Buchbesprechung: Institute elenktischer Theologie von François Turrettini

Wir haben alle die kreative Marketingkampagne von Apple gesehen, bestehend aus einem Dialog zwischen einem übergewichtigen Computernerd auf der linken Seite (der einen Windows-PC darstellen soll) und einem hippen, lässigen Mann auf der rechten Seite (der einen Apple Computer darstellen soll). Ein populäres Internetvideo hat vor kurzem meine Aufmerksamkeit erregt, welches die Applewerbung kopiert und einen angeblichen Unterschied zwischen einem „Christen“ und einem „Christusnachfolger“ aufzeigt.

Anscheinend sind Christen, die eine Bibel mit sich herumtragen und ernsthafte christliche Bücher lesen (z.B. über Ethik oder Theologie) die Uncoolen, die mit oberflächlichen christlichen Aufklebern am Auto rumfahren, altmodisch sind und sich kindlich verhalten. Im Gegensatz dazu werden die kulturell relevanten „Christusnachfolger“ rein pragmatisch definiert. Diese zeitgenössische Aufspaltung des christlichen Glaubens zwischen ‚was ich glaube‘ vs. ‚was ich tue‘ bringt das christliche Leben von vielen fortwährend aus dem Gleichgewicht.

Diejenigen, die sich mit der Gemeindekultur beschäftigen, schockiert das Video allerdings nicht. In seinem Buch No Place for Truth aus dem Jahr 1993 beklagte David Wells den Niedergang der Theologie in der zeitgenössischen evangelikalen Kirche: „Praktisch zu sein steht heute anstelle von theologisch zu sein“ (Seite 112). Andere Autoren haben in jüngerer Zeit davor gewarnt, dass die Gemeindekultur sich fortwährend in Richtung der populären psychologisch/therapeutischen und postmodern/konsumistischen Modelle in Bezug auf das öffentliche Predigen bewegt. Dieser Trend verdrängt die Theologie von der Kanzel in die Peripherie des Gemeindelebens (gemeinhin beschränkt auf vorgeschlagene Literaturlisten und privates Studium). Im Licht dieses Trends ist es sicher lohnenswert, eine Frage zu stellen, die durch das Video aufgeworfen wird: Ist das Studium der Theologie rein intellektuell, spekulativ, theoretisch und losgelöst von der realen Welt?

Ich glaube, dass die Antwort auf diese Frage nicht nur die allgemeine Bedeutung der Theologie unterstreicht, sondern insbesondere die Bedeutung von François Turrettinis Institute elenktischer Theologie.

Das Wesen der Theologie

Bild: Wikipedia Commons

Turrettini (1623-1687) war der Sohn eines Theologen und wurde selbst als Theologe in Genf bekannt. Er stand vor ähnlichen Herausforderungen wie wir heute; aber statt den therapeutisch/konsumistischen Modellen stand Turrettini den Sozinianern/Remonstranten gegenüber. Die Remonstranten waren Arminianer und definierten die Errettung grundsätzlich als eine freie Entscheidung des Menschen. Die Sozinianer waren rationalistisch motiviert und glaubten an ein unitarisches ‚Evangelium‘, welches allgemeinen Gehorsam als Mittel zur Versöhnung mit Gott lehrte. Beide Gruppen spielten die Bedeutung von Lehre herunter.

Für Turrettini hatten beide Gruppen ein einheitliches Ziel, „die Notwendigkeit der Kenntnis der Lehren der Dreieinigkeit, der Menschenwerdung, usw. wegzunehmen und auf diese Weise einer allgemeinen Religion (d.h. Atheismus) den Weg zu bereiten, durch die alle ausnahmslos gerettet werden können“ (1:20-21). Mit anderen Worten, das Herunterspielen der Bedeutung von Theologie im 17. Jahrhundert war, wie in unserem Jahrhundert, pragmatisch motiviert.

Theoretisch-Praktisch

Turrettini war bedacht auf die Beziehung zwischen dem Theoretischen („anzusehen“) und der Anwendung („zu tun“). Im Licht dieses Pragmatismus kehren wir zu einer antiken Frage zurück: Ist das Studium der Theologie theoretisch oder praktisch? Turrettini antwortet: „Wir erachten Theologie weder als bloß theoretisch [anzusehen] noch bloß als praktisch [zu tun], sondern teilweise theoretisch, teilweise praktisch, als dass, was gleichzeitig die Theorie der Wahrheit mit der Praxis des Guten verbindet. Aber sie ist eher praktisch als theoretisch“ (1:21). Theologie ist das Gelenk, welches das Wahre mit dem Praktischen verbindet.

In der Theologie ist das Theoretische und das Praktische untrennbar verbunden. Deshalb nannte Turrettini das Studium der Theologie einfach „theoretisch-praktisch“.

Turrettini unterscheidet noch klarer zwischen dem Theoretischen und dem Praktischen. „Ein theoretisches System ist dasjenige, welches nur im Nachsinnen bewohnt wird und kein anderes Objekt als das Wissen hat. Ein praktisches System ist dasjenige, welches nicht nur im Wissen eines Dings allein besteht, sondern in seinem Wesen und durch sich selbst in die Praxis überführt und eine Wirkung als Objekt hat“ (1:21). Theologie ist demnach theoretisch (manchmal mit einer Sicht der göttlichen Mysterien endend), aber auch (und meistens) praktischer Natur.

Also nimmt die Antwort auf die Sozinianer und die Remonstranten in den folgenden Argumenten Gestalt an:

  1. Theologie ist eine Wissenschaft. Für Turrettini ging es bei Wissenschaft nicht nur um theoretische Spekulationen und Datensammlung, sondern um das Studium eines Objekts und das Ordnen von Schlüssen. Zum Beispiel bei der Medizin. Das Endziel von medizinischer Forschung ist nicht, ein Kompendium aller Krankheiten und Zustände zu erhalten, sondern diese Krankheiten und Zustände zu heilen. Nur weil Theologie, wie Medizin, teilweise theoretisch ist, heißt das nicht, dass sie unpraktisch ist (1:21). Ganz im Gegenteil.
  2. Das Theoretische ist wesentlich für Anbetung. „Es gibt kein Geheimnis, das als Objekt des Glaubens unserem Denken vorgestellt wird, welches nicht in uns die Anbetung Gottes anregt und nicht eine Voraussetzung für richtige Anbetung ist“ (1:21). Gott gebraucht den tiefen Brunnen der Theologie über sich selbst (die in seinem Wort offenbart ist), um Anbetung anzuregen. Demnach sind die theoretischen Aspekte der Theologie unmittelbar in der Anbetung anwendbar. Theologie „entfacht“ Anbetung und bildet die „Voraussetzung“, um Gott anzubeten.
  3. Der Verstand und der Wille sind verbunden. „Die Form umfasst das Wesen wahrer Religion und verfolgt die Erkenntnis und Anbetung Gottes, die untrennbar verbunden sind (genauso wie Sonne, Licht und Wärme nie voneinander getrennt werden können). Demnach kann die Erkenntnis Gottes nicht wahr sein, wenn sie sich nicht in der Praxis äußert (Joh 13,17; 1Joh 2,5). Gleichermaßen kann keine Praxis richtig und rettend sein, die nicht von der Erkenntnis gesteuert wird (Joh 17,3)“ (1:22). Turrettini bezieht sich in diesem Abschnitt auch auf Johannes 13,17, um die Seligkeit des Mannes zu zeigen, der erkennt und gehorcht. Das Wissen ist eine Voraussetzung für das Tun. Das Theoretische und das Praktische sind so miteinander verbunden, wie Sonne, Licht und Wärme. Später schreibt er: „Es gibt nichts, was so theoretisch und so weit von der Praxis entfernt ist, dass es nicht Liebe und Anbetung zu Gott anregt. Weder gibt es irgendeine Theorie, die rettend ist, welche nicht zur Praxis führt (Joh 13,17; 1Kor 13,2; Tit 1,1; 1Joh 2,4; Tit 2,12)“ (1:23).
  4. Theologie und die „Schau Gottes“. Turrettini schreibt: „Wenn vom ewigen Leben gesagt wird, dass es in der Erkenntnis Gottes (Joh 17,3) und in der Freude der Schau Gottes besteht, dann zeigt das in der Tat, dass Theologie auch spekulativ ist, dass es viele theoretische Objekte hat. Aber wir können daraus nicht schließen, dass sie nur spekulativ ist, weil diese Erkenntnis selbst nicht nur theoretisch ist, sondern praktisch (1Joh 2,5). Schau bezeichnet nicht nur Erkenntnis, sondern auch Erfreuen (nach dem Gebrauch der Schrift)“ (1:22). Und später schreibt er: „Die Theologie der Heiligen im Himmel kann nicht bloß theoretisch genannt werden, weil ihre Freude nicht nur das Wahrnehmen des höchsten Gutes durch Schauen umfasst (was der Intellekt ist), sondern auch ein Erfreuen daran in Liebe (welches ein Willensakt ist)“ (1:23). Gott zu sehen und sich an ihm zu erfreuen beweist in alle Ewigkeit die Verbindung des Theoretischen mit dem Praktischen.

Turrettinis Auffassung von der Theologie wird von Richard Muller gut zusammengefasst:

Die Perspektive der Sozinianer und Remonstranten entfernt von der Religion alle fundamentalen Artikel – einschließlich der Dreieinigkeit und der Fleischwerdung – und, so schließt Turrettini, führt letztendlich zum Atheismus. Während die Sozinianer und Remonstranten gewiss leugnen würden, dass ihre Ansichten zum Atheismus führen, hofften sie doch, die Rolle von fundamentalen oder notwendigen Artikeln bei der Bestimmung eines normativen Christentums leugnen zu können. Das Gegenmittel für solch einen Reduktionismus war für Turrettini das Aufrechterhalten des Gleichgewichts zwischen den theoretischen und praktischen Dimensionen der Theologie … Eine rein theoretische Disziplin ist nur dem Nachdenken gewidmet und hat kein anderes Ziel als Kognition; eine rein praktische Disziplin ist nur dem Handeln gewidmet und hat kein anderes Ziel als die Anleitung einer Tätigkeit (operatio) oder einer Praxis. Es ist klar, dass keine der beiden Definitionen vollkommen auf die Theologie zutrifft: Theologie beinhaltet sowohl dogmata seu decreta fidei und praecepta Christianarum virtutum – sowohl die notwendigen Lehren des Glaubens als auch die Regeln christlicher Tugend“ (PRRD, 1:351-352).

Turrettini argumentierte nicht, dass die Sozinianer und die Remonstranten aus bloßer Unwissenheit handelten. Vielmehr argumentierte Turrettini, weil sie spekulative Theologie herunterspielten (die Dreieinigkeit, die Fleischwerdung), um zu den wirklich anwendbaren Lehren der Theologie zu kommen, verpassten sie schnell die volle Schau Gottes in seiner Herrlichkeit und Majestät. Indem er Theorie und Anwendung in der Theologie wiederherstellte, baute Turrettini eine Vision der Theologie auf, die im Gegensatz zu den Lagern „was ich glaube“ vs. „was ich tue“ in der gegenwärtigen Gemeindelandschaft steht. Das „Spekulative“ und das „Praktische“ sind durch die Theologie zusammengeschweißt.

Oder wie Turrettini sagen würde: „Ist Theologie theoretisch und praktisch? Wir bekräftigen das, im Gegensatz zu YouTube.“

Die Institute

Bild: Logos

Diese Argumente entstammen Turrettinis Institutio Theologiae Elencticae (siehe besonders 1:20-23). Die englische Übersetzung des Werks wurde von Charles Hodge in Auftrag gegeben und von George Musgrave Giger für das Princeton Seminary erstellt, wo es viele Jahre in Gebrauch war. Die P&R Ausgabe wurde ausführlich von James T. Dennison Jr. redigiert und von P&R zwischen 1992 und 1997 veröffentlicht. Sie umfasst jetzt 2.300 Seiten in drei Bänden.

Die Institute sind technisch gesehen keine systematische Theologie, obwohl sie gemeinhin so eingeordnet werden und auf diese Weise nützlich sind. Als ein elenktisches Werk sind sie polemischer Natur, geschrieben um Irrtümer aufzudecken. Ihr Format zeichnet sich darin aus, Fragen zu stellen, die Schrift zu öffnen und Widerlegungen herauszuarbeiten (Beispiel: „Ist die Gerechtigkeit Christi und sein Gehorsam, der uns zugerechnet wird, die Ursache und Grundlage, die uns Rechtfertigung mit Gott verdient? Wir bekräftigen das gegen die Papisten und Sozinianer“). Turrettinis Ziel ist es nicht nur, Debatten zu eröffnen und biblische Wahrheit zu begründen, sondern auch die entgegenstehenden Gedanken auf ihre Ursprünge zurückzuverfolgen.

Eine Aufschlüsselung des Inhalts zeigt Turrettinis Schwerpunkte:

  1. Theologie (1:1-54)
  2. Die Heiligen Schriften (1:55-168)
  3. Der eine und dreieinige Gott (1:169-310)
  4. Die Ratschlüsse Gottes im Allgemeinen und Prädestination im Besonderen (1:311-430)
  5. Die Schöpfung (1:431-488)
  6. Die Vorsehung Gottes (1:489-538)
  7. Die Engel (1:539-568)
  8. Der Zustand des Menschen vor dem Sündenfall und der Naturbund (1:569-590)
  9. Die Sünde im Allgemeinen und im Besonderen (1:591-658)
  10. Der freie Wille des Menschen im Zustand der Sünde (1:659-685)
  11. Das Gesetz Gottes (2:1-168)
  12. Der Gnadenbund und seine zweifältige Ausführung im Alten und Neuen Testament (2:169-270)
  13. Die Person und die Beschaffenheit von Christus (2:271-374)
  14. Das Mittleramt Christi (2:375-500)
  15. Berufung und Glaube (2:501-632)
  16. Die Rechtfertigung (2:633-688)
  17. Heiligung und gute Werke (2:689-724)
  18. Die Gemeinde (3:1-336)
  19. Die Sakramente (3:337-560)
  20. Die letzten Dinge (3:561-638)

Biografische Informationen (3:639-702)

Themen- und Bibelstellenindex (3:703-783)

Persönlicher Gebrauch

Ich nutze Turrettini oft. In meiner eigenen Bibliothek klassifiziere ich dieses Werk als systematische Theologie. Dennison hat 80 Seiten eines Themen- und Bibelstellenindexes erstellt, wodurch die Suche nach Einzelheiten in diesem Werk sehr einfach gemacht wird. In der Vergangenheit habe ich die Institute zur Nachforschung in systematischer Theologie gebraucht und im Moment nutze ich sie zur Vorbereitung exegetischer Predigten. Wenn ich eine genaue Erläuterung einer theologischen Kategorie benötige, wende ich mich zuerst hierhin (wegen dieser Genauigkeit wird er gemeinhin als bester scholastischer Calvinist bezeichnet). Ferner nutze ich die Institute, um die historische Entwicklung der Theologie nachzuvollziehen. „Turrettinis Wissen um die christliche Tradition ist enzyklopädisch“, schreibt Herausgeber James Dennison. „Im Laufe der Bearbeitung der Übersetzung von Giger haben ich mehr als 3.200 Zitate aus klassischen, patristischen, mittelalterlichen, jüdischen, sozinianischen, lutherischen, arminianischen, anabaptistischen und reformierten Autoren extrahiert“ (3:647)

Empfehlungen

Turrettinis Institute kommen mit großen Empfehlungen. Sie wurde über viele Jahre hinweg bei der theologischen Ausbildung des Princeton Seminary unter Charles Hodge verwendet. Turrettini war ein Lieblingsautor von Jonathan Edwards, besonders über Punkte des Calvinismus und polemische Theologie. Paul Ramsay argumentiert, dass Edwards „nachweislich auf die Schriften von Turrettini aufbaute“ (Works of Jonathan Edwards, Yale 8:742). Der zeitgenössische Theologe Robert Duncan Culver erachtet Turrettini als den „Prinz des scholastischen Calvinismus“. Wayne Grudem erachtet die Institute einfach als einen „großartigen theologischen Text“. James Montgomery Boice schrieb: „Wenn es jemals ein großes theologisches Werk gab, das ungerechtfertigterweise vernachlässigt wurde, dann sind es François Turrettinis meisthafte Bände über die Gesamtheit der christlichen Lehre.“ John Frame schreibt: „Ich bin von Neuem beeindruckt von der wahren Größe von [Turrettinis] Leistung … Man kann einen tiefen pastoralen und geistlichen Zug in Turrettini finden … wunderbar erbauende Lehre.“ Paul Feinberg schreibt: „Man geht nie fehl, die Riesen zu lesen. François Turrettini ist ein Riese.“ Kürzlich gab Carl Trueman, Professor für historische Theologie am Westminster Seminary, bekannt, dass Turrettini zu seinen Lieblingswerken in der systematischen Theologie gehört.

Turrettinis Institute elenktischer Theologie werden zurecht als ein reformiertes Meisterstück erachtet. Turrettini ist relevant, hilfreich und wird sich in einer persönlichen Bibliothek über Jahre als fruchtbar erweisen. Dr. C. Matthew McMahon hat ein passendes Fazit geschrieben:

Unter den reformierten Theologen der Welt, sowohl gegenwärtige als vergangene, gehört François Turrettinis Institutio zu den größten protestantischen theologischen Werken, die je geschrieben wurden … Wir können Turrettinis Werk mit Luthers umfangreichen Produktionen, Calvins Schriften und anderen vergleichen. Aber, ich glaube, dass Turrettinis theologische Zusammenstellung und schiere Tiefe sie alle übertrifft. Manche mögen dem widersprechen, weil sie wissen, dass Calvin, Luther und andere die Grundlage für Turrettinis biblische Theologie boten, und das mag richtig sein, aber seine Logik, Ordnung und tiefe Einsicht in die Schrift scheint heller unter den Scholastikern als irgendein anderer, den ich kenne.“


Dieser Artikel von Tony Reinke erschien zuerst bei monergism.com. Übersetzung und Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung.