Die Kirche zwischen Tempel und Moschee

Artikel von Kevin DeYoung
5. Januar 2016

Kommt es zu theologischen Kontroversen, führt mich mein Instinkt fast automatisch zu älteren Büchern. Als in den sozialen Netzwerken die Diskussion entbrannte, ob Muslime und Christen denselben Gott anbeten, griff ich zu Herman Bavincks Klassiker „The Church Between Temple and Mosque: A Study of the Relationship Between the Christian Faith and other Religions“.

Zu Beginn des Buches, wo Bavinck Vorüberlegungen anstellt, gesteht er ein, dass es durchaus Überschneidungen zwischen dem Christentum und anderen Religionen gibt, dass aber die grundlegenden Dinge des christlichen Glaubens den anderen religiösen Traditionen entgegenstehen, auch wenn ähnliche Begriffe verwendet werden. Er schreibt:

„Die Ähnlichkeit zwischen dem christlichen Glauben und anderen Religionen hat weitreichendere Konsequenzen. Eine davon ist, dass die Bibel in jede Sprache übersetzt und von allen Völkern gelesen werden kann. Es gibt synonyme Begriffe für Gott, den Schöpfer des Himmels und der Erde, oder auch für Sünde und Erlösung. Es muss beachtet werden, dass jeder dieser Begriffe, den wir aus einer anderen Sprache übernehmen, in Verbindung mit nicht-christlichen Konzepten steht. Im Kontext der Religionen, die der jeweiligen Sprache ihren Stempel aufgedrückt haben, besitzen diese Begriffe häufig eine andere Bedeutung. Ihr Gott ist ein anderer als der Vater unseres Herrn Jesus Christus. Ihre Vorstellung von Sünde unterscheidet sich völlig vom biblischen Konzept“ (S. 13-14).

Auf den letzten Seiten des Buches kommt Bavinck noch einmal auf diese zentrale Idee zu sprechen, indem er die Einzigartigkeit des christlichen Verständnisses von Gott vor uns ausbreitet und die Kirche dazu auffordert, Zeugnis von diesem Gott abzulegen.

„Wir haben gesehen, dass der Mensch, wenn es um seine Sicht von Gott geht, mit allerlei Bedenken zu kämpfen hat. Ist Gott der transzendente Gott, ein übergeordnetes Sein, das in einem fernen, unerreichbaren Land wohnt? Oder ist er eine mysteriöse, übernatürliche Kraft, die sowohl in der Natur als auch im Menschen Wohnung nimmt? Ist er ein ‚er‘ oder eine ‚sie‘ oder ein ‚es‘? Wie müssen wir uns Gott vorstellen? Wir sehen in der Geschichte der Religionen, dass der Mensch immer wieder mit dieser Frage gerungen hat. In masochistischer Leidenschaft verlangte er sogar manchmal danach, von einem furchtbaren Gott gedemütigt und bestraft zu werden. Die Menschen versuchten, Gottes Bild in der sie umgebenden Welt zu finden und stellten in dem Moment, in dem sie die göttliche Macht in der Welt entdeckten, dass sie selbst als ein Mikrokosmos, Teil dieser Macht waren. Die Menschen haben oft mit ihren Göttern herumgespielt und ihre Statuen zerbrochen, wenn sie feststellten, dass die Götter ihre Wünsche nicht erfüllten. Man ging davon aus, Gott sei wie der stille, unpersönliche, urzeitliche Ozean oder wie ein großes Feuer, in dem wir wie Funken aufleuchten und irgendwann wieder erlöschen.

Aber in all diesen Ideen über Gott sehen wir, dass wichtige Wahrheit unterdrückt werden. Gott ist anders, vollkommen anders, als wir ihn uns in unseren religiösen Vorstellungen jemals hätten kreieren können. In Jesus Christus allein, dem Logos, dem ewigen Wort, hören wir Seine Stimme und sehen Sein Bild.

Das muss das Zeugnis der Kirche sein, wenn sie in Berührung mit anderen Religionen kommt. Dieses Zeugnis muss ohne einen Anflug von Stolz erfolgen. Und es ist nicht nur eine Botschaft der westlichen Nationen an den Rest der Welt. Es ist Gottes Botschaft an alle Menschen, völlig egal, zu welchem Volk wir gehören.

Diese Botschaft dreht sich um das Reich Gottes, um Gott selbst und seine Welt, in der wir leben. Sie dreht sich um Jesus Christus, den Retter, auf dessen Leiden, Sterben und Auferstehung die Zukunft des Reiches gründet. Die Botschaft vom Reich Gottes ist zu einem gewissen Grad entlarvend, denn sie zeigt uns, wie sehr wir Gottes Offenbarung unterdrückt und ersetzt haben. Diese Botschaft offenbart, was im Menschen und in der Welt vorgeht und was Gottes Intention für alle Dinge und die Menschen ist. Diese Botschaft kann sich nicht in philosophische Argumentationen einhüllen, sie kann nichts ‚beweisen‘, sie ist nicht in jeder Hinsicht logisch. Diese Botschaft ist arm und klein in der Welt, wie auch Paulus‘ Botschaft, die er nicht mit vortrefflicher Rede oder Weisheit überbrachte (1Kor 2,1).

Diese Botschaft hat nur eine mächtige Waffe: Diejenigen, die sie gehorsam und treu überbringen und Gottes Hilfe und seinem Geist vertrauen, wissen, dass die Botschaft doch die Herzen der Menschen erreichen kann. Denn so sehr die Menschen auch in ihrer Sünde Gottes Wahrheit unterdrücken, besteht doch die Möglichkeit, dass ihre Herzen berührt werden, wenn das Wort des Evangeliums an sie herantritt. Dann werden die Kräfte der Widerspenstigkeit aufgehalten und der Mensch beginnt, zum ersten Mal zu verstehen, wer er wirklich ist, wer Gott ist und welches Ziel Gott mit seinem Reich hat. Das nennt die Bibel „Wiederherstellung“; die Wiederherstellung eines einzelnen Menschen als Zeichen der Wiederherstellung des gesamten Kosmos“ (S. 205-206).

Je herausfordernder die gegenwärtige Diskussion wird, desto wichtiger ist es, den Heiligen zuzuhören, die vor uns gelebt haben. Denn manchmal führt der Weg nach vorne über einen Blick in die Vergangenheit.


Kevin DeYoung, The Church Between Temple and Mosque
© TheGospelCoalition
Übersetzung und Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung.

Kevin DeYoung ist Senior Pastor der Christ Covenant Church in Matthews, North Carolina (USA), Vorstandsmitglied bei The Gospel Coalition und Assistenzprofessor für Systematische Theologie am Reformed Theological Seminary (Charlotte, USA). Er hat zahlreiche Bücher geschrieben, darunter Gott beim Wort nehmen (3L, 2016) und Leg einfach los (Betanien, 2017). Kevin und seine Frau Trisha haben acht Kinder.