Meine Zusammenarbeit mit Ravi Zacharias

Drei Lektionen

Artikel von Sam Allberry
23. Mai 2020 — 6 Min Lesedauer

In meinem Büro befindet sich ein 20 Jahre altes zerknülltes Stück Papier, das ich sorgfältig abgeheftet habe. Es ist zerknüllt, weil es das einzige war, was ich zur Hand hatte, als ich dringend etwas zum Schreiben brauchte. Und es ist sorgfältig abgelegt, weil auf jeder freien Fläche dieses Stück Papiers Notizen aus dem ersten Vortrag gekritzelt sind, den ich je von Ravi Zacharias hörte.

Ravi sprach Anfang der 2000er Jahre auf einer evangelistischen Veranstaltung für Studenten an der Universität Oxford. Ich hatte seinen Namen von anderen schon gehört, hatte ihn aber noch nie selbst sprechen sehen. Zu dieser Zeit arbeitete ich für einen Missionsdienst auf dem Campus in Oxford und ging hin, um ihn zu hören. Es war, wie ich heute weiß, ein klassischer Ravi – von hoher Qualität, prägnant und überzeugend.

„Ravi war ein so wirksamer Evangelist, weil er sich vor allem als Hirte und Seelsorger für Ungläubige verstand.“

 

Aber es war vor allem die ausgedehnte Fragestunde im Anschluss, die mich wirklich aufhorchen ließ. Ravi wurde zu den unterschiedlichsten Themen befragt, von der Homoehe bis zur Quantenphysik; was mir dabei auffiel, war jedoch nicht so sehr seine Sprachfähigkeit in allen diesen Bereichen (obwohl das an sich schon keine Kleinigkeit ist), es war die Art und Weise, wie er redete. Ravi war jemand, der solche Dinge seit Jahrzehnten tat, aber keine seiner Antworten fühlte sich wie eine mehrmals aufgewärmte Phrase an. Er beantwortete die Fragen erfrischend, persönlich und respektvoll. So beschrieb ich den einzigen Zettel, den ich bei mir hatte – ein zerknülltes Blatt Papier in meiner Tasche mit den Ergebnissen eines zuvor besuchten Meetings, – und kritzelte wild herum, wo immer ich konnte – an den Rändern, in den Lücken, und das in einer immer kleiner werdenden Schriftgröße, damit es so gut wie möglich darauf passte.

Es ist vier Jahre her, dass ich angefangen habe, für Ravi Zacharias International Ministries (RZIM) als Reiseprediger zu arbeiten. Ich hatte mehrfach Gelegenheit, Ravi in Aktion und hinter den Kulissen zu erleben. Heute sind wir ein großes, global agierendes Team mit etwa 100 Rednern aus allen Teilen der Welt, doch niemand prägte wie Ravi den Ton und die Kultur des Teams.

Hier sind drei Dinge, die ich aus der Zusammenarbeit mit Ravi gelernt habe.

1. Die Person zählt mehr als ihre Frage

Ich habe mich nie wirklich als Evangelist gefühlt. Jedes Bild, das mir in den Sinn kommt, wenn ich dieses Wort höre, ist ein Bild von etwas, das ich nicht bin – gesellig, extrovertiert, oder überaus selbstsicher.

Aber Ravi war ein so wirksamer Evangelist, weil er sich vor allem als Hirte und Seelsorger für Ungläubige verstand. Er richtete den Blick direkt auf die Person, unabhängig von ihrer Frage oder ihrem Verhalten. Wenn er von seinen Reisen zurückkam und dem Team davon berichtete, erwähnte er immer bestimmte Personen, für die wir beten sollten, besonders für solche, die tiefe Wunden und Schmerzen hatten. „Antworte dem Fragesteller, nicht der Frage“, sagte er oft. Wenn ein Student sich einem Mikrofon näherte, um eine Frage zu stellen, sah er weder eine Herausforderung, die es zu bewältigen galt, noch ein Hindernis, das es zu überwinden galt, noch ein Argument, das es zu gewinnen galt. Er sah eine Person, der er dienen und helfen wollte.

Ob die Frage tatsächlich positiv beantwortet wurde, war nicht die Hauptsache; wichtig war, die Person zu sehen und nicht nur das, was sie sagte.

2. Der Ton macht die Musik

Es ist leicht, Apologetik auf Argumente zu reduzieren. Ich habe Christen gesehen, die unter dem Kampf für das Evangelium zu verstehen scheinen, jeden zu übertrumpfen, der irgendwelche Einwände gegen den Glauben erhebt. Aber es ist nur allzu gut möglich, einen Streit zu gewinnen und am Ende doch die Person zu verlieren – als ob das Evangelium durch eine Abfolge von kleinen „Mic Drop“-Momenten verbreitet würde (Bei einem „Mic Drop“ beendet jemand seine Rede bzw. sein Argument mit einer auffallenden Geste, bei der er das Mikrofon gezielt auf den Boden fallen lässt, Anm. der Red.).

„Der Ton ist von großer Bedeutung. Ein wahres Wort, das ohne Gnade ausgesprochen wird, ist keine Empfehlung für das Evangelium. Wir können das, was wir mit unseren Worten zu predigen glauben, mit unserer Art und Weise wieder entkräften.“

 

Aber die Schrift lehrt uns etwas anderes. Wenn Petrus uns dazu aufruft, bereit zu sein, jederzeit über die in uns wohnende Hoffnung Zeugnis zu geben, dann richtet er seine Aufmerksamkeit auch auf unser Verhalten und nicht nur auf unsere Worte: „Seid aber allezeit bereit zur Verantwortung gegenüber jedermann, der Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die in euch ist, [und zwar] mit Sanftmut und Ehrerbietung“ (1Pet 3,15). Dieser Text war grundlegend für Ravi und auch für das gesamte Team. Der Ton ist von großer Bedeutung. Ein wahres Wort, das ohne Gnade ausgesprochen wird, ist keine Empfehlung für das Evangelium. Wir können das, was wir mit unseren Worten zu predigen glauben, mit unserer Art und Weise wieder entkräften.

Der Bibeltext gibt auch keinen Spielraum im Falle von unangemessenen und eindeutig provozierenden Fragen. Es gab viele Situationen, wo sich Studenten auf abfällige Weise äußerten. Doch Ravi versuchte immer, mit Milde und Respekt zu antworten. Oftmals kann genau das entwaffnend wirken. Viele Studenten begegneten ihm anfangs mit Verachtung, aber seine Reaktion war immer würdig und würdigend zugleich. Er erniedrigte und demütigte andere Menschen nie.

3. Das Kreuz ist das Herzstück der Botschaft

Ravi verstand sich primär als Evangelisten und seine Arbeit als Apologet stand im Dienst dieser Berufung. Der Satz, den wir oft hörten, lautete: „Evangelisation, untermauert durch Apologetik“. Apologetik bestand für ihn nie zum Selbstzweck, als es ob es das wichtigste wäre, die Überlegenheit des eigenen Denkens und Glaubens gegenüber anderen Weltanschauungen zu demonstrieren. Die Aufgabe von Apologetik war es, der Förderung des Evangeliums zu dienen.

„Ravi verkündigte kein Argument, er benutzte die Argumentation vielmehr, um eine Person zu verkündigen.“

 

Ravis Botschaft war nicht so sehr die intellektuelle Glaubwürdigkeit der christlichen Lehre (obwohl er mehr als jeder andere in dieser Generation dafür getan hat); es war der gekreuzigte Christus. Als Paulus sagte: „Ich beschloss, nichts unter euch zu wissen außer Jesus Christus und ihn als Gekreuzigten“ (1Kor 2,2), meinte er nicht, dass er immer nur vom Kreuz sprach; er meinte vielmehr, dass das Kreuz die treibende Kraft für alles war, was er sagte. Ravis Ziel war es nicht, die Oberflächlichkeit beispielsweise des säkularen Denkens zu demonstrieren; sein Ziel war es, Christus darzustellen. Ravi verkündigte kein Argument, er benutzte die Argumentation vielmehr, um eine Person zu verkündigen.

Ravi ist nun zu Christus gegangen, den er voller Hingabe predigte. Er war kein perfekter Mann (und er wäre der erste, der das hervorheben würde), aber er kannte jemanden, der es war. Und Ravi tat alles, was er konnte, um ihn zu ehren.

Sam Allberry ist Redakteur bei The Gospel Coalition, globaler Sprecher bei Ravi Zacharias International Ministries und Pastor in Maidenhead (England). Er ist der Autor einer Reihe von Büchern, darunter Is God Anti-Gay? (Good Book, 2013).