Musik im Gottesdienst

Rezension von Viktor Harder
29. April 2021 — 6 Min Lesedauer

Für viele Gemeinden gehört Musik genau so zu einem Gottesdienst wie die Verkündigung des Wortes Gottes. Warum ist das so? Wie trägt Musik dazu bei, Gott zu ehren? Und was sagt die Bibel zum Thema Musik im Gottesdienst? Diese und viele weitere Fragen werden in dem Handbuch: Musik im Gottesdienst von Daniel Dangendorf beantwortet.

Das dreiteilige Buch wird mit einer kurzen Geschichte der Musik in der Bibel eröffnet. Dabei schließt der Autor aus der Verschiedenartigkeit der Psalmen, dass Gottesdienstmusik mehr als Lobpreis sein sollte. Er stützt sich dabei auf die Themenkomplexität der Psalmen und untermauert seine These durch eine kurze exegetische Auseinandersetzung mit einschlägigen Stellen aus dem Neuen Testament (Eph 5,19f, Kol 3,16).

„Eine gute Gottesdienststruktur vermittelt das Evangelium.“
 

Im zweiten Teil („Geschichtliche Grundlagen“) liefert Dangendorf in dem Kapitel „Das Gute behalten“ einen Abriss über die Musik bei den Kirchenvätern und Reformatoren bis hin zur musikalischen Revolution. Anschließend geht er auf die Struktur des Gottesdienstes ein. Er lädt in diesem Kapitel dazu ein, dass der Aufbau des Gottesdienstes alle Aspekte des Evangeliums widerspiegelt. Es sollten nicht nur Lobpreislieder, sondern auch Lieder der Klage und des Sündenbekenntnisses, der Fürbitte und des Segen gesungen werden. Eine gute Gottesdienststruktur vermittelt das Evangelium und gibt Orientierung für das alltägliche christliche Leben.

Der dritte Teil geht auf praktische Grundlagen wie „Lieder auswählen“, „Lieder beurteilen“ und „Lieder begleiten“ ein. In allen drei Kapiteln erhält man wertvolle praxistaugliche Hinweise.

Verknüpfung von Praxisnähe und Exegese

Die große Stärke des Handbuchs liegt darin, dass es von einem Musiker geschrieben wurde, der gleichzeitig Theologe ist. Das merkt man deutlich, zum Beispiel daran, dass Praxisnähe zur Musik im Gottesdienst in verständlicher Weise mit sorgfältiger biblischer Exegese zusammentrifft. Es gefällt mir gut, wie er Fragen rund um Musik im Lichte der Bibel einordnet, was ich an zwei Beispielen deutlich machen will:

Die Rolle des „Lobpreisleiters“

Viele Lobpreisleiter orientieren sich bei der Anordnung der Lieder an dem sogenannten Tempel-Modell. Dabei wird der Tempel, wie wir ihn aus der Bibel kennen, als Gleichnis verwendet. Man stellt sich vor, wie man von außerhalb des Tempels (Alltag), über den äußeren Vorhof (Lobpreis) und den inneren Vorhof (Hinwendung zu Gott) in das Heiligtum (zur Ruhe kommen bei Gott) und das Allerheiligste tritt (Höhepunkt der persönlichen Gottesbegegnung). Daniel Dangendorf versteht es, das Tempelmodell zu skizzieren, es als Hilfe für die Struktur zu benennen, aber vor allem die Grenzen des Modells aufzuzeigen. Diese sieht er zum einen darin, dass Gläubige heute Gott nicht in einem Tempel, sondern in Geist und Wahrheit anbeten. Die Anbetung Gottes ist heute allein durch Jesus möglich (Joh 4,24). Es braucht heute keine besonderen Priester, die Menschen in die Gegenwart Gottes führen müssen. In die Gegenwart Gottes kommen wir durch den Hohepriester Jesus, denn „Christus ist unser Lobpreisleiter (Hebräer 2,12)“ (S. 56).

Diese biblischen Wahrheiten bewahren den Lobpreisleiter davor, sich selbst die Bürde aufzulegen, die Gottesdienstbesucher in die Gegenwart Gottes führen zu wollen. Er darf wissen, dass es nicht an seinen Fähigkeiten und der Liedauswahl liegt, ob Menschen Gott begegnen, sondern allein am Tod und der Auferstehung Jesu Christi: „Das Evangelium von Jesus Christus sollte Dreh- und Angelpunkt unsere Anbetung sein“ (S. 57).

Die Rolle der Musik im Gottesdienst

Seit wann ist Musik eigentlich ein fester Bestandteil des Gottesdienstes? Hier blickt Dangendorf auf die Beschreibung von Lukas über den Gottesdienst der ersten Christen in Apostelgeschichte 2,42. Dort werden vier Säulen des Gottesdienstes beschrieben: evangeliumsgemäße Lehre, die Gemeinschaft, die Feier des Abendmahls und das gemeinsame Gebet. Auch wenn Gesang oder Musik nicht ausdrücklich erwähnt sind, schließt Dangendorf, dass

„alle schöne Musik, die wir machen dürfen, im Gottesdienst gerade deshalb einen Platz hat, weil sie ein kleiner Baustein dieser vier Säulen sein darf. Im gemeinsamen Singen wird Gemeinschaft gefördert, die Wahrheit des Evangeliums auf einprägsame Art vermittelt und Gott gemeinsam im Gebet angerufen“ (S. 59).
„Im gemeinsamen Singen wird Gemeinschaft gefördert, die Wahrheit des Evangeliums vermittelt und Gott  angerufen.“
 

Dass das gemeinsame Singen schon in frühchristlichen Gottesdiensten Tradition war und auf die Lehre der Apostel zurückgeht, wird durch Verweise auf Aussagen von Paulus und Ignatius gestützt.

Hilfestellungen für die Praxis

Das Buch bietet neben theologischen und geschichtlichen Grundlagen auch viele wertvolle Hilfestellungen für die Praxis. Der Autor geht z.B. auf die Liederauswahl ein. Hier hat der Autor keinen Kriterienkatalog parat, sondern geht auf Prinzipien ein. Zur Sprache kommen zum Beispiel Themen wie Übersetzung, inhaltliche Bewertung der Texte, der Autor (Gefahr des Personenkults), die Singbarkeit (Melodieführung, Rythmus), die richtige Tonlage sowie die Abwechslung von anspruchsvollen und weniger anspruchsvollen Liedern.

Was dem Leser immer wieder begegnet, ist das Wort „gemeinsam“. So liegt die Betonung nicht auf dem Chorgesang oder solistischer Musik, sondern dem gemeinsamen Singen. Aber nicht nur der Gesang soll gemeinsam erfolgen. Dangendorf empfiehlt, die Liederauswahl nicht Einzelnen zu überlassen, sondern im Team (das sich z.B. aus Musikern und Pastor zusammensetzen kann) zu einer Auswahl zu kommen.

Wertschätzung verschiedener Traditionen

Im Vorwort beschreibt Dangendorf, dass er schon Teil unterschiedlicher Gemeinden war und somit auch unterschiedliche musikalische Traditionen in Gemeinden kennengelernt hat. Man merkt ihm seine Erfahrung an und spürt gleichzeitig eine Wertschätzung gegenüber verschiedenen Gemeindetraditionen und liturgischen Formen. Das zeigt sich auch in der Ausrichtung des

„Das Thema Musik hat schon oft Anlass für Streit gegeben. Deshalb sollte man hier vorsichtig und mit Weite vorgehen.“
 

Buches. Es propagiert keine bestimmte Tradition oder Ausrichtung. Es zeigt vielmehr Grundlagen aus der Bibel, der Geschichte und der Musik auf. Wer diese verinnerlicht, kann in seiner eigenen Gemeinde und den spezifischen Traditionen Gott und den Menschen im Gottesdienst durch die Musik dienen. Das bedeutet nicht, dass Traditionen nicht hinterfragt und aufgegeben werden können. Aber dies darf nicht das primäre Ziel sein. Das Thema Musik hat schon oft Anlass für Streit gegeben. Deshalb sollte man hier vorsichtig und mit Weite vorgehen. Das Ziel muss nicht Selbstverwirklichung, sondern Gottes Verherrlichung und die Erbauung der Gemeinde sein.

Vergeblich sucht man nach in dem Handbuch einem Kriterienkatalog oder gar eine Autorenliste, um Lieder zu bewerten. Ersteres hat der Autor zwar in der Vergangenheit erstellt, hat diesen aber als nicht praxistauglich befunden. Ebenso findet man keine Bewertung eines bestimmten Musikstils. Zu diesbezüglichen Fragen verweist der Autor auf sein Werk Musikethik für die Gemeinde. Das hier besprochene Handbuch baut gewissermaßen darauf auf.

Fazit: Nicht nur für Musiker

Das Buch Musik im Gottesdienst ist für Musiker und auch Nichtmusiker ein gelungenes Handbuch zu dem Thema. Es überraschte mich mit einer guten Lesbarkeit und gleichzeitiger Tiefe. Es beantwortet viele Fragen rund um das Thema. Es kann als Handbuch nicht jedes Thema umfassend behandeln, aber bietet viele wertvolle Literaturhinweise zur Vertiefung. Es motiviert letztlich, Gott mit Musik zu dienen und das zu seiner Ehre.

Buch

Daniel Dangendorf, Handbuch: Musik im Gottesdienst, Bonn: Verlag für Kultur und Wissenschaft, 2020. 148 S. 16,00 €.