Hollywood ist so von Gott verfolgt, wie nie zuvor

Seit ihren Anfängen vor über einem Jahrhundert hat die Filmindustrie eine komplizierte Beziehung zu Gott. Die Bibel sorgte für die epischen Geschichten von vielen frühen Kassenschlagern aus Hollywood – wie Cecil B. DeMille’s Die Zehn Gebote (1923), Der König der Könige (1927) und Das Zeichen des Kreuzes (1932) – und hat seit jeher reichlich Futter für die große Leinwand gegeben (einschließlich der jüngsten Kritik am Genre epischer Bibelfilme in Hail, Caesar!). Aber Hollywood hat auch eine streitlustige Beziehung zum Christentum, wodurch es oft Zensur, Boykotte und Rufe von „Gotteslästerung!“ provozierte. Das hält bis heute an.

Aber so kontrovers wie Gott als Thema auch sein mag, und wie scheinbar gottlos die Unterhaltungsindustrie geworden sein mag, Religion spielt immer noch eine große Rolle in Hollywood. Es ist sogar so, dass während der Säkularismus zunimmt und Unglaube in der westlichen Kultur immer akzeptabler wird, das Kino unwillig (oder unfähig) zu sein scheint, von Gott loszulassen.

Wie Charles Taylor in Ein säkulares Zeitalter aufzeigt, ist der „immanente Rahmen“ der entzauberten Welt von heute nicht völlig geschlossen. Es gibt Risse. Gegendrücke. Einen Sog in Richtung des Transzendenten. Obwohl wir Religion oder das Übernatürliche in der Theorie abwerten, gibt es Erfahrungen in dieser Welt, die an uns nagen und unsere Immanenz verkomplizieren.

Begegnungen mit der Kunst sind oft daran schuld. Das Kino ist häufig der Begegnungsort.

Die Heilige Schrift auf der Leinwand

Eines der Kennzeichen, dass Hollywood von Gott verfolgt ist, ist die Allgegenwart biblischer Themen und Anspielungen auf der Leinwand. Manche von ihnen sind offensichtliche (wenngleich nicht unumstrittene) biblische Epen, wie Ridley Scotts Exodus: Götter und Könige (2014) oder die Neuverfilmung von Ben-Hur und der Film 40 Tage in der Wüste mit Ewan McGregor als Jesus. Andere Filme haben seltsamere, subversivere Anspielungen auf das biblische Ausgangsmaterial, wie der Film Planet der Affen: Survival oder Ridley Scotts Alien: Covenant.

Im Fernsehen gibt es preisgekrönte Dramen mit entschieden biblischen Andeutungen. Der Report der Magd, der kürzlich viele Emmy Awards einheimste, zeigt ein unterdrückendes christlich-theokratisches Regime, das sich Gilead nennt und von den „Söhnen Jakobs“ beherrscht wird. The Leftovers, das vor kurzen seine hochgelobten drei Staffeln beendet hat, ist eine Serie mit dem Thema der Entrückung, die gefüllt ist mit biblischen Anspielungen, von 1. Mose über Daniel bis zu Matthäus und (natürlich) der Offenbarung.

Und dann ist da noch der Fall Darren Aronofsky. Seine zwei jüngsten Filme – Noah (2014) und Mother! (2017) – sind entschieden provozierend und spaltend, aber unleugbar ernsthaft in ihrer Auseinandersetzung mit dem biblischen Ausgangsmaterial und den Beobachtungen über den Umgang mit der Umwelt. Mother! ist eine erweiterte biblische Allegorie, die den Zuschauer auf eine wilde, verstörende Fahrt von 1. Mose bis Offenbarung mitnimmt, wobei Javier Bardem als Gott auftritt und Jennifer Lawrence als die Schöpfung („Mutter“ Erde), die von Gottes Anhängern pausenlos missbraucht wird.

Was auch immer man über Aronofskys jüngste Bibelfilme sagen mag, der Fakt, dass er sie überhaupt dreht (und finanziert bekommt), ist interessant. Als kultureller Jude aufgezogen hat Aronofsky offensichtlich im Streit liegende Gefühle über Religion und ist gefesselt von den Geschichten der Heiligen Schrift, und er setzt darauf, dass es seinen Zuschauern genauso geht.

Das Wiederaufleben des Horrorgenres

Während die Verbreitung biblischer Themen und sogar Filme über aufrichtigen christlichen Glauben (z.B. Hacksaw Ridge – Die Entscheidung und Silence) die offensichtlichsten Beispiele dafür sind, dass Hollywood von Gott verfolgt ist, ist ein subtileres aber nicht weniger wichtiges Zeichen das bemerkenswerte Aufleben des Horrorgenres im 21. Jahrhundert.

Der jüngste Erfolg von Stephen Kings Es ist ein aktuelles Beispiel dafür, wie Horror zu den absatzfähigsten Genres in Hollywood geworden ist. Drei weitere neuere Horrorfilme (Split, Get Out und Annabelle 2) gehören zu den top 25 Filmen des Jahres 2017.

Das ist ein Teil des Wiederauflebens des Horrorgenres, bei dem Filme wie Ring (2002), Der Fluch (2004), Paranormal Activity (2007), Sinister (2012) und Conjuring – Die Heimsuchung (2013) Fortsetzungen hervorgebracht haben und zu lukrativen Geschäften für die Filmstudios geworden sind.

Interessant in Bezug auf diesen Trend ist, dass all diese Filme von dem Übernatürlichen ausgehen. Sie sind Geistergeschichten. Und die Zuschauer kommen in Scharen. Inmitten unserer angeblich entzauberten modernen Welt, und innerhalb des „immanenten Rahmens“, verlangen Zuschauer nach übernatürlichen Geschichten mehr als je zuvor. Ein Zeugnis dafür ist auch die massive Popularität von Netflix‘ Stranger Things und AMCs The Walking Dead; Sendungen, die sich – wie Lost und Akte X vor ihnen – mit dem Übernatürlichen auseinandersetzen und bei den Zuschauern ankommen, weil sie „Was wäre, wenn?“ Fragen stellen, die über Immanenz hinausreichen.

Übernatürliche Superhelden

Ein weiteres Kennzeichen vom gottverfolgten Hollywood ist die Verbreitung von „Gott“-Geschichten. Das heißt: Superheldenfilme. Hier sehen wir erneut ein Genre, das sich einer lukrativen Renaissance erfreut. Viele der erfolgreichsten Filme der letzten Jahre waren Superheldenfilme: Die Avengers und X-Men, Batman v. Superman, Wonder Woman usw.

Wiederum setzen diese Filme das Übernatürliche voraus. Ihre Helden haben magische Kräfte: Sie können fliegen, das Wetter manipulieren, Gedanken lesen, Autos hochheben und sich in grüne Hulks verwandeln, um nur ein paar davon zu nennen. Viele haben Entstehungsgeschichten in außerweltlichen Orten – Mythologien des „zur Erde gesandt Werdens“, die nur vage ihre christlichen Parallelen verbergen.

Es ist richtig, dass manche Superheldenfilme darauf bedacht sind, übernatürliche Erklärungen zu vermeiden. Die „Magie“ in Christopher Nolans Batman Trilogie ist zum Beispiel, wie in seinen anderen Filmen, auf auffällige Weise durch Technologie und menschliche Heldentaten erklärbar. Ob nun die Illusionen von Prestige – Die Meister der Magie, die Gedankenreisen von Inception oder das militärische „Wunder“ von Dunkirk, Nolans Filme beharren auf ihre Leugnung des Übernatürlichen.

Aber Nolan ist eine Ausnahme in der Filmlandschaft voller gottähnlicher Superhelden und paranormaler Geistergeschichten. Viele Zuschauer, so scheint es, brauchen es nicht, dass die Magie erklärt wird. Sie sehnen sich sogar nach dem Geheimnis und spüren dessen Abwesenheit in einer entzauberten Welt.

Unabhängige Geistergeschichten

Die Geister der Transzendenz sind im säkularen Kino überall, selbst im Programmkino und in ausländischen Filmen. Der Film A Ghost Story vom Regisseur David Lowery (Ain’t Them Bodies Saints) hat die Hauptdarsteller Rooney Mara als eine Witwe und Casey Affleck als ihren toten Ehemann. Affleck verbringt die meiste Zeit des Filmes eingehüllt in ein weißes Laken, wodurch eine bedrohliche Geisterpräsens im Film erzeugt wird, bei dem es weniger um Schrecken als um Narben geht: die schmerzhafte Vergänglichkeit von Liebe und Verbundenheit in einer zeitgebundenen Welt.

Ein weiterer Film aus dem Jahr 2017, der die Geisterwelt auf einer existentiellen Ebene erforscht, ist Personal Shopper vom französischen Regisseur Olivier Assayas (Summer Hours). Der Film dreht sich sowohl buchstäblich um Geister (Krisen Stewart ist eine Einkäuferin für einen Prominenten, die auch mit Geistern kommuniziert, vornehmlich ihrem toten Bruder) als auch metaphorisch. Mit einem besonderen Fokus auf Telefone und Technologie deckt der Film bekannte und beunruhigende Dinge darüber auf, wie wir in der modernen Welt leben: verbunden und doch getrennt, digital aber nicht körperlich anwesend, die Welt aus der Ferne erlebend, Geister gegenüber anderen und uns selbst.

In diesen zwei Filmen „spukt“ es ausdrücklich, aber in vielen anderen preisgekrönten Filmen der letzten Jahre spukt es auf subtile Weise: vom Tod (Manchester by the Sea, Jackie), von Verbindungen (Moonlight, Certain Women), von Technologie (Her, Ex Machina), von Rassismus (Detroit, 12 Years a Slave), vom Altern (While We’re Young, Boyhood) und so weiter.

Überall, wo man hinsieht, setzen sich Künstler und Zuschauer mit Geistern auseinander und strecken sich nach Transzendenz aus.

Wie sollten Christen darauf antworten?

Das Thema Gott ist in Hollywood nichts Neues. Filme haben schon immer mit dem Thema Gott und Transzendenz gerungen. Wie Josh Larsen von Think Christian in seinem neuen Buch schreibt, sind Filme ein bisschen wie Gebete: Sehnsucht, Klage, ein Ausdruck der Abwesenheit von Dingen, nach denen sich unser Herz sehnt.

Und die Abwesenheit in unserem säkularen Zeitalter ist größer als je zuvor.

Wie können Christen darauf antworten? Vielleicht können wir aufmerksamer werden, wie und wo diese säkularen Gebete Gestalt annehmen; geschickter, die „Gegendrücke“ in den Filmen, der Musik und der Popkultur um uns herum wahrzunehmen.

Alle Kunstwerke sind „Versuche gefallener Menschen, ein bisschen Wahrheit über eine gefallene Welt zu erzählen, die von Gott geschaffen wurde“, schreibt Alan Noble im neu veröffentlichten Buch der Gospel Coalition Our Securlar Age. „Wenn wir diese Werke interpretieren, dann nehmen wir an einem größeren, kollektiven Versuch teil, unsere Existenz zu verstehen und nachzuvollziehen, wie andere sie zu verstehen suchen.“

Christen sollten sich aus diesem Vorgang nicht ausklinken, indem sie denken, dass sie ihre Existenz verstanden haben, argumentiert Noble. Aber sie sollten kulturelle Interpretationen auch nicht auf eine pragmatische Weise und als „neue Evangelisationsmethode“ auffassen. Stattdessen sollte es um das Zeugnisgeben von Gottes Wahrheit in einer stark umkämpften Welt gehen und um Mitgefühl mit „einer horizontalen Sehnsucht nach Transzendenz, auch wenn wir einen robusten Glauben an einen transzendenten Gott haben.“

Christen können ein von Gott verfolgtes Hollywood nicht als Quelle von Reibung, sonders als Verbindungspunkt sehen. Wir leben alle im immanenten Rahmen, und die Geister sind für uns alle real, ob wir an sie glauben oder nicht.


Brett McCracken ist ein Herausgeber bei The Gospel Coalition und Autor von Uncomfortable: The Awkward und Essential Challenge of Christian Community, Gray Matters: Navigating the Space Between Legalism and Liberty und Hipster Christianity: When Church and Cool Collide. Brett und seine Frau Kira leben in Santa Ana, Kalifornien. Sie sind Mitglieder der Southlands Church, wo Brett als ein Ältester dient. Du kannst ihm auf Twitter folgen. Dieser Artikel erschien zuerst bei The Gospel Coalition. Übersetzung und Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung.