Dem Zeitgeist widerstehen

Wir leben in einer Zeit, die glaubt, dass sie der Religion entwachsen ist. Die heutigen Säkularisten sind überzeugt, dass sie sich von dem Irrglauben an eingebildete Gottheiten befreit haben und dass der Marsch der menschlichen Freiheit nun unaufhaltsam ist. Das ist der heutige Zeitgeist. Und viele Christen sind ratlos, wie sie darauf reagieren sollen, denn die Bibel zeigt uns zwar, wie wir mit einer falschen Religion umgehen sollen, aber sie sagt nichts darüber aus, wie wir der Bedrohung von „keiner Religion“ begegnen sollen.

Aber die Weigerung der Bibel, „keine Religion“ als eine Bedrohung anzusehen, oder überhaupt als eine Möglichkeit, ist in Wirklichkeit der Schlüssel. Denn, wenn, wie Paulus in Römer 1,25 sagt, Sünde nicht unterscheidbar ist von Götzendienst, dann muss der Säkularismus genauso die Anbetung falscher Götter sein.

Laut der Rede von Paulus an die Heiden Athens in Apostelgeschichte 17 besteht die Torheit des Götzendienstes darin, dass darin Götter angebetet werden, die „ein Gebilde menschlicher Kunst und Erfindung“ sind (Vers 29). Und von dieser Warte besteht die große Ironie unserer Zeit, in der die menschliche Freiheit, unsere eigenen Gesetze, Moralität und Schicksal zu bestimmen als das oberste Gut verehrt wird, darin, zu glauben, dass man die Religion hinter sich gelassen habe. Denn die Vorstellung von „Freiheit“ als oberstes Gut ist in sich selbst ein Produkt der „menschlichen Kunst und Erfindung“. Kurz gesagt, „Freiheit“ ist in unserer säkularen Welt bloß zu einer weiteren Gottheit geworden, die erfunden wurde, wie alle anderen Götzen, um unsere Ablehnung des lebendigen Gottes zu rechtfertigen. Der Säkularismus ist so neu wie die Vorbehalte gegenüber der Religion. Er ist einfach die Wiederholung des gleichen, alten menschlichen Impulses, sich einen neuen Gott auszudenken.

Das Problem ist, dass die zahmen Götter, die wir uns ausdenken, niemals lange zahm bleiben. Wir hofften, dass sie uns dienen würden, aber am Ende dienen wir ihnen. Und so ist es auch mit der Vergötterung von „Freiheit“. Mit der Zeit verlangt sie mehr und mehr Opfer von denen, die sie anbeten. Sie hat das Ende von moralischen Normen für das sexuelle Verhalten verlangt, das Recht, unsere Kinder zu töten und die Zerstörung der Ehe. Sie verlangt das zum Schweigen bringen von denen, die sich ihren Anfordernissen nicht fügen wollen. Gerade jetzt verlangt sie die Freiheit, zu definieren, wer wir sind, im Angesicht der wissenschaftlichen Wirklichkeit von Männlichkeit und Weiblichkeit, wodurch wir gezwungen sind, die bloße Möglichkeit von objektiver Wahrheit aufzugeben. Und natürlich wird es damit nicht aufhören.

Aber ermöglicht uns „Freiheit“ nicht, als Christen zu glauben, was wir wollen, ohne Verfolgung? Nicht, wenn sie als oberstes Gut behandelt wird. Denn dann erlaubt sie Christen nur, unseren Gott anzubeten, solange wir zugeben, dass „Freiheit“ das wirklich fundamentale Ding ist, dass die Anbetung der Heiligen Dreieinigkeit optional ist, während es das Befolgen der Lehren von „Freiheit“ nicht ist. Mit anderen Worten, sie wird das Christentum nur so lange beschützen, wie wir Gott den zweiten Platz im göttlichen Pantheon zuweisen. „Freiheit“ erhebt Anspruch auf den obersten Platz.

Aus diesem Grund ist es nur eine Frage der Zeit, bis diese säkulare Religion das Recht, den christlichen Gott anzubeten, nicht mehr garantiert, und am Ende sogar verbietet. Denn „Freiheit“ verlangt, was Gott verbietet, und umgekehrt. Loyalität gegenüber Jesus Christus bedeutet, sich dieser Gottheit zu widersetzen, wenn sie verlangt, dass wir uns selbst und unsere Kinder ihrer Moralität und ihren Mantras hingeben. Götzen können am Ende nur Untergeordnete tolerieren, aber keine Rivalen. Der Götze „Freiheit“ wird keine Ausnahme sein, so wie der Kaiser keine Ausnahme war in den Tagen des Neuen Testaments.

Dies ist also der heutige Zeitgeist. Wie sollen wir darauf reagieren? Auf die gleiche Weise, natürlich, wie Christen zu jeder Zeit berufen sind, auf die vorherrschenden Götzen ihrer Tage zu reagieren. Schauen wir uns nochmal Paulus in Apostelgeschichte 17 an.

Zunächst müssen wir eine richtige Lehre von Gott haben (Verse 24-25,29). Der Gott der Bibel ist der einzige, der wahre, der ultimative Gott. Es gibt keine fundamentalen Prinzipien menschlicher Zivilisation, die tiefer reichen als er. Wir müssen die säkulare Version von „Freiheit“ nicht als unseren Freund oder Beschützer unserer privaten Religion ansehen, sondern als einen falschen, erfundenen Abgott, dem sich widersetzt und dessen Anbetung abgelehnt werden muss. Identitätspolitik und die ganzen Grauen unseres säkularen Zeitalters können auf keine andere Weise überwunden werden.

Zweitens müssen wir die Geschichte richtig auffassen. Der „Fortschritt“ der „Freiheit“, der heute postuliert wird, ist eine Illusion und eine Lüge. Stattdessen führt uns die Geschichte unaufhaltsam von der Auferstehung Christi zu seiner Wiederkunft als Richter der Welt (Vers 31). Die Geschichte von heute ist die Geschichte des auferstandenen Christus, der sein Volk dazu aufruft, sich von den Götzen abzuwenden und dem lebendigen und wahren Gott zu dienen (1Thess 1,9-10). Wir leben in Erwartung dieses Tages. Wir dürfen deshalb unsere Angst vor Verfolgung aufgeben. Sie sollte erwartet werden für diejenigen, die sich weigern, den falschen Göttern ihrer Zeit zu dienen. Aber sie wird nur zeitweise sein und am Ende wartet eine Krone der Herrlichkeit.

Drittens müssen wir das Evangelium richtig verstehen. Zu lange schon haben konservative Christen das Evangelium präsentiert als wäre es eine Option, ein Weg, wie die, die es hören, ihren (unhinterfragten) Dienst des Abgottes „Freiheit“ ausüben können. Aber die Bibel redet nie auf diese Weise. Stattdessen „gebietet Gott allen Menschen überall, Buße zu tun“ (Apg 17,30). Wir bitten die Welt nicht um Erlaubnis, den christlichen Gott anzubeten; wir verkündigen der Welt den Befehl, den christlichen Gott anzubeten. Und verbunden mit diesem Befehl ist die Verheißung auf Barmherzigkeit für alle, die Gott durch Christus anbeten wollen.

Wir widerstehen dem Zeitgeist, indem wir uns weigern, die Götzes unserer Zeit anzubeten. Und wir tun das, indem wir den einzig wahren Gott dieser und jeder Zeit vertrauen, gehorchen und anbeten, den Gott, der uns dazu berufen hat, ihn für immer zu erkennen durch seinen Sohn und in seinem Geist.


Dr. Matthew P.W. Roberts ist Pfarrer der Trinity Church York in York, England, und früherer Vorsitzender des britischen Presbyteriums der International Presbyterian Church. Dieser Artikel erschien zuerst bei Ligonier Ministries. Übersetzung und Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung.