„Lass uns über Gemeinde­erneuerung reden“

Ein Interview mit Mark Dever

Artikel von Jonathan Leeman und Mark Dever
18. April 2020 — 22 Min Lesedauer

Jonathan: Mark, lass uns über Gemeindeerneuerung reden. Kannst du uns zum Anfang ein „Vorher/Nachher“-Bild von der Capitol Hill Baptist Church geben – eine kurze Momentaufnahme von damals und von heute.

Mark: Gerne. 1993 war mein Vorgänger unter eher unschönen Umständen gegangen. Und die Gemeinde lag inmitten einer Stadt, die zu der Zeit als der Ort mit den meisten Mordfällen in den USA galt. Seit den 1960ern waren die Menschen zunehmend in die Vororte gezogen, worunter viele Gemeinden im Stadtkern gelitten hatten. Einige waren mit in die Vororte umgezogen, andere hatten einfach zugemacht und ihre Gebäude verkauft. Bei der Capitol Hill Baptist Church war das nicht sehr viel anders: die Gemeinde war überaltert.

Jonathan: Wie hast du die Gemeinde damals wahrgenommen?

Mark: Wie gesagt, war der Altersdurchschnitt der Gemeinde sehr hoch. Das Gebäude war baufällig. Aber die Mitglieder waren fromm; sie hatten den Herrn lieb. Ich würde nicht sagen, dass sie besonders gut gelehrt worden waren. Die Gemeinde hatte schon viele Pastoren gehabt, aber keiner war lange geblieben. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hatte sie über lange Jahre denselben Pastor, aber nach Ende des 2. Weltkriegs wechselten die Pastoren ungefähr alle fünf Jahre. Mit vielleicht einer Ausnahme waren alle evangelikal. Sie waren alle bibeltreu.

Mein Eindruck war, dass die Gemeinde in erster Linie von kulturellen Dingen zusammengehalten wurde: gemeinsame Mahlzeiten, eine bestimmte Art von Musik, Programme, Aktionen usw. Und mir schien, dass die Leute ein bisschen stolz auf die besondere Lage des Gebäudes waren, nur ein paar Straßenzüge entfernt vom Obersten Gerichtshof und dem Regierungsviertel. Es gab ihnen das Gefühl, von Gott an einen besonders wichtigen Ort gestellt worden zu sein, um dort das Evangelium weiterzusagen.

Evangelisation wurde deshalb in der Gemeinde großgeschrieben. In der Regel gab es im Stil von Billy Graham einen Aufruf, zum Altar zu kommen und sein Leben Jesus zu übergeben. Außerdem unterstützte die Gemeinde verschiedene Missionare, deren Großteil in den 1950ern ausgesandt worden war. Der damalige Pastor war Absolvent des Columbia College und hatte zu einem großen Aufschwung der missionarischen Tätigkeit der Gemeinde beigetragen. Ich kam also in eine Gemeinde, die schon lange Jahre treu an Jesus festgehalten hatte.

JonathanWie viele regelmäßige Gottesdienstbesucher gab es damals?

Mark: Ungefähr 130. Die meisten in der Altersklasse 70 bis 75.

Jonathan: Und wie sieht Capitol Hill Baptist Church jetzt 20 Jahre später aus?

Mark: Die Gemeindemitglieder leben nicht mehr in den Vororten, sondern hier in der Nähe. Bei der letzten Erfassung gaben 55 Prozent unserer Gemeindemitglieder an, in einem 1,5 km Radius von der Gemeinde zu wohnen. Als ich hier ankam, galt das nur für sehr wenige und auch der Großteil meiner Vorgänger wohnte in einem Pfarrhaus irgendwo im Umland.

Die Gemeinde ist jetzt sehr viel jünger als damals. Der Altersdurchschnitt liegt heute eher bei 30 Jahren. Wir haben die Bestuhlung maximiert, sodass jetzt am Sonntagmorgen ungefähr 1.000 Menschen Platz finden – und damit ist das Gebäude auch praktisch voll.

Und darf ich noch etwas hinzufügen? Mit einem vollen Gebäude können wir anderen Gemeinden helfen. Denn wenn es bei uns voll ist, müssen wir keine Märchen erzählen, dass wir die einzige gute Gemeinde in der Gegend wären. Plötzlich fällt es viel leichter, Leute zu ermutigen zu einer nähergelegenen Gemeinde zu gehen. Wir finden so andere gute Gemeinden oder unterstützen die Entwicklung guter Gemeinden, wenn solche fehlen.

Jonathan: Wie sieht es mit Evangelisation und Mission aus? Hat sich in diesen Bereichen etwas verändert?

Mark: Im Bereich Evangelisation ist viel beim Alten geblieben. Wir verzichten in den Predigten mittlerweile auf einen Aufruf, zum Altar zu kommen und sein Leben Jesus zu übergeben. Aber ich hoffe doch sehr, dass ich die Leute trotzdem genauso so sehr aufrufe, Buße zu tun und an das Evangelium zu glauben, wie es die Prediger vor mir getan haben. Ich sage in meinen Predigten häufig Sätze wie: „Wenn du heute hier bist und noch nicht an Jesus glaubst, dann würden wir dir gerne ein Exemplar von Greg Gilberts Buch Who Is Jesus? schenken, das du zuhause lesen kannst.” Wir freuen uns auf die Früchte.

JonathanWie sieht es bei der persönlichen Evangelisation aus? Geben die Mitglieder jetzt das Evangelium mehr weiter oder weniger?

Mark: Also, ich kann es nicht mit Sicherheit sagen, aber ich denke, mehr. Als ich ankam, war die Gemeinde sehr auf evangelistische Veranstaltungen fokussiert. Wir versuchten, Menschen durch Werbung im Radio oder durch Anzeigen in der Zeitung in die Gemeinde einzuladen. Oder wir führten Großveranstaltungen durch, damit die Leute von Vortragenden, die dafür ausgebildet und angestellt sind, das Evangelium hören können.

Was ich dann jedoch – durch viel Gebet, Liebe und Schulderkenntnis – versucht habe, war der Gemeinde zu dem Verständnis zu verhelfen, dass jeder Einzelne von uns die Verantwortung hat, das Evangelium weiterzusagen. Wir wollen unsere Gemeindemitglieder gut zurüsten, damit sie sich so gut mit dem Evangelium auskennen, dass es ihnen schnell über die Lippen kommt. Wir wollen, dass sie es so gut verstehen, dass sie es in Gesprächen geschickt vermitteln können. Damit es leicht geht, ungezwungen und natürlich.

Und was Mission im Ausland angeht, würde ich einfach nur sagen, dass wir jetzt weniger Missionarsehepaare als früher unterstützen, aber dafür mit mehr Geld.

Jonathan: Welchen Vorteil hat das?

Mark: Wir wollen nicht, dass unsere Missionare den Großteil ihrer Zeit mit dem Aufbau eines Spenderkreises verbringen müssen. Wenn wir ihnen diese Aufgabe zutrauen, dann können wir ihnen auch statt 500 Dollar im Jahr, gleich 35.000 oder 70.000 im Jahr geben, als wären sie normale Mitarbeiter.

Das schafft ihnen den Freiraum, wirklich missionarisch tätig zu sein, und es stellt unsere Beziehung klar: Es ist klar, dass sie uns rechenschaftspflichtig sind und dass wir für sie Verantwortung tragen.

Jonathan: Lass uns zum Thema „Gemeindekultur“ übergehen, das ja recht vage ist. Siehst du noch in anderen Bereichen Veränderungen in der Gemeindekultur?

Mark: Ich war nicht Teil der vorigen Gemeindekultur, deshalb ist es schwer für mich hier zu antworten. Die Gemeinde, die ich vorfand, als ich meinen Dienst antrat, war sehr freundlich und gastfrei. Der herzliche Umgang miteinander erinnerte in mancher Weise an ländliche Gebiete in den Südstaaten, wo einige der Gemeindemitglieder herkamen. Aber die Gastfreundschaft, die unsere Gemeinde jetzt ausmacht, lässt sich nicht mehr so leicht mit kulturellen Gepflogenheiten erklären. Es ist eine ganz bewusste Gastfreundschaft, häufig zwischen Menschen, die wenig gemeinsam haben.

Während sich die Gespräche vorher großteils um Familie und Sport gedreht haben, denke ich, dass sie jetzt außerdem auch über Predigten, Jüngerschaftsbeziehungen, Möglichkeiten zur persönlichen Evangelisation, Glaubensfragen, das Ringen mit der eigenen Sünde usw. geführt werden. Meine Hoffnung ist, dass all diese Dinge offen miteinander geteilt werden.

Jonathan: Du bist jetzt 21 Jahre hier. Bist du ein „Gemeindeerneuerer“? Würdest du dich selbst so bezeichnen?

Mark: Ich bin mir sicher, dass ich mich schon so bezeichnet habe, und ich bin mir auch sicher, dass andere mich so bezeichnet haben. Ich bin auf jeden Fall ein Befürworter von Gemeindeerneuerung. Aber ich frage mich, ob dieser Begriff des „Erneuerers“ möglicherweise Schaden anrichten kann. Ich frage mich, inwiefern wir damit eine Art sichtbaren Erfolg in unserem Dienst voraussetzen, ohne uns groß Gedanken über unseren Nachfolger zu machen, der die Gemeinde einmal übernehmen wird.

„Wir wollen, dass Gott seine Gemeinde erneuert, dass er ihr neues Leben einhaucht und somit Veränderung bewirkt.“

 

Deshalb frage ich mich, wie gut die Bezeichnung „Gemeindeerneuerer“ wirklich ist. Ja, sicherlich wollen wir Erneuerung bewirken; wir wollen, dass Gott seine Gemeinde erneuert, dass er ihr neues Leben einhaucht und somit Veränderung bewirkt. Aber wenn man im Vorhinein sagen würde: „Ich werde diese Gemeinde erneuern“, dann wäre das pure Selbstüberschätzung, es wäre Stolz. Wir können sagen, dass wir uns Erneuerung wünschen, dass wir uns danach sehnen, dass wir uns darum bemühen.

Ich werde immer wieder von Leuten gefragt, ob sich die Art und Weise, wie wir als Capitol Hill Baptist Church funktionieren, anderorts reproduzieren lässt. Das ist schließlich ein Kritikpunkt, den ich regelmäßig von Leuten höre: „Mark ist ein super Typ, aber er bekommt einfach nicht mit, dass er eine besondere Begabung für den Dienst hat. Er denkt, es liege alles an diesen Dingen, und deshalb redet er dauernd über seine neun Merkmale einer gesunden Gemeinde. Aber in Wirklichkeit liegt einfach nur Gottes Segen auf ihm und er begeistert all diese armen Kerle für seine neun Merkmale und dann passiert bei denen gar nichts.“

Ich glaube, ich verstehe zumindest einen Teil ihrer Kritik. Aber ich möchte trotzdem drei Bemerkungen dazu machen.

Erstens: Wenn ich selbst ganz beim Gebet und beim Dienst des Wortes bleibe wie die Apostel in Apostelgeschichte 6, dann lässt sich das auf jeden Fall reproduzieren. Es ist unmöglich, dass das nur auf mich oder nur auf diese Gemeinde zutrifft.

Zweitens: Die Dinge, die wir als Gemeinde tun – unsere Ziele für den Dienst, unsere Theologie, unser Verständnis von Gemeinde, Gemeindeordnung und Gemeindemitgliedschaft – lassen sich allesamt reproduzieren. Auch diese Dinge treffen nicht nur auf uns zu und das heißt, dass sie auch an anderen Orten funktionieren können.

Drittens: Wenn wir allerdings mit „reproduzieren“ meinen: „Wenn du diese Dinge tust, dann wird diese Art sichtbarer Segen auf jeden Fall eintreten“, wenn das damit gemeint ist, dann muss ich ganz klar sagen, dass sich nichts in diesem Sinne „reproduzieren“ lässt.

Das liegt nicht in unseren Händen, sondern kann nur der Heilige Geist. Ich habe kein einziges Mal gedacht: „Wegen unseren Auslegungspredigten haben wir ein volles Haus und kommen ständig Leute zum Glauben.“ Ich bin nicht einmal versucht, so zu denken, weil ich mir sicher bin, dass es bessere Prediger als mich gibt, die noch gründlicher bei der Gemeindezucht sind als ich und deren Gemeinden nicht brechend voll sind. Es ist ein Segen von Gott dem Heiligen Geist und wir haben die Tendenz zu sagen: „Schaut her! Seht ihr diese große Erweckung bei uns? Ich nehme jetzt dieses Ergebnis und ziehe daraus Rückschlüsse, wie das alles möglich war. Und da ich jetzt einen außerordentlichen Segen sehe und genieße, muss das doch heißen, dass alles mit außerordentlichen Mitteln geschehen sein muss.“

Es ist absolut richtig, sich nach außerordentlichem Segen zu sehnen, dafür zu beten und zu arbeiten. Doch unsere Herangehensweise soll gar nicht von gigantischen Massengebetsversammlungen usw. geprägt sein. Wir müssen keine ungewöhnlichen Dinge tun, die komplett aus dem normalen Rahmen fallen. Stattdessen reichen die ganz normalen, täglichen und wöchentlichen Gnadenmittel: Es ist die Predigt von Gottes Wort, es sind die Taufe und das Abendmahl, es ist die Mitgliedschaft in einer Ortsgemeinde, es ist die Frucht des Geistes. Es sind diese ganz normalen Dinge, die wir tun sollen, und manchmal segnet Gott uns dann in außerordentlichem Maße. Deshalb bin ich der Meinung, dass das Wort „Erneuerung“ nur rückblickend gebraucht werden kann, um zu beschreiben, was Gott in seiner Souveränität in einigen Gemeinden tut, wenn ein neuer Pastor kommt.

JonathanWenn du also zurückschaust: Hat Gott dieser Gemeinde neues Leben eingehaucht?

Mark: Ja, in manchen Bereichen ganz gewiss. Doch selbst da, wäre es falsch zu sagen, dass in dieser Gemeinde kein Leben war, bevor ich kam. Es war eine evangelikale Gemeinde, wo das Evangelium gepredigt wurde. Es gab soziologisch und demografisch gesehen einige herausfordernde Umstände und ich habe eine große Hochachtung für die Treue zu Jesus, die da war. Aber ja, auf jeden Fall ist diese Gemeinde durch eine Menge Antrieb von außen erneuert worden.

Doch wie Paulus an die Korinther schreibt: „Ich habe gepflanzt, Apollos hat begossen, Gott aber hat das Gedeihen gegeben.“ Wenn du der Frage nach dem Erneuerer jetzt wirklich bis zum letzten Ende auf den Grund gehen willst, dann ist es Gott – Er war der Erneuerer.

JonathanOk, das bedeutet zusammenfassend: du befürwortest es, dass sich Pastoren für die Erneuerung ihrer Gemeinden einsetzen?

Mark: Ja, ich bin ein enormer Befürworter! Ich bin sehr dankbar für das Zentrum für Gemeindeerneuerung (Center for Church Revitalization) des Southern Baptist Theological Seminary und für das "Wiederbelebungsprogramm von sterbenden Gemeinden" (Legacy Church Planting) des North American Mission Board. Ich bin dankbar für diese neuen Schwerpunktsetzungen, weil sie eine Möglichkeit sind, Pastoren in schwierigen Situationen Mut zu machen, treu zu bleiben. Ich werfe hier lediglich einige Fragen im Blick auf die Nomenklatur auf, also auf die Ausdrücke, die wir verwenden, und auf einige der Grundannahmen dahinter.

Ich höre einen gewissen Stolz mitschwingen, wenn wir denken: „Ich kann das schaffen!“, weil der Heilige Geist das Nötige tun muss. Du kannst dafür beten, dass das, was in deiner neuen Gemeinde geschieht, eine Erweckung wird. Du kannst jeden Abend eine lange Gemeindeveranstaltung einplanen, bei der Bob predigt. Aber du kannst nicht planen, dass der Heilige Geist 17 Menschen rettet oder gar 170 Menschen.

Wenn man also anfängt, die Wirksamkeit von Gemeindearbeit in Zahlen zu messen, dann landet man schnell bei Fällen, wie bei einer großen Gemeinde in den Südstaaten, von der berichtet wird, dass sie bei den Bekehrungsaufrufen bewusst attraktive Leute vorgehen ließen, um so andere zu diesem Schritt zu manipulieren. Ach, das ist das Gegenteil vom Evangelium! Es ist paradox, weil diese Gemeinde denkt, dass sie für die Nichtchristen da ist, und ich denke, dass sie sehr viel mehr für Nichtchristen ist, als sie selbst erkennt.

Mit anderen Worten: Wir sollten Zahlen nicht zu viel Wert beimessen, wenn wir über Gemeindeerneuerung sprechen.

JonathanLass uns noch einmal kurz zurück zu deinen Erfahrungen kommen. Nachdem du dir ein erstes Bild von der Gemeinde gemacht hast, hattest du da bereits eine Strategie, wie du an deine Arbeit herangehen wolltest? Oder in der Sprache, die man oft hört: „Was ist deine Vision?“ Was war also deine Vision? Hattest du eine Strategie?

Mark: Predigen, beten, arbeiten, dableiben.

Ich wollte das Wort predigen und ich wollte die Predigt unter der Woche gründlich vorbereiten. Ich wollte jeden Tag regelmäßig beten und mich dabei insbesondere durch die Mitgliedsliste beten. Ich wollte die Menschen liebhaben und persönliche Beziehungen aufbauen. Ich wollte versuchen, mit anderen Männern Jüngerschaft zu leben.

Und zu guter Letzt wollte ich bereit sein, für immer da zu bleiben. Wenn du für eine neue Arbeit verantwortlich bist, dann werden die Veränderungen bei älteren Menschen in aller Regel nicht auf Begeisterung stoßen. Diese Arbeit wird vermutlich auch nicht durch die Familien wachsen, die gewissermaßen schon ihren Platz im Leben gefunden haben, außer sie sind gerade neu zugezogen.

Sie wird allerdings mit großer Gewissheit unter den Menschen wachsen, die sich in einer anderen Lebensphase befinden. Es werden viel eher die Leute sein, die für einen neuen Job herziehen oder die gerade frisch von der Uni kommen. Es ist daher nahezu unvermeidbar, dass ein Gemeindewachstum unter den jüngeren Leuten anfängt, die noch keine engen Bindungen an die Gegend haben.

Die Frage ist also: „Wie kann eine Gemeinde aus dieser Phase herauswachsen und zu einer größeren Stabilität heranreifen? Mit Mitgliedern, die langfristig vor Ort bleiben?“ Es braucht lange Zeit, bis eine Gemeinde zu einem nachhaltigen und umfassenden Zeugnis wird. Manche werden fünf oder zehn Jahre da sein und der Herr wird sie für einen Teil dieses Weges gebrauchen, um die Gemeinde voranzubringen. Einige werden jedoch kommen und Jahrzehnte bleiben. Es gibt Leute, die schon 20 Jahre in der Gemeinde sind, und die mir gegenüber den Kummer ausdrücken, von wie vielen Freunden sie sich mittlerweile verabschieden mussten. Das kommt von Herzen und ich kann es nachfühlen, weil ich das auch erlebe. Aber ich habe das immer als Teil der Arbeit in Kauf genommen.

Ich denke also nicht, dass es unmenschlich ist oder dass es uns kalt oder unnahbar oder sonst etwas macht. Ich bin davon überzeugt, dass wir auch in einer Gemeinde, wo viele Leute nach fünf oder zehn Jahren wegziehen, emotional und in jeglicher anderen Hinsicht wachsen und aufblühen können.

Einige müssen jedoch bereit sein, zu bleiben. Ich denke diese Komponente, also die Bereitschaft dazubleiben, wird oft übersehen, obwohl sie so wichtig ist.

Jonathan: Du klingst eher nach einem Vater als nach einem Unternehmer. Und so viel in der Debatte um Gemeindewachstum erinnert mich bei all den verschiedenen Messgrößen eher daran, wie man ein Unternehmen managt. Aber, was du beschreibst, klingt wie ein Vater, der sein Kind wie ein Hirte durch die verschiedenen Lebensphasen und Momente begleitet und an die Hand nimmt.

Mark: Je mehr wir den Gemeindedienst auf das Unternehmerische begrenzen, desto mehr sind Pastoren davon überzeugt, dass sie wie Geschäftsführer denken müssen und weniger wie Hirten. Sie denken: „Ich will ganz vorne mitspielen, also brauche ich eine größere Plattform.“

Aber so sollen wir nicht denken, es ist viel besser zu denken: „Wow, ich habe den Eindruck, dass Bob ein viel weicheres Herz für das Evangelium entwickelt. Ich sehe, wie er mit der guten Botschaft auf andere zugeht, obwohl er zurzeit körperlich eingeschränkt ist. Ich sehe, wie er den Menschen weiterhin liebevoll und opferbereit begegnet, obwohl sich seine eigene Situation verändert hat. Das macht Gott Ehre.“ Das sind Ermessensentscheidungen und geistliches Wachstum lässt sich nun mal nur schwer in Zahlen ausdrücken. Einige Gemeindemitglieder wird das unweigerlich frustrieren. Aber die Ältesten müssen die Reife und den Weitblick haben, zu erkennen, dass es letztlich Gott ist, der diese Dinge bewerten muss.

JonathanWelche Themen haben dir am Anfang deines Dienstes Probleme bereitet?

Mark: Weil wir keinen Ältestenkreis hatten, haben sich am Anfang viele Themen zu Problemen entwickelt. Wenn wir ein Team aus mehreren Ältesten gehabt hätten, dann wäre vieles in der Gemeinde friedlicher abgelaufen. Jegliche Sache konnte bedrohlich erscheinen, weil ich die einzige offensichtliche Autoritätsperson war.

Ich hatte den Eindruck, dass das keine gesunde Situation für die Gemeinde war und dass ich der Gemeinde auf diese Weise nicht langfristig gut dienen konnte. Ich habe es auch nicht für biblisch gehalten. Ich könnte jetzt einzelne Themen aufzählen, aber das wäre nicht der springende Punkt. Es war vielmehr die Struktur der Gemeinde, die uns unnötige Probleme bereitete.

JonathanWas waren konkrete Punkte, an denen du einen Kurswechsel festmachen konntest?

Mark: Ein entscheidender Wendepunkt für uns war, als ich nicht mehr der einzige offizielle Älteste war, sondern wir zu einem Team aus sechs offiziellen Ältesten übergingen. Sowohl die Gemeinde als auch ich haben aufgeatmet. Es war auf einmal viel schwerer, dass eine Entscheidung der Ältesten bedrohlich für die Richtung oder Einheit der Gemeinde wirkte.

JonathanWenn dich ein junger Pastor, der bald in eine Gemeinde kommt, die Erneuerung braucht, um eine To-Do-Liste bitten würde, was würdest du ihm mit auf den Weg geben?

Mark: Halte gute Predigten. Gehe zu einem Team aus mehreren fähigen Ältesten über. Sei vorsichtig, wer Mitglied werden kann.

JonathanSagst du das nur im Blick auf die Situation in den USA oder lässt sich das auch auf andere Länder übertragen? Also würdest du das auch im Blick auf Gemeinden in Brasilien, Afghanistan oder Japan sagen?

Mark: Ich sehe keine Kultur, in der diese Dinge nicht treu die Schrift widerspiegeln würden. Darum, ja, überall auf der Welt.

JonathanWelche Fehler hast du gemacht? Und was hast du daraus gelernt?

Mark: Ich kann mit Sicherheit sagen, dass ich nicht immer gut einschätzen konnte, wie viel uns ein bestimmtes Problem kosten würde. Es war gut möglich, dass ich eine bestimmte Lösung für die Frauenarbeit sah oder für die Kleingruppen oder für die Radiomission oder für die sonntägliche Seniorengruppe oder für die gemeinsamen Essen jeweils am Mittwochabend oder für die Frage nach der amerikanischen Flagge oder der christlichen Flagge – ich könnte die Liste endlos weiterführen. Kurz gesagt gab es viele Dinge, bei denen ich ein bestimmtes Preisschild vermutet hatte, an denen aber in Wirklichkeit ein viel höherer Preis stand. Hätten wir damals schon einen Ältestenkreis gehabt, hätte ich das vermutlich schneller erkannt.

Ich sage oft: Junge Männer haben eine große Sehschärfe, aber wenig Tiefenwahrnehmung – so war das bei mir auch. Ich hatte eine klare Vision, ich konnte sehen, was richtig und was falsch war, aber ich hatte keine Ahnung, wie wir von A nach B kommen sollten. Junge Männer brauchen dabei die Hilfe von älteren Männern.

Jonathan: Denkst du, dass man ein bestimmter Typ Pastor sein muss, um den Niedergang einer Gemeinde zu stoppen und sie wiederzubeleben?

Mark: Es hängt vom Charakter der Gemeinde ab. Aber ich denke, wenn du eher ein Kämpfer bist, wenn du eine Menge Ecken und Kanten hast, wenn deine Frau dich mir so beschreiben würde, dann bist du möglicherweise besser für eine komplette Gemeindeneugründung oder für den Dienst in einer bereits gesunden Gemeinde geeignet. Aber wenn du in einer Gemeinde dienst, wo sich ein paar Dinge gründlich ändern müssen, dann musst du zuallererst das feiern können, was bereits gut läuft, statt allen dauernd zu erzählen, was sie falsch machen. Wenn Gott dich nicht von Natur aus mit dieser Art Güte und Gnade begabt hat oder dabei ist, dein Herz in diese Richtung zu verändern, dann wirst du nur mit viel Druck Veränderungen durchbekommen. Ich kenne Leute, die sehr dogmatisch sind. Es gibt bei ihnen nur zwei Positionen.

Jonathan: Welche zwei Positionen meinst du?

Mark: Richtig oder falsch. Mir werden jede Woche viele Fragen gestellt und oft kann ich nur antworten: „Ich weiß es nicht“, und damit habe ich überhaupt kein Problem. Jedes Mal, wenn ich sage, dass ich etwas nicht weiß, räume ich die Illusion aus, dass ich Gott sei.

Jonathan: Letzte Frage: Welche Auswirkungen hat diese Art Erneuerungsarbeit auf deine Frau und deine Kinder? Was sollten Pastoren berücksichtigen?

Mark: Ich denke, wenn es Erwartungen an deine Frau und deine Kinder gibt, dann müssen sie so transparent wie möglich sein, damit du entweder dazu stehen oder sie klar und deutlich ablehnen kannst. Deine Frau sollte nicht das Gefühl haben, dass sie im Grunde in Konkurrenz zu deiner Arbeit steht, insbesondere, wenn deine Arbeit die Gemeinde ist. Deine Gemeinde kann einen anderen Pastor bekommen, aber deine Frau kann keinen anderen Mann bekommen. Du musst dir dessen bewusst sein, weil sie es auch wissen muss.

Deine Frau muss deinen Dienst mittragen können. Du kannst es nicht verantworten, ihr die Gemeinde gram zu machen. Nimm, soweit das möglich ist, die Schuld auf deine eigenen Schultern.

Ein Ehemann muss auf lange Sicht planen. Wenn nicht, dann riskiert er die Beziehung seiner Frau zum Herrn hinsichtlich der Gemeinde. Es ist diese Art Weisheit, die man in den frühen Wachstumsphasen braucht. Am Ende wirkt sich dein Erfolg gefährlicher auf die Familie aus als dein Scheitern, weil dir der Erfolg immer weitere, augenscheinlich gute Gründe gibt, der Gemeinde noch mehr von deiner Zeit zu widmen.

Aber Familien funktionieren nur äußerst selten so. Natürlich können auch Familien aufblühen und erfolgreich sein, aber in der Regel geht alles mit gewissen Mühen und Kämpfen einher. Hier zeigen sich die Siege nicht so schnell. Darum ist jeder Mann versucht, zu denken: „Ich gehe lieber dorthin, wo meine Arbeit positive Ergebnisse erzielt und ich gutes Feedback bekomme, statt hier zu sein, wo ich nur für selbstverständlich genommen werde und nichts so läuft, wie ich mir das vorstelle.“

Für den Gemeindegründer oder den neuen Pastor kann eine Gemeindeerneuerung so zu einer unerwartet gefährlichen Falle werden.

Jonathan Leeman ist der Redaktionsleiter von 9Marks. Er ist Herausgeber der 9Marks Buchreihe sowie des 9Marks Journal. Jonathan lebt mit seiner Frau und seinen vier Töchtern in einem Vorort von Washington DC (USA) und ist Ältester der Cheverly Baptist Church.

Mark Dever ist der leitende Pastor der Capitol Hill Baptist Church in Washington, D. C. und der Vorsitzende von 9Marks.