Die Lehre der Schrift

Martin Luther bekannte: „Die Heilige Schrift ist unser Weingarten, in dem wir alle arbeiten sollten“. Und er arbeitete hart in diesem Weingarten. Luthers formelle Ausbildung brachte ihn zunächst zu den Gebieten der Künste und Wissenschaften. Er wurde in Fächern unterrichtet, die von Aristoteles begründet und beschrieben wurden. Sein scharfer Verstand bereitete ihn gut vor für sein Masterstudium in Jura. Gleichzeitig rang er tief in seiner Seele.

Das berüchtigte Gewitter, welches Luther auf dem Weg nach Erfurt überraschte, sandte ihn ins Kloster. Und doch konnten die Pflichten als Mönch seine inneren Kämpfe nicht lindern. Seine Aufseher, die sich um ihn sorgten, schrieben ihm weiteres Studium vor. Und so machte sich Luther auf einen Kurs des theologischen Suchens auf.

Theologie und die Bibel in den 1510ern zu studieren bedeutete wenig mehr, als das zu studieren, was die Gelehrten über Theologie und die Bibel zu sagen hatten. Quellen über Quellen – Schriften von früheren Theologen, Päpsten und anderen – waren Luthers Texte und es wurde wenig mehr von ihm verlangt, als die Quellen zu meistern, sodass er künftige Studenten an die Gelehrten verweisen konnte.

Als Luther vom Studenten zum Lehrer aufstieg, ging ein neuer Stern in der Bildung auf, ein Stern, der sowohl die Renaissance als auch die Reformation erleuchten sollte. Historiker bezeichnen diese neue Art des Lernens mit dem lateinischen Ausdruck ad fontes – „zu den Quellen“. Zieh Schale um Schale von Tradition und sekundären Quellen ab; geh direkt zum Original. Luther ging zur Ursprungsquelle zurück. Er las Paulus, er las die Psalmen, er las die Propheten. Im Weingarten der Schrift fand Luther die Lösung für seine Kämpfe und noch viel mehr.

Erasmus veröffentlichte sein Griechisch-Lateinisches Neues Testament in Basel im Jahr 1516. Luther nagelte seine 95 Thesen ein Jahr später an die Kirchentür zu Wittenberg. Die allererste These hinterfragte die lateinische Übersetzung des griechischen Wortes für „Buße“. Mit der Bibel in der Hand nahmen Luther und die Reformation Fahrt auf.

Es waren wenige, kurze Jahre nach dem Thesenanschlag, dass Luther sein Werk der Liebe für sein eigenes Volk herausbrachte: das Neue Testament auf Deutsch. Später wurden beide Testamente für die deutschen Leser verfügbar gemacht. Im Jahr 1525 brachte Tyndale ein Neues Testament aus dem Griechischen für die englischsprechende Welt heraus.

Die Reformation war auf die Bibel gegründet, deshalb sollte es uns nicht überraschen, wenn wir bei den Reformatoren eine robuste Lehre über die Schrift finden. Ein hilfreiches Konstrukt, um die Lehre der Schrift aufzugliedern, umfasst vier Schlüsselbegriffe: Autorität, Notwendigkeit, Klarheit und Genugsamkeit.

Der italienische Reformator Peter Martyr Vermigli bekräftigte die Autorität der Schrift deutlich, indem er auf den lateinischen Ausdruck Dominus dixit hinwies, der „So spricht der Herr“ bedeutet. Die Bibel ist Gottes Wort, folglich ist sie wahr; folglich ist sie autoritativ; folglich ist sie irrtumslos; folglich ist sie unfehlbar und aus diesem allen ergibt sich, dass sie unser sicherer Wegweiser ist.

Johannes Calvin verglich die Schrift mit einer Brille. Ohne die Schrift sehen wir die natürliche Welt, die menschliche Natur und den Schöpfer falsch. Die Schrift allein gibt uns ein klares Bild davon, wer Gott ist, wer wir sind und was Gottes Plan für die Welt wirklich ist. Ohne die Schrift tappen wir im Dunkeln. Die Schrift ist notwendig, um die Welt richtig zu sehen.

Eine der bedeutendsten Schriften von Huldreich Zwingli trägt den Titel „Die Klarheit der Schrift und die Gewissheit des Wortes Gottes“. Die Überzeugung, dass die Schrift klar ist, bedeutet nicht, dass alles in der Schrift gleich klar ist. Aber es bedeutet, dass die Hauptaussage und die Stoßrichtung der Schrift klar sind. Zwingli sagt uns auch, dass Gott uns den Heiligen Geist gegeben hat, „den Lehrer der Wahrheit“, und Gott hat seine Kirche mit Lehrern und begabten Personen ausgestattet, damit wir sein Wort mit Gewissheit erkennen können.

Kurz vor ihrem Märtyrertod schrieb Lady Jane Grey ein paar Worte in ihre Ausgabe des Neuen Testaments, welches sie ihrer Schwester hinterließ. Sie schrieb darüber, wie es äußerlich nicht in Gold eingefasst war wie edlere Bücher in ihrer Bibliothek, aber „innerlich mehr wert ist als Edelsteine“. Petrus spricht davon, dass Gott uns „alles geschenkt hat, was zum Leben und zum Wandel in der Gottesfurcht dient“, durch die „überaus großen und kostbaren Verheißungen“ in seinem Wort (2Petr 1,3-4). Gottes Wort ist genug, um uns zu sagen, was wir glauben müssen, um gerettet zu werden, und wie wir Gott gefallen können.

Die Leitplanke der Reformation Sola Scriptura – „die Schrift allein“ – hängt von diesen vier Schlüsselbegriffen ab, die die Schrift beschreiben. Weil sie autoritativ, notwendig, klar und genügsam ist, ist die Schrift unsere oberste Regel für alle Fragen des Glaubens und Lebens. Folglich muss die Schrift verkündigt, gelesen, studiert und weitergegeben werden. Die Reformation war auf die feste Grundlage des Wortes Gottes gebaut.

Während wir die Reformation feiern, die fünfhundert Jahre zurückliegt, mögen wir auch in die Zukunft schauen, auf die nächste Reformation. Können wir uns all das vorstellen, was das Wort Gottes in den Händen des Volkes Gottes in den kommenden Jahren vollbringen kann?


Dieser Artikel von Stephen Nichols erschien zuerst bei Ligonier Ministries. Übersetzung und Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung.