Die Bedeutung von 1. Mose 3,15

Artikel von Derek Thomas
30. März 2018
Bild: Ligonier

Mit der möglichen Ausnahme von Johannes 3,16 gibt es keinen Vers in der Bibel, der grundlegender und entscheidender ist als 1. Mose 3,15: „Und ich will Feindschaft setzen zwischen dir und der Frau, zwischen deinem Samen und ihrem Samen: Er wird dir den Kopf zertreten, und du wirst ihn in die Ferse stechen.“ Wie Alec Motyer schreibt: „Die ganze Schrift steckt nicht in jedem Teil der Schrift, aber wir können berechtigterweise erwarten, dass jeder Teil die ganze Schrift vorbereitet und Raum für sie lässt. Das ist es, was in 1. Mose 3,15 geschieht“ (Look to the Rock, IVP, Seite 34). Viele wichtige Punkte kommen sofort in den Sinn:

Erstens, der Vers begründet ein Prinzip, das sich durch das ganze Alte Testament zieht, wodurch die Erwartung eines Erlösers geschaffen wird, der ein Nachkomme (ein „Same“) von Adam und Eva sein würde. Verfrüht und völlig falsch nahm Eva an, dass ihr erstgeborener Sohn Kain die Erfüllung sein würde (1Mo 4,1). Auf die gleiche Weise nimmt Gottes Bund mit dem Erzvater Abraham bewussten Bezug auf das Thema eines „Samens“, dessen Echo so beständig erklingt wie eine Kirchenglocke (1Mo 12,7; 13,15-16; 15,3.13.18; 17,7-10.12.19; 21,21; 22,17-18; usw.). Keiner, der die Bibel liest, kann den Faden übersehen, der alles verbindet: Gott tut etwas in der Geschichte Israels, das seinen Ursprung in einer Verheißung hat, die er im Garten Eden gegeben hat. Wenn Maria entdeckt, dass sie ein Kind erwartet, gibt Gabriel ihr in Bezug auf ihren zukünftigen Sohn bekannt: „Dieser wird groß sein“ (Lk 1,32), wobei er klaren Bezug nimmt auf einen Ausdruck, der schon an Abraham und David erging (1Mo 12,2; 2Sam 7,9). Der „dieser“ ist natürlich Jesus. Die lateinische Vulgata übersetzte dieses Wort mit „sie“ und implizierte, dass es sich um Maria handelt, aber das war Exegese im Interesse eines Dogmas. Es ist nicht die Frau, die obsiegt, sondern ihr Same.

Zweitens, der Vers begründet Parameter, anhand derer Gott sein Volk von ihrer Sünde erlösen wird. Von der frühesten Zeit an wurde 1. Mose 3,15 das Protoevangelium genannt, weil es der erste Hinweis auf Gottes erlösende Absicht ist, die auf den Sündenfall im Garten Eden folgt. Als Adam und Eva den Bedingungen des Werkbundes nicht gehorsam waren (1Mo 3,6), zerstörte Gott sie nicht (was seiner Gerechtigkeit entsprochen hätte), sondern offenbarte ihnen stattdessen seinen Gnadenbund, indem er ihnen einen Retter verhieß (1Mo 3,15), der das Reich wiederherstellen würde, welches jüngst zerstört wurde. Gottes Gnadenmethode ist kostspielig: Die Ferse des Retters wird zerstochen werden. Das ist in dem Kontext offensichtlich eine Metapher, die im Kontrast zur Wunde steht, die die Schlange bekommt (das Zertreten ihres Kopfes), aber es wird sofort klar, was das beinhaltet – das Vergießen von stellvertretendem Blut. Das ist es, was hinter den Kleidern aus Fell steckt, mit denen Gott Adam und Eva bekleidete (1Mo 3,21). Blut musste vergossen werden, damit Sünde vergeben werden konnte, etwas, das erklärt, warum Abels Opfergabe (die Erstlinge seiner Schafe) angenommen wurde, aber Kains Opfergabe (von den Früchten des Erdbodens) nicht (1Mo 4,3-5). Der Weg ist nun klar: „ohne Blutvergießen geschieht keine Vergebung“ (Hebr 9,22).

Drittens, der Vers bietet eine kosmische Erklärung für das Durcheinander dieser Welt: Satan ist am Werk. Es stimmt, dass Satan hier nicht erwähnt wird, nur eine Schlange. Adam und Eva sind verantwortlich für ihre Taten und werden entsprechend bestraft, aber ihre Handlungen sind untrennbar verbunden mit der Tücke der Schlange. Sünde wird mit mehr erklärt, als nur mit dem „freien Willen“. Die Schlange ist Teil von dem, was „Gott der Herr gemacht hatte“ (1Mo 3,1), aber nicht länger in dem Zustand, in dem Gott sie geschaffen hatte. Das erste Buch Mose erklärt nicht den Ursprung und das Wesen dieser Rebellion (Sünde existierte vor dem Sündenfall in Eden), und dies wird nur teilweise an anderer Stelle gelüftet (1Chr 21,1; Hiob 1-2; Sach 3,1-2; und besonders 2Petr 2,4; Jud 6). Evas Sünde war mehr als etwas Internes; sie kam von außerhalb, so scheint 1. Mose 3,1 zu erklären. Hat die Schlange wirklich gesprochen? Wieso nicht? Aber sieh, wie sie in der Bibel wächst bis hin zum großen roten Drachen in Offenbarung 12! Die Schlange ist ein Mörder und ein Lügner (Joh 8,44) sowie ein Betrüger (2Kor 11,14; Eph 6,11).

Viertens, wird das Prinzip des Sieges des Reiches Gottes über das Reich der Finsternis von Anfang an begründet. Es hallt in Jesu Worten in Cäsarea Philippi wider: Die „Pforten der Hölle“ sind fest gegen die Kirche Jesu Christi ausgerichtet, aber Jesus vergewissert seine Jünger, dass die Kirche siegreich sein wird (Mt 16,18). Das Werk der Erlösung entfaltet sich im vom Feind besetzten Gebiet aus tödlichem und unermüdlichem Widerstand von Satan und seinen Dienern. Die Feindschaft ist von unvorstellbarer Gemeinheit und Grausamkeit, was wir zu unserem eigenen Schaden ignorieren. Die Geschichte der Erlösung hat in gewisser Hinsicht keinen Spannungsbogen bis zum Schluss, eine Erzählung, deren Ausgang unklar ist, bis man die letzte Seite gelesen hat. Das genaue Schicksal der Schlange im Feuersee wird nicht bis zum Schluss offenbart (Offb 20,10), aber von Beginn an ist sein Untergang besiegelt. Christliche Jüngerschaft geschieht im Kontext der Gewissheit des Sieges, statt der Erwartung einer Niederlage. Wir müssen ausgerüstet und bereit sein zum Kampf, aber mit der Gewissheit, dass die entscheidende Schlacht mit dem Feind schon geschlagen ist und gewonnen wurde!


Dieser Artikel von Derek Thomas erschien zuerst bei Ligonier Ministries. Übersetzung und Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung.