Ist Jesus in die Hölle hinabgestiegen?

Die meisten Christen kennen das Apostolische Glaubensbekenntnis mit seiner Aussage, dass Jesus hinabgestiegen ist „in die Hölle/in das Reich des Todes“. Aber ich bin mir nicht sicher, ob sie wissen, was dieser Ausdruck wirklich bedeutet und wie er mit der Lehre der Bibel in Einklang zu bringen ist. Wie genau ist Jesus in die Hölle hinabgestiegen und wann ist das geschehen? Geschah es am Kreuz, wie Johannes Calvin glaubte? Oder geschah es, nachdem Jesus gestorben und bevor er von den Toten auferstanden war, wie viele andere geglaubt haben? War dieser descensus ein buchstäblicher Abstieg? Oder war er bloß symbolisch? Und was war darin inbegriffen? Es ist darauf verwiesen worden – und das zurecht – dass der Ausdruck „hinabgestiegen in die Hölle“ nirgendwo in der Bibel zu finden ist. Aber heißt das, dass das Konzept hinter diesem Ausdruck auch nicht in der Bibel zu finden ist? Wohin können wir uns wenden, um auf diese Fragen eine Antwort zu finden?

Persönlich hat mir die Lehre von Hebräer 13,11-12 geholfen. Ich denke, dass diese Verse uns den besten Weg zeigen, wie wir den Ausdruck „hinabgestiegen in die Hölle“ verstehen können und wie dieses Konzept tatsächlich biblisch ist, selbst wenn der Ausdruck so nicht direkt in der Bibel vorkommt. Wenn wir diese Verse im Licht des alttestamentlichen Opfersystems verstehen, denke ich, dass wir erkennen, dass Jesus „in die Hölle hinabstieg“ während er sich am Kreuz als Sühneopfer für sein Volk darbrachte.

Der alttestamentliche Opferkontext von Hebräer 13,11 wird auf den ersten Blick sofort deutlich: „Denn die Leiber der Tiere, deren Blut für die Sünde durch den Hohenpriester in das Heiligtum getragen wird, werden außerhalb des Lagers verbrannt“. Wenn wir über diese Verse nachdenken, müssen wir uns daran erinnern, dass die allererste Sache, die der Priester im Alten Testament mit dem Sündopfer tat, war, seine Hände auf das Haupt des Tieres zu legen, das geopfert wurde (3Mo 4,4-5). Dadurch übertrug er seine eigenen Sünden (oder die Sünden des Volkes) auf das Tier – was bedeutete, dass es nun zur Sünde geworden war. Dann tötete der Hohepriester das sündetragende Tier und trug seinen Leib „außerhalb des Lagers“, wo es völlig verbrannt wurde.

Aber warum außerhalb des Lagers? Was war so bedeutend an diesem besonderen Ort? Was sollte dieser Ausdruck kommunizieren? Einfach gesagt, Gott selbst lebte im Lager Israels. Er wohnte inmitten seines Volkes und das auf eine Weise, die anders war als die Weise, wie er außerhalb des Lagers wohnte. Als allgegenwärtiger Herr des Universums war Gott offensichtlich gegenwärtig sowohl innerhalb als auch außerhalb des Lagers (weil er überall gegenwärtig war – und ist). Aber er war bundesmäßig und evangeliumsmäßig nur im Lager gegenwärtig, nicht außerhalb. Lass mich erklären, was ich meine.

Wenn ich sage, dass Gott außerhalb des Lagers nicht bundesmäßig gegenwärtig war, dann meine ich, dass die Verheißung „Ich will euer Gott sein, und ihr sollt mein Volk sein“ (2Mo 6,7; Jer 7,23) nur innerhalb des Lagers galt. Gott war nicht der Bundesgott derer, die außerhalb des Lagers waren; sie waren nicht sein Volk. Seine Bundesgegenwart erstreckte sich nicht außerhalb der Grenzen des Lagers, welches aus den zwölf Stämmen Israels bestand, die sich um die Stiftshütte versammelten. „Außerhalb des Lagers“ war demnach der Ort außerhalb von Gottes bundesmäßigem Wohlwollen. Es war der Ort, wo er nicht ihr Gott war und sie nicht sein Volk waren.

Wenn ich sage, dass Gott außerhalb das Lagers nicht evangeliumsmäßig gegenwärtig war, dann meine ich, dass Gott für das Wohl der Menschen nur innerhalb das Lagers am wirken war. Natürlich war Gott auch außerhalb des Lagers am schaffen, aber er war nicht am wirken für das Wohl der Menschen, die da waren, weil sie nicht sein Volk waren und er nicht ihr Gott. Römer 8,28 ist eine herrliche Verheißung, die jeder Christ wertschätzen sollte. Aber sie gilt nur für Christen oder, wie Paulus sagt, „denen, die Gott lieben“ und „die nach dem Vorsatz berufen sind“. Sie gilt nicht für diejenigen, die nicht zu Gottes Volk gehören. Und der gleiche grundlegende Gedanke trifft zu für diejenigen, die innerhalb und außerhalb des Lagers lebten. Gott war innerhalb des Lagers gegenwärtig für das Wohl seines Volkes, aber nicht auf diese Weise außerhalb des Lagers. Gott war außerhalb des Lagers nur in Gericht und Zorn gegenwärtig.

Nach der Bibel gibt es nur einen Ort, der letztendlich für immer außerhalb von Gottes bundesmäßiger und evangeliumsmäßiger Gegenwart ist, und das ist die Hölle. Dies ist der einzige Ort, über dessen Bewohner wirklich und dauerhaft gesagt werden kann, dass Gott nicht ihr Gott ist und sie nicht sein Volk. Dies ist der einzige Ort, an dem Gott nur in Gericht und Zorn gegenwärtig ist (erinnere dich daran, dass Gottes Allgegenwart bedeutet, dass er sogar in der Hölle gegenwärtig ist) und niemals zum Segen. Es überrascht deshalb nicht, dass Jesus wiederholt von der Hölle als dem Ort der „äußersten Finsternis“ redet, wo „Heulen und Zähneknirschen“ ist (z.B. Mt 8,12; 13,42.50; 22,13; 24,51; 25,30). Dies ist der Ort außerhalb von Gottes bundesmäßiger und evangeliumsmäßiger Gegenwart. Er ist außerhalb des Lagers.

Diese Interpretation scheint durch die Tatsache gestützt zu werden, dass die Juden die Leiber der Tiere (die durch Übertragung Sünde geworden waren) außerhalb des Lagers bringen und im Feuer verbrennen mussten, da das Neue Testament wiederholt von der Hölle mit dem Begriff „Feuer“ redet. Es ist der „Feuerofen“ (Mt 13,42.50), das „ewige Feuer“ (Mt 25,41), das „unauslöschliche Feuer“ (Mk 9,43) und der „Feuersee“ (Offb 20,14). Und diejenigen, die der Hölle entgehen, werden „wie durchs Feuer hindurch“ errettet (1Kor 3,15) oder „aus dem Feuer“ gerissen (Judas 23).

Wenn wir das verstehen, können wir nachvollziehen, wie das Opfersystem des Alten Testaments symbolhaft verlangte, dass die Leiber der Tiere (die durch Übertragung Sünde geworden waren) zur Hölle gebracht und völlig im Feuer verbrannt wurden. Und in diesem Licht ist Hebräer 13,12 so bedeutsam, weil es aussagt: „Darum hat auch Jesus, um das Volk durch sein eigenes Blut zu heiligen, außerhalb des Tores gelitten“. Der Punkt sollte klar sein: Es gibt eine direkte Verbindung zwischen Jesu Opfer am Kreuz – welches außerhalb der Stadttore Jerusalems stand – und der Praxis, im Alten Testament die Tieropfer außerhalb des Lagers zu verbrennen. Genauso wie den Tieropfern die Sünden des Volkes übertragen, sie getötet und außerhalb des Lagers in die Hölle gesandt wurden, um völlig im Feuer verbrannt zu werden, so wurden Christus die Sünden seines Volkes übertragen (2Kor 5,21), er wurde getötet und „außerhalb des Lagers“ in die Hölle gesandt, um völlig verzehrt zu werden.

Und der Gedanke ist, dass all dies am Kreuz geschah. Jesus ging zur Hölle – dem Ort außerhalb von Gottes bundesmäßiger und evangeliumsmäßiger Gegenwart – als unser Sündenträger und er wurde im Zorn und Urteil Gottes völlig verzehrt. Es war in diesem Moment, dass er den wohlbekannten Verzweiflungsschrei ausstieß: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Mt 27,46; Mk 15,34). In diesem Moment behandelte Gott ihn, als ob er Sünde wäre – die Sünde aller, die jemals an ihn glauben würden, in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Jesus wurde völlig im Feuer verzehrt als das sündetragende Opfer und uns wird gesagt, dass dies „außerhalb des Lagers“ geschah.

Nach Hebräer 13,11-12 stieg Jesus in die Hölle hinab. Er tat das am Kreuz, als er eine Ewigkeit der Hölle für alle Sünden seines ganzen Volkes ertrug; aller seiner Kinder, die jemals leben würden. Er wurde völlig verzehrt. Das bedeutet, dass keine Hölle mehr übrig bleibt für diejenigen, die in Christus sind. Er stieg in die Hölle hinab, damit wir es niemals tun müssen. Er stand an unserer Stelle und nahm das Urteil und den Zorn Gottes über unsere Sünden auf sich. Und er stand am dritten Tag wieder von den Toten auf, um zu bekräftigen, dass sein Opfer tatsächlich von dem Gott des Universums angenommen wurde. Gelobt sei Gott, von dem aller Segen fließt!


Dieser Artikel von Guy Richard erschien zuerst bei Ligonier Ministries. Übersetzung und Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung.