Die Gemeinde und Jüngerschaft

Als ich 14 Jahre alt war, hatte ich meinen ersten Sommerjob als Reiseführer. Ich führte Reisetouren durch eine bekannte historische Stätte in einer kleinen, antiken Stadt im oberen Mittleren Westen der Vereinigten Staaten.

Am ersten Tag in meinem Job reichte mir mein Boss ein großes Handbuch und sagte, dass ich alle historischen Fakten der Stätte lernen musste, um bereit zu sein Touren zu führen. Das Problem war, dass ich wenig Interesse daran hatte, Fakten auswendig zu lernen. Also überflog ich das Buch gerade gut genug, um ausreichend Informationen für meine ersten Touren zu bekommen.

Am Ende war ich ein schlechter Reiseführer. Die Leute stellten mir Fragen auf meinen Touren – viele Fragen, die Art von Fragen, die Geschichtsinteressierte lieben. Was aßen die Leute? Was für Kleidung trugen sie? Wie war ein typischer Tag? Und da ich die Antworten nicht wirklich kannte, fing ich an, mir Dinge auszudenken. Da die Menschen meine Antworten zu mögen schienen, machte ich mit meinen Halbwahrheiten weiter, um die Touren zu Ende zu bringen.

Eines Nachmittags sagte mir mein Boss, dass er bei meiner Tour am nächsten Morgen mitkommen würde. Ich bekam große Angst. Ich wusste, dass ich Halbwahrheiten weitergegeben hatte und das Handbuch nicht kannte. Ein Abend würde nicht genug Zeit sein, damit ich alles lernen konnte, was ich eigentlich schon wissen müsste. Ich steckte in Schwierigkeiten. Und da ich auf den Touren so lange gelogen hatte, war ich mir nicht mehr sicher, was wirklich stimmte und was gelogen war. Ich kannte noch nicht mal mehr die Fakten. Im Grunde hatte ich angefangen, mich selbst zu belügen.

Am nächsten Morgen kam mein Boss mit auf meine Tour. Am gleichen Tag wurde ich gefeuert.

Manchmal spiegeln unsere Anstrengungen bei der Jüngerschaft in unserer Ortsgemeinde diese Erfahrung wider. Jemand wird vielleicht im Kontext unserer Ortsgemeinde bekehrt. Vielleicht scheint er sogar eine bewegende Begegnung mit Gott gehabt zu haben. Wir reichen ihm unser Handbuch (eine Bibel) und gehen davon aus, dass das für seine langfristige Entwicklung ausreicht. Wir überprüfen nicht, wie es ihm geht. Wir wandeln nicht mit ihm. So lange, wie er unsere Gottesdienste besucht und seine religiösen Aufgaben erfüllt, denken wir, dass alles ok ist.

Aber wenn wir etwas genauer hinsehen, erkennen wir, dass er das Wort nicht erlernt hat, dass er das Wort nicht angewendet hat oder das Wort vielleicht gar nicht kennt. Und oft hat er angefangen, sich selbst über die grundlegenden Wahrheiten der Heiligen Schrift zu belügen. Er braucht Jüngerschaft. Aber was wir ihm gegeben haben war eine Möglichkeit zum Dienst, einfach etwas, damit unsere Gemeinde weiterläuft. Wir haben ihn einfach allein gelassen, bis irgendetwas nicht mehr funktionierte.

Der große Missionsbefehl ruft uns auf, Jünger zu machen (Mt 28,18-20). Alle Macht im Himmel und auf Erden ist Jesus gegeben worden, der seine Macht und eine Berufung an uns gibt. Jünger zu machen bedeutet, diese Berufung anzunehmen und Menschen auf ihrem Weg zu begleiten. Manche Gemeinden nennen das „gemeinsam leben“.

Aber wahre Jüngerschaft hat nicht nur mit entspanntem Zusammensein zu tun. Wahre Jüngerschaft geht darum, die Evangeliumswahrheiten im Kontext einer biblischen Gemeinschaft aufzunehmen, was zu einer Lebensveränderung führt. Sie geht darum, den Heiligungsprozess im Leben eines neuen Gläubigen sichtbar zu beobachten. Sie geht darum, sich mehr und mehr der eigenen Sündhaftigkeit und Gottes Heiligkeit bewusst zu werden. Sie geht darum, dass das Kreuz größer und größer über unserem Leben schwebt, während wir die Evangeliumswahrheiten aufnehmen.

Evangeliumszentrierte Gemeinden verstehen das. Das wahre Maß für den Erfolg einer Gemeinde ist nicht ihre Größe, sondern ob sie Jünger macht. Wir haben ein riesiges Problem in unseren Gemeinden. Wir haben viele „Bekehrungen“, aber wenige Jünger. Wir haben viele „Bekehrungen“, aber wenige, die die Herrschaft Christi annehmen.

Manchmal versuchen Gemeinden, unter dem Deckmantel von „Leiterschaftstraining“ eine gewisse Form von Heiligkeit in neuen Gläubigen anzuregen. Oft lehren sie Prinzipien aus der Wirtschaft mit ein paar Bibelstellen bestückt, die aus dem Kontext gerissen wurden. Aber Leiterschaftstraining ist nicht das gleiche wie Jüngerschaft. Viele Gemeinden reden endlos über Vision, Potential und menschliches Gedeihen, aber das ist keine wahre Jüngerschaft, wenn wir nicht die Evangeliumswahrheiten von Sünde, Bekenntnis und Buße lehren. Es ist nicht wahre Jüngerschaft, wenn wir Menschen nicht zum Kreuz führen.

Der Apostel Paulus ruft uns auf, „den neuen Menschen anzuziehen, der Gott entsprechend geschaffen ist in wahrhafter Gerechtigkeit und Heiligkeit“ (Eph 4,24). Jüngermacher verstehen, dass Menschen Hilfe dabei brauchen, den neuen Menschen anzuziehen.

Wahre Jüngermacher sind nicht nur daran interessiert, Leiter herauszubilden oder oberflächliche Reiseführer. Sie sind interessiert daran, zu sehen, wie das Kreuz einen größeren Platz im Leben eines neuen Gläubigen einnimmt. Sie haben eine Leidenschaft für Heiligung. Sie haben eine Leidenschaft dafür, Evangeliumswahrheiten zu lehren. Und das Ergebnis dieser Art von biblischer Jüngerschaft ist erstaunlich – Menschen und Gemeinden, deren Zeugnis wahrhaftig das Wesen von Gott widerspiegelt und Jesus viel Ehre bringt.


Dieser Artikel von Jay Bauman erschien zuerst bei Ligonier Ministries. Übersetzung und Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung.