Das Zeugnis von Lukas

Artikel von Robert Rothwell
21. Juli 2020 — 11 Min Lesedauer

Irgendwann im ersten Jahrhundert...

Stell dir für einen Moment vor, du bist Bürger des Römischen Reiches im ersten Jahrhundert. Du lebst in einer Zeit des Friedens und des Wohlstands unter der Herrschaft des Kaisers, den viele als „Herrn“ bezeichnen. Die meiste Zeit deines Lebens hast du die jüdische Sittenlehre bewundert, obwohl du den Brauch der Beschneidung ablehnst. Vielleicht bist du sogar ein Gottesfürchtiger geworden, ein Nichtjude, der den jüdischen Monotheismus angenommen hat, ohne die zeremoniellen Vorschriften des Mosaischen Gesetzes zu praktizieren.

Und jetzt stell dir vor, dass du gerade von einem Mann namens Paulus das Evangelium der Erlösung gehört hast. Dieser Apostel erklärte dir, dass nur Jesus Christus, Gottes Sohn, Herr genannt werden sollte, du aber trotzdem die zivilen Autoritäten respektieren musst. Dir wurde erzählt, dass diejenigen, die diesem Jesus nachfolgen, rechtmäßige Erben der Versprechen an das jüdische Volk werden können, ohne den jüdischen Sittenkalender, die Speisegesetze oder die Beschneidung einhalten zu müssen. Nachdem du diese gute Nachricht gehört hast, beginnst du, diesem Jesus als Teil der Sekte zu folgen, die Außenstehende abwertend als „Christen“ bezeichnen.

Viele von der griechischen Philosophie beeinflusste Heiden finden deinen Glauben daran, dass Gott in der Person des Jesus von Nazareth Fleisch geworden und von den Toten auferstanden ist, lächerlich. Zu deinem Ärger haben die meisten deiner jüdischen Freunde Jesus nicht als den Messias anerkannt. Manche sind sehr erstaunt darüber, dass ein Nichtjude denkt, dass Gott ihn als Abrahams Kind angenommen hat, ohne das Joch des Gesetzes tragen zu müssen. Um das Ganze noch komplizierter zu machen, sprachen Paulus und seine Freunde Petrus und Johannes darüber, dass viele, die sich Christen nennen, überhaupt keine Jünger Jesu sind. Menschen, die behaupten, Apostel zu sein, lehren falsche Dinge über das Leben und den Dienst Jesu.

„Jeder der vier Evangelisten hatte eine bestimmte Zuhörerschaft mit bestimmten Bedürfnissen im Sinn. Das beeinflusste sie bei der Entscheidung, welche Begebenheiten sie in ihren Schriften besonders hervorheben wollten.“

 

Was sollst du mit all dem anfangen? Wie kannst du wissen, dass Gott wirklich Mensch geworden und Jesus wirklich auferweckt wurde? Hast du irgendeinen Beweis dafür, dass ein heidnischer Nichtjude von nun an Teil der Geschichte Israels sein kann? Und wirst du in der Lage sein, zwischen denen, die die Wahrheit über Jesus erzählen und den Lügnern zu unterscheiden?

Warum gibt es vier Evangelien und nicht nur eines?

All das sollte uns darüber nachzudenken geben, aus welchem Grund man überhaupt ein Evangelium verfassen sollte, angefangen vom Lukasevangelium. Unser Leben lang besitzen wir Kopien des gesamten Neuen Testaments und denken vielleicht, dass die vier Evangelien in ihren Absichten und Schwerpunkten einheitlich sind. Zweifellos sind die vier Evangelien an alle Leser adressiert und zeigen uns verschiedene Fakten zu Jesus auf, damit wir ihn als Herrn und Erlöser annehmen. Jedoch hat keiner von ihnen in einem Vakuum geschrieben. Jeder der vier Evangelisten hatte eine bestimmte Zuhörerschaft mit bestimmten Bedürfnissen im Sinn. Das beeinflusste sie bei der Entscheidung, welche Begebenheiten sie in ihren Schriften besonders hervorheben wollten. Indem wir die Schwerpunkte der einzelnen Evangelien verstehen, bekommen wir ein viel besseres Verständnis von der Person und Arbeit von Christus, als wenn wir nur ein Evangelium hätten.

Das Evangelium von Lukas

Glücklicherweise beginnt das Lukasevangelium mit einer expliziten Aussage über das Ziel des Evangelisten –Theophilus durch eine geordnete Darstellung des Lebens Christi Gewissheit zu geben (1,1–4). Scheinbar zirkulierten zu dieser Zeit mehrere Geschichten über Jesus, wahrscheinlich Aufzeichnungen einzelner Begebenheiten seines Lebens und Lukas wollte daraus eine vollständigere Geschichte über den Dienst des Retters für Theophilus und andere Leser formulieren. Indem er von den unvollständigen Aufzeichnungen, den anderen Evangelien, Gesprächen mit Augenzeugen und so weiter Gebrauch machte, schrieb Lukas durch die Inspiration des Heiligen Geistes ein Schriftstück, dass auf die Sorgen des Theophilus einging.

Gott rüstete Lukas auf eine einzigartige Art und Weise aus, um das Leben und den Dienst unseres Retters geordnet wiederzugeben. Als Paulus treuester Reisebegleiter (2Tim 4,11) musste Lukas viele Informationen über Jesus bekommen haben, nicht nur von Paulus selbst, sondern auch von den Aposteln, mit denen Paulus in Kontakt stand. Wir wissen auch, dass Lukas ein ausgebildeter Arzt war (Kol 4,14), dessen Bildung einen Vorteil von unschätzbarem Wert bei der Nachforschung und dem Verfassen seines Evangeliums mit sich brachte. Außerdem war es Gott, der Theophilus zu Lukas Freund machte, ein Mann, dessen Zweifel an Jesus ausgeräumt werden mussten. Dieser Umstand gab Lukas die nötige Motivation, ein Evangelium zu schreiben, bei dem er sich mit den Fragen des Theophilus beschäftigte und uns einen Blick auf die Absichten Gottes gewährt, den wir sonst vielleicht nicht bekommen hätten.

Lukas zeigt zum Beispiel auf, dass der Gott Israels, Jahweh, auch der Herr der Heiden ist und diese ihm sehr am Herzen liegen. Matthäus, Markus und Johannes sprechen diesen Punkt auch an, doch er wird vor allem in dem Werk von Lukas betont. Wie von einem Nichtjuden zu erwarten (obwohl Lukas eventuell vorher schon zum zum Judentum konvertiert war), ist das Griechisch, in dem er sein Evangelium verfasst hat, kultiviert und literarisch hochwertig. Gibt es einen besseren Weg für Gott, seine Liebe zu den Heiden unter Beweis zu stellen, als einen von ihnen zu inspirieren, das Leben seines Sohnes niederzuschreiben? Lukas bringt das Anliegen Jahwes an die Nationen auch in der Genealogie Jesu in Lukas 3,23–38 zum Ausdruck. Der Evangelist verfolgt die Spur der menschlichen Vorfahren Jesus zurück bis hin zu Adam, wobei er aufzeigt, dass der jüdische Messias ebenfalls von Heiden abstammt, da jeder zwischen Adam und Abraham ein Nichtjude war.

Ein besonderer Blick auf die Weltgeschichte

Der dritte Evangelist verweist auch auf die Liebe des Vaters für die Nationen durch sein besonderes Anliegen an der Weltgeschichte. Natürlich sind alle vier Evangelien, zusammen mit der Heiligen Schrift, historisch akkurat und beschäftigen sich mit Gottes Werk in der von Historikern erfassten Zeit. Trotzdem gibt uns die historische Struktur des Lukasevangeliums einen einzigartigen Blick auf das Vorhaben des Schöpfers, Menschen aus allen Nationen zu erlösen. Strukturell gesehen ist in Lukas Schriften, zu denen sein Evangelium und die Apostelgeschichte gehören, eine dreistufige Weiterentwicklung des Werkes Gottes in der Weltgeschichte erkennbar. Lukas 1,1–3,22 hebt das Werk des Allmächtigen in Israel hervor, wodurch die erste Ära der Weltgeschichte zur Ära der jüdischen Nation wird, in der Gott ein heiliges Volk dazu vorbereitete, den Retter zur Welt zu bringen. Lukas 3,23 – Apostelgeschichte 1,26 steht für die Ära des Dienstes von Christus auf der Erde, die zweite Stufe der Weltgeschichte, in der Jesus über die Macht der Sünde, des Todes und den Satan siegte und Gottes Herrlichkeit vor den Juden und Heiden, wie zum Beispiel Pontius Pilatus, bezeugte. Apostelgeschichte 2–28 und die gesamte Kirchengeschichte bis zur Wiederkunft Jesu (angedeutet in Apg 28,28) ist die Zeit der Erlösung aller Völker, was Gott durch die vom Heiligen Geist gestärkte Gemeinde bewirkt. Während dieser dritten Phase der Menschheitsgeschichte wird das Evangelium von Jerusalem bis an die Enden der Welt verbreitet, indem der Heilige Geist die Gemeinde dazu bewegt, Gottes Gnade in Christus allen Nationen zu verkünden. Das Schlüsselereignis dieses Zeitraums ist die Ausweitung des Evangeliums und des Geistes auf die Nichtjuden in der Bekehrung des Cornelius, ein Zeichen dafür, dass sogar Heiden „den Weg zum ewigen Leben“ (Apg 10,1–11,18) finden können.

„Gibt es einen besseren Weg für Gott, seine Liebe zu den Heiden unter Beweis zu stellen, als einen von ihnen zu inspirieren, das Leben seines Sohnes niederzuschreiben?“

 

Lukas besonderer Fokus auf die Weltgeschichte hilft auch dabei, die Leser von der Wahrhaftigkeit des Evangeliums zu überzeugen. Nur wenige andere biblische Autoren können solch eine Anzahl an Verweisen zu Personen oder Begebenheiten in der säkularen Geschichte, wie sie in Lukas und der Apostelgeschichte zu finden ist, vorweisen. Wir lesen, dass Jesus geboren wurde, als Augustus der Kaiser und Quirinius der Römische Statthalter Syriens war (Lk 2,1–7). Diese Aussage gibt der Menschwerdung einen realen Zeitrahmen und entkräftigt jeden, der behauptet, die Geschichte sei ein Mythos oder fand außerhalb der Menschheitsgeschichte statt. Ebenso verweist Apostelgeschichte 11,27–30 auf eine Hungersnot, die „sich während der Lebzeiten Claudius ereignete“, und fügt somit die Taten Gottes in die reale Geschichte ein. Das zeigt uns, dass der Herr es nicht für unwürdig hält, in der Zeit zu wirken. Für den griechischen Verstand, der die Welt als böse und unwürdig göttlicher Beachtung empfand, war die Tatsache, dass Gottes Wirken in die reale, physische Welt eingeordnet werden konnte, etwas grundlegend neues. Es war ein Beweis dafür, dass Gott nicht nur die geistliche Welt, sondern auch das Reich des Materialismus, der Menschen und Gegenstände erlösen wird.

Eine Botschaft für Verstoßene

Die klar erkennbare Adressierung speziell an Griechen und andere Heiden, die wir in Lukas Schriften erkennen können, ist wahrhaftig eine gute Nachricht für all die, die nicht zum israelitischen Bund gehören und hoffnungslos sind. Wenn sogar der Ausgestoßene errettet werden kann, dann gibt es eine echte Hoffnung für die gefallene Welt. Und das Lukasevangelium zeigt uns, dass Gott seine Liebe nicht nur Ausgestoßen schenkt, sondern auch denen, die innerhalb der jüdischen Nation als Ausgestoßene gelten. Im ersten Jahrhundert behandelte man Frauen in der jüdischen Gesellschaft herablassend, doch Christus zeigte seinen Respekt ihnen gegenüber, indem er sie genau so lehrte wie die Männer (Lk 10,38–42). Das war ein revolutionäres Handeln, da die meisten Rabbis keine weiblichen Nachfolger akzeptierten. Lukas erzählt uns, dass einige reiche Frauen Jesus Mission finanziell unterstützten (Lk 8,1–3) und er zeigt auf, wie treu sie in Zeiten größter Not zu Jesus hielten, während seine männlichen Jünger schon bei den ersten Anzeichen von Schwierigkeiten flohen.

„Stattdessen deutet diese Sorge um die Armen darauf hin, dass unser Schöpfer diejenigen auserwählt, die die Gesellschaft normalerweise vergessen oder ausstoßen würde.“

 

Arme galten auch als Ausgestoßene, da viele Juden des ersten Jahrhunderts glaubten, Gerechtigkeit und Wohlstand gehen Hand in Hand. Auf die Armen geht das Lukasevangelium ebenfalls besonders ein. Lukas sagt, dass Gott sich besonders um die Armen kümmert. Maria und Joseph waren nach weltlichem Standard arm, denn sie konnten im Tempel nur Tauben opfern. Paradoxerweise war das Paar jedoch über alle Maßen reich, denn ihnen wurde die Aufgabe übertragen, den Messias großzuziehen. Durch die Aussage des Herrn, dass das Himmelreich den Armen und Hungrigen, die ihr Vertrauen auf Jesus setzen, gehört, zeigt Lukas auch, wie wichtig Jesus die Menschen in Not sind. Natürlich bedeutet das nicht, dass Arme auf irgendeine Weise von Natur aus gerecht oder der Liebe Gottes würdig sind. Stattdessen deutet diese Sorge um die Armen darauf hin, dass unser Schöpfer diejenigen auserwählt, die die Gesellschaft normalerweise vergessen oder ausstoßen würde. Sein Reich existiert nicht für die Starken und Mächtigen, sondern für die Demütigen und Schwachen und für die Armen, denn diese können sich nicht auf materielle Güter verlassen und sind sich ihrer Schwäche oft am meisten bewusst. Solch eine geistliche Armut wird von all denen erwartet, die errettet werden wollen, ob sie nun materiell erfolgreich sind oder nicht.

Menschlich gesehen gab es keinen Grund für Lukas, genau diese Aspekte aus dem Leben und Dienst Jesus zu dokumentieren. Er hätte sich auch dafür entscheiden können, andere Begebenheiten niederzuschreiben, denn er hatte, wie die anderen Evangelisten, keinen Mangel an Material, auf das er zurückgreifen konnte (Joh 21,25). Unter der Leitung des Heiligen Geistes jedoch gab uns Lukas ein Evangelium, das uns die Glaubwürdigkeit des christlichen Glaubens im Licht der Weltgeschichte verdeutlicht und das Anliegen des Allmächtigen an Heiden und andere Ausgestoßene betont. Wir können dankbar dafür sein, dass Lukas speziell auf diese Themen eingeht, denn das gibt allen, Juden und Heiden gleichermaßen, eine wahre Hoffnung, dass Gott in die Geschichte eingegriffen hat und dass diejenigen, die an seinen Sohn glauben, nicht ewig als Ausgestoßene gelten werden.