„Gedanken des Friedens und nicht des Leides“

Jeremia 29,11 enthält eine kostbare Verheißung, die von vielen Christen in der ganzen Welt wertgeschätzt wird. Es ist aber auch einer der wahrscheinlich häufigsten falsch angewendeten Verse in der ganzen Bibel. In diesem Vers bekräftigt Jeremia, dass Gott die Kontrolle hat und ferner, dass er gute Dinge plant:

Denn ich weiß, was für Gedanken ich über euch habe, spricht der HERR, Gedanken des Friedens und nicht des Unheils, um euch eine Zukunft und eine Hoffnung zu geben.

Das sind natürlich tröstliche Worte. Aber was meint Jeremia damit? Manche haben diesen Vers genommen und ihn auf sich selbst und andere ohne jegliche Einschränkung angewandt. „Gott liebt dich und hat einen wunderbaren Plan für dein Leben“, sagen sie. „Er hat deinen Lebensweg fest geplant und du musst ihm nur gehorsam sein, um seinen Segen zu empfangen.“

Manche gehen weiter und sagen, dass dieser Vers irdischen Wohlstand verheiße. Gesundheit und Wohlstand seien das Los der Christen. Wir sollten uns nicht mit dem Zweitbesten zufrieden geben, denn wir sind Königskinder. Aus dieser Perspektive sind Leid und Mangel ein Zeichen von fehlendem Glauben.

Auf den Kontext kommt es an

Es wird gesagt, dass die drei wichtigsten Dinge beim Kauf einer Immobilie „die Lage, die Lage und die Lage“ sind. Gleichermaßen sind die drei wichtigsten Faktoren beim Verständnis einer Bibelstelle „der Kontext, der Kontext und der Kontext“. Wenn Texte isoliert werden, kann man aus ihnen alles Mögliche herausinterpretieren. Aber wenn sie im Zusammenhang gelesen werden, wird ihre beabsichtigte Bedeutung klar.

Der Kontext von Jeremia 29,11 zeigt, dass er nicht als Blankoverheißung für irdischen Segen gemeint ist. Der Prophet Jeremia diente vor und während des babylonischen Exils, als das südliche Reich Juda den Bundesfluch erlitt und aufgrund seiner fortgesetzten Untreue gegenüber dem Herrn aus dem verheißenen Land verstoßen wurde (5Mo 28,36; 2Chr 36,15–21). Jeremia hatte die Judaiter gewarnt, dass Strafe folgen werde und forderte sie auf, von ihrem Götzendienst und ihren bösen Werken umzukehren. Als sie das nicht taten, prophezeite er, dass Nebukadnezar, der König von Babylon, Juda und Jerusalem erobern und das Volk ins Exil führen würde (Jer 25,1–11).

Selbst inmitten dieser Prophezeiung der Strafe gab es einen Hoffnungsschimmer: Das Exil würde lang währen, aber es würde nicht dauerhaft sein. Gott würde sein Volk züchtigen, aber er würde es nicht vollends zerstören. Er würde sie sogar wieder zurück in ihr Land bringen – nach siebzig Jahren (Vers 11).

Ferner verhieß der Herr, sein Volk während des Exils zu segnen. Dieser verheißene Segen ist das Thema von Kapitel 29, das den Inhalt eines Briefs wiedergibt, den der Prophet zu dem Volk im Exil sandte (Vers 1). Gott ermutigt das Volk, Häuser zu bauen, zu heiraten und ihre Kinder zu verheiraten, Weinberge zu pflanzen und „den Frieden der Stadt zu suchen“ (Verse 5–7). Diese Segnungen sind eine Umkehr oder ein Aussetzen der Bundesflüche in 5. Mose 28,30–34.

Der Herr verhieß, dass er sie nach einer gewissen Zeit wieder zurückbringen würde (Jer 29,10). Das ist der Kontext für Jeremia 29,11. Der Herr war nicht fertig mit seinem Bundesvolk. Er rief sie auf zu Treue und Gehorsam inmitten ihres Leids. Es gab ein Element des Gehorsams zu den Verheißungen; die Judaiten sollten auf den Herrn warten, ihm vertrauen und ihm folgen, während sie weit entfernt waren vom Tempel, den Priestern und den Opfern. Wenn sie Geduld und Gehorsam gelernt hatten, würde er sie zurückbringen. Er vergewisserte sie, dass er nahe war und fähig, sie wiederherzustellen (Verse 12–14; siehe 24,4–7).

Wir können diesen Vers nicht einfach direkt auf uns anwenden. Er war ursprünglich nicht an uns geschrieben; er war an ein besonderes Volk an einem besonderen Ort zu einer besonderen Zeit geschrieben. Heißt das, dass dieser Vers überhaupt nichts für uns Christen zu sagen hat? Nein, das heißt es nicht. Die Anwendung ist in der Tat herrlich, aber indirekt.

Die Verheißungen Gottes haben in Christus ihr „Ja“ gefunden

„Paulus sagt von Jesus Christus, dass ‚alle Verheißungen Gottes ihr Ja in ihm finden‘ (2Kor 1,20).“

 

Paulus sagt von Jesus Christus, dass „alle Verheißungen Gottes ihr Ja in ihm finden“ (2Kor 1,20). Jesus ist das wahre Israel, der Erbe aller Verheißungen an das Volk des alten Bundes, der rechtschaffene Rest (Ps 2,7; Apg 2,16–21; 15,16–17; Gal 3,16). Letztendlich erging die Verheißung des Segens während und nach dem Exil, die in Jeremia 29,11 steht, an Christus, und wurde in seinem irdischen Leben und seiner Wiederherstellung zu seiner himmlischen Wohnstätte erfüllt – das heißt, in seinem Leben, seinem Tod, seiner Auferstehung und seiner Himmelfahrt.

Christen ererben diese Verheißung auch, weil sie mit Christus im Glauben einsgemacht sind. Er erlitt den Bundesfluch und erfüllte den Gesetzesgehorsam für uns, und alles, was ihm gehört, gehört auch uns durch die Gnade Gottes (Eph 1,11–14). Wenn wir also auch während unserer irdischen Pilgerreise leiden, werden wir durch das Werk des Heiligen Geistes gesegnet und irgendwann mit Christus auferweckt, worauf wir unsagbare Segnungen in der Gegenwart unseres Herrn genießen werden. Das ist letztlich das, worum es bei Gottes Verheißung von „Gedanken des Friedens und nicht des Unheils, um euch eine Zukunft und eine Hoffnung zu geben“ geht. Und das ist weitaus besser als jede Verheißung weltlichen Wohlstands.