Evangeliumszentrierte Gastfreundschaft

Rosaria Butterfield beschreibt in einer Videobotschaft, wie ihr Leben durch „radikale, gewöhnliche Gastfreundschaft“ verändert wurde. Eine offene Haustür, offene Ohren und offene Herzen haben ihrem Leben eine neue Ausrichtung gegeben. Butterfield lebte damals noch als lesbische Feministin im Bundesstaat New York, wo sie als Professorin für Anglistik und Frauenstudien an der Syracuse Universität lehrte. In einem Forschungsprojekt versuchte sie damals herauszuarbeiten, warum die religiöse Rechte in den USA eine so hasserfüllte Gruppierung war, die, obwohl sie wohl relativ anständige Leute waren, die Bibel so hasserfüllt in ihrem Umgang mit der LGBT-Gemeinschaft benutzten. Auf einen Leserbrief, in dem sie diese und viele weitere Fragen aufwarf, reagierten Ken und Floy Smith mit einer Einladung zu sich nach Hause. Was Butterfield bei ihrem ersten Besuch bei diesem Pastorenehepaar vor allem erstaunte, war, dass sie nicht gleich versuchten, ihr das Evangelium zu verklickern oder sie sofort in ihre Gemeinde einluden. Das war für Butterfield wunderbar, denn es zeigte ihr, dass diese Christen sie nicht als ein Projekt sahen—sondern als ihre Nachbarin.

Bei dieser und vielen weiteren Einladungen in das Heim der Smiths „und der Art und Weise, wie sie Gastfreundschaft praktizierten, [sah sie] ein lebendiges, atmendes Beispiel für die Theologie, die sie lehrten“, wie Butterfield in dem Interview erklärt. Eine offene Tür, offene Ohren und offene Herzen ihr gegenüber — und das trotz ihres so radikal gegensätzlichen Lebensstils und ihrer Weltanschauung — eröffneten für Butterfield einen Prozess des Dialogs und der Tischgemeinschaft, in dem sie immer mehr ihre eigenen Positionen hinterfragte, bis sie zu der Überzeugung kam, dass Jesus Christus wirklich derjenige sei, der er von sich selbst behauptete zu sein.

„Gastfreundschaft—ein lebendiges, atmendes Beispiel für die Theologie, zu der wir halten?!“ Das ist eine herausfordernde Aussage. Was hat die Art und Weise, wie wir Gastfreundschaft praktizieren, mit unserer Theologie zu tun? Es ist unsere Überzeugung vom Evangelium, die uns radikale gewöhnliche Gastfreundschaft zeigen lässt, wie sie das Ehepaar Smith Rosaria Butterfield gezeigt hat. Gastfreundschaft und radikale Nächstenliebe sind fest in einem evangeliumszentrierten Denken verankert! Das macht der 2. Johannesbrief für uns deutlich.

Der 2. Johannesbrief (so wie auch der 3. Johannesbrief) beschäftigt sich mit dem Thema Gastfreundschaft. Der Brief lobt eine radikale Nächstenliebe, die sich in der Bereitschaft zur Gastfreundschaft zeigt (vgl. 3Joh 5–8), bzw. fordert dazu auf, dass Gastfreundschaft Wanderpredigern und Lehrern verwehrt werden solle, die sich von der orthodoxen christlichen Lehre abgewandt haben (2Joh. 7–11). In der Einleitung zum Brief macht Johannes sehr deutlich: Die Liebe, zu der er seine Leser auffordert (und die sich in Gastfreundschaft zeigt), ist eine Liebe, die fest in Wahrheit verankert ist. Johannes erklärt: „Ich … und alle, die die Wahrheit erkannt haben …  liebe(n) in (der) Wahrheit“ (V. 1).

Aber was ist ganz konkret die Wahrheit, in der die Gläubigen jetzt Liebe üben sollen? Johannes macht deutlich: Die Gnade, Barmherzigkeit und der Friede, die wir von Gott, dem Vater, und Gott, dem Sohn, in unserer Errettung empfangen haben, sind die Basis und die Realität, die unsere Liebe anfeuern und bestimmen—auch und insbesondere in Form von Gastfreundschaft. Denn Johannes schreibt in V. 2 und 3 weiter:

„…[wir lieben]  um der Wahrheit willen, die in uns bleibt und mit uns sein wird in Ewigkeit.  Mit uns wird sein Gnade, Barmherzigkeit, Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, dem Sohn des Vaters, in Wahrheit und Liebe.“ (V. 2–3)

Genauso, wie die Wahrheit des Evangeliums in uns lebt und zu unserem Lebensprinzip wird, erklärt Johannes jetzt weiter, dass auch Gnade, Barmherzigkeit und Friede von Gott „mit uns sein werden“— also in uns bleiben — und sich in Liebe erweisen.

Da stellt sich die Frage: Was haben Gnade, Barmherzigkeit und Friede von Gott mit meiner Liebe für meinen Nächsten zu tun?

Gnade ist die Motivation, die unsere Liebe anfeuert. Überlegen wir einmal: In seiner Gnade hat Gott uns geliebt, obwohl wir diese nicht verdient haben und ihrer unwürdig sind. Deshalb lehrt uns die Gnade Gottes, dass auch wir unabhängig davon lieben, ob unser Nächster sich unsere Liebe „verdient“ hat. Insbesondere unsere Liebe für Geschwister im Herrn wird radikal von dieser Gnade motiviert, die wir vom Vater durch den Sohn empfangen haben. Denn wenn ich anfange über die Gnade zu staunen, die der Herr mir unverdient in seiner Liebe bewiesen hat, wie kann ich dann denjenigen nicht lieben, dem der Herr ebenfalls diese Gnade erwiesen hat? Sehen wir unsere „IN-Christus“-Geschwister mit den Augen Gottes? Sehen wir in ihnen diejenigen, die aus Gnade mit demselben kostbaren Blut Jesu Christi erkauft worden sind wie wir selbst? Oder sehen und behandeln wir unsere Mitchristen kein Stück anders als die Menschen in der Welt einander sehen und behandeln?

In dem Video-Interview schildert Rosaria Butterfield das Folgende: „In unserer LGBT-Gemeinschaft gab es jeden Abend der Woche offene Türen und ein Willkommen bei jemandem Zuhause, und es gab nie eine Frage, wohin ich gehen werde, wenn ich Hilfe brauche, denn die Gemeinschaft selbst ist organisch, flüssig und so haben wir Krisen bewältigt.“ Liebe an sich ist noch keine Kunst. Gastfreundschaft und Liebe für Gleichgesinnte und die, die einem wohlgesonnen sind, wäre zu erwarten (vgl. die Worte Jesu in der Bergpredigt: Mt 5, 43-48).

Ist es lediglich ein Gemeinschaftsgefühl, das uns zur Liebe für unsere geistlichen Geschwister motiviert, oder tatsächlich die Gnade, die wir gemeinsam in Jesus Christus empfangen haben? Wie Jesus am Ende seines Besuches im Haus Simons erzählt, der ihm nicht einmal die Füße gewaschen hat im Gegensatz zu der sündigen Frau, die Jesus sogar mit ihren Tränen die Füße wusch: „Wem viel vergeben wurde, der liebt viel!“ (vgl. Lk 7, 47) Wer viel Gnade empfangen hat, liebt viel!

Wenn Gnade die Motivation ist, die unsere Liebe anfeuert, dann ist Barmherzigkeit der Motor, der unsere Liebe anfeuert. Wir waren absolut Bedürftige und Hilflose, als Jesus sich für uns aufopfernd hingab. Als Empfänger solch einer unendlichen Barmherzigkeit lieben und geben auch wir uns nun unseren Mitmenschen—und insbesondere Geschwistern im Herrn—hin und nehmen uns ihrer Bedürfnisse und ihrer Hilflosigkeit an. Bedenken wir doch einmal die Liebe und Barmherzigkeit Jesu Christi: Hat er zu irgendeinem Zeitpunkt in seinem Leben gesagt: „Jetzt reicht es mir!“? Hat er je zu irgendjemandem von uns gesagt: „Vergiss es! Ich will nicht mehr! Ich steig aus!“? Hat Jesus je einen von uns aufgegeben? Nein! Die Klagelieder beschreiben die Barmherzigkeit Gottes wie folgt: „Ja, die Gnadenerweise des HERRN sind nicht zu Ende, ja, sein Erbarmen hört nicht auf, es ist jeden Morgen neu. Groß ist deine Treue.“ (Klgl 3,22–24)

Wie leicht lassen wir die Verfehlungen anderer oder ihre Bockigkeit, vielleicht sogar die Enttäuschungen unserer eigenen Erwartungen, uns daran hindern, anderen aufopfernd zu dienen und sie radikal zu lieben? Hier zeigt sich die Realität der Worte Jesu, die er in der Bergpredigt über Nächstenliebe gelehrt hat:

„Wenn ihr nur die liebt, die euch Liebe erweisen, was für einen Lohn habt ihr dafür zu erwarten? Tun das nicht sogar Leute wie die Zolleinnehmer?  Und wenn ihr nur zu euren Brüdern freundlich seid, was tut ihr damit Besonderes? Tun das nicht sogar die Heiden, die Gott nicht kennen? Ihr aber sollt vollkommen sein, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist.“ (Mt 5,46–48; NGÜ)

Und so ist es allein die Barmherzigkeit, die der Vater uns im Sohn gezeigt hat, die uns wie ein Motor befähigt, radikal zu lieben — mit einer Liebe, die die gewöhnliche Bereitschaft zu lieben weit überschreitet.

Drittens erwähnt Johannes dann auch noch den Frieden vom Vater und Sohn, der bei uns sein wird. Dieser Friede ist die Vision, die unsere radikale Liebe anfeuert. Jesus hat in seiner Liebe für die verlorene Welt das große Ziel verfolgt, Frieden zwischen Gott und der Welt und zwischen den Menschen in der Welt zu schaffen. Mit dieser Vision Jesu vor Augen fangen auch wir jetzt an, in unserer Liebe für die Mitmenschen und insbesondere die Gemeinde Jesu Christi dieses radikale Ziel der Harmonie mit Gott, anderen und uns selbst zu verfolgen.

Jesus Christus hat dich und mich aus unserer Verlorenheit, Zerstrittenheit, Isolation und dem Getrenntsein errettet, um uns zu seiner Ehre zu einem Teil seines großen Friedensprojekts zu machen. Durch Jesus Christus hat Gott das Unmögliche möglich gemacht — er hat Frieden geschaffen und schafft weiter Frieden! Und wir sehen uns nun in unserer radikalen Bereitschaft aufopfernd zu lieben als Teil dieser Mission!

Wenn Johannes also sagt: „Mit uns wird sein Gnade, Barmherzigkeit, Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, dem Sohn des Vaters, in Wahrheit und Liebe“ (V. 3), dann führt er uns vor Augen, dass die Wahrheit des Evangeliums zum Fundament einer radikalen Liebe wird. Denn die Gnade ist die Motivation, die Barmherzigkeit der Motor und der Frieden die Vision, die unsere Liebe anfeuern.

Und wie und wo zeigt sich diese Realität dessen, was wir in dem Sohn vom Vater empfangen haben, besser als in Gastfreundschaft — wo wir unser Zuhause, unser Leben, unsere Zeit, unsere Ressourcen miteinander teilen? Und das nicht nur unseren Geschwistern im Herrn gegenüber, sondern die Wahrheit des Evangeliums wirkt sich auch radikal auf unsere Bereitschaft zur Gastfreundschaft Menschen gegenüber aus, die anders denken, anders leben, anders glauben, anders lieben als wir — einfach anders sind als wir! Dabei begrenzt sich die Liebe, zu der Johannes uns auffordert, natürlich nicht nur auf Gastfreundschaft. Er fordert uns auf zu einem Leben in der Liebe, in der wir radikal Christen und Nichtchristen zugleich in aufopfernder, geduldiger und demütiger Liebe begegnen!

Butterfield schließt ihr Interview mit der Aussage: „Für mich ist Gastfreundschaft der Nullpunkt (engl. „ground zero“) des christlichen Glaubens.“ Das steht im Einklang mit den Worten Jesu, wenn er sagt: „Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt.“ (Joh 13,35)