Das Zentrum erneuern: Ja – aber welches?

Rezension zu Renewing the Center von Stanley J. Grenz

In den letzten Tagen habe ich das Buch Renewing the Center von Stanley J. Grenz gelesen (Baker, 2000). Grenz hat darin vieles versucht, jedoch wenig zustande bekommen. Dafür hat er umso mehr zentrale Dinge unter den Teppich gekehrt. Schade! Aber eins nach dem anderen.

Luther und die Schrift

Grenz beginnt mit einem historischen Überblick, in welchem er versucht, die Wurzeln des Evangelikalismus zurückzuverfolgen. Bereits hier treten große Probleme auf, denn Grenz pickt sich Rosinen der Kirchen-, Theologie- und Philosophiegeschichte heraus, die er zu einem neuen Ganzen zusammenzufügen versucht. Das beginnt damit, dass er Luther unterstellt, er habe nicht an der Irrtumslosigkeit der Bibel festgehalten. Er meint, der Reformator habe mit seinem „Sola Scriptura“ (dt. allein die Schrift) nur gegen die Papisten gekämpft: „The Reformer's intent was not to devise a theology of the Bible. Rather, his purpose was to undercut the Roman Catholic position which endowed the Pope and Church with ultimate authority, and thereby effectively set the Church above the Bible. Luther, in contrast, claimed that Scripture must take priority over the Church“ (S. 56). Da muss man sich fragen, weshalb Grenz eine unnötige Trennung macht zwischen diesen beiden Vorsätzen. Vielmehr muss man doch einsehen, dass es gar nicht möglich ist, einen solchen Standpunkt zur Bibel und der Kirche einzunehmen, solange man keine Theologie der Schrift hat. Luther hat sich mit dieser Vorgehensweise ganz klar für die Autorität (und damit auch für die Irrtumslosigkeit) der Bibel eingesetzt. Spätestens als Luther sich gegen die Schwärmer zur Wehr setzte, die meinten, die Bibel sei unwichtig, weil sie bessere Prophetien von Gott bekämen, war der Fall klar. Enttäuschend fand ich zudem, dass auch Grenz es nicht lassen konnte, die „stroherne Epistel“ des Jakobusbriefs anzuführen (S. 58). Es ist klar, dass Martin Luther diese Sicht nur in seiner frühen Zeit hatte; er hat den Brief des Jakobus in seinem späteren Wirken genauso behandelt wie jedes andere kanonische Buch der Bibel. (Zur Lehre von der Bibel in der Reformation siehe das erste Kapitel meiner „Geschichte der Biblischen Theologie“.)

Es muss was Neues sein

Des Weiteren ist es schade, dass Grenz bei vielen Bewegungen und Erweckungen den Eindruck erweckt, als sei das „Neue“, was dabei entdeckt wurde, tatsächlich etwas ganz Neues, etwas, was in der Bibel nicht vorkommen würde. Das sagt er nicht explizit. Aber er beschreibt alle Bewegungen so, als hätten sie dem Evangelikalismus etwas Außerbiblisches hinzugefügt. Etwa die persönliche Verantwortung und der persönliche Glaube im Zeitalter der Großen Erweckung und im Methodismus oder die persönliche Frömmigkeit des Pietismus. Er unterstellt zudem den Puritanern, sie seien nicht so sehr an der Lehre interessiert gewesen, sondern vor allem an der persönlichen Bekehrung. All diese Betonungen finden sich schon in der Bibel. Grenz sieht sie sich an, erklärt sie und meint dann, dass wir auch darüber hinweggehen können zu einem Glauben, der über oder hinter („post“) diesen Dingen steht.

Die Sache mit dem Fundamentalismus

Ebenfalls versucht Grenz, das Schriftverständnis der „Princetonianer“ auf die Zeit des amerikanischen „Fundamentalismus“ (im ursprünglichen Sinne des Wortes) zu begrenzen. Er baut eine Dichotomie auf, die es in Wirklichkeit nie gegeben hat. Bereits die Reformatoren, aber auch die Puritaner, Methodisten und Pietisten hatten ein bibeltreues Schriftverständnis, das von der Autorität, Unfehlbarkeit und Irrtumslosigkeit der Bibel ausging. Grenz schreibt diesen jeweils andere „Neuerungen“ zu und unterschlägt deren Lehre von der Heiligen Schrift, um damit argumentieren zu können, dass ein solches Bibelverständnis erst vor sehr kurzer Zeit aufgekommen sei. Ebenso falsch ist der Versuch, Benjamin Breckinridge Warfield und John Gresham Machen zu den Fundamentalisten zu zählen (S. 78). Die beiden hatten zwar eine gewisse Nähe zu jenen, doch sie unterschieden sich in grundlegenden Punkten der Theologie ganz deutlich von den Autoren der „Fundamentals“.

Der Neo-Evangelikalismus

Eine zweite Frage eröffnet sich im mittleren Teil des Buches. Nachdem er die historischen Grundlagen behandelt hat, wendet er sich den Theologen zu, die er für wichtige Kontributoren des westlichen Neo-Evangelikalismus nach dem 2. Weltkrieg hält. Er beschränkt sich auf zwei Gelehrte der ersten Generation, Carl F. H. Henry und Bernard L. Ramm. In der zweiten Generation auf Millard J. Erickson und Clark H. Pinnock. In der dritten Generation sieht er eine Zweiteilung des Evangelikalismus, wobei auf der einen Seite Wayne A. Grudem und David F. Wells in der Nachfolge von Francis A. Schaeffer eine Rückkehr zum „Biblical Inerrantism“ wagen, während andere, wie Dave Tomlinson und John Sanders, versuchen, eine post-evangelikale Post-Theologie zu etablieren.

Zunächst bleibt die Frage, weshalb Grenz genau diese Personen auswählt. Die Wahl hat polemische Gründe, denn es gäbe genug andere Theologen und Gelehrte. Warum nicht gleich Francis A. Schaeffer in der zweiten Generation ansiedeln? Das Problem ist: Es würde zeigen, dass der Neo-Evangelikalismus schon immer vielgestaltig war. Grenz geht es vorrangig darum, zu zeigen, dass die ersten zwei Generationen trotz einer gewissen Unterschiedlichkeit doch eine recht ähnliche Richtung eingeschlagen hatten. Henry und Ramm veränderten ihre Theologie im Laufe der Zeit – sie kamen zu Ergebnissen, die sie am Anfang nie erwartet hätten und waren zumindest am Ende klare Gegner der Fundamentalisten. Das hat eine gewisse rhetorische Macht, wenn man die großen Denker des Neo-Evangelikalismus dafür nutzen kann, seine Gegner zu demontieren. Grenz hat jedoch einen Strohmann gebastelt, den er in seinem Buch genüsslich zerlegt, ohne zu ahnen, dass er seine Gegner überhaupt nicht getroffen hat.

In der zweiten Generation finden wir zwei Theologen, von denen einer auf seiner „Reise“ noch deutlich weiter gegangen ist. Clark H. Pinnock gehört zu den Vertretern des „Open Theism“. Diese Lehre besagt, dass Gott die Zukunft nicht kenne, sondern sie offenlasse. Er könne sie erst dann wissen, wenn sie eingetreten sei. Ebenso vertrat Pinnock einen Annihilationismus, die Lehre, dass die Hölle nicht eine ewige Qual sei, sondern die Menschen, welche nicht gerettet werden, beim Letzten Gericht einfach ausgelöscht würden. Millard J. Erickson hingegen sah, dass es eine neue Theologie braucht und versuchte entsprechend, eine Mittelposition einzunehmen, die sowohl gegen die konservativen Theologen wetterte, als auch vor den allzu postmodernen Versuchen warnte.

Im nächsten Kapitel ist die Sache für Grenz ganz klar: Ein Flügel des Evangelikalismus liegt falsch und versucht, alles zu zerstören. Wayne Grudem und seine konservativen Mitstreiter machen sich alles viel zu einfach, indem sie versuchen, einfach am überlieferten christlichen Glauben festzuhalten. Es würde bei ihnen die „Tiefe“ fehlen, die ihre Vorgänger noch hatten (S. 157). Dann wird zwischendurch noch John Sanders angesprochen, der Nachfolger von Pinnock als Lehrer des Open Theism. Natürlich darf ein Verriss von David F. Wells’ „No Place for Truth“ nicht fehlen. Wells hatte aufgezeigt, dass die Fundamente des Glaubens immer mehr verschwinden und die bibeltreue Theologie im Evangelikalismus zurückgeht. Stattdessen gibt es nach Grenz eine Post-Theologie, die etwa von Dave Tomlinson propagiert wird. Um diese post-evangelikale Post-Theologie geht es im Rest des Buches. Grenz schreibt: „[...] the postmodern turn spells the end of theology. No longer can any one group, tradition, or subnarrative claim without reservation and qualification, that their particular doctrinal perspective determines the whole of evangelicalism. Rather, the ongoing evangelical theological task includes (among other endeavors) a never-ending conversation about the meaning, in the contemporary context, of the symbols that as evangelicals they are committed to maintaining and that form the carriers of meaning for all“ (S. 181). Was Grenz in diesen Kapiteln macht, ist eine ganze Reihe von Theologen in die Geschichte des Evangelikalismus hineinzuschmuggeln, die noch vor wenigen Jahrzehnten niemand als evangelikal betrachtet hätte. Besonders hinter John Sanders und Clark Pinnock sollte ein großes Fragezeichen gesetzt werden. Sie haben zwar einen großen Tumult angerichtet, aber es ist höchst fragwürdig, ob diese beiden überhaupt jemals einen so großen Teil der Evangelikalen vertreten haben, wie Grenz es erscheinen lässt.

In den darauf folgenden Kapiteln geht es um die Frage: Wie kann eine solche „Post-Theologie“ aufgebaut werden? Grenz gibt dazu verschiedene Bausteine. Das Kapitel sieben war für mich der spannendste und wertvollste Teil des Buches. Es geht darin um das Verhältnis von Wissenschaft und Theologie. Mit Wolfhart Pannenberg stellt er einen Theologen vor, der versucht hat, die Theologie wieder zur Königin der Wissenschaften zu machen. Zugleich macht Grenz klar, dass die Wissenschaften eigentlich immer Theologien sind. Der Ansatz ist gut und richtig, die Argumente dafür eher schwach, denn Grenz argumentiert nicht von einer Schöpfungstheologie her, sondern vom sozialen Konstruktivismus. Weil alles Wissen und alle Realität ein soziales Konstrukt sei, weil Realität durch Sprache geschaffen würde, seien alle Wissenschaftler im Grunde genommen Theologen, so etwa das Argument von Grenz.

Im achten Kapitel geht es um die Religionen. Anders gesagt: Wie soll der Evangelikalismus auf andere Religionen reagieren? In diesem Kontext muss er natürlich die verschiedenen Sichtweisen zur Erlösung besprechen. Grenz stellt die drei wichtigsten vor: Exklusivismus, Inklusivismus und Pluralismus. Im Exklusivismus kann nur gerettet werden, wer zum rettenden Glauben an Jesus Christus kommt. Im Inklusivismus gibt es einen „Glauben vor dem Glauben“. Wer nie was von Jesus gehört hat, kann trotzdem so einen Glauben haben, durch den er dann letzten Endes irgendwie gerettet wird. Im Pluralismus ist es nicht mehr Jesus Christus der rettet, sondern einfach der Glaube an einen Gott, wobei es hier einige unterschiedliche Ausmaße dessen gibt, was man glauben oder nicht glauben muss, um gerettet zu werden. Am Ende will sich Grenz nicht festlegen und behauptet, dass es am Ende sowieso viele überraschen würde, wer alles zu den Erretteten gehört (S. 286). Leider ein sehr schwaches Kapitel.

GRENZenloser Ökumenismus

Das nächste Kapitel behandelt die Ekklesiologie, also die Lehre von der Kirche. Hier propagiert Grenz einen GRENZenlosen Ökumenismus, der den Evangelikalismus dazu aufruft, diesen zu fördern. Hier findet sich die übliche Rede von der sichtbaren Einheit der sichtbaren weltweiten Kirche, also das übliche vereinfachende Friede-, Freude-, Eierkuchen-Gedöns. Im letzten Kapitel wird es dagegen noch einmal interessant. Hier soll es so richtig zur Sache gehen, dachte ich mir zumindest als ich die Überschrift las. Interessant war es auf jeden Fall, aber leider sehr enttäuschend. Zunächst ruft Grenz zu einer „Generous Orthodoxy“ (S. 325), also zu einer „weitherzigen Rechtgläubigkeit“, auf. So weit, so gut. Er will sich aber nicht festlegen, wie großzügig eine solche Orthodoxie sein soll. Und genau hier liegt das Problem von Grenz und einer großen Anzahl seiner Schüler: Sie wollen sich nicht festlegen. Es soll keine definierte Grenze des Glaubens mehr geben. Könnte dann etwa das Apostolische Glaubensbekenntnis noch effektiv als Einfassung des Glaubens dienen? Wäre das so, müsste jeder, der die Auferstehung Jesu vergeistlicht, oder jeder, der die Jungfrauengeburt ablehnt, aus der Ökumene ausgeschlossen sein. Doch wo werden diese Grenzen tatsächlich praktiziert?

Ähnliche Schwierigkeiten sind erkennbar, wenn es um das Evangelium, das Zentrum, geht. Grenz „definiert“ das Evangelium als „good news of God's saving action in Jesus Christ and the divine gift of the Holy Spirit, a saving action that brings forgiveness, transforms life, and creates a new community“ (S. 337). Das ist eine leere Phrase. Solange Grenz nicht vom stellvertretenden Sühneopfer spricht, vom Kreuz, von der Sündhaftigkeit des Menschen, predigt er ein anderes Evangelium. J. G. Machen hatte im Vorwort seines Buches „Christentum und Liberalismus“ durchaus recht, als er den Liberalismus, der überall in die Gemeinden eingedrungen ist und einen großen Teil des Evangelikalismus vergiftet hat, eine zum Christentum konkurrierende Religion ist. Wenn das Evangelium so gezähmt wird, wie Grenz dies versucht, hat es dieser Welt nichts mehr zu bieten. Nur ein Evangelium und Christentum, das anders ist als die Welt und die Menschheit, kann uns Menschen in unseren eigentlichen Nöten erreichen. Meinen wir wirklich, dass etwas anderes als genau das eine Evangelium vom alt-rauen Kreuz, vom stellvertretenden Opfertod Jesu Christi, das den Juden ein Anstoß und den Griechen Torheit ist, zu einer neuen Reformation führen könne?

Unscharfe Perspektiven

Am Ende bleibt der schale Nachgeschmack eines Buches, das zwar viele gute Fragen aufwirft, diese gleichwohl unbeantwortet beantwortet. Grenz hätte es lieber bei den Fragen belassen sollen. Denn die Fragen, die er stellt, sind wichtige Fragen. Stattdessen antwortet er, indem er auf vereinfachende historische und theologische Dualismen ausweicht. So liefert er unscharfe Perspektiven, die jeder nach eigener Fasson deuten kann. Dies ist sein Anliegen. Wer allerdings versucht, die Quadratur des Kreises zu schaffen, muss scheitern.


Jonas Erne

Jonas Erne, lic. theol., Gemeindereferent, verheiratet mit Jana, Vater eines Sohnes, Leser und Schreiber, Blogger auf jonaserne.blogspot.de.