Lieblingsbuch: 3. Mose?

Vier Dinge, die geschehen, wenn man sich länger als zehn Jahre mit dem Buch Levitikus beschäftigt

Artikel von Jay Sklar
13. Juli 2020 — 9 Min Lesedauer

Was geschieht, wenn man sich mit dem Buch Levitikus mehr als zehn Jahre lang beschäftigt? Ich kenne die Art von Antworten, die viele Menschen geben würden:

  • „Du lernst deinen Psychotherapeuten richtig gut kennen.“
  • „Du wirst nicht mehr zu Partys eingeladen.“

Oder aber die häufigste Antwort:

  • „Ist die Frage ernst gemeint? Wer um alles in der Welt würde dies tun?“

Ich habe es getan. Und es hat mein Leben auf eine Art verändert, die nichts mit den obigen Antworten zu tun hat. Meiner Erfahrung nach geschehen mindestens vier tiefgreifende Dinge, wenn dieses Buch anfängt, in deine Seele hineinzusickern.

1. Es hungert dich mehr nach Gottes Heiligkeit

Im Rahmen eines Seminars habe ich einmal ein Semester lang über das Buch 3. Mose gelehrt. (Es gab wirklich Leute, die sich dafür einschrieben.) Eine der letzten Aufgaben für die Klasse war, über eine volle Woche hinweg so viele Gesetze aus Levitikus wie möglich einzuhalten. Während viele Juden dies auch heute noch ständig tun, war das für nichtjüdische Seminarstudenten – von denen die meisten wohl noch nie einen weiteren Gedanken daran verschwendet haben, ob sie zu ihren Eiern Speck essen dürfen – eine herausfordernde Aufgabe.

Während dieser Woche mussten die Studenten ihre Erfahrungen in einem Tagebuch festhalten und dieses dann an mich abgeben. Da gab es verständlichen Frust. Ein Student vermerkte: „Levitikus 19,19 besagt, keine aus zweierlei Stoffen gefertigte Kleidung zu tragen. Das disqualifiziert den Inhalt meines gesamten Kleiderschranks mit Ausnahme einer Jogginghose aus Polyester. Das wird eine lange Woche werden.“ Andere hielten ähnliche Beobachtungen fest.

Gott möchte, dass ich den ganzen Tag lang und in jedem Bereich meines Lebens nach Reinheit strebe, in meinem Herzen, in meinem Leben, in meinen Handlungen.“

 

Das bei weitem am meisten verbreitete Thema aller Tagebücher ließe sich etwa folgendermaßen formulieren: „Jeden Tag war ich dabei, mir über rituelle Reinheit und Unreinheit Gedanken zu machen. Nach der Hälfte der Woche realisierte ich, dass ich den ganzen Tag lang und in jeder Lebenslage über diese Dinge nachdachte, und dann traf es mich wie ein Blitz: Gott ist unsere Reinheit und Heiligkeit sehr wichtig. Und dies nicht nur aus ritueller, sondern auch aus moralischer Sicht. Gott möchte, dass ich den ganzen Tag lang und in jedem Bereich meines Lebens nach Reinheit strebe, in meinem Herzen, in meinem Leben, in meinen Handlungen. Er will, dass ich seine Heiligkeit widerspiegle in allem, was ich tue. Ich habe Heiligkeit viel zu sehr auf die leichte Schulter genommen! Oh Herr, hilf mir, heilig zu sein!“ Dies sind die Gebete, die du zu beten beginnst, nachdem du einmal angefangen hast, dich auf Levitikus einzulassen.

2. Deine Gottesfurcht nimmt zu

Zu Beginn von 3. Mose 10 lesen wir die Geschichte von Nadab und Abihu. Sie wurde von meinen Hebräischstudenten im letzten Semester übersetzt und hat sie zutiefst berührt.

Nadab und Abihu waren Priester, was bedeutet, dass ihnen spezielle Pflichten oblagen, den Gottesdienst von Gottes Volk zu leiten. Meine Studenten verstanden sofort, da sich viele von ihnen darauf vorbereiten, Pastoren zu sein, und ebenfalls spezielle Pflichten innehaben werden, den Gottesdienst von Gottes Volk zu leiten. Die Geschichte beginnt damit, dass Nadab und Abihu Gott ein Opfer darbrachten, das er ihnen nicht geboten hatte (3Mose 10,1). Der Zusammenhang macht deutlich, dass die beiden versuchten, sich Zugang zum Allerheiligsten – dem Thronsaal Gottes – zu verschaffen, ohne eingeladen worden zu sein. Wenn das ungebetene Eintreten in den Thronsaal eines irdischen Königs bereits eine ernsthafte Verletzung königlicher Etikette und ein Zeichen grober Respektlosigkeit darstellte (vgl. Est 4,11), dann war das unerlaubte Betreten des Thronsaals des Königs des Himmels eine unvorstellbar große Gotteslästerung.

Der Herr stellt seine Ehre wieder her, indem er Feuer sendet, das die gotteslästerlichen Priester verzehrt (3Mose 10,2), und indem er die Warnung ausspricht: „Ich will geheiligt werden durch die, welche zu mir nahen, und geehrt werden vor dem ganzen Volk!“ (3Mose 10,3). Der Herr lässt die gesamte priesterliche Familie kurzum wissen: „Wenn euer Verhalten nicht sichtbar werden lässt, dass ich mich von allem anderen abhebe als der Gott, der aller Ehre wert ist, dann werde ich anhand eures Todes das ganze Volk daran erinnern, dass ich tatsächlich der einzige Gott bin, der über alles andere gefürchtet werden soll.“

Klarer denn je wurde uns bewusst, dass mit Gott nicht leichtfertig umgegangen werden darf.

 

An jenem Tag entstand ein Moment heiligen Schweigens im Klassenraum, als diese Wahrheit unsere Herzen zu ergreifen begann. Klarer denn je wurde uns bewusst, dass mit Gott nicht leichtfertig umgegangen werden darf. Und es wurde uns mehr denn je bewusst, dass er diejenigen speziell zur Verantwortung ziehen wird, die den Gottesdienst seines Volkes leiten (vgl. Jak 3,1). Wir kamen nicht umhin, ihn mehr denn je zu fürchten.

3. Deine Liebe zu Jesus wird tiefer

Zu Beginn meines Studiums des Buches Levitikus zogen meine Frau und ich nach England, weil ich unter der Anleitung eines evanglikalen Wissenschaftlers namens Gordon Wenham im Fach Altes Testament promovieren wollte. Dreieinhalb Jahre lang konzentrierte ich mich darauf, was in den Büchern Exodus, Levitikus und Numeri über Sünde und Unreinheit gelehrt wird und was sie über Gottes Problemlösung für diese Dinge sagen.

Nach ca. zwei Jahren Studium widerfuhren mir neuartige Dinge, wenn ich den Gottesdienst besuchte. Wann immer ein Lied gesungen wurde, in dem Begriffe wie Opfer oder Sühne erwähnt wurden, oder dass Gott uns von unseren Sünden freigekauft hat, musste ich gegen die Tränen ankämpfen. Natürlich waren alle diese Gedanken nicht neu für mich; schließlich war ich mein ganzes Leben lang zur Kirche gegangen. Aber 3. Mose half mir, noch klarer zu erkennen, wie weit der Herr ging – in seiner Liebe zu schuldigen Sündern wie mir –, um einen Weg zur Sündenvergebung zu erwirken.

Dies wird besonders deutlich in einem Vers wie 3. Mose 17,11, der aussagt, dass der Herr es den Israeliten erlaubte, ihr eigenes sündhaftes Leben von seinem Gericht freizukaufen, indem sie das Blut eines makellosen Tieres an der Stelle ihres eigenen Blutes opferten. Bedeutungsvollerweise unterstreicht der Herr seine eigene Rolle dabei, dass die Sühnung möglich wird, indem er dem Vers ein zusätzliches „ich“ beifügt: „Und ich habe es euch auf den Altar gegeben, um Sühnung zu erwirken für eure Seelen.“ Gott kehrt den Opfergedanken komplett um! Es ging nicht einfach darum, was die Israeliten dem Herrn gaben. In erster Linie ging es um das, was er ihnen in seiner Gnade darreichte, damit sie Sühne für ihre Sünde erfahren würden und die Vergebung, nach der sie so verzweifelt verlangten.

Mit Jesus wird es noch besser. Zu Zeiten des Alten Testaments mussten die Israeliten noch ein Sühneopfer als Lösegeld für ihr Leben darbringen und opfern. Im Neuen Testament bringt der durch uns entehrte König selbst – in seiner unaussprechlich großen Liebe – das Sühneopfer dar für die, die gegen ihn gesündigt hatten. Paulus fasst dies wunderschön zusammen: „Gott aber beweist seine Liebe zu uns dadurch, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren!“ (Röm 5,8; vgl. Joh 3,16).

Deshalb erinnere ich mich auch Jahre danach jedesmal, wenn ich das Abendmahl nehme, an 3. Mose 17,11 – und es fällt mir immer noch schwer, Lieder zum Thema Opfer zu singen, ohne Tränen der Dankbarkeit zu vergießen für Jesus, der „sich selbst für uns gegeben hat als Darbringung und Schlachtopfer, zu einem lieblichen Geruch für Gott“ (Eph 5,2).

4. Die Liebe zu deinem Nächsten wird umfassender

Eine der bekanntesten Tatsachen über die Bibel ist die, dass sie uns damit beauftragt, „unseren Nächsten zu lieben wie uns selbst“. Eine der am wenigsten bekannten Tatsachen aber ist die, dass dieser Vers zum ersten Mal in 3. Mose 19,18 erscheint. Und im dortigen Zusammenhang geht es um viel mehr als nur darum, nett zu sein und dem kranken Nachbarn den Rasen zu mähen. Unter Anbetracht des gesamten Verses wird klar, dass die Nächstenliebe beinhaltet, dass wir das Unrecht anderer genauso schnell vergeben wie unser eigenes: „Du sollst nicht Rache üben, noch Groll behalten gegen die Kinder deines Volkes, sondern du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst! Ich bin der HERR.“ Unseren Nächsten zu lieben bedeutet, denen mit Barmherzigkeit und Vergebung zu begegnen, welche uns Unrecht getan haben – und das aus dem Grund, weil wir dem Herrn folgen, der uns seine Barmherzigkeit und Vergebung in so reichlichem und großzügigem Maße anbietet (Ps 86,5; Jer 3,12; Hes 33,11; 1Joh 1,9).

Das ist aber noch nicht alles. Wenn wir die umliegenden Verse betrachten, weitet sich das Anwendungsfeld der Nächstenliebe dahingehend aus, dass es schlussendlich die Verkörperung von Gottes heiligem Charakter in allen unseren täglichen Belangen umfasst, angefangen mit Geschäftspraktiken (3Mose 19,9–10.35–36) über Gerichtssachen (Verse 15-16.35a), Familienangelegenheiten (Verse 3a.29) und den rechten Umgang mit Armen und Benachteiligten (Verse 9-10.13-14.33-34) bis hin zu sozialen Beziehungen im Allgemeinen (Verse 11-12.17-18.32). Anders ausgedrückt: unsere Nächsten zu lieben bedeutet mindestens, ihnen vom herrlichen Evangelium Jesu zu erzählen (was ich als die vorrangige Art der Nächstenliebe erachtete, als ich noch ein junger Christ war); aber es beinhaltet noch so vieles mehr. Versöhnung anstreben, Barmherzigkeit schenken, sich um Gerechtigkeit in Geschäftssachen und vor Gericht bemühen – all diese Dinge sind Gelegenheiten dazu, unsere Nächsten zu lieben und ihnen dabei Gottes Erbarmen, Gerechtigkeit und Liebe zu bezeugen.

Während das Buch Levitikus die Wichtigkeit der Trennung von Geweihtem und Nicht-Geweihtem, von Heiligem und Nicht-Heiligem betont, hebt es auch hervor, dass alltägliche Handlungen der Freundlichkeit, der Liebe und des Erbarmens unglaublich heilig sind, weil in ihnen die unvorstellbar große Freundlichkeit, Liebe und Barmherzigkeit des Einen aufscheinen, welcher unübertreffbar heilig ist.

So hatte ich das mit der Heiligkeit früher nie gesehen. Aber so sieht es 3. Mose. Und so sieht es Jesus (Lk 10,29–37). Welche Veränderung würden unsere Kirchen erfahren, wenn wir alle damit anfingen, Heiligkeit auf diese Weise zu sehen?

Wir brauchen mehr Levitikus.

Jay Sklar ist Professor für Altes Testament am Covenant Theological Seminary in St. Louis (Missouri, USA). Seine Doktorarbeit unter Prof. Gordon Wenham behandelte die Opfertheologie (Sin, Impurity, Sacrifice, Atonement: The Priestly Conceptions). Inzwischen ist auch ein Kommentar zu Levitikus (Tyndale Old Testament Commentaries) von ihm erhältlich.