Der Auftrag der Apologetik

Artikel von R. C. Sproul
14. September 2017
Bild: Ligonier

2. Mose 3 erzählt die bekannte Geschichte, wie Gott sich Mose im brennenden Busch offenbarte und ihn beauftragte, dem Pharao zu sagen, dass er die Israeliten aus ihrer Knechtschaft in Ägypten freilassen sollte. Aber das war nur ein Teil von Moses Mission. Der andere Auftrag, zu dem der Herr Mose berief, war, mit den Israeliten zu reden. Er sollte den Israeliten befehlen, im Namen Gottes mit dem größten Angriff der Geschichte zu beginnen. In absolutem Widerstand gegen die Macht und die Autorität des Pharaos sollten sie Ägypten verlassen und in die Wüste hinausgehen, um Gott an seinem Berg anzubeten. Und, wie wir wissen, endeten diese Ereignisse mit dem Auszug aus Ägypten.

Denk mal über den Auftrag von Mose nach. Mose, ein alter Mann, der jahrelang Schafe in der Wildnis gehütet hatte, sollte irgendwie einen Termin mit dem Pharao bekommen, dem mächtigsten Herrscher der damaligen Zeit. Aber in vielerlei Hinsicht war es noch schwerer, zu dem Volk Israel zu gehen und zu sagen: „Macht euch nichts aus den Streitwagen Ägyptens und den Armeen des Pharaos. Folgt mir und ich führe euch in das Verheißene Land.“ Welcher Sklave bei gesundem Verstand würde Mose beim Wort nehmen? Und das ist das Problem, das besonders in 2. Mose 4 angesprochen wird, wo Mose zu Gott sagt: „Aber siehe, sie werden mir nicht glauben und nicht auf mich hören, sondern sagen: Der HERR ist dir nicht erschienen!“ Und der Herr gab Mose viele Beweise, um den Israeliten zu zeigen, dass seine Behauptungen glaubwürdig waren.

In dieser Begegnung stellt Mose die Frage der Apologetik; die Frage, wie ein Gläubiger verteidigen kann, dass sein Glaube vernünftig ist. Er musste die Israeliten von der Wahrheit des Auftrags überzeugen und dass er von Gott kam. Er musste mit dem hauseigenen Problem der Apologetik fertigwerden, nämlich, die Kirche – das Volk Gottes – zu überzeugen, dass das Wort Gottes vertrauenswürdig ist und Ansprüche an ihr Leben stellt.

Der Auftrag der Apologetik, das heißt die Wahrheit des Christentums zu verteidigen, hat mindestens drei hauptsächliche Ziele. Ich denke, dass die meisten Christen zwei davon gut kennen. Erstens, Apologetik soll eine Antwort an die Kritiker des christlichen Glaubens liefern, an die, die die rationale Basis für das Christentum unterminieren wollen oder es vom Standpunkt einer anderen Philosophie oder Religion aus kritisieren. Paulus tat das in Apostelgeschichte 17, als er den Epikureern und Stoikern die Stirn bot, das heißt Nachfolgern von zwei verbreiteten philosophischen Schulen seiner Zeit. Frühchristliche Apologeten wie Justin der Märtyrer schrieben an den römischen Kaiser, um die Christen gegen falsche Beschuldigungen wie Atheismus (weil die Christen die römischen Götter nicht anbeteten) und Kannibalismus (weil die Heiden das Abendmahl falsch verstanden) zu verteidigen.

Das zweite hauptsächliche Ziel von Apologetik ist es, die intellektuellen Götzen unserer Kultur niederzureißen. Hier agiert Apologetik in der Offensive, indem sie Inkonsistenzen und Irrtümer von anderen Glaubensüberzeugungen und Weltanschauungen aufzeigt. Das dritte, und wie ich glaube wertvollste, Ziel von Apologetik ist es, die Heiligen zu ermutigen und die Gemeinde zu stärken – genau wie es das Hauptanliegen von Mose war, demonstrieren zu können, dass Gott ihn berufen hatte, um zu den Israeliten zu gehen und sie aus Ägypten herauszuführen. Mose war ein Apologet gegenüber seinem eigenen Volk.

Die schwersten drei Jahre meines Lebens waren meine Jahre in der Bibelschule, weil ich als eifriger Christ in einer Zitadelle des Unglaubens studierte. Jeden Tag wurden kostenbare Lehren unseres Glaubens von meinen Professoren brutal angegriffen. Ein Professor schalt einen Studenten in meiner Klasse, weil er zur Bibelschule mit zu vielen fertigen Überzeugungen gekommen war, wie der, dass Christus Gott ist. Ein anderer Professor griff einen Studenten an, als er über das Kreuz predigte. „Wie können sie es wagen, das stellvertretende Sühneopfer heutzutage zu predigen!“, sagte der Professor. Die Feindseligkeit in der Luft war geradezu greifbar, und das war entmutigend. Alle Arten von Fragen wurden gestellt, und obwohl ich die philosophischen Annahmen verstand, die hinter den Angriffen der Kritiker standen, gab es dennoch viele Fragen, die ich noch nicht fähig war, zu beantworten. Intuitiv wusste ich, dass diese Männer falsch lagen, aber ich konnte ihnen nicht antworten.

Zu der Zeit gab es im Prinzip eine bedeutende Bibelschule in den Vereinigten Staaten, die treu zur historisch-reformierten Theologie stand – Westminster Theological Seminary in Philadelphia. Nachdem mein Unterricht für den Tag zu Ende war, las ich gewöhnlich Westminster Professoren wie J. Gresham Machen, John Murray, Ed Stonehouse, Ed Young und andere. Und sie gaben mir die Antworten zu den Fragen, die ich hatte. Nach einer Weile, wenn ich eine Frage hörte, die ich nicht beantworten konnte, hatte ich die Gewissheit, dass Gott große Männer der Gelehrsamkeit aufgezogen hatte, die viel mehr wussten als ich und die fähig waren, diese skeptischen Fragen zu beantworten.

Ich sagte zum Ligonier Mitarbeiterstab vor vielen Jahren: „Die Arbeit, die wir in der Apologetik tun, wird vielleicht nicht in allen Einzelheiten verstanden werden von allen Christen, die sie hören. Aber wenn wir diese Fragen beantworten und die Glaubwürdigkeit des Christentums zeigen können, werden die Menschen in der Kirche durch die Stimmen des Skeptizismus nicht umgehauen, die sie umgeben.“ Wir kennen Studenten in unseren Gemeinden, die zur Universität gegangen sind – selbst zu angeblich „christlichen“ Institutionen – und eine Glaubenskrise erlitten. In vielen Fällen ist ihr Glaube schwer ins Wanken gekommen, weil sie täglich angegriffen, verhöhnt und verlacht wurden für ihren Glauben an Christus. Was solche jungen Menschen brauchen, ist der Auftrag der Apologetik innerhalb der Kirche, um ihre Ängste zu lindern. Und es sind nicht nur Studenten, sondern jeder von uns lebt in dieser gefallenen Welt. Weil Satan unseren Glauben nicht rauben kann, versucht er uns so einzuschüchtern, dass wir gelähmt und nicht so kühn sind wie vormals. Nicht jeder ist berufen, professioneller Apologet zu werden, aber wir sind alle berufen, apologetische Fragen zu studieren und zu erkennen, dass es Gründe gibt für die Hoffnung, die in uns ist.


Dieser Artikel von R.C. Sproul erschien zuerst bei Ligonier Ministries. Übersetzung und Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung.