Erwarte kein spektakuläres christliches Leben

Bild: The Gospel Coalition/Lightstock

Wie geht es deinen geistlichen Übungen?

Nimm dir einen Moment Zeit, zu antworten.

Bei den hunderten Malen, in denen ich diese Frage gestellt habe, bekomme ich in 99 Prozent der Zeit etwa die folgende Antwort: Ich sollte mehr machen.

Die Gründe sind unterschiedlich: Ich bin nicht diszipliniert genug. Ich weiß nicht wie. Ich habe nicht genug Zeit. Mir wird langweilig. Sie funktionieren nicht.

Wir scheinen zu denken, dass unsere Probleme mit den geistlichen Übungen etwas mit einem Mangel an Disziplin zu tun haben – und doch praktizieren wir jeden Tag geistliche Übungen. Selbst wenn du nur selten deine Bibel anfasst, disziplinierst du dich doch ständig in gewissen Aktivitäten, von denen du dir versprichst, dass sie die Tür zu geistlicher Vitalität und Freude öffnen.

Sportergebnisse, Netflix Binge Watching, Blogs, Sucht nach sozialen Medien und hunderte andere tägliche Gewohnheiten können zu Versuchen werden, das gute Leben zu finden, nach dem sich die Seele sehnt.

Eine Sehnsucht nach dem Außergewöhnlichen

Ich vermute, dass ein Grund, warum wir mit den öffentlichen und privaten geistlichen Übungen um das Wort Gottes und Gebet herum ringen, ist, weil wir von ihnen erwarten, dass sie außergewöhnlich sein sollten. Aber die Pflicht, die für Disziplin notwendig ist, scheint unserer Sehnsucht nach Vergnügen zu widersprechen, und die Gewöhnlichkeit der geistlichen Übungen scheint unserem Verlangen nach dem Außergewöhnlichen zu widersprechen. Vielleicht haben wir geschlossen, dass unsere Beziehung mit Jesus immer tiefgehend sein sollte und niemals durchschnittlich.

Meine Frau ist ein ausgezeichneter Koch. Sie folgt Rezepten wie ein Freistilrapper und erschafft fast immer leckere Gerichte. Aber manchmal misslingt ihr ein Essen. Was wäre, wenn ich sagen würde: „Weißt du, das war nicht so gut, wie ich wollte. Ich denke, ich gebe einen Monat das Essen auf.“

Wir wissen alle, dass diese Reaktion lächerlich wäre. Durchschnittliche Mahlzeiten verdrießen uns nicht das Essen. Durchschnittliche Mahlzeiten vergrößern unsere Wertschätzung für überdurchschnittliche Mahlzeiten.

Aber machen wir nicht das Gleiche mit den geistlichen Übungen? Sie sind Festmahle, die der Herr für uns vorbereitet. Wir trinken Beziehung in einer Kleingruppe oder kauen auf der Heiligen Schrift, die wir lesen. Die Mahlzeit ist nicht weltbewegend, aber solide. Aber wir gehen weg und denken, dass es nicht spektakulär genug war, und entscheiden uns dann törichterweise, nicht mehr zu essen.

Kein Wunder, dass so viele Christen geistlich hungern. Sie weigern sich zu essen.

Die einfachen Mittel der Gnade

Die alttestamentliche Geschichte von Naeman (2. Könige 5,1-14) verdeutlicht diesen Punkt gut. Als Heerführer der Armee des syrischen Königs war Naeman in einer hohen Stellung. Er war auch aussätzig.

Einer seiner hebräischen Sklaven prahlte mit den Heilungskräften des Propheten Elisa. Also machte Naeman die lange Reise zu Elisas Haus und stand draußen. Aber Elisa ging nicht hinaus, um ihn zu grüßen; er sandte einfach einen Knecht, um Naeman auszurichten, dass er sich siebenmal im Jordan waschen solle.

Naeman fühlte sich beleidigt, wurde wütend und antwortete:

Siehe, ich dachte, er wird sicher zu mir herauskommen und hinzutreten und den Namen des HERRN, seines Gottes, anrufen und mit seiner Hand über die Stelle fahren und so den Aussätzigen befreien! Sind nicht die Flüsse Abana und Parpar in Damaskus besser als alle Wasser in Israel? Kann ich mich nicht darin waschen und rein werden? Und er wandte sich ab und ging zornig davon. (2Kön 5,11-12)

Naemans Wut hatte zwei Gründe. Erstens erwartete er eine außergewöhnliche Begegnung. Zweitens schaute er herab auf die einfache Handlung des Waschens im Fluss.

Wir können wie Naeman sein, wenn es zu den geistlichen Übungen kommt. Wir denken, wir wären etwas Besonderes, obwohl wir Aussätzige in Not sind. Wir erwarten, dass Jesus sich zeigt, mit der Hand wedelt und etwas Außergewöhnliches tut. Wir wollen Heilung, aber nach unseren Bedingungen.

Aber Jesus sagt, dass er uns heilen will, wenn wir nur zu ihm kommen (Mt 11,28-30). Er sagt uns, dass wir uns im Fluss der heiligenden Gnade waschen sollen. Gleichwie Naeman neigen wir dazu, auf die Mittel der Gnade als zu gewöhnlich herabzuschauen – zumindest kann ich das denken, wenn ich nicht vorsichtig bin.

Die Geschichte von Naeman ging gut aus – er legte seinen Stolz ab, legte Glauben an und wusch sich siebenmal im Jordan. Und diese gewöhnliche Handlung führte zu einer außergewöhnlichen Heilung.

Tägliches Brot

Deine Bibel zu lesen, für deine Welt zu beten, deinen Glauben weiterzugeben und deiner Ortsgemeinde eine hohe Priorität einzuräumen, scheint alles gewöhnlich zu sein, aber vielleicht geht es genau darum. Diese geistlichen Aktivitäten erinnern uns daran, dass wir täglich Brot von Jesus brauchen und dass es Glauben braucht, um immer wieder zur Quelle der Gnade zurückzukehren.

Ist nicht Glaube die Art und Weise, wie wir berufen sind, das christliche Leben zu führen?

Ich bin mit Christus gekreuzigt; und nun lebe ich, aber nicht mehr ich selbst, sondern Christus lebt in mir. Was ich aber jetzt im Fleisch lebe, das lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt und sich selbst für mich hingegeben hat. (Gal 2,20)

Also das nächste Mal, wenn du versucht bist, gelangweilt zu sein von den Leuten in der Kirche oder von deiner Bibellese, frage dich: Was wäre, wenn sich das aus einem bestimmten Grund einfach und gewöhnlich anfühlt? Offenbart es, wie schnell ich billigen Kicks nachrenne statt dem Liebhaber meiner Seele? Löse ich mich von der besten Nachricht der Welt? Glaube ich, dass sie in mir Vertrauen auf Gott und sein Wort schafft? Glaube ich, dass sie einen Garten Eden in der Wildnis meines Herzens kultiviert (Jes 55,10-13)?

Es sind nicht die gelegentlichen, atemberaubenden Momente einer besonderen Verbindung zu Jesus, die zu nachhaltiger Freude im Glauben führen – obwohl wir Gott für sie dankbar sein sollten. Es sind die Jahrzehnte des Gehorsams in gewöhnlichen geistlichen Übungen, die uns zu dem außergewöhnlichen Leben führen, das Jesus uns verheißen hat (Joh 10,10; 15,11).

Wirst du ihm genug vertrauen, um deine Übungen an ihm auszurichten? Wirst du vertrauen, dass gewöhnliche, beständige Zeit mit ihm das Beste für deine Seele ist?


Rusty McKie dient als Gründer und Hauptpastor der Sojourn Community Church in Chatttanooga, Tennessee. Er ist regelmäßiger Beiträger bei Am I Called? Er ist mit Rachel verheiratet und hat einen Sohn Justus und eine Tochter Haven. Du kannst Rusty auf Twitter folgen. Dieser Artikel erschien zuerst bei The Gospel Coalition. Übersetzung und Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung.