The Chosen

Rezension von Andreas Münch
28. April 2022 — 10 Min Lesedauer

An Verfilmungen über das Leben Jesu mangelt es nicht. Ich erinnere mich noch gut an meine Kindheit, als der Jesus-Film bei Gemeindeveranstaltungen und Evangelisationen gezeigt wurde. Er schien nah an der Bibel zu sein, aber selbst mir als jungem Zuschauer fiel auf, dass der Film qualitativ nicht an die Hollywood-Produktionen heranreichte, die ich bereits kannte. Später, während meiner Jugendzeit, bekam ich nebenbei mit, dass es weitere Verfilmungen gab, die allerdings wenig mit der Bibel zu tun hatten oder geradezu blasphemisch waren (z.B. Die letzte Versuchung Christi oder Das Leben des Brian).

Dann erregte einige Jahre später Mel Gibson mit seinem Film Die Passion Christi einige Aufmerksamkeit. Wie der Titel schon andeutet, lag der Schwerpunkt auf den Leiden Jesu, die Mel Gibson im wahrsten Sinne des Wortes in seinem Film ausschlachtete. Keine Frage, Gibsons Beitrag war vom filmischen Aspekt qualitativ hochwertig, wenn er auch aufgrund der Brutalität kein Film für die breite Masse war.

Und dann kam The Chosen, die erste Serien-Verfilmung über das Leben Jesu, und begeisterte innerhalb kürzester Zeit ein Millionenpublikum – sowohl jung als auch alt.

Der Hintergrund von The Chosen

The Chosen ist eine Serien-Produktion von Film-Direktor Dallas Jenkins, die im Januar 2020 mit der Ausstrahlung der ersten Staffel ihren Anfang nahm. Insgesamt sind sieben Staffeln geplant, die das Leben Jesu darstellen, wie das Neue Testament es uns schildert. Das Besondere daran ist, dass es sich dabei um ein Crowdfunding-Projekt handelt. Hinter dem Vorhaben steht also keine reiche Hollywood-Firma oder ein anderes Wirtschaftsunternehmen. Stattdessen wird die gesamte Serie von den Zuschauern finanziert, die das Projekt mit ihren Spenden unterstützen und so die Produktion ermöglichen. Aktuell ist die zweite Staffel fertig gedreht und im englischen Original verfügbar. Ende Mai 2022 soll sie auf Deutsch erscheinen. Die dritte Staffel ist bereits vollständig finanziert und die ersten Spenden für die Produktion der vierten Staffel gehen ein. Nach eigenen Aussagen möchte Jenkins durch seine Serie eine Milliarde Menschen mit dem Evangelium von Jesus erreichen, weshalb die fertigen Staffeln auch kostenlos gestreamt werden können.[1]

Es ist ein ambitioniertes und spannendes Projekt, dessen Erfolg für sich spricht. Aber wovon handelt The Chosen eigentlich?

Komm und sieh, was sie sahen

Mit dieser Aufforderung wird der Zuschauer eingeladen, das Leben Jesu aus der Perspektive der Jünger und Zeitgenossen Jesu zu sehen. Auch wenn es natürlich um Jesus geht, liegt der Schwerpunkt der Serie auf seinen Jüngern, wie sie ihn sahen und erlebten. So heißt es im Werbetext zur Serie:

„Ein charismatischer Fischer, der in Schulden versinkt. Eine geplagte Frau, die mit echten Dämonen ringt. Ein begabter Zöllner, der von seiner Familie und seinem Volk geächtet wird. Ein religiöser Führer, der mit seinen Überzeugungen kämpft. Sieh Jesus durch die Augen derer, die ihm begegnet sind.“

In der ersten Staffel werden besonders die Geschichten von Petrus, dem Fischer, Maria Magdalena, der Besessenen, Matthäus, dem Zöllner und dem Pharisäer Nikodemus erzählt. Jeder Einzelne von ihnen hat mit persönlichen Herausforderungen zu kämpfen, als er Jesus von Nazareth begegnet und auf unterschiedliche Weise von ihm angezogen wird. Auch wenn die Produzenten natürlich die Evangelienberichte für die Serie ausschmücken mussten, wurde in diesem Fall nur die Geschichte von Petrus aus dramaturgischen Gründen mit weiteren Details angereichert. Im Fall von Maria Magdalena, Matthäus und Nikodemus griffen die Drehbuchautoren sehr präzise auf die Aussagen des Neuen Testaments zurück und bauten diese so in die Geschichten ein, dass man eine Vorstellung davon bekommt, wie sie ungefähr abgelaufen sein könnten.

Die erste Staffel besteht aus acht Folgen und zeigt u.a. die Berufung der ersten Jünger (vgl. Joh 1), die Dämonenaustreibung von Maria Magdalena (vgl. Lk 8,27), die Verwandlung von Wasser zu Wein auf der Hochzeit zu Kana (vgl. Joh 2), die Heilung eines Leprakranken (vgl. Mk 1,40–45), die Heilung des Gelähmten (vgl. 2,1–12) und die nächtliche Begegnung zwischen Jesus und Nikodemus (vgl. Joh 3). Am Ende der Staffel hat Jesus die ersten Jünger um sich geschart und zieht mit ihnen los. Die Botschaft für den Zuschauer ist deutlich: Das war erst der Anfang, jetzt geht es richtig los!

Ich kann The Chosen also einiges abgewinnen und bin gespannt auf die weiteren Staffeln, auch wenn es Aspekte gibt, die ich kritisch sehe. Doch zunächst möchte ich auf die positiven Seiten eingehen.

Was The Chosen richtig macht

The Chosen ist professionell gemacht: Christlichen Film-Produktionen haftet leider oftmals zu Recht das Klischee an, dass die Botschaft vielleicht stimmt, es aber an der Umsetzung scheitert. Diesen Vorwurf muss sich Dallas Jenkins nicht gefallen lassen. Vom filmischen Aspekt her macht The Chosen einfach Freude zu gucken. Hier waren definitiv Profis am Werk, die wissen, wie man Filme und Serien produziert. Die Geschichte ist so gut aufgezogen, dass tatsächlich Spannung aufkommt und man unbedingt wissen will, wie es weitergeht. Es klingt vielleicht etwas ironisch, wenn ich das schreibe, weil ich bereits „das Buch zum Film“ gelesen habe und natürlich schon genau weiß, was passieren wird.

Doch es sind nicht nur die Szenen, die sehr gut ausgewählt wurden – auch die Schauspieler machen einen guten Job. Mein Favorit ist Erick Avari, der schon in Blockbustern wie Die Mumie (1999) mitgewirkt hat und den Pharisäer Nikodemus meines Erachtens sehr überzeugend spielt.

The Chosen lässt die Zeit Jesu lebendig werden: Mir gefällt besonders gut, dass man ein realistisches Bild von der Welt bekommt, in der Jesus seinen irdischen Dienst tat. Als langjähriger Christ und studierter Theologe bin ich natürlich mit den Evangelien vertraut, aber oftmals überliest man viele Abschnitte und ist sich der Tragweite der Ereignisse nicht bewusst. Nehmen wir nur einmal das Beispiel der römischen Besatzungsmacht, die der jüdischen Bevölkerung ein Dorn im Auge war. Im Neuen Testament lesen wir an einigen Stellen, dass die Juden die Hoffnung hatten, dass Jesus sie als Messias von den Römern befreien würde (vgl. Apg 24,21). Was es bedeutet, ein Leben unter einer fremden und verhassten Besatzungsmacht zu führen, davon habe ich als deutscher Christ im 21. Jahrhundert natürlich überhaupt keine Vorstellung. In The Chosen wird sehr anschaulich dargestellt, welchen Einfluss die Römer auf das alltägliche Leben der Jünger und ihre Familien hatten. Somit hilft mir die Serie, die Welt der Evangelien besser zu verstehen.

„Wir vergessen oft, dass Jesus ganz normale Menschen gerufen hat, mit all ihren Freuden und Herausforderungen.“
 

Ein anderes Beispiel sind die Jünger selbst. Wir vergessen oft, dass Jesus ganz normale Menschen gerufen hat, mit all ihren Freuden und Herausforderungen. In The Chosen kommen Petrus, Andreas, Matthäus und die anderen Jünger erfrischend authentisch rüber. Jeder hat seinen eigenen Charakter, seine persönlichen Herausforderungen und Kämpfe. Sie streiten und scherzen miteinander. Und im Gegensatz zum Stereotyp sind sie nicht alle jenseits der vierzig und tragen einen langen Vollbart. Davon ausgehend, dass der Dienst von Petrus und den anderen Jüngern nach Jesu Himmelfahrt erst richtig losging, dürfte die Darstellung der Jünger der historischen Realität ziemlich nahekommen.

Kommen wir aber nun zum vermutlich wichtigsten Aspekt der Serie: der Darstellung von Jesus.

The Chosen präsentiert einen sympathischen Jesus

Die größte Herausforderung für jede Jesus-Verfilmung ist wohl die Darstellung des Sohnes Gottes. Meines Erachtens haben die Macher von The Chosen das beste Jesus-Porträt gezeigt, das ich kenne – gemessen an den Aussagen des Neuen Testaments.

Jesus wird von Jonathan Roumie gespielt – und der macht seine Sache wirklich gut. Gerade in der Begegnung mit notleidenden Menschen kommt die Barmherzigkeit Jesu sehr gut rüber. Jesus wird in The Chosen zwar recht humorvoll dargestellt, insbesondere wenn er sich mit seinen Jüngern oder mit einer Gruppe von Kindern unterhält. Doch das lässt Jesus nahbar erscheinen und betont besonders seine Menschlichkeit. Schließlich musste Jesus sich ja auch den Vorwurf gefallen lassen, ein „Freund der Sünder und ein Schlemmer und Weinsäufer“ zu sein (vgl. Mt 11,19). Auch die liebevolle Beziehung zu seinem himmlischen Vater wird schön dargestellt, wenn Jesus alleine ist und zu ihm betet.

Es gab viele Momente, in denen ich innehalten musste, weil mir wieder ganz neu bewusst wurde, was es für die Menschen damals und die Welt im Allgemeinen bedeutet, dass die zweite Person der Gottheit, Jesus Christus, als Mensch hier in Raum und Zeit auf der Erde war und uns Gott, den Vater, zeigte.

Somit wurde ich persönlich durch die Serie nicht nur unterhalten, sondern auch zum Nachdenken gebracht und konnte wieder neu über Jesus Christus staunen. Insofern sehe ich in der Serie ein großes Potenzial, viele Menschen mit dem Evangelium zu erreichen. Ich will jedoch nicht verhehlen, dass ich auch die Gefahr für ungesunde Entwicklungen innerhalb der Gemeinde sehe.

Gewöhn dich an anders?

Dem einen oder anderen mag aufgefallen sein, dass der zu Beginn des Artikels zitierte Werbetext „Komm und sieh …“ nicht mit dem Text auf den deutschen Filmen identisch ist. Er stammt von der englischen Originalversion. Der deutsche Werbetext lautet so:

Gewöhn dich an anders. The Chosen ist lebendig, berührend und zeitgemäß. Die Serie hebt sich völlig von anderen Jesus-Filmen ab, die es bisher gab. Ein Jesus, der so menschlich ist, wie man ihn noch nie gesehen hat: Warmherzig, humorvoll, einladend, echt. Und so unwiderstehlich göttlich, dass man begreift, warum die Menschen alles stehen und liegen lassen, wenn er sagt: „Komm mit mir!“

Mein größter Kritikpunkt betrifft den Werbetext der deutschen Version und weniger die Serie an sich. Denn während der englische Werbetext sich vornehmlich auf die Jünger konzentriert, suggeriert der deutsche Text, dass hier etwas völlig Neues geboten wird – quasi ein Jesus, wie ihn die Welt nie zuvor gesehen hat. Ich befürchte, dass viele The Chosen mit dieser Erwartung und diesem Verständnis schauen werden – als einen authentischen Bericht über das Leben Jesu.

Fakt ist jedoch, dass es nur eine wirklich authentische Quelle über das Leben Jesu gibt, nämlich die Bibel. Ich bin mir sicher, dass sich Jenkins und sein Team der Bibel verpflichtet fühlen. Meines Erachtens haben sie auch sehr gewissenhaft die „Lücken“ gefüllt, die sich ergeben, wenn man historische Berichte wie die Evangelien in einem ganz anderen Medium (Serienverfilmung) darstellen will.

„Begeisterung für eine Serie darf nicht automatisch mit einer echten Begeisterung für Jesus gleichgesetzt werden.“
 

Im besten Fall bewirkt die Serie bei den Zuschauern eine neue Begeisterung für die Bibel, wie es etwa bei meiner Frau der Fall war, die erneut dazu motiviert wurde, die Evangelien zu lesen. Ich befürchte jedoch, dass viele begeisterte Zuschauer, die bereits vorher nicht sehr bibelfest waren, jetzt noch weniger Anlass finden werden, die Bibel zu lesen. Denn Tatsache ist, dass es weniger Anstrengung kostet, eine Serie zu schauen, als die Bibel zur Hand zu nehmen.

Mein Fazit

Ich bin Jenkins dankbar für sein Projekt und freue mich schon auf die nächsten Staffeln. Allerdings wäre ich vorsichtig, den Hype um die Serie mit einer geistlichen Erweckung gleichzusetzen. Begeisterung für eine Serie darf nicht automatisch mit einer echten Begeisterung für Jesus gleichgesetzt werden. Erstere flaut schnell wieder ab, während letztere von einem veränderten Leben der Nachfolge gekennzeichnet ist.


[1]  https://watch.angelstudios.com/thechosen (abgerufen am 17.03.2022).

Andreas Münch ist mit Miriam verheiratet. Sie haben drei Söhne. Er hat Theologie studiert und arbeitet bei der Herold-Mission. Darüber hinaus schreibt er Fantasy-Romane und bloggt auf andreas-muench.com.