerte, in Genf ohne Kirchenzucht zu dienen), und das Diakonat, ohne welches keine Kirche von sich behaupten kann, wirklich reformiert zu sein.

Was Calvins Theologie der Kirche von den Lutheranern und den Schweizer Reformatoren unterschied, war, dass Calvin davon überzeugt war, dass das Reich Gottes in der Kirche sozialen und materiellen Ausdruck finden muss, unabhängig von der politischen Gesellschaft. Das Reich des zukünftigen Zeitalters muss in das gegenwärtige böse Zeitalter hereinbrechen, selbst wenn es bis zur Wiederkehr Jesu nicht zur Erfüllung kommen wird. Auf diese Weise vertrat Calvin die Logik des „schon jetzt, aber noch nicht“.

Calvin lehrte, dass die ganze Schöpfung eines Tages im kommenden Reich Christi wiederhergestellt und transformiert wird. Bis dahin bewahrt Gott auf gnädige Weise das gegenwärtige Zeitalter durch verschiedene Mittel, einschließlich der Regierung und den Ordnungen der Zivilgesellschaft. Der aufgefahrene Christus gießt die Gaben seines Reiches auf die Kirche durch die Gaben des Geistes aus (Eph 4,7-16). Indem Christen an einander das Werk des Dienstes ausüben, wird die Kirche auferbaut als der Leib des Christus, und erwartet das kommende Reich, in dem alle Dinge wiederhergestellt werden.

Die Sündhaftigkeit der Gesellschaft

Zur gleichen Zeit dienen Christen weiterhin in den sozialen Strukturen der irdischen Gesellschaft, selbst wenn diese Strukturen zutiefst durch die Sünde verdorben sind. Sie tun dies nicht, weil ihre Umstände als Männer oder Frauen, Reiche oder Arme notwendigerweise gerecht sind, sondern weil sie als Jünger Christi dazu berufen sind, ihre Freiheit zu demonstrieren, indem sie die Gestalt eines Dieners annehmen. Eines Tages werden alle Christen im Reich Gottes frei und gleich sein, aber während des jetzigen Zeitalters sollten Christen Leid und Verfolgung erwarten. Christen, die diese Realität nicht anerkennen und triumphal die volle Verwirklichung des Reiches Gottes hier und jetzt durchsetzen wollen, politisieren nicht nur die Kirche, sondern fallen auch unweigerlich in Bitterkeit und Enttäuschung.

Calvin warnte Christen davor, zu glauben, dass die politische und zivile Gesellschaft irgendwie in das Reich Gottes transformiert werden können, bevor Christus wiederkehrt. Er schützte sie vor dieser falschen Vorstellung, indem er eine wichtige Unterscheidung zwischen geistlicher Gerechtigkeit und ziviler Gerechtigkeit artikulierte.

Geistliche Gerechtigkeit, so Calvin, kommt durch das Werk des Heiligen Geistes im Evangelium. Die Berufung der Kirche ist es, diese Art von Gerechtigkeit durch den christlichen Dienst anzustreben. Zivile Gerechtigkeit, auf der anderen Seite, ist bloß eine äußerliche Gerechtigkeit. Die zivile Regierung hat keine Macht, geistliche Gerechtigkeit zu begründen, weil geistliche Gerechtigkeit nicht erzwungen werden kann, sondern sie ist dazu berufen, zivile Gerechtigkeit zu begründen. Calvin teilte die Überzeugung von Augustinus, dass zivile Gerechtigkeit von Christen nicht verachtet werden sollte. Sie ist ein Geschenk der Gnade Gottes und wesentlich für die Bewahrung der Gesellschaft.

In seinen Bibelkommentaren merkte Calvin wiederholt an, dass die zivilen Gesetze des mosaischen Gesetzbuchs viel Böses tolerieren mussten aufgrund der menschlichen Verdorbenheit. Er gründete diese Behauptung auf die Erklärung Jesu in Matthäus 19, dass das mosaische Gesetz Scheidung erlaubte aufgrund der Herzenshärte der Menschen. Calvin verwies auf viele andere Formen der Sünde und Ungerechtigkeit, die das mosaische Gesetz duldete (aber niemals unterstützte): Polygamie, Mord an Kriegsgefangenen, erzwungene Ehe von weiblichen Kriegsgefangenen, usw. Wenn das offenbarte Zivilgesetz von Gottes auserwähltem Volk solche Art von Bösem tolerieren musste, so Calvin, wieviel mehr die zivilen Gesetze zeitgenössischer Regierungen.

Calvin zog aus diesem Punkt zwei Schlüsse. Erstens, er bestand darauf, dass christliche Gesellschaften nicht notwendigerweise dem Zivilgesetz von Mose folgen müssen. Stattdessen müssen sie den Normen des Naturrechts folgen, die Calvin mit dem Gesetz der Liebe, der Herrschaft der Gerechtigkeit und dem Moralgesetz Gottes in den Zehn Geboten identifizierte. Wie sich das in der Praxis zeigt, wird sich je nach Zeit, Ort und Umständen unterscheiden.

Zweitens, während Christen so viel Gerechtigkeit wie möglich durch das Zivilgesetz anstreben sollten, müssen sie realistisch darüber sein, was für sündhafte Menschen möglich ist. Geistliche Gerechtigkeit kann nicht durch das Schwert erzwungen werden. Christen sind dazu berufen, die Tugenden der Demut, Vernünftigkeit und des Mitgefühls in ihrem öffentlichen Einsatz zu praktizieren, wobei sie anerkennen, dass das Gesetz oft Handlungen und Umstände dulden muss, die unmoralisch oder ungerecht sind.

Christlicher Eifer für Gerechtigkeit

Heißt das, dass Christen das Böse und die Ungerechtigkeit in der Gesellschaft einfach hinnehmen sollten? Calvin wies diesen Schluss entschieden zurück. Realismus über das Leben in dem gegenwärtigen bösen Zeitalter sollte Christen nicht dazu führen, weniger leidenschaftlich für Gerechtigkeit zu sein.

Zum Beispiel hielt Calvin die Regierung beständig an den höchsten Standard bezüglich ihre Fürsorge für die Armen. „Gott gibt mehr besondere Fürsorge für die Armen als für andere, weil sie Verletzungen und Gewalt mehr ausgesetzt sind“, schrieb er in seinem Kommentar zu Psalm 72,4. Oder, wie er zu Ps 82,3-4 schrieb: „Eine gerechte und wohlgeordnete Regierung wird sich dadurch auszeichnen, dass sie das Recht der Armen und Bedrängten verteidigt“. Staatliche Führer werden „vor Gott als schuldig erachtet, wenn sie dies versäumen und wenn sie nicht, von sich selbst aus, denen helfen, die ihre Unterstützung benötigen“. Dies sollten sie tun, indem sich nicht nur die Armen vor Ausbeutung beschützen, sondern indem sie Armenhäuser, Krankenhäuser und Schulen gründen oder beauftragen.

Gleichzeitig war Calvin davon überzeugt, dass das Hauptzeugnis der Kirche für die Gerechtigkeit des Reiches Gottes sich im Dienst der Kirche zeigen sollte, die geistliche Gerechtigkeit aufrichtet. Durch die Verkündigung des Evangeliums, die Sakramente, Kirchenzucht und das Diakonat – und durch das organische Leben der Kirche, das aus diesen Praktiken fließt – erscheint die geistliche Gerechtigkeit des Reiches Gottes.

Für Pastoren bedeutete dies, dass sie das ganze Evangelium verkündigen mussten. Es bedeutete, persönliche Buße und Neugeburt zu verkündigen, sowie das Reich Gottes und all seine Gerechtigkeit. Calvin glaubte, dass Pastoren die Einzelheiten von politischen Fragen und Parteien auf der Kanzel meiden sollten, weil solche Angelegenheiten notwendigerweise Fragen von Weisheit und persönlicher Entscheidung sind und auch, weil die Autorität der Kirche „nicht unendlich ist, sondern dem Wort des Herrn untersteht und gewissermaßen darin eingeschlossen ist“ (Institutio, 4.8.4).

Pastoren sind Knechte Christi und seines Wortes, keine Herren. Aber obwohl Pastoren in ihren Predigten nicht über das Wort hinausgehen sollten, haben sie auch nicht das Recht, irgendetwas Geringeres als die Gerechtigkeit des Wortes zu verkündigen. Pastoren müssen die grundlegenden Prinzipien der Gerechtigkeit verkündigen, die jedes christliche Engagement in der Politik und in Fragen so weitreichend wie Sexualmoral, Gerechtigkeit für die Armen, die Aufnahme von Flüchtlingen und Einwanderern und den Wert des Lebens prägen sollten.

Die Merkmale der Kirche

Calvin argumentierte auch dafür, dass das Abendmahl und die Taufe kommunizieren, was es heißt, die Kirche zu sein. Das Abendmahl ruft Christen zur koinonia, „zur Gemeinschaft, zum Almosengeben und anderen Pflichten brüderlichen Beisammenseins“ (Kommentar zu Apg 2,42). Die Taufe verpflichtet alle Christen zu einem Leben der Buße und der Heiligung. Deshalb glaubte Calvin, dass Kirchenzucht und das Diakonat so notwendig waren. Sie bewahren die Kirche vor zeremonieller Heuchelei, die das Evangelium des Reiches feiert, während sie die Praxis der Gerechtigkeit vernachlässigt.

Kirchenzucht dient dieser Rolle, indem sie diejenigen zur Verantwortung zieht, die von sich behaupten, Christen zu sein, aber deren Leben auf das Gegenteil weist. Natürlich war sich Calvin bewusst, dass die römisch-katholische Kirche die Kirchenzucht in großem Maße missbraucht hatte. Er betonte, dass Kirchenzucht keine Zwangsgewalt ist, die von der Kirche willkürlich angewendet werden kann. Auch dient sie nicht der Strafe, sondern ihr Ziel ist es, die Integrität des Abendmahls zu bewahren und Christen gnädiglich wiederherzustellen, die in die Heuchelei billiger Gnade gefallen sind. Sie stellt sicher, dass die Gerechtigkeit des Reiches im sozialen Leben der Kirche Ausdruck findet.

In Genf nahmen die Pastoren und Ältesten ihre Verpflichtung ernst, Kirchenzucht in Bezug auf alle Fragen der Sünde und der Ungerechtigkeit anzuwenden, die ausdrücklich in der Schrift verurteilt werden. Neben Götzendienst, Gotteslästerung und sexueller Unmoral züchtigten sie Väter, die ihre Frauen und Kinder missbrauchten, Kinder, die sich weigerten, für ihre Eltern zu sorgen, Hausbesitzer, die ihre Mieter ausbeuteten, Ärzte, die die Kranken übervorteilten oder inkompetent waren, Arbeitgeber, die ihre Arbeiter unterdrückten oder nicht bezahlten und Nachbarn, die sich weigerten, sich gegenseitig auszusöhnen.

Das Diakonat war für Calvin dazu da, das Zeugnis der Kirche zur sozialen Gerechtigkeit zu gewährleisten, indem es die Rechte der Armen verteidigte. Er glaubte, dass die materielle Solidarität mit den Armen eine Gerechtigkeitsfrage war, nicht bloß eine Frage der Liebe. Wenn Menschen nicht das tun, wozu sie imstande sind, um für die Armen zu sorgen, rauben sie ihnen ihre Rechte. Das Diakonat ist verantwortlich sicherzustellen, dass die Kirche vorbildlich zeigt, wie eine gerechte Gesellschaft aussehen sollte. Es bewahrt die Kirche vor der Heuchelei, ein Evangelium zu praktizieren, welches nicht in dieser Welt verankert ist.

Die Genfer Kirche hatte zwei Diakonate – eines kooperierte eng mit dem Staat (und wurde von ihm finanziell getragen), und das andere handelte unabhängig vom Staat und konzentrierte sich darauf, den Flüchtlingen und Einwanderern zu dienen. Die Diakone von Genf reagierten nicht nur auf aufkommende Nöte, und dienten auch nicht nur den Mitgliedern der Kirche. Im Gegenteil, sie waren proaktiv. Sie ermöglichten medizinische Fürsorge für die Kranken, temporäre Unterstützung und Ausbildung für die Arbeitslosen, langfristige Unterstützung für Witwen, Gastfreundschaft für Reisende und vieles mehr.

Für Calvin rief Jesus, als er verkündigte, dass er gekommen war, um den Armen frohe Botschaft zu verkünden, die Kirche dazu auf, das Gleiche zu tun. Um die Kirche Kirche sein zu lassen, muss sie ihre Mitglieder zu einem geistbefähigten Dienst zurüsten, um die Gerechtigkeit des kommenden Reiches Gottes im Wort und in der Tat aufzurichten.


Matthew Tuininga ist Assistenzprofessor für Moraltheologie am Calvin Theological Seminary in Grand Rapids, Michigan. Er ist Autor des Buchs Calvin’s Political Theology and the Public Engagement of the Church: Christ’s Two Kingdoms. Du kannst ihm auf www.matthewtuininga.wordpress.com folgen. Dieser Artikel erschien zuerst bei The Gospel Coalition. Übersetzung und Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung.