Die Treue Christi in den kleinen Dingen

Artikel von Sinclair B. Ferguson
23. Juli 2019 — 11 min Lesedauer

Es ist ein Prinzip im Reich Christi, dass „wer im Geringsten treu ist, der ist auch im Großen treu“ (Lk 16,10). Jesus predigte das nicht nur, sondern lebte dieses Prinzip vor. Sein ganzes Leben veranschaulichte die Treue im Kleinen. Das Thema verdient ein ganzes Buch. Dieser kurze Artikel ist nur dazu gedacht, uns alle zu ermutigen, auf manche kleinen Dinge zu achten, die wir im Leben unseres Retters vielleicht übersehen haben.

Im Folgenden erwähne ich fünf Dinge:

1. Jesus befolgte als Junge die Anweisung aus 2. Mose 20,12. Er gehorchte dem Gebot, „Vater und Mutter zu ehren“. Wir wissen, dass das schon für ihn galt, als er gerade erst zwölf Jahre alt war, wie wir in Lukas 2,41–52 sehen. Als Josef and Maria ihn zum jährlichen Passahfest mit nach Jerusalem nahmen, „verloren“ sie ihn tatsächlich. „Und als sie die Tage vollendet hatten und wieder heimkehrten, blieb der Knabe Jesus in Jerusalem; und Joseph und seine Mutter wussten es nicht. Da sie aber meinten, er wäre bei den Reisegefährten, zogen sie eine Tagereise weit und suchten ihn unter den Verwandten und unter den Bekannten“ (Verse 43–44). Als sie ihn schließlich im Tempel fanden, war Maria etwas gereizt: „Kind, warum hast du uns das getan? Siehe, dein Vater und ich …“ (eine Phrase, die die meisten Jungs als starke Zurechtweisung wahrnehmen). Sie beschuldigte Jesus, obwohl er unter ihrer Verantwortung stand (Vers 48). Aber was tat Jesus? Er erklärte sanftmütig, dass er zu dem einen Ort in der Stadt gegangen war, von dem sie hätten wissen müssen, dass sie ihn dort finden würden („Wusstet ihr nicht, dass ich in dem sein muss, was meines Vaters ist?“) Und dann sieh, was Lukas hinzufügt: „Und er ging mit ihnen hinab … und ordnete sich ihnen unter“ (Verse 49–51). Obwohl sie ihn fälschlich beschuldigt hatten, ehrte Jesus das fünfte Gebot seines Vaters und gehorchte seinen irdischen Eltern. Ja, er befolgte aufmerksam jedes der Gebote seines Vaters.

2. Jesus war auch ein Mann, der 5. Mose 8,3 befolgte. Er lebte „nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, was aus dem Mund des HERRN hervorgeht“ (siehe Mt 4,4). Jedes Wort. Jesus glaubte nicht nur an die „vollständige Verbalinspiration“, sondern an den „vollständigen Verbalgehorsam“. Jedes Wort seiner Bibel war ihm lebenswichtig. Er erfreute sich an detaillierter Treue – er wollte jedes Wort, das Gott ausgeatmet hatte, erkennen, lieben und ihm gehorchen.

3. Daneben war er ein Redner nach Sprüche 16,23–24. Er schätzte und gebrauchte „freundliche Worte“. Sie „sind wie Honigseim, süß für die Seele und heilsam für das Gebein“ (Vers 24). Und deshalb staunten die Menschen über die „freundlichen Worte“, die er sprach. Nach Sprüche 16,24 hat solch eine Rede sowohl die Süße als auch die medizinischen Eigenschaften von Honig. Paulus wiederholt diesen Kommentar und ruft uns dazu auf, dem Vorbild Jesu zu folgen (Kol 4,6). Jesus war aufmerksam in Bezug auf das, was er redete. Sein Reden macht den Eindruck von tiefem und sorgfältigem Nachdenken und Sorgen für andere. Außerdem scheint er nie ein Wort vergeudet zu haben. Wie? Weil er „die Zunge eines Jüngers“ hatte und „den Müden mit einem Wort zu erquicken wusste“ (Jes 50,4). Und das tat er durch seine freundlichen Worte.

4. Unser Herr war auch ein Vorbild nach Jesaja 42,2–4 (Mt 12,20). Dort steht, dass Gott „das geknickte Rohr nicht zerbrechen und den glimmenden Docht nicht auslöschen wird“. Sieh auf seine Reaktion als die angespannte Martha ihn konfrontiert und sich darüber beschwert, dass Maria nicht beim Vorbereiten des Essens hilft und Jesus nichts dagegen unternimmt. „Martha, Martha“, sagt er (Lk 10,41). Ja, Worte der Zurechtweisung werden folgen, aber zuerst kommen Worte tiefer Zuneigung, um einen Freund zu versichern und zu beruhigen.

5. Außerdem war Jesus – nach seinem eigenen Bekenntnis – ein Retter, wie wir ihn in Matthäus 11,28–30 beschrieben finden. Er war tatsächlich „sanftmütig und von Herzen demütig“. Er heilte die Kranken, als ob sie seine eigene Familie wären; er war „sanftmütig“ in der Art und Weise, wie er mit Witwen wie mit seiner eigenen Mutter umging; er war „von Herzen demütig“ in seiner Aufmerksamkeit für die „kleinen Menschen“ – die Armen, die Kranken und, ja, auch die Kinder. Das sind keine Dinge für die „große Bühne“, sondern kleine Details. Es ist gewiss von Bedeutung, dass ein Mann, der ihn „geschmäht hatte“, sich bekehrte, als er sah, wie Jesus starb (Mt 27,44; Lk 23,42–43) und wahrscheinlich auch, als er sah, wie Jesus sich um die Mutter und den Jünger kümmerte, den er liebte (Joh 19,26–27).

Gibt es dafür eine Erklärung? Wir finden sie, zumindest teilweise, darin, wo Jesus sie selbst fand – in Jesaja 50,4: „Er weckt Morgen für Morgen, ja, er weckt mir das Ohr, damit ich höre, wie Jünger hören“. Obwohl er selbst keine hebräische Bibel besaß, bewahrte er das Wort Gottes in seinem Herzen. Er hörte jeden Tag darauf und sann darüber nach. Das bedeutet mehr als nur darin zu lesen. Er reflektierte darüber, ließ es in sein Herz sinken und verdaute es.

Die Eltern von Jesus hätten wissen müssen, dass wenn man ihn irgendwo in Jerusalem finden könnte, dann im Tempel. Hatten sie ihm nicht beigebracht, nach einer Sache zu verlangen, nämlich „bleiben zu dürfen im Haus des HERRN …, um die Lieblichkeit des HERRN zu schauen und ihn zu suchen in seinem Tempel“ (Ps 27,4)? Das war genau das, was er tat, als sein „Vater und … Mutter ihn verlassen [hatten]“ (Vers 10).

Die Treue unseres Herrn in den kleinen Dingen war demnach einfach die Widerspiegelung der vollkommenen Schönheit, die er im Angesicht seines Vaters sah, als er so eifrig darauf hörte, was dieser zu sagen hatte. Möge das für uns genauso gelten.