Gott ist unfassbar

Was können wir über Gott wissen? Das ist die grundlegendste Frage der Theologie, denn was wir über Gott wissen können, und ob wir überhaupt etwas über ihn wissen können, wird das Ausmaß und den Inhalt unseres Studiums bestimmen. Hier müssen wir die Lehre der größten Theologen der Kirchengeschichte bedenken, die alle die „Unfassbarkeit Gottes“ bekräftigt haben. Indem sie diesen Begriff gebrauchten, wollten sie nicht aussagen, dass wir gar nicht imstande sind, zu begreifen oder zu verstehen. Theologisch gesprochen bedeutet zu sagen, dass Gott unfassbar ist, nicht, dass Gott vollkommen unerkennbar wäre. Es bedeutet zu sagen, dass niemand von uns ihn vollkommen erfassen kann.

Unfassbarkeit ist verbunden mit einer Schlüsselüberzeugung der protestantischen Reformation – das Endliche kann nicht das Unendliche erfassen (oder verstehen). Menschen sind endliche Geschöpfe, deshalb arbeitet unser Verstand von einer endlichen Perspektive aus. Wir leben, weben und sind auf einer endlichen Ebene, aber Gott lebt, webt und ist in Ewigkeit. Unser endlicher Verstand kann nicht ein unendliches Subjekt erfassen; deshalb ist Gott unfassbar. Dieses Konzept bildet eine Schranke und ein Gegengewicht, um uns zu warnen, damit wir nicht denken, wir hätten ihn vollständig erfasst und jedes Detail der Dinge Gottes gemeistert. Unsere Endlichkeit beschränkt immer unser Verständnis von Gott.

Wenn wir die Lehre der Unfassbarkeit Gottes falsch verstehen, können wir leicht in zwei ernste Irrtümer rutschen. Der erste Irrtum sagt, dass, weil Gott unfassbar ist, er völlig unerkennbar sein müsse und alles, was wir über Gott aussagen, sei Kauderwelsch. Aber das Christentum bekräftigt die Rationalität Gottes neben der Unfassbarkeit Gottes. Unser Verstand kann Gott nur bis zu einer gewissen Grenze verstehen, und um Gott zu erkennen brauchen wir seine Offenbarung. Aber diese Offenbarung ist verständlich, nicht irrational. Sie ist kein Kauderwelsch. Sie ist kein Unsinn. Der unfassbare Gott hat sich wirklich offenbart.

Hier spielen auf das reformatorische Prinzip an, dass Gott sowohl verborgen als auch offenbart ist. Es gibt eine geheimnisvolle Dimension Gottes, die wir nicht kennen. Wir sind aber nicht in der Dunkelheit gelassen und tappen nicht umher nach einem verborgenen Gott. Gott hat sich auch offenbart und das ist grundlegend für den christlichen Glauben. Das Christentum ist eine offenbarte Religion. Gott hat sich als Schöpfer deutlich in dem herrlichen Theater der Natur offenbart. Das ist, was wir „natürliche Offenbarung“ nennen. Gott hat sich auch verbal offenbart. Er hat gesprochen und wir haben sein Wort niedergeschrieben in der Bibel. Hier reden wir von besonderer Offenbarung – Informationen, die Gott uns gibt, die wir niemals selbst herausgefunden hätten.

Gott bleibt unfassbar, denn er offenbart sich ohne gleichsam alles zu offenbaren, was es über ihn zu erkennen gibt. „Was verborgen ist, das steht bei dem HERRN, unserem Gott; was aber geoffenbart ist, das ist ewiglich für uns und unsere Kinder bestimmt, damit wir alle Worte dieses Gesetzes tun“ (5Mo 29,28). Wir haben weder überhaupt kein Wissen von Gott noch umfassendes Wissen; stattdessen arbeiten wir mit dem Wissen über Gott, welches nützlich und wesentlich für unser Leben ist.

Das wirft die Frage auf, wie wir sinnvoll über die Unfassbarkeit Gottes reden können. Theologen haben die unglückliche Neigung, zwischen zwei Polen hin und her zu schwingen. Der Pol des Skeptizismus, den wir oben angesprochen haben, geht davon aus, dass unser Reden über Gott vollkommen sinnlos sei und keinen Bezugspunkt bei ihm habe. Der andere Pol ist eine Form des Pantheismus, der fälschlicherweise davon ausgeht, dass wir Gott erfasst haben. Wir vermeiden diese zwei Irrtümer, wenn wir verstehen, dass unser Reden über Gott auf Analogie gegründet ist. Wir können sagen, wie Gott ist, aber sobald wir das, was wir gebrauchen, um Gott zu beschreiben, mit seinem Wesen gleichsetzen, haben wir den Irrtum begangen zu denken, dass das Endliche das Unendliche erfassen kann.

Historisch sehen wir das Hin- und Herschwingen zwischen diesen zwei genannten Irrtümern in dem protestantischen Liberalismus und der Neoorthodoxie. Die liberale Theologie des 19. Jahrhunderts setzte Gott mit dem Fluss der Geschichte und mit der Natur gleich. Sie propagierte einen Pantheismus, in dem alles Gott ist und Gott alles. Vor diesem Hintergrund lehnte die Neoorthodoxie ab, Gott mit der Schöpfung gleichzusetzen und versuchte, Gottes Transzendenz wiederherzustellen. In ihrem Eifer sprachen neoorthodoxe Theologen von Gott als dem „ganz Anderen“. Diese Vorstellung ist problematisch. Wenn Gott der ganz Andere ist, wie können wir irgendetwas von ihm erkennen? Wenn Gott völlig verschieden von uns ist, wie könnte er sich uns offenbaren? Welche Mittel könnte er gebrauchen? Könnte er sich durch einen Sonnenuntergang offenbaren? Könnte er sich durch Jesus von Nazareth offenbaren? Wenn er ganz anders als menschliche Wesen wäre, welche gemeinsame Grundlage der Kommunikation zwischen Gott und den Menschen könnte es je geben? Wenn Gott völlig verschieden von uns wäre, gäbe es keine Möglichkeit für ihn, zu uns zu sprechen.

Wenn wir verstehen, dass wir mit dem Herrn durch die Analogie umgehen, löst sich das Problem. Es gibt einen Kontaktpunkt zwischen den Menschen und Gott. Die Bibel sagt uns, dass wir im Ebenbild Gottes geschaffen sind (1Mo 1,26-28). In gewisser Hinsicht sind die Menschen wie Gott. Das macht es möglich, dass Kommunikation stattfindet. Gott hat diese Möglichkeit in die Schöpfung eingebaut. Wir sind nicht Gott, aber wir sind ihm ähnlich, weil wir sein Ebenbild tragen und ihm ähnlich geschaffen sind. Deshalb kann Gott sich uns offenbaren, nicht in seiner Sprache, sondern in unserer. Er kann zu uns reden. Er kann mit uns auf eine Weise kommunizieren, die wir verstehen können – nicht vollständig, aber wirklich und sinnvoll. Wenn man die Analogie verwirft, endet man im Skeptizismus.


Dieser Artikel von R.C. Sproul erschien zuerst bei Ligonier Ministries. Übersetzung und Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung.