Bitte Gott um Erweckung – ob bei dir oder in der Nachbar­gemeinde

Artikel von Andy Johnson
28. Januar 2020 — 14 min Lesedauer

Stell dir einmal vor, du würdest Jahre lang treu und ernsthaft dafür beten, dass in deiner Nachbarschaft eine Erweckung geschieht und dann Gott eines Tages wie aus heiterem Himmel deine Gebete auf eindrückliche Weise erhört.

Überall in deiner Stadt versammeln sich jeden Tag mehr Menschen in der Gemeinde, um die Gute Nachricht aus Gottes Wort zu hören. Auf den Straßen, an den Arbeitsplätzen, in den Schulen und Universitäten verkünden vorher ängstliche Gemeindemitglieder treu die Gute Nachricht und es dauert nicht lange, bis die Früchte sichtbar werden. Menschenleben werden grundlegend verändert, Ehen werden vor dem Scheitern gerettet und am allerwichtigsten: ein Feind Gottes nach dem anderen legt seine Waffen der Auflehnung gegen Gott nieder und sucht Zuflucht in seinem herrlichen und barmherzigen Sohn.

Was wäre, wenn all diese Dinge in deiner Stadt, direkt vor deinen Augen geschehen würden – doch nicht bei dir, sondern in der Nachbargemeinde ein paar Straßen weiter?

Ich denke, dass wir alle genau wissen, wie wir darauf reagieren sollten. Und doch ist es sehr wahrscheinlich, dass uns die Worte des Dankes und der Freude nur schwer über die Lippen kommen.

Ein Beispiel aus dem Jahr 1839: Robert Murray M’Cheyne hörte, dass in seiner Gemeinde unter einem Gastprediger eine große Erweckung geschehen war, während er selbst monatelang auf Missionsreisen war. Wenn der Geist Gottes den Dienst anderer anscheinend mehr segnet als unseren eigenen, dann stellt sich viel über den Zustand unseres eigenen Herzens heraus und darüber, was wir wirklich lieben.

Gajus und Diotrephes

Selbstverständlich ist dieser Kampf zwischen Eifersucht und Mitfreuen nichts Neues. Der Apostel Johannes schrieb bereits in seinem dritten Brief (3 Joh) über dieses Problem. Er stellt uns in den Versen 5–11 zwei Männer vor: Gajus und Diotrephes.

Gajus liebt es, treue Missionare aus anderen Gemeinden bei sich zu beherbergen und zu unterstützen, weil er Jesus liebt (V. 5–8).

Und Diotrephes? Er ist genau das Gegenteil. Diotrephes weigert sich aus einem einfachen Grund, Arbeiter für das Evangelium aus anderen Gemeinden bei sich aufzunehmen: Johannes schreibt unmissverständlich, dass Diotrephes, „der Erste sein möchte“ (V. 9). Er will keine Arbeit am Evangelium sehen außer seiner eigenen. Er freut sich an keiner Frucht außer seiner eigenen. Er duldet keine Konkurrenz neben sich. Diotrephes‘ Handeln und Denken ist wie Johannes klarstellt ,schlicht und einfach „böse“ (V. 11)

„Böse“ ist ein starkes Wort. Und was mir ganz ehrlich bei Diotrephes am meisten Angst macht, ist, dass an keiner Stelle die Orthodoxie seines Lehrverständnisses bemängelt wird, um dieses Urteil zu begründen. Es ist weder die Rede von Irrlehre noch von einem falschen Verständnis von Christus. Soweit wir wissen, war Diotrephes‘ Theologie in der Theorie einwandfrei. Doch sein Konkurrenzdenken offenbarte, dass seine angebliche Liebe für das Evangelium in Wirklichkeit nur die Liebe für seine eigene Gruppe, für seinen eigenen Dienst war – also letztlich Eigenliebe. So wie bei den Heiden.

Eine wenig subtile Botschaft

Und hier kommt die wohl kaum zu übersehende Botschaft dieses Artikels: Sei kein Diotrephes! Lasst uns stattdessen das Gute nachahmen, nämlich die Geisteshaltung des Gajus, die das Evangelium groß macht und andere Christen nicht als Konkurrenz sieht.

Warum ist das so eine große Sache? Weil nicht nur dein eigenes Herz auf dem Spiel steht, sondern auch der Wert des Evangeliums in den Augen der Welt.

Du kannst den lieben, langen Tag lang davon reden, dass du Gott dafür preist, wie er deine Gemeinde mit dem Überfluss des Evangeliums gesegnet hat – und gewissermaßen solltest du das auch tun. Und dennoch wird immer ein Geruch des Eigeninteresses in der Luft hängen; es ist schließlich deine Gemeinde.

Doch was wäre, wenn du Gott aufrichtig dafür lobst, dass er einer anderen Gemeinde Überfluss im Evangelium geschenkt hat, egal ob in einem anderen Land oder (ja, du schluckst) direkt bei dir um die Ecke? Wie wäre es, wenn du dieselbe Freude an den Tag legst, wenn das Werk Jesu durch den Dienst eines anderen Christen groß gemacht und gefeiert wird? Wenn du das tust, zeigst du, dass du Jesus und sein Evangelium und seine Herrlichkeit liebst – und nicht nur deine eigene Gruppe, deinen eigenen Kreis, deinen eigenen Dienst, deine eigene Gemeinde.

Darum ist es so wichtig, dass wir in unserem eigenen Herzen und bei unseren Gemeindemitgliedern eine Geisteshaltung des Gajus fördern. Unsere Liebe zu Jesus und seiner Herrlichkeit wird nie heller strahlen, als dann, wenn wir uns an der Verbreitung des Evangeliums freuen ohne die geringste Aussicht, dass wir dafür irgendwelche Lorbeeren ernten.

„Unsere Liebe zu Jesus und seiner Herrlichkeit wird nie heller strahlen, als dann, wenn wir uns an der Verbreitung des Evangeliums freuen.“

 

Wie wir Gajus’ Haltung in unseren Gemeinden fördern können

Wie kannst du diese Art Geisteshaltung in deiner Gemeinde und in deinem eigenen Herzen fördern? Hier ein paar Tipps:

1. Lesen und Gebet

Erstens lies und bete! Fang' damit an, dass du über Bibeltexte wie 3. Johannes nachdenkst, die uns die einzigartige Herrlichkeit einer Art „uneigennützigen Freude“ am Überfluss des Evangeliums zeigen. Und bete dafür, dass Gott in dir immer mehr ein Herz heranwachsen lässt, welches das Verbreiten des Evangeliums voll und ganz unterstützen kann, egal wo und durch wen. Warum? Weil du es liebst, zu sehen, wie Jesus verherrlicht wird.

2. Leben und Lehre

Zweitens lebe es vor und lehre es! Zeige deiner Gemeinde, was das heißt, indem du am Sonntag regelmäßig öffentlich und namentlich von der Kanzel aus für andere treue Gemeinden betest. Lobe Gott unbekümmert für den Überfluss, den er anderen Gemeinden schenkt, die das gleiche Evangelium predigen, auch denen direkt hier in deiner Stadt. Und bete auch für andere Christen und für die Verbreitung des Evangeliums an anderen Orten auf der ganzen Welt. Bring deiner Gemeinde dadurch bei, dass das Reich Gottes viel, viel größer als nur eure Ortsgemeinde ist.

3. Unterstützung und Wertschätzung

Drittens unterstütze und schätze alle Arbeit für das Evangelium! Mach' es wie der treue Gajus in allen Bereichen und nimm Geld, dass du wirklich auch gut für deine eigene Gemeinde brauchen könntest und gib es weg. Nutzt es, um andere Gemeinden zu segnen und treue Arbeiter für das Evangelium zu unterstützen, die „um Seines Namens willen“ ausgesandt worden sind. (3Joh 7). Wenn deine Gemeinde mit ihrem Geld andere Christen von außerhalb in ihrer Arbeit für das Evangelium segnet und unterstützt, dann wirkt das wie ein Megafon, das weithin hörbar verkündet: „Wir lieben Jesus und seine Herrlichkeit und nicht nur unsere eigene Gruppe und unseren eigenen Dienst.“

Verantwortlich mit eurem Geld zu haushalten, heißt natürlich auch Geld für eure eigene Gemeinde zu behalten. Das verstehe ich. Aber braucht ihr wirklich alles Geld, das Gott euch schenkt? Wirklich? Wäre es nicht sogar wunderbar befreiend, einen Teil dieses Gelds an andere weiterzugeben? Könnte es nicht davon zeugen, dass eure Gemeinde durch die Gnade Gottes frei ist vom Geist der Knechtschaft, der nur auf die eigenen Interessen bedacht ist? Gesunde Gemeinden stehen nicht im Wettbewerb um Geld, Mitglieder oder Ehre zueinander. Schließlich gehören alle Finanzen, alle Menschen und alle Ehre Gott allein.

Lasst uns Gott für andere Gemeinden loben

Gott hat einen großen Plan für seine Welt und er wird sein Werk in der Welt vollbringen. Er wird seine Kinder retten und im Glauben verwurzeln und in Heiligkeit zunehmen lassen.

Manchmal gebraucht er uns dafür und manchmal eine andere Gemeinde ganz in der Nähe. Möge unsere Liebe für die Herrlichkeit Christi zunehmen, damit wir uns an Erweckung – egal ob im eigenen Umfeld oder in der Nachbargemeinde – erfreuen und Gott danken.