Gott ist unfassbar

Was können wir über Gott wissen?

Artikel von R.C. Sproul
7. Oktober 2019 — 10 min Lesedauer

Was können wir über Gott wissen? Das ist die grundlegendste Frage der Theologie, denn was wir von Gott wissen können und ob wir überhaupt etwas von ihm wissen können, bestimmt das Ausmaß und den Inhalt unseres Studiums. Hier müssen wir die Lehren der größten Theologen in der Kirchengeschichte bedenken, die alle die „Unfassbarkeit Gottes“ bekräftigt haben. Indem sie den Begriff unfassbar gebrauchen, beziehen sie sich nicht auf etwas, das wir überhaupt nicht verstehen oder erkennen können. Theologisch gesprochen bedeutet Gottes Unfassbarkeit nicht, dass er vollkommen unerkennbar wäre. Es bedeutet, dass niemand von uns ihn vollständig erfassen kann.

Unfassbarkeit ist verwandt mit einer Schlüsselüberzeugung der protestantischen Reformation – das Begrenzte kann das Unbegrenzte nicht erfassen. Menschen sind begrenzte Geschöpfe, deshalb funktioniert unser Verstand immer von einer endlichen Perspektive aus. Wir leben, weben und sind auf einer endlichen Ebene; aber Gott lebt, webt und ist in der Unendlichkeit. Unser begrenztes Verständnis kann nicht ein grenzenloses Subjekt umschließen; deshalb ist Gott unfassbar. Dieses Konzept bildet eine Schranke, damit wir nicht denken, dass wir jedes Detail bei den Dingen Gottes gemeistert haben. Unsere Endlichkeit begrenzt immer unser Verständnis von Gott.

Wenn wir die Lehre von Gottes Unfassbarkeit falsch verstehen, können wir leicht in zwei ernste Irrtümer verfallen. Der erste Irrtum sagt, dass, weil Gott unfassbar ist, er vollkommen unerkennbar sein müsse, und alles, was wir über Gott sagen, sei Kauderwelsch. Aber das Christentum bekräftigt die Rationalität Gottes neben der Unfassbarkeit Gottes. Unser Verstand kann Gott nur bis zu einem gewissen Punkt erfassen, und um Gott zu erkennen, brauchen wir seine Offenbarung. Aber diese Offenbarung ist verständlich, nicht irrational. Sie ist kein Kauderwelsch. Sie ist kein Unsinn. Der unfassbare Gott hat sich wahrhaftig offenbart.

Hier spielen wir auf das reformatorische Prinzip an, dass Gott sowohl verborgen als auch offenbar ist. Es gibt eine geheimnisvolle Dimension bei Gott, die wir nicht kennen. Aber wir sind nicht in der Dunkelheit gelassen und müssten nach einem verborgenen Gott umhertasten. Gott hat sich offenbart und das ist grundlegend für den christlichen Glauben. Das Christentum ist eine offenbarte Religion. Gott der Schöpfer hat sich deutlich in dem herrlichen Theater der Natur offenbart. Das ist es, was wir „natürliche Offenbarung“ nennen. Gott hat sich auch verbal offenbart. Er hat gesprochen und wir haben sein Wort, das in der Bibel niedergeschrieben ist. Hier reden wir von besonderer Offenbarung – Information, die Gott uns gibt; die wir niemals selbst hätten herausfinden können.

Gott bleibt unfassbar, weil er sich offenbart, ohne alles zu offenbaren, das man über ihn erkennen kann. „Was verborgen ist, das steht bei dem HERRN, unserem Gott; was aber geoffenbart ist, das ist ewiglich für uns und unsere Kinder bestimmt“ (5Mose 29,28). Wir haben weder überhaupt keine Erkenntnis Gottes noch eine vollständige Erkenntnis Gottes; stattdessen haben wir eine ausreichende Erkenntnis Gottes, die nützlich und wesentlich für unser Leben ist.

Das wirft die Frage auf, wie wir überhaupt über die Unfassbarkeit Gottes reden können. Theologen haben leider die Neigung, zwischen zwei Polen hin und her zu schwingen. Der Pol des Skeptizismus, den wir oben angesprochen haben, geht davon aus, dass unser Reden über Gott vollkommen bedeutungslos sei und wir in Bezug auf ihn keinen Referenzpunkt hätten. Der andere Pol ist eine Form des Pantheismus, der fälschlicherweise davon ausgeht, dass wir Gott erfasst oder ergriffen hätten. Wir vermeiden diese Irrtümer, wenn wir verstehen, dass unser Reden über Gott auf der Analogie aufbaut. Wir können sagen, was Gott ähnlich ist. Aber sobald wir das, was wir gebrauchen, um Gott zu beschreiben, mit seinem innersten Wesen gleichsetzen, haben wir den Denkfehler begangen zu glauben, dass das Endliche das Unendliche erfasst hätte.

Historisch gesehen sehen wir das Hin- und Herschwanken zwischen diesen zwei Irrtümern im protestantischen Liberalismus und der Neoorthodoxie. Die liberale Theologie des 19. Jahrhunderts setzte Gott mit dem Fluss der Geschichte und mit der Natur gleich. Sie lehrte einen Pantheismus, in dem alles Gott war und Gott alles. Vor diesem Hintergrund wehrte sich die Neoorthodoxdie dagegen, Gott mit der Schöpfung gleichzusetzen und versuchte, Gottes Transzendenz wiederzugewinnen. In ihrem Eifer sprachen neoorthodoxe Theologen von Gott als dem „ganz anderen“. Diese Vorstellung ist problematisch. Wenn Gott ganz anders ist, wie können wir irgendetwas über ihn wissen? Wenn Gott völlig verschieden von uns ist, wie könnte er sich uns offenbaren? Welche Mittel könnte er gebrauchen? Könnte er sich durch einen Sonnenuntergang offenbaren? Könnte er sich durch Jesus von Nazareth offenbaren? Wenn er ganz anders als die Menschen wäre, welche gemeinsame Grundlage für die Kommunikation zwischen Gott und den Menschen könnte es geben? Wenn Gott vollkommen verschieden von uns wäre, gäbe es keine Möglichkeit für ihn, zu uns zu reden.

Wenn wir verstehen, dass der Herr mit uns durch Analogie kommuniziert, löst sich das Problem. Es gibt eine Kontaktmöglichkeit zwischen Menschen und Gott. Die Bibel sagt uns, dass wir im Ebenbild Gottes geschaffen worden sind (1Mo 1,26–28). In gewisser Hinsicht sind die Menschen wie Gott. Das macht es möglich, dass Kommunikation stattfindet. Gott hat diese Fähigkeit zur Kommunikation in die Schöpfung hineingelegt. Wir sind nicht Gott, aber wir sind ihm ähnlich, weil wir sein Ebenbild tragen und ihm ähnlich geschaffen wurden. Deshalb kann Gott sich uns offenbaren, nicht in seiner Sprache, aber in unserer Sprache. Er kann zu uns reden. Er kann mit uns auf eine Weise kommunizieren, die wir verstehen können – nicht allumfassend, aber wahrhaftig und bedeutsam. Wenn du die Analogie verwirfst, endest du im Skeptizismus.