Das Kreuz tragen: Johannes Calvin und die Bedrängnisse des Lebens

Denk mal an das Kreuz Jesu Christi – diesen grob gehauenen Holzstamm der Qual und des Opfers, der sowohl Fluch und Horror ausstrahlt als auch ein wunderbares Instrument der Erlösung und der Errettung von Sündern ist (Jes 53,5-6; Eph 2,13-16; Kol 1,19-20). Johannes Calvin, der Reformator aus Genf, war ein Mann, der mit dem Kreuz sehr gut vertraut war. In seiner Kindheit wurde er von seiner frommen Mutter Jeanne LeFranc regelmäßig zur Messe in der katholischen Kathedrale in Noyon, Frankreich, mitgenommen. Es war an diesem geheiligten Ort, dass er das blutige Abbild von Jesus sah, wie es am Kreuz hing. Zweifellos machte dieser Anblick einen starken Eindruck auf den jungen Calvin. Es repräsentierte nicht nur das Leid und den Tod Jesu Christi, sondern, entsprechend der katholischen Theologie, mit der er aufwuchs, das fortgesetzte Opfer, welches immer und immer wieder durch die Messe erfahren wird.

Als junger Student des Lateinischen in Paris und später als Theologie- und Jurastudent scheint Calvin angefangen zu haben, diese bestimmte Interpretation des Kreuzes zu hinterfragen. Die Pamphlete Martin Luthers, die zu dieser Zeit regelmäßig Paris überfluteten, regten sehr wahrscheinlich seine Fragen an. Er machte sich Gedanken, ob es beim Kreuz mehr gab als die immerwährende Darstellung Jesu Christi als zwischen Himmel und Erde hängend, und er fing an, daran zu zweifeln, ob Jesus fortwährend für die Sünden des Volkes wieder und wieder litt, denn das widersprach offen der Heiligen Schrift (Joh 19,30; Hebr 9,24-28; 10,11-14). In seinem Brief an den katholischen Kardinal von Carpentras, Jacopo Sadoleto (1477-1547), schrieb er:

Aber dann kam eine gänzlich andere Form der Lehre auf; nicht eine, die uns vom christlichen Bekenntnis abbrachte, sondern eine, die uns zu ihrer Quelle zurückführte, und dadurch, gewissermaßen, die Schlacke entfernte und es zu seiner ursprünglichen Reinheit zurückführte. Da ich von der Neuheit abgestoßen war, leihte ich zugegebenermaßen zunächst unwillig mein Ohr und weigerte mich hartnäckig und leidenschaftlich dagegen; denn – so ist die Festigkeit und der Eigenwille, mit dem Männer natürlicherweise in dem Kurs fortfahren, den sie begonnen haben – es war mit der größten Schwierigkeit, dass ich dazu gebracht wurde, zu bekennen, dass ich mein ganzes Leben im Irrtum gewesen war. Eine Sache im Besonderen machte mich feindselig gegenüber den neuen Lehrern; es war die Ehrerbietung für die Kirche…. Schlussendlich, als mein Verstand bereit war, der Sache ernsthaftere Aufmerksamkeit zu widmen, erkannte ich – wie als wenn ein Licht über mir aufgegangen war – in was für einem Schweinestall ich mich gesuhlt hatte, und wie verdreckt und unrein ich geworden war. Mit großer Furcht und Zittern für das Elend, in das ich gefallen war, und weit mehr für das, was ich durch den ewigen Tod zu erwarten hätte, konnte ich nicht anders, als Deinem Weg zu folgen, indem ich mein altes Leben verwarf, jedoch nicht ohne Ächzen und Tränen.

Hier lesen wir Calvins ehrliches Bekenntnis seiner Unwissenheit – in „was für einem Schweinestall ich mich gesuhlt hatte“, und seine Verpflichtung, fortan entsprechend „Deines Weges“ zu leben, wodurch sich seine geistliche Bekehrung zeigte und sein Entschluss, als Jünger Jesu zu leben statt als Anhänger Roms.

Bedenke wohl diese kurze autobiographische Stelle aus dem Vorwort zu seinem Kommentar über die Psalmen. Calvin schrieb diese Bemerkungen offenherzig im Jahr 1557:

Als ich noch ein kleiner Junger war, bestimmte mein Vater mich zum Studium der Theologie. Aber später, als er bedachte, dass Jura seine Studenten oft zu Reichtum brachte, führte diese Erwartung ihn plötzlich dazu, seine Meinung zu ändern. So kam es dazu, dass ich vom Studium der Philosophie weggenommen wurde und zum Jurastudium gebracht wurde. Dieses Bestreben versuchte ich treu auszuführen, im Gehorsam gegenüber dem Willen meines Vaters. Aber Gott, durch den geheimen Ratschluss seiner Vorsehung, gab schließlich meinem Leben eine andere Richtung. Zunächst, da ich zu hartnäckig dem Aberglauben des Papsttums verfallen war, um aus solch einem tiefen Sumpf befreit zu werden, unterwarf mich Gott durch eine plötzliche Bekehrung und brachte meinen Verstand zu einer lehrbaren Einstellung, obwohl ich noch verhärteter in solchen Dingen war, als es zu erwarten war von jemandem so jung wie ich. Als ich so einen Geschmack und eine Erkenntnis wahrer Gottesfurcht empfangen hatte, war ich sofort entzündet mit einem leidenschaftlichen Verlangen, darin Fortschritte zu machen, so dass ich meine anderen Studien zwar nicht sofort abbrach, jedoch mit weniger Eifer verfolgte.

Aus diesem offenbarenden Zeugnis erkennen wir, dass sein Herz durch die Evangeliumsbotschaft „sofort entzündet“ worden war. Der Herr „gab seinem Leben eine andere Richtung“ und Calvin wurde durch eine „plötzliche Bekehrung“ tiefgehend verändert. Obwohl er nicht vorhergesehen haben konnte, welche Bedrängnisse und Trauer diese Veränderung in sein Leben bringen würden, identifizierte er sich dennoch von diesem Zeitpunkt an fest als Jünger Christi. Die Botschaft des Kreuzes wurde mehr als einem persönlichen Konzept, welches er nicht länger mit intellektueller Gleichgültigkeit ignorieren konnte.

Theologische Erkundung

Eine der wichtigsten Beiträge für die Reformation der Kirche zu dieser Zeit war Martin Luthers „Theologie des Kreuzes“. Dieses wohlbekannte Konzept ist durch eine große Zahl von Theologen und Pastoren diskutiert worden. Alister McGrath fasst zusammen:

Für Luther kommt das christliche Denken über Gott zu einem abrupten Stopp am Fuß des Kreuzes. Der Christ ist gezwungen, durch die bloße Existenz des gekreuzigten Christus, eine folgenschwere Entscheidung zu treffen. Entweder wird er Gott anderswo suchen, oder er wird das Kreuz selbst zur Grundlage und zum Kriterium seiner Gedanken über Gott machen. Der „gekreuzigte Gott“ – um Luthers gewagte Phrase zu gebrauchen – ist nicht nur die Grundlage des christlichen Glaubens, sondern ist der Schlüssel für ein richtiges Verständnis von Gottes Wesen. Der Christ kann nur über die Herrlichkeit, die Weisheit, die Gerechtigkeit und die Stärke Gottes reden, wie sie im gekreuzigten Christus offenbart sind. Für Luther präsentiert sich uns das Kreuz mit einem Rätzel – ein Rätsel, dessen Lösung in besonderem Maß das christliche Verständnis von sowohl Mensch als auch Gott bestimmt. Wenn Gott im Kreuz gegenwärtig ist, dann ist er ein Gott, dessen Gegenwart vor uns verborgen ist. Wie Luther bemerkte, indem er Jesaja 45,15 zitiert: „Wahrlich, du bist ein verborgener Gott!“ Und doch hält die Entfaltung dieser verborgenen Gegenwart Gottes in diesem schrecklichen Schauspiel des Kreuzes den Schlüssel für Luthers langwierige Suche nach einem gnädigen Gott. Keiner würde davon träumen, Gott in „Schande, Armut, Tod und all dem, was uns im Leiden Christi gezeigt wird“ zu suchen – und doch ist Gott dort, verborgen und doch offenbart, für diejenigen, die ihn suchen wollen.

McGrath erklärt die revolutionäre Veränderung, die Martin Luther in der europäischen Kirche verursachte, wo in der spätmittelalterlichen katholischen Theologie die Betonung auf der „Theologie der Herrlichkeit“ lag: Statt die Herrlichkeit Gottes durch philosophische Spekulation und durch das Ansammeln persönlicher Verdienste zu suchen, bestand Luther darauf, dass Gott nur durch die Kreuzigung Christi und sein Sühnewerk am Kreuz gefunden werden kann. Luthers Weg, diese Wahrheit auszudrücken, öffnete das Evangelium auf eine Art und Weise, wie es die Menschen seit Jahrhunderten nicht gehört hatten. Stephen Nichols verdeutlicht auf hilfreiche Weise den Unterschied zwischen der Theologie der Herrlichkeit und der Theologie des Kreuzes:

Die Theologie der Herrlichkeit feiert Werke und was die Menschen tun können; die Theologie des Kreuzes feiert Christus und was er allein tun kann. Die Theologie des Kreuzes versetzt auch einen tödlichen Schlag einem Leben, das vom Selbst eingenommen ist. … Die Theologie der Herrlichkeit erhöht das Selbst…. Die Theologie des Kreuzes zwingt dazu, nach außen zu schauen, weg vom Selbst, und indem man Christus sieht, erkennt man seine wahre und verzweifelte Not.

Luthers „Theologie des Kreuzes“ war vornehmlich um einen richtigen theologischen Ansatz zum Verständnis der heilsgeschichtlichen Bedeutung des Opfers Christi besorgt, und Calvin baute darauf auf und entwickelte seine praktische Ansicht des „Kreuztragens“. Folglich muss Calvins „Theologie des Kreuzes“ als eine Erweiterung und Fortentwicklung von Martin Luthers Theologie gesehen werden.

Calvins Verständnis der Kreuzigung

Aus Calvins Erläuterung vom Kreuz Christi in seiner Institutio wird deutlich, dass er die Bedeutung der Kreuzigung Christi klar verstand. Er schreibt gedankenreich:

Das Kreuz war verflucht, nicht nur in der Meinung der Menschen, sondern auch durch den Beschluss von Gottes Gesetz (5Mo 21,23). Deshalb begibt Christus sich, wenn er ans Kreuz gehängt wird, unter den Fluch. Es musste so geschehen, damit der ganze Fluch – der uns wegen unserer Sünden erwartete, oder gewissermaßen auf uns lag – von uns weggenommen würde, während er auf ihn transferiert wurde. Das wurde durch das Gesetz im Voraus angedeutet… Was in den Opfern des mosaischen Gesetzes bildhaft angedeutet wurde, ist in Christus deutlich zutage getreten.

Hier zeigt Calvin sein sorgsames Verständnis der alttestamentlichen Opfer und ihrer Bedeutung für das Opfer Christi als „Schatten der Dinge, die kommen sollen“ (Kol 2,17). Er erkennt auch die doppelte Zurechnung an, die in dem stellvertretenden Opferwerk am Kreuz stattfindet, indem er erklärt:

Hier ist also die Bedeutung dieses Ausspruchs: Christus wurde im Tod als ein Sühneopfer dargeboten, sodass wenn wir durch sein Opfer alle Satisfaktion geleistet haben, wir nicht mehr Angst haben müssen vor Gottes Zorn. Nun ist es klar, was der Ausspruch des Propheten bedeutet: „Der HERR warf unser aller Schuld auf ihn“ [Jes 53,6]. Das heißt, der, der den Schmutz dieser Sünden bereinigen würde, wurde mit ihnen durch Zurechnung eingedeckt. Das Kreuz, an das er genagelt wurde, war ein Symbol davon, wie der Apostel bezeugt: „Christus hat uns losgekauft von dem Fluch des Gesetzes, indem er ein Fluch wurde um unsertwillen (denn es steht geschrieben: ‚Verflucht ist jeder, der am Holz hängt‘), damit der Segen Abrahams zu den Heiden komme in Christus Jesus, damit wir durch den Glauben den Geist empfingen, der verheißen worden war“ [Gal 3,13-14; 5Mo 21,23]. (Inst. 2:16:6)

Indem er mit Luthers hilfreicher Unterscheidung bewaffnet war zwischen der Herrlichkeit, die durch menschliche Anstrengung erfasst wird, und der Herrlichkeit, die durch demütiges Vertrauen auf Christus empfangen wird, durch die Erkenntnis, dass sein Opfer am Kreuz sowohl unsere Sünde bezahlte als auch ihre Beschmutzung entfernte, zog Calvin daraus eine praktische Anwendung für das christliche Leben. Er nannte sie „das Kreuz tragen“ und sah sie als ein Kennzeichen von Selbstverleugnung und christlicher Jüngerschaft (Mt 16,24; Lk 6,40; 1Petr 2,21-25). Das Kreuz ist nicht nur der Ort, wo Sünde vergeben wird; es ist auch ein Symbol für Calvin für all die Widrigkeiten, die ein Christ hier auf Erden erleidet.

Calvins Praxis des „Kreuztragens“

Calvin erklärt dieses Konzept umfassend in seiner Institutio (3:8:1-11). In „Kreuz tragen, ein Teil der Selbstverleugnung“ schreibt er:

Aber es geziemt dem frommen Verstand, noch höher zu steigen, zur Höhe, zu der Christus seine Jünger beruft: dass jeder sein eigenes Kreuz tragen muss [Mt 16,24]. Denn jeder, den der Herr adoptiert und seiner Gemeinschaft für würdig erachtet hat, sollte sich auf ein schweres, mühsames und ruheloses Leben vorbereiten, voll verschiedenartigstem Bösen. Es ist der Wille des himmlischen Vaters, seine Kinder so auf die Probe zu stellen. Angefangen mit Christus als seinem Erstgeborenem verfolgt er diesen Plan mit allen seinen Kindern. (Inst. 3:8:1)

Basierend auf Jesu Worten in Matthäus 16,24 – „Wenn jemand mir nachkommen will, so verleugne er sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach!“ – wendet Calvin das schmerzhafte Mühsal des Kreuzes auf ein „schweres, mühsames und ruheloses Leben“ an, „voll verschiedenartigstem Bösen“, während er seinem Leser versichert, dass diese Bedrängnisse kein zufälliger Teil des Lebens sind, sondern „dem Willen des himmlischen Vaters“ entspringen. Während Christen nicht glauben sollen, dass sie den Widrigkeiten und Schwierigkeiten in dieser Welt ausgenommen sind, können wir durch das Wissen getröstet werden, dass sie durch Gott zugelassen werden, um uns zu reinigen und zu vervollkommnen.

Calvin hatte gewiss seine persönliche Erfahrung im „Kreuztragen“. Während seines Dienstes in Genf war er gezwungen, falsche Beschuldigungen, Krankheiten, Beleidigungen, Trauer, Ansehensverlust, Einschüchterung und offene Bedrohung seines Lebens zu erdulden. Calvins Biograph Emanuel Stickelberger malt ein düsteres Bild von seiner Zeit dort:

Viele Jahre lang bis 1555 musste der Reformator so viele Demütigungen schlucken, dass jemand, der gesünder war als er, davon krank geworden wäre. Seine Vorschläge wurden verworfen, seine Warnungen ausgeschlagen. Er konnte nicht die Straße überqueren ohne verhöhnt zu werden: „Dort läuft er, Nachbar. Ich höre lieber drei Hunde bellen als ihn predigen“. „Wusstest du, dass die Hölle nur zwei Teufel hat, und dort läuft einer von ihnen!“. Kinder riefen ihm nach und verhunzten seinen Namen „Kain, Kain!“ Mehr als ein Hund hörte auf den Namen „Calvin“.

In einer denkwürdigen Woche vor dem Ostersonntag im Jahr 1538 weigerten sich die drei Pfarrer von Genf – Guillaume Farel, Elie Coraud und Johannes Calvin – den Menschen das Abendmahl auszuteilen aufgrund der weitverbreiteten Unruhen in der Stadt. Der kleine Stadtrat von Genf beschloss, die Pfarrer rauszuwerfen und gab ihnen drei Tage, die Stadt zu verlassen. James McKinnon, ein Gelehrter der Genfer Reformation, berichtet uns, wie der kleine Stadtrat einmütig von den Bürgern unterstützt wurde:

Die Menschen drohten damit, ihn in die Rhön zu werfen. Nachts sangen sie verspottende Lieder und feuerten Schüsse vor seiner Wohnung ab, und die Erinnerung an diese Demonstrationen verfolgte ihn bis zu seinem Todestag. „Sie können sich vorstellen“, sagte er seinen Mitstreitern auf seinem Todesbett, „wie diese Dinge einen armen, furchtsamen Gelehrten, wie ich es immer war, beeindruckt haben.“

Viele Jahre später stand Calvin vor einer weiteren lebensbedrohlichen Kontroverse. T.H.L. Parker, ein angesehener Calvingelehrter, beschreibt die chaotische Szene, die sich im Jahr 1547 in den Kammern des Rates der Zweihundert abspielte, und Calvin fast sein Leben kostete. Der Konflikt erwuchs, als zwei angesehene Männer in Genf, Ami Perrin und Laurent Maigret, des Hochverrats bezichtigt wurden. Beide wurden festgenommen und inhaftiert, und die Stadt war gespalten, als Perrin (der die Anticalvinisten repräsentierte) freigelassen wurde und Maigret (der ein enger Freund Calvins war) im Gefängnis verblieb. Parker zitiert einen Brief, den Calvin an seinen Mitstreiter Pierre Viret sandte:

Kämpfe brachen aus und Calvin hörte den Aufruhr 4aus einer anderen Straße. „Zahlreiche Schreie waren aus diesem Teil der Stadt zu hören“, schrieb er an Viret. „Diese nahmen ein solches Maß an, dass sie ein sicheres Zeichen für einen Aufstand waren. Ich rannte sofort an diesen Ort. Die Dinge sahen fürchterlich aus. Ich warf mich in die Menge, zum Erstaunen aller. Aber der ganze Mob rannte auf mich zu. Sie ergriffen mich und zogen mich weg, damit ich nicht verletzt werde! Ich rief Gott und Menschen zum Zeugnis an, dass ich gekommen war, um meinen Leib ihren Schwertern preiszugeben. Ich ermahnte sie, dass wenn sie Blut vergießen wollten, sie bei mir anfangen sollten. Selbst der wertlose, aber besonders der ehrbarere Teil der Menge, wurde sofort merklich ruhiger. Schließlich wurde ich durch ihre Mitte zum Senat gezerrt. Dort begannen neue Kämpfe, in deren Mitte ich mich warf. Jeder ist der Meinung, dass großes und schändliches Blutvergießen verhindert wurde, indem ich eingriff. Meine Mitstreiter waren in der Menge verteilt. Ich schaffte es, dass sich jeder still hinsetzte. Sie sagen alle, dass sie stark bewegt waren durch eine lange und inbrünstige Rede, die ich zu diesem Anlass gehalten habe“.

Es wird gesagt, dass man den Charakter eines Mannes nicht kennt, bis man sieht, wie er in Schwierigkeiten handelt. Hier ist also ein Einblick in den Charakter von Johannes Calvin – ein aufrichtiger Christ und treuer Pastor, der bereit ist, sein Leben für die Herde zu lassen.

Die Notwendigkeit, das Kreuz zu tragen

Der wesentliche Punkt von Calvins „Kreuztragen“ ist, dass irdisches Leid ein notwendiger Bestandteil des Lebens ist. Er sagt, dass wir „unser Leben unter einem permanenten Kreuz verbringen“, und dass der Herr viele verschiedene Bedrängnisse gebraucht – wie „Schmach oder Armut, Verlust, Krankheit oder andere Verhängnisse“ – um unsere Neigung zu bekämpfen, unser größtes Vertrauen auf unser eigenes Fleisch zu setzen. Gott ist kein nachlässiger Vater, der seinen Kindern sorglos erlaubt, in unreifer Unwissenheit zu verbleiben, sondern, so Calvin, ein weiser Vater, der die vielen Widrigkeiten des Lebens gebraucht, um unseren Stolz aufzudecken und uns zu einer Demut vor ihm zu bringen.

Es gibt viele Gründe, warum wir unser Leben unter einem permanenten Kreuz verbringen müssen. Erstens, da wir von Natur aus zu sehr dazu geneigt sind, alles unserem Fleisch zuzuschreiben – wenn nicht unsere Schwäche aufgezeigt wird und wir sie mit eigenen Augen sehen – schätzen wir unsere Tugend übergebührlich ein…. Er kann diese Arroganz am besten zurückhalten, wenn er uns durch Erfahrung nicht nur die große Unfähigkeit, sondern auch die Gebrechlichkeit, unter der wir leiden, beweist. Deshalb fügte er uns entweder Schmach oder Armut, Verlust, Krankheit oder andere Verhängnisse zu. Da wir sie nicht tragen können, wenn sie uns berühren, geben wir ihnen nach. Wenn wir so gedemütigt sind, lernen wir, seine Macht anzurufen, die uns allein unter dem Gewicht dieser Bedrängnisse feststehen macht. (Inst. 3:8:2).

Er verweist im Folgenden darauf, dass „viele gute Dinge, ineinander verwoben, dem Kreuz entspringen“. Insbesondere lernen wir, dem souveränen Gott zu vertrauen, der von sich aussagt: „Der ich das Licht mache und die Finsternis schaffe; der ich Frieden gebe und Unheil schaffe. Ich, der HERR, vollbringe dies alles“ (Jes 45,7). Calvin erinnert uns:

Nun sehen wir, wie viele gute Dinge, ineinander verwoben, dem Kreuz entspringen. Denn, indem es die gute Meinung, die wir fälschlicherweise von unserer Stärke haben, umstößt, und unsere Heuchelei aufdeckt, an der wir Gefallen haben, versetzt das Kreuz unserem gefährlichen Vertrauen auf das Fleisch einen Stoß. Es lehrt uns, so gedemütigt, in Gott allein zu ruhen, mit dem Ergebnis, dass wir nicht matt werden oder aufgeben. Hoffnung folgt vielmehr der Geschichte, insoweit als der Herr, indem er das ausführt, was er verheißen hat, seine Wahrheit für die kommende Zeit begründet. Selbst wenn dies die einzigen Gründe wären, erscheint es klar und deutlich, wie sehr wie es bedürfen, das Kreuz zu tragen. (Inst. 3:8:3)

Mehrere weitere Vorteile erwachsen, wenn Gott das „Kreuztragen“ gebraucht, um im Leben und im Charakter eines Christen Veränderungen herbeizuführen. Calvin nennt: „… um ihre Geduld zu prüfen und sie Gehorsam zu lehren“ (Inst. 3:8:4), und wenn wir „wild werden, indem wir durch Ehren aufgeblasen sind und stolz werden … konfrontiert uns der Herr selbst, wie er es für richtig hält, und hält unser ungezügeltes Fleisch durch das Heilmittel des Kreuzes zurück“ (Inst. 3:8:5).

Das bedeutet nicht, dass alle Christen die gleichen Probleme haben. Wir wissen nicht, warum manche Menschen mit Zorn zu kämpfen haben, oder warum andere von Armut oder Diskriminierung geplagt sind, aber wir wissen, dass keine Bedrängnis jemanden trifft getrennt von Gottes heiligem und weisen Ratschluss, und dass all diese „Kreuze“ letztlich unserem Wohl dienen. Weiterhin ist es so, dass vergangene Übertretungen und Niederlagen in unser Bewusstsein kommen, wenn wir mit aktuellen Problemen ringen, wodurch sich die Tiefe und Schwere unserer Sünde zeigt und unser Bedürfnis, sie in unserem Leben abzutöten (Inst. 3:8:6). Das können „Konsequenzen der Sünde“ sein, die direkt mit unseren Fehltritten zu tun haben, oder die Realität des allgemeinen Fluchs, die sich in unserem Leben spürbar macht. Calvin merkt an, dass Züchtigung auch ein legitimer Bestandteil des „Kreuztragens“ ist:

Wenn wir die Rute des Vaters wahrnehmen, ist es dann nicht unsere Pflicht, uns als gehorsame und lehrbare Kinder zu erweisen, statt durch Arroganz verzweifelte Männer nachzuahmen, die in ihren bösen Werken verhärtet worden sind? Wenn wir von ihm abgefallen sind, zerstört uns Gott, wenn er uns nicht durch Zurechtweisung zu sich zurückruft. Deshalb sagt er mit Recht, dass wir ohne Züchtigung unechte Kinder und keine Söhne sind [Hebr 12,8]. (Inst. 3:8:6)

Was sollte unsere Reaktion sein, wenn wir unter verschiedenen Bedrängnissen leiden? Calvin argumentiert, dass wenn geliebte Menschen sterben, wir „die Tränen vergießen sollten, die wir unserer Natur schuldig sind“ und uns nicht gezwungen fühlen, sie stoisch zu unterdrücken.

So wird es zustande kommen, dass wir, mit welchem Kreuz auch immer wir geplagt sind, selbst in den größten Bedrängnissen, fest unsere Geduld behalten. Denn die Widrigkeiten selbst werden ihre eigene Bitterkeit haben, die an uns nagt; wenn wir durch Krankheit bedrängt sind, werden wir stöhnen und uns unwohl fühlen und uns nach Gesundheit sehnen; wenn wir so von Armut bedrängt sind, werden wir von den Pfeilen der Sorge und der Trauer angefochten; wir werden von dem Schmerz der Schmach, des Hohns und der Ungerechtigkeit geplagt sein; bei den Beerdigungen unserer Geliebten werden wir die Tränen vergießen, die wir unserer Natur schuldig sind. Aber das Ergebnis wird immer sein: Der Herr wollte es so, deshalb lasst uns seinem Willen folgen. Denn, inmitten des Schmerzes, inmitten des Stöhnens und der Tränen, muss dieser Gedanke einbrechen: Unser Herz wird bewegt, diese Dinge freudig zu ertragen, die es so bewegt haben. (Inst. 3:8:10)

Calvin selbst musste den frühen Tod seiner Frau, Idelette de Bure, nach nur neun Jahren Ehe miterleben, genauso wie den Tod seines Kindes kurz nach der Geburt. Calvins „Kreuztragen“ war nicht nur eine intellektuelle Übung; er verstand vollkommen, was Kummer, Verlust und Trauer bedeuten.

Schließlich verweist Calvin darauf, dass wahre „geistliche Freude“ tatsächlich inmitten des Leids erfahren werden kann. Bitterkeit über unsere schwierigen Umstände kann und sollte durch ein festes Vertrauen auf die Souveränität Gottes ersetzt werden; eine tiefe, andauernde Genügsamkeit, dass er nicht aus Lust die Menschenkinder plagt und betrübt, und Freude in der Erkenntnis, dass er gewisslich jede Träne aus jedem Auge abwischen wird (Eph 4,31; Hebr 12,15; Offb 21,4).

Deshalb, indem wir diese Bedrängnisse geduldig ertragen, geben wir nicht der Notwendigkeit nach, sondern willigen zu unserem Guten ein. Diese Gedanken, sage ich, bewirken, dass egal wie sehr unsere Gedanken durch das Tragen des Kreuzes zu Bitterkeit geneigt sind, sie genauso sehr mit geistlicher Freude durchdrungen sind. Daraus folgt Danksagung, die ohne Freude nicht existieren kann; aber wenn der Lobpreis des Herrn und Danksagung aus einem fröhlichen Herzen entfliegen kann – es gibt nichts, was dies in uns unterbrechen sollte – ist es dadurch klar, wie notwendig es ist, dass die Bitterkeit des Kreuzes durch geistliche Freude gemildert wird (Inst. 3:8:11)

Viele verschiedene Kreuze müssen im Laufe des Lebens erduldet werden, aber in all diesen Fällen, so Calvin, sollte der Christ es „für lauter Freude achten“ (Jak 1,2-4; 1Petr 1,6-7). Unschätzbare Lektionen können inmitten des Leids gelernt werden, wie wachsender Glaube, wenn man um der Gerechtigkeit willen verfolgt wird, Demut, wenn wir die Tiefe unseres Angewiesenseins auf Gott erkennen, Barmherzigkeit, wenn wir den Verlust eines geliebten Menschen ertragen müssen, Geduld inmitten von Krankheit, Buße, wenn wir die Folgen der Sünde verspüren und der feste und beständige Charakter, der dadurch entsteht, wenn man falsche Anschuldigungen erträgt.

Abschließende Bemerkungen

Calvin war sich bewusst, dass die Leiden Jesu Christi – der sich mit Sündern identifizierte und für uns zur Sünde wurde – unendlich härter waren als jedes menschliche Leid, dass wir jemals erfahren können. Egal wie anstrengend und schrecklich unser eigenes Leid sein mag, wird es nie und kann nie so groß sein wie das schreckliche Leid, das Christus am Kreuz ertrug. Und es sollte aus Dankbarkeit für diese Errettung sein, dass wir die Bedrängnisse in unserem Leben geduldig ertragen.

Denn wahrlich, Christen sollten die Art Menschen sein, die dazu geboren sind, falsche Anschuldigungen, Feindseligkeiten, Betrug und den Spott böser Menschen zu ertragen. Und nicht nur das, sondern sie sollten all dies Böse geduldig ertragen. Das heißt, sie haben solch eine vollkommen geistliche Ruhe, dass, wenn sie eine Beleidigung erfahren, sie sich auf eine weitere einstellen, und sich für ihr Leben nichts als das Tragen eines permanenten Kreuzes erwarten. In der Zwischenzeit sollen sie Gutes tun denen, die ihnen schaden, und die segnen, die sie verfluchen [Lk 6,28; siehe Mt 5,44], und (das ist ihr einziger Sieg) danach streben, das Böse durch das Gute zu überwinden [Röm 12,21]. (Inst. 4:20:20)

Hier haben wir ein Beispiel für einen reifen und gottesfürchtigen christlichen Mann, der, nachdem er durch das heiße Feuer der Widrigkeiten geprüft wurde, als stärkerer und festerer Jünger Jesu Christi hervorging. Lasst uns von seinem Beispiel lernen, und indem wir zu Jesus Christus hinaufschauen, lasst uns danach streben, unserem Retter und Herrn nachzuahmen.


Marcus J. Serven (ThM, DMin, Covenant Theological Seminary) ging aus dem vollzeitigen Pastorendienst im Jahr 2016 in den Ruhestand, nachdem er fast 37 Jahre lang in verschiedenen presbyterianischen Gemeinden gedient hatte. Er ist momentan ein Mitglied des Presbyteriums des Mittleren Westens (OPC) und wohnt mit seiner Familie in Austin, Texas, wo er weitere Forschungen betreibt, lehrt und über die Führer und die Theologie der protestantischen Reformation schreibt. Dieser Artikel erschien zuerst bei White Horse Inn / Modern Reformation. Übersetzung und Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung.