Problematische Vergleiche statt andächtiger Anbetung

Artikel von Carl R. Trueman
27. Februar 2020 — 5 Min Lesedauer

Die Dreieinigkeit

Man kann jeden Sonntagsschullehrer fragen, welche biblische Lehre Kindern am schwierigsten zu vermitteln ist und er wird mit ziemlicher Sicherheit antworten: „Die Lehre der Dreieinigkeit: Dass Gott eins ist, aber in drei Personen existiert.“ Wenn man ihn fragt, wie er diese Lehre unterrichtet, wird man wahrscheinlich herausfinden, dass er eine Analogie verwendet: „Gott ist wie Wasser, Eis und Dampf.“ Diese gehört zu den gebräuchlichsten.

Es gibt für die Dreieinigkeit keine Analogie in der geschaffenen Welt, die wirklich hilfreich wäre.

 

Das Problem mit so einem Vergleich – ja, mit jeder Analogie – für die Dreieinigkeit ist, dass sie in Wirklichkeit mehr irreführt als hilft. Was sie beschreibt, ist nicht wirklich ähnlich zur biblischen Dreieinigkeit, sondern zur antiken Irrlehre des Modalismus. Die einzelnen Probleme dieser Irrlehre, die davon ausgeht, dass Gott eins ist und mal als Vater, mal als Sohn und mal als Heiliger Geist erscheint, müssen uns hier nicht aufhalten. Der Punkt ist, dass die Analogien für die Dreieinigkeit nicht hilfreich sind, weil die Dreieinigkeit absolut einzigartig ist. Es gibt für die Dreieinigkeit keine Analogie in der geschaffenen Welt, die wirklich hilfreich wäre.

Die Menschwerdung Jesu

Ein weiteres Gebiet, wo Christen gewohnt sind, Analogien zu gebrauchen, ist die Menschwerdung Gottes. Hier fließen die Vergleiche oft in die andere Richtung: Die geschaffene Welt wird nicht so sehr gebraucht, um die Menschwerdung zu beschreiben, als die Menschwerdung gebraucht wird, um einen Aspekt der Schöpfung zu erklären. Auf diese Weise haben manche für eine Analogie mit der Menschwerdung als Mittel plädiert, um verständlich zu machen, wie sich die göttliche und menschliche Seite bei der Lehre der Heiligen Schrift zueinander verhalten, da die Bibel sowohl etliche menschliche als auch einen göttlichen Verfasser hat. Es gibt kein Monopol bei einer Gruppe innerhalb der Kirche. Die Liberalen haben diese Meinung vertreten; aber auch der rechtgläubige niederländische Theologe Herman Bavinck. Andere haben die Analogie gebraucht, um die Beziehung zwischen Christus und der Kultur zu erklären. Wieder andere haben sie als Mittel gebraucht, um zu erklären, wie der ewige Gott im Fluss der Geschichte durch seine Vorsehung wirkt.

Falsche Analogien schmälern die Anbetung

Die Dreieinigkeit und die Menschwerdung sind einzigartig und deshalb musste die Kirche besondere und genaue Wege entwickeln, um sie zu beschreiben.“

 

Es gibt theologische Argumente sowohl für, als auch gegen den verschiedenartigen Einsatz der Analogie der Menschwerdung. Ich möchte sie hier nicht aufzählen. Ich möchte stattdessen einen einfachen Punkt in Bezug auf diese Analogien aus der Perspektive des Lobpreises der Kirche betonen: Die Dreieinigkeit und die Menschwerdung sind einzigartig und deshalb musste die Kirche besondere und genaue Wege entwickeln, um sie zu beschreiben. Wir sollten auch der Dynamik gedenken, die die Debatten antrieb, welche zu diesen Formulierungen geführt haben: die christliche Anbetung. Die frühe Kirche musste wissen, was sie meinte, als sie bekannte: „Jesus ist Herr“ und warum sie auf den Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes taufte. Wenn Analogien daher dazu führen, die Einzigartigkeit Gottes und der Menschwerdung zu reduzieren, werden sie irgendwann die Kultur der Kirche auf Weisen prägen, die einen Einfluss auf unsere Anbetung haben. Was auch immer die Probleme mit dem allgemeinen Gebrauch der theologischen Analogien sind, das Schlüsselthema auf praktischer Ebene ist die Art und Weise, wie die Schmälerung der Einzigartigkeit Gottes auch den Lobpreis der Kirche schmälert.

Lebenswichtig für die Anbetung ist das Anerkennen des enormen Unterschieds, der zwischen Gott und seinen menschlichen Geschöpfen herrscht. Ein Teil dieses Unterschieds ist die Tatsache, dass er der Schöpfer und Erhalter von allem ist, was existiert, während wir Geschöpfe sind, die in unserem Sein erhalten werden durch Gott. Ein anderer Teil dieses Unterschieds ist moralisch: Er ist heilig, wir aber sind sündhaft. Wieder ein anderer Teil davon hat mit unserer Errettung zu tun: Er ist der gnädige Retter, wir sind die Gefäße der Gnade. In allen drei Kategorien bilden Geheimnis und Unbegreiflichkeit den Hintergrund für sein Handeln in der Geschichte.

Die Lehren der Dreieinigkeit und der Menschwerdung schützen dieses Geheimnis, weil sie biblische Wahrheit auf eine Weise beschreiben, die nicht auf die Kategorien unseres begrenzten Verstandes reduziert werden kann. Die Folge davon für den Christen ist gewiss nicht Verwirrung, sondern Verehrung. Das Versagen unseres Intellekts, diese Geheimnisse vollends zu verstehen, ist lebenswichtig für unser christliches Leben, weil genau dieses Versagen uns auf die Knie zwingt in Ausrufen der Verehrung, des Lobpreises und des Erstaunens.

Meine Überzeugung ist, dass Analogien das entschärfen. Indem sie die Distanz zwischen der Schöpfung und Gott reduzieren, machen sie ihn irgendwie beherrschbarer und fügsamer für unsere Denkweisen und nehmen auf diese Weise etwas weg von dem dringenden geistlichen Hunger in unserem Lobpreis und unserer Verehrung. Das soll kein Argument für den Fideismus sein, d.h. zu sagen, dass unser Lobpreis umso größer sei, je mystischer unser Glaubens ist. Aber ich will argumentieren, dass es einen angemessenen Platz für Geheimnis und Einzigartigkeit gibt, der aufrechterhalten werden muss, wenn unsere Anbetung wahrhaft christlich sein soll. Die Aufgabe des Lehrers ist nicht, die Dreieinigkeit oder die Menschwerdung zu erklären oder sie auf geschöpfliche Kategorien zu reduzieren; stattdessen soll er auf ihre Pracht hinweisen und dadurch Ehrfurcht und Staunen in der Gemeinde hervorrufen.

Wenn wir von Gott reden, sollten wir uns daran erinnern, dass wir auf heiligem Boden wandeln. Wir können nur so weit gehen, bis wir anhalten und in Anbetung auf unser Angesicht fallen müssen. Wie Gregor von Nazianz, ein früher Kirchenvater, von Gott als Dreieinigkeit sagte: „Jedes Mal, wenn ich über den einen nachdenke, wird mein Geist zu den dreien hingezogen; doch jedes Mal, wenn ich über die drei nachdenke, wird mein Geist zu dem einen hingezogen.“ Er konnte die Dreieinigkeit nicht erklären; er konnte einfach nur die Drei in Einem und den Einen in Dreien anbeten und verehren. Das Geheimnis, die Grenze der Unbegreiflichkeit, war für ihn eine Erinnerung daran, dass er nicht Gott ist. Deshalb muss solch eine Grenze unbedingt bewahrt werden. Lassen wir es nicht zu, dass ein Versuch, den Glauben zu kommunizieren, aus Versehen ein Mittel dazu wird, den Glauben zu zähmen.

Carl R. Trueman ist Professor für Biblische und Religiöse Studien am Grove City College in Grove City, Pennsylvania (USA). Er ist Autor zahlreicher Bücher, darunter The Creedal Imperative.