Der Gott, den wir fürchten

Letzten August erlebten Nordamerika und andere Teile der Welt das erste Mal seit 1979 eine totale Sonnenfinsternis. Sie konnte in ihrer Totalität von einer begrenzten Zahl von Menschen in Abhängigkeit von ihrem Standort gesehen werden. Das Ereignis wurde im Fernsehen, Radio und anderen Medien angekündigt und wurde von Millionen von Menschen gespannt erwartet. Manche reisten tausende von Meilen, nur um eine „totale“ Sicht dieses seltenen Ereignisses zu bekommen.

Eine Sache, die immer wieder in Erwartung der Sonnenfinsternis betont wurde, war, dass dem menschlichen Auge Schaden entstehen könnte, wenn es dem Phänomen direkt und zu lange ausgesetzt ist. Aber wieso würde eine Sonnenfinsternis dem Auge schaden? Uns sind allen die schädlichen Auswirkungen bewusst, wenn wir auf die Sonne starren, während sie hell und voll ist. Was sollte also passieren, wenn wir auf sie starren, während ihre Auswirkungen verdunkelt, sogar total verdunkelt sind?

Wenn wir die Sonne in ihrer Fülle anschauen, dann blinzeln unsere Augen natürlicherweise und wir schauen fast sofort weg aufgrund der Helligkeit. Bei einer Sonnenfinsternis ist die Helligkeit temporär bedeckt. Das Problem ist jedoch, dass die ultravioletten Strahlen, die unsere Augen beschädigen können, durch die Sonnenfinsternis nicht abgeschwächt werden. Weil wir während einer Sonnenfinsternis nicht blinzeln müssen, können diese Strahlen uns erreichen und mehr Schaden anrichten, als wenn das volle Licht der Sonne uns dazu zwingt, zu blinzeln und wegzuschauen. Mit anderen Worten, eine Sonnenfinsternis bedeckt zwar den Glanz und die überwältigende Strahlkraft der Sonne, aber sie minimiert oder bedeckt nicht die Macht der Sonne, uns zu schaden. Finsternis hin oder her, es ist dieselbe Sonne und sie hat dieselbe Macht.

Es gibt einen faszinierenden Wortwechsel zwischen Gott und Mose in 2. Mose 33 und 34. Als der Herr Mose beauftragt, sein Volk in das Verheißene Land zu führen, steigt er in einer Wolke auf die Stiftshütte nieder und Mose spricht mit dem Herrn dort „von Angesicht zu Angesicht“ (2Mo 33,11). Er sagt Mose, dass dieser Gnade vor seinen Augen gefunden hat und dass er Mose mit Namen kennt (33,17). Das ist offensichtlich eine Bestätigung der engen Gemeinschaft, die Mose, aufgrund von Gottes Gnade zu ihm, mit Gott hatte. Die Sprache, die der Herr gebraucht, ist die Sprache einer persönlichen Beziehung. Es ist Gottes unerschütterliche Treue zu seinem erwählten Knecht Mose. Mose war so überwältigt von Gottes Bestätigung dieser Beziehung, dass er, fast impulsiv, zum Herrn zu sagen scheint: „So lass mich doch deine Herrlichkeit sehen“ (33,18).

Wieso stellt Mose dieses Begehren? Worum bittet er genau?

Mose hat hier keine falschen Motive. Er denkt in etwa Folgendes: „Herr, wenn es wahr ist, dass ich Gnade vor deinen Augen gefunden habe, und wenn du mich wahrlich beim Namen kennst, dann vertiefe unsere Gemeinschaft mit einem größeren Aufzeigen deines herrlichen Charakters. Ich möchte deine Herrlichkeit in ihrem vollen Ausdruck sehen“. Er möchte einen volleren Ausdruck von all dem, was er bis zu diesem Punkt gesehen hat.

Mose hatte schon die äußerliche Herrlichkeit Gottes gesehen. Er hatte sie in der niedersteigenden Wolke gesehen (2Mo 16,10); er hatte sie auf dem Berg Sinai gesehen (2Mo 24,16). Er hatte sie im Angesicht Gottes gesehen (2Mo 33,11). Aber all diese „Sichtungen“ von Gottes Herrlichkeit verbargen, wie eine Sonnenfinsternis, die Fülle der Herrlichkeit Gottes. Sie waren echte und majestätische Offenbarungen, wer Gott ist, aber sie waren nicht, weil sie es nicht sein konnten, Offenbarungen der Herrlichkeit Gottes in ihrer ganzen Fülle.

Der Herr wusste, dass Moses Begehren unmöglich zu erfüllen war. Er wies Mose dafür nicht zurecht, aber er machte ihm deutlich, was passieren würde, wenn er tun würde, worum Mose ihn bat. Er sagte zu Mose: „Wenn du meine Herrlichkeit sehen würdest, Mose, würdest du sofort sterben!“ Diese Erklärung vom Herrn an Mose gibt uns einen Hinweis, warum wir Gott zu fürchten haben. Wir müssen ihn fürchten, weil wir verstehen, dass seine Herrlichkeit zu sehen den sicheren Tod bedeutet.

Aber warum bedeutet die Herrlichkeit Gottes zu sehen den Tod für uns? Was hat die Fülle der Herrlichkeit Gottes an sich, das uns vernichten würde? Es ist einfach das: Die Herrlichkeit Gottes in ihrem vollen Ausdruck ist die Ganzheit von allem, was Gott ist. Und die Sicht von allem, was Gott ist, würde uns überwältigen bis zum Punkt des Sterbens.

Die Fülle der Herrlichkeit Gottes ist zum Beispiel seine Unendlichkeit. Gott kann auf keine Weise gemessen werden, weil er keine Grenzen hat. Wir können uns etwas nicht vorstellen oder erblicken, das unendlich ist. Gottes Unendlichkeit sollte uns Achtung, Bewunderung und Furcht einflößen, weil sie so gänzlich anders ist als alles, was wir als Geschöpfe sind. Das gleiche gilt für Gottes Ewigkeit. Ewiges Leben bedeutet für Christen, dass unser Leben, in Christus, nie enden wird. Aber Gottes Ewigkeit verhält sich nicht so. Gottes Ewigkeit bedeutet, dass er immer lebt, aber ohne, dass sein Leben dem Ablauf von Zeit unterstellt ist. Gott, und nur er allein, existiert einfach. Wie mit Unendlichkeit ist es, wenn wir uns Ewigkeit vorzustellen versuchen: Wir scheitern. Seine ewige Herrlichkeit führt uns dazu, ihn zu preisen, und sie führt uns dazu, ihn zu fürchten, weil sie unsere begrenzte, geschöpfliche Existenz vollkommen übersteigt.

Wenn die Schrift sagt, dass Gott in einem „unzugänglichen Licht“ wohnt (1Tim 6,16), dann heißt das, dass Gottes Eigenschaften der Unendlichkeit, Macht, Ewigkeit, usw. die Fähigkeiten des Geschöpfes, sie aufzunehmen, übersteigen. Wir können uns nicht dem Licht seines herrlichen Charakters nähern, weil es unendlich und ewig das übersteigt, was wir sind oder jemals sein werden. Wir fürchten ihn aus dem gleichen Grund, warum wir ihn preisen. Wir fürchten ihn dafür, wer er in seiner unendlichen, ewigen Macht und Majestät ist.

Die Fülle der Herrlichkeit Gottes gehört ihm allein; sie ist nur für seine Augen bestimmt. Sie kann nicht von einem sterblichen Menschen gesehen werden. So groß und majestätisch und transzendent ist seine Herrlichkeit, dass sie sofort unsere endliche und geschöpfliche Existenz auslöschte, wenn sie uns in ihrer Fülle offenbart werden würde.

Wie können wir aber Gott kennen, wenn die Fülle seines Charakters und seiner Herrlichkeit von uns nicht gesehen werden kann? Wir kennen Gott genauso, wie Mose Gott kannte. Wir kennen Gott, indem er uns seine Herrlichkeit offenbart, auf unserer Stufe, auf eine Weise, die uns nicht überwältigt und vernichtet. Wir kennen Gott, weil, wie Calvin uns erinnert, er sich auf unsere Stufe „herabgelassen hat“, um sich selbst bekannt zu machen. Er „ließ sich herab“ und erhörte das Begehren Moses, indem er Mose erlaubte, seine Rückseite zu sehen (2Mo 33,23). Er „ließ sich herab“ im Alten Testament, während er zu unseren Vätern durch die Propheten sprach, vielfältig und auf vielerlei Weise. Auf höchste Weise „ließ er sich herab“, als er zu uns durch seinen Sohn redete, der wie wir ist, während er gleichzeitig die Ausstrahlung seiner Herrlichkeit und der Ausdruck seines Wesens bleibt (Hebr 1,1­­–3).

Aber hierin liegt für viele das Problem. Die „Herablassung“ Gottes – was wir in der Theologie seine Bundesherablassung nennen – kann uns manchmal veranlassen zu denken, dass Gott genauso ist wie wir. Das war, leider, die Haltung vieler in Israel (Ps 50,21). Weil Gott zu uns kommt mit seiner herrlichen Gnade, indem er sich auf unsere Stufe herablässt, könnten wir denken, dass die herabgelassene Offenbarung Gottes alles ist, was es bei Gott gibt. Wir könnten denken, dass es uns nichts ausmachen würde, wenn wir seine volle Herrlichkeit und seinen vollen Charakter sähen. Wir könnten uns selbst betrügen und denken, dass das unzugängliche Licht in Wirklichkeit von allen gesehen und erfasst werden könne. Wir könnten uns verhalten, als ob Gott gar nicht zu fürchten wäre.

Aber, wie bei einer totalen Sonnenfinsternis, minimiert dieses „Bedecken“ der Fülle von Gottes unendlichem und ewigem Charakter in seiner göttlichen Herablassung in keiner Weise die Macht dieses Charakters. Obwohl Gott gnädiglich die Fülle seiner Herrlichkeit in seiner Offenbarung an uns bedeckt, ist er, und bleibt für immer, der Gott, dessen Charakter uns mit einem Blick vernichten könnte. Das ist Teil dessen, was es bedeutet, dass Gott Gott ist. Die „Sonnenfinsternis“ der Herrlichkeit Gottes in der herabgelassenen Offenbarung dieser Herrlichkeit sollte nie dazu führen, dass wir denken, dass wir imstande seien, Gott in seiner Fülle zu sehen. Wir sehen Gott nur, weil er sich auf unsere Stufe herabgelassen hat. Aber trotz dieser Herablassung wohnt er immer noch in unzugänglichem Licht. Das unzugängliche Licht der Herrlichkeit Gottes, obwohl es in seiner Offenbarung „verdunkelt“ wurde, ist allgegenwärtig in dieser Offenbarung und seine Macht ist niemals geschmälert. Es ist dieses Licht – die volle Ausstrahlung seiner Herrlichkeit – welches uns immer dazu führen sollte, ihn auf rechte Weise zu fürchten.

Christen müssen Gott nicht fürchten, weil sie ewige Strafe fürchten; Christus hat diese Furcht von uns abgenommen. Wir brauchen Gott nicht fürchten, weil wir Angst haben, dass er seine Verheißungen nicht erfüllen oder uns am Ende nicht aufnehmen würde. Christen fürchten Gott, zuallererst, weil wir erkennen, dass die Ausstrahlung seines unendlichen, ewigen und majestätischen Charakters, einfach aufgrund ihrer Majestät, uns vollständig auslöschen würde. Wir fürchten Gott, weil wir wissen, dass, wenn wir ihn in all seiner Herrlichkeit sehen würden, wir nicht länger leben würden. Und deshalb nähern wir uns Gott mit Achtung und Ehrfurcht, weil wir wissen, dass solch eine Annährung „furchtsam“ den anerkennt, der sich uns in seiner Herablassung offenbart hat, aber der auch unendlich, ewig und unveränderlich mit einer Helligkeit scheint, die kein Mensch aushalten könnte. Gott ist zu fürchten für das, was er in der Fülle seines majestätischen Wesens ist.


K. Scott Oliphint ist Professor für Apologetik und Systematische Theologie am Westminster Theological Seminary in Philadelphia und ein Pfarrer in der Orthodox Presbyterian Church. Er ist Autor des Buchs Things That Cannot Be Shaken. Dieser Artikel erschien zuerst bei Ligonier Ministries. Übersetzung und Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung.