Neognostizismus

Artikel von Ligonier Ministries
17. Dezember 2017

Deren Diener bin ich geworden …, dass ich das Wort Gottes voll ausrichten soll, nämlich das Geheimnis, das verborgen war, seitdem es Weltzeiten und Geschlechter gibt, das jetzt aber seinen Heiligen offenbar gemacht worden ist. (Kol 1,25-26)

Die liberale Theologie, die im 19. Jahrhundert aufkam, plagt die Kirche bis heute. Sie war nicht nur vom radikalen Immanentismus Hegels und dem radikalen Subjektivismus Schleichermachers beeinflusst. Der Naturalismus, die Sicht, die davon ausgeht, dass nichts existiert außer dem physischen Universum, hatte auch einen tiefgreifenden Einfluss auf den Liberalismus. Das Resultat war eine Gruppe liberaler Theologen, die nicht an das Übernatürliche glaubten. Manche von ihnen leugneten sogar die Existenz eines persönlichen Gottes vollends.

Diese Männer versuchten, die vielen übernatürlichen Verweise in den Evangelien wegzuerklären, und verstanden die Wunder in rein materialistischen Begriffen. Die Speisung der Fünftausend sei beispielsweise keine übernatürliche Vermehrung von ein paar Broten und Fischen gewesen. Stattdessen sei Jesus in der Lage gewesen, diejenigen in der Menge, die Essen mitgebracht hatten, davon zu überzeugen, es mit den anderen zu teilen. Diese Theorie mag eine naturalistische Erklärung bieten, aber sie ignoriert vollkommen die Einzelheiten der Evangeliumsberichte (Mt 14,13-21; Mk 6,30-44; Lk 9,10-17; Joh 6,1-15). Sie zeigt auch, wie weit diejenigen, die solch eine Voreingenommenheit haben, gehen werden, um das Werk Gottes in Christus zu leugnen.

Rudolf Bultmann war eine sehr bekannte Person, die die Realität der Wunder als übernatürliche Ereignisse leugnete. Er lehrte, dass die Jünger, da sie nicht im zwanzigsten Jahrhundert lebten, die Bedeutung von Jesus durch legendhafte Geschichten (Mythen) erklärt hätten. Er argumentierte, dass das Neue Testament einen Kern historischer Wahrheit enthalte, der umschlossen sei von Mythen wie der Auferstehung, der Himmelfahrt usw. Indem er das apostolische Zeugnis (1Kor 15,14) vollkommen leugnete, behauptete Bultmann, dass die Historizität der Auferstehung unwichtig sei. Nur der Glaube der Jünger wäre entscheidend. Wie sie könnten auch wir eine persönliche Begegnung mit Christus haben und unsere „wahre Menschlichkeit“ finden.

Bultmanns Sinn ist unklar, aber zumindest vertritt er eine Art von Mystizismus im Kontrast zum biblischen Glauben. Das ermöglicht den Menschen, einen Christus nach ihrem eigenen Bild zu kreieren. Wenn Glaube nicht auf historischen Ereignissen beruht, wie wissen wir dann, dass wir alle dem gleichen Jesus folgen? Wie kann Christus das Objekt des christlichen Glaubens sein, wenn, wie es der Ansatz von Bultmann ermöglicht, wir alle einem anderen Jesus begegnen?

Coram Deo

Gnostizismus, eine weitverbreitete Irrlehre in der frühen Kirche, erklärte, dass die Rettung nur denen vorbehalten wäre, die im Besitz der geheimen Wahrheiten von Christus seien. Bultmann verfocht eine Art von Neognostizismus, eine vollkommen subjektive Begegnung mit Jesus, welche die Grundlage des christlichen Glaubens ist, den viele Menschen für sich in Anspruch nehmen. Eine persönliche Begegnung mit Jesus ist notwendig, aber wir glauben nicht nur, weil er „in unserem Herzen lebt“ (1Kor 3,16). Wir glauben, weil er wirklich zur Welt kam, wirklich starb und wirklich wieder auferstand.

Bibelstellen für weiteres Studium

5. Mose 10,21
Jesaja 6,5
Johannes 20,1-23
Römer 1,1-7


Dieser Artikel erschien zuerst bei Ligonier Ministries. Übersetzung und Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung.