Das vierte Jahrhundert: Eine folgenschwere Zeit

Artikel von Sinclair B. Ferguson
24. Juni 2019 — 22 min Lesedauer

Das vierte Jahrhundert war eine der wichtigsten Perioden in den ersten fünfzehnhundert Jahren der Kirchengeschichte. In ihm fanden zahlreiche Ereignisse statt, die die Richtung der Kirche in der Zukunft bestimmen würden.

Das Jahrhundert begann mit zwei wichtigen Entwicklungen.

Verfolgung

Christen sind dazu aufgerufen, mit anderen in der Gesellschaft im Frieden zu leben (siehe Röm 12,18). Aber trotz des Verlangens der Kirche, zur Gesellschaft beizutragen und im Frieden zu leben, setzt sich Verfolgung fort. Selten erkennen Kaiser und Diktatoren die Tatsache, dass Christen ihre besten Bürger sind. Leider ziehen Herrschende oft Totalitarismus der Gnade und ihren Auswirkungen vor.

Als das Jahrhundert begann, war Diokletian (245-313) schon 15 Jahre lang römischer Kaiser. Er war nicht in eine berühmte Familie geboren worden und stieg durch die Ränge der Armee auf, bis er im Jahr 284 zum römischen Kaiser erklärt wurde. Er war ein außerordentlich begabter Organisator und Verwalter als Reformator des unbeständigen Imperiums. Für den Großteil seiner Herrschaft genossen Christen relativen Frieden. Aber Diokletian wurde davon überzeugt, dass der einzige Weg, wie das Römische Reich gestärkt werden könnte, eine annähernd totalitäre Herrschaft sei. Das wiederum verlangte die Verpflichtung jedes Bürgers gegenüber seiner „göttlichen“ Autorität als sacratissimus Dominus noster (unser heiligster Herr). Alles, was diesem großen Plan im Weg stand, wurde unterdrückt.

Im Jahr 303 brach Verfolgung aus und Kirchen wurden zerstört. Da er erkannte, dass das Christentum eine Buchreligion war, versuchte Diokletian auch, die Bücher der Christen zu zerstören, insbesondere die Bibel. Dann versuchte er, die Leiter der Kirchen zu zerstören und schließlich die Christen im Allgemeinen, wenn sie sich weigerten, sich seinem Erlass zu beugen, dass alle Bürger des Reichs den Göttern Roms opfern müssen. Durch Gottes Gnade hatten viele Christen den Mut, festzustehen.

Diokletian dankte im Jahr 305 ab und verbrachte die letzten Jahre seines Lebens im Ruhestand in dem, was heute Split, Kroatien, ist. Aber die Verfolgung ging weiter.

Es ist manchmal schwer, die Wahrheit von Übertreibung zu unterscheiden, wenn wir die Berichte der Märtyrer lesen. Manchmal scheinen sie übertrieben zu sein. Aber vielleicht erwuchs die Übertreibung aus einem Verlangen, einen Gegensatz zu ziehen zu den anderen Christen, die eingeschüchtert wurden und von denen manche ihre Bibeln zum Verbrennen übergaben. Das führte zu einem neuen Problem für die Kirche, nämlich gescheiterten Christen, die traditores. Was würde man tun, wenn sie später, in Zeiten der Erleichterung, zur Kirche zurückkehren wöllten?

Diokletian nahm sich 313 das Leben. Zwei Jahre zuvor hatte das Edikt von Nikomedia (311) die Verfolgung zu einem Ende gebracht.

Der Kult der Weichheit

Das Leid, das so viele Christen erdulden mussten, unterstrich einen zweiten Trend: den zunehmenden Sinn für Komfort und Ruhe bei denen, die von sich sagten, dass sie die Nachfolger des Gekreuzigten seien.

Es gibt Geheimnisse im christlichen Glauben und Lehren, die den Verstand übersteigen. Aber manchmal ist es nicht die Offenbarung, die den Verstand über die Maßen beansprucht, sondern die Lehre, die am einfachsten und klarsten ist, die uns vor die größten Herausforderungen stellt. Wir vertrauen und folgen einem gekreuzigten Retter, der von den Toten auferstand. Folglich wird unser Leben vom Kreuz gekennzeichnet sein. Der Weg zum Leben ist der Weg des Todes.

Da wir natürlicherweise vor Leid zurückschrecken, sollte es uns nicht überraschen, wenn die gleiche Reaktion am Anfang des vierten Jahrhunderts vorhanden war.

Eine Reaktion auf die „subtile Liebe weichmachender Dinge“, die nicht wenige vollzogen, war es, die Welt abzulehnen, die Gesellschaft hinter sich zu lassen und als Eremiten zu leben, getrennt von der Welt und von weltlichen Christen. Diese Bewegung breitete sich vor allem in Ägypten aus, wo Männer in die Wüste zogen und ein vollkommen einsames Leben führten, um über die Herrlichkeit Gottes nachzudenken (so hofften sie), während sie nach seiner Gegenwart und Kraft suchten, um Versuchung zu überwinden. Aber viele von ihnen mussten erkennen, dass die Wüste auch ein Gebiet ist, das der Teufel bewohnt.

Antonius der Große

Der einflussreichste dieser Eremiten war Antonius (251-356), der in Kome, Ägypten geboren wurde. Während eines Gottesdienstes kurz nach dem Tod seiner Eltern wurde er von Jesu Worten an den reichen Jüngling ergriffen, die ihn aufforderten, alles zu verkaufen und Jesus nachzufolgen. Indem er die Worte buchstäblich auffasste, weihte er sich einem asketischen Leben in der Wüste von ca. 285 bis 305, wo er eine Gruppe von Mönchen organisierte. Später kehrte er zur Wüste zurück. Er wurde sehr geachtet, vor allem als das Leben von Antonius in der Vita Antonii von Athanasius beschrieben wurde.

Paradoxerweise hatten beide Einflüsse – Verfolgung und Mönchtum – das Potential, das christliche Zeugnis zu zerstören. Denn die Welt wird finster, entweder weil die Finsternis das Licht überwindet oder weil das Licht von der Welt weggenommen wird. Wenn wir das Salz aus der Erde herausnehmen, dann ist moralischer und geistlicher Verfall unvermeidbar. Diese Wüstenmönche stehen, trotz ihres erstaunlichen Asketentums, als Warnung für uns, dass Christus uns nicht dazu aufgerufen hat, die Welt zu verlassen, sondern opferbereit in ihr zu leben.

Neben diesen zwei Bewegungen sollten wir drei wichtige Ereignisse beachten, die während des vierten Jahrhunderts geschahen.

Konstantin der Große

Das erste war, als Konstantin Kaiser wurde. Nach dem christlichen Autor Lactantius aus dem 4. Jahrhundert hatte Konstantin, während er um die Kontrolle über das Römische Reich kämpfte, unmittelbar vor der Schlacht an der Milvischen Brücke einen erstaunlichen Traum. Als Folge davon kämpfte er unter dem Zeichen des Kreuzes, was zum berühmten chi-rho Monogramm wurde (von den ersten zwei Buchstaben aus dem Titel Christus). Egal, wie es um die Wahrheit dieser Geschichte bestellt ist, gewann Konstantin die Schlacht und er schrieb seinen Sieg der Macht Christi zu. Sofort begann er damit, die Strafen gegen die Christen zu lockern und machte schließlich das Christentum zur offiziellen Religion des großen Römischen Reiches.

Das waren gute Neuigkeiten – das Ende von Verfolgung. Aber es waren auch schlechte Neuigkeiten. Sie waren gut, weil Christen jetzt frei waren, Christus ohne jede Behinderung anzubeten. Aber sie waren schlecht, da das Christentum zum ersten Mal Staatsreligion wurde. Die Bürger des Römischen Reiches erachteten sich nun als de facto Christen. Die grundlegende biblische Unterscheidung zwischen natürlicher und geistlicher Geburt ging verloren. Konstantin tat viel, um der Kirche zu helfen. Aber dieser fatale Fehler behinderte langfristig die Kirche, da der Unterschied zwischen einem Bürger dieser Welt und einem Bürger der kommenden Welt minimiert wurde. Die Kirche im Westen ist seither nicht mehr ganz die gleiche.

Nicäa

Das zweite bedeutsame Ereignis des vierten Jahrhunderts war das Konzil von Nicäa im Jahr 325. Es beendete offiziell (aber nicht abschließend) eine erbitterte Debatte in der Kirche über die Identität Christi.

Die Samen dieser Debatte können in der Art und Weise gefunden werden, wie frühchristliche Autoren die Frage beantworteten: In welchem Sinn ist Christus vollkommen göttlich? Dieses Thema trat in den Mittelpunkt durch die Lehre eines Presbyters (Pfarrers) namens Arius. Dieser hatte argumentiert, dass, wenn der Sohn, wie die Kirche bekannte, „vom Vater geboren ward“, „es eine Zeit gab, wo es den Sohn nicht gab“.

Gegen Arius trat die heroische Figur des Athanasius auf. Er argumentierte mächtig, dass der Sohn uns nicht mit Gott versöhnen könnte, wenn er nicht vollkommen Gott wäre,  weil dann sein Tod nicht unendliche Macht hätte, uns von der Sünde zu retten vor einem unendlichen und heiligen Gott. Nur wenn Christus vollkommen göttlich ist, kann er uns mit Gott versöhnen. Ferner argumentierte Athanasius, wenn Christus nicht vollkommen Gott sei (und das gleiche würde für den Heiligen Geist gelten), dann würden Christen im Namen des einen Gottes und zwei seiner Geschöpfe getauft. Mit anderen Worten, der christliche Einführungsritus der Taufe in dem einen Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes verlangt die vollkommene Göttlichkeit des Sohnes, um Sinn zu machen.

Für seine unbeugsame Treue wurde Athanasius (der aufgrund seiner Hautfarbe und Größe den Spitznamen „der schwarze Zwerg“ hatte) nicht weniger als fünf Mal ins Exil geschickt. Aber selbst, wenn die ganze Welt gegen ihn wäre, war er bestimmt, an der vollen Göttlichkeit seines Retters festzuhalten (daher der Ausdruck Athanasius contra mundum, „Athanasius gegen die Welt“). Das Konzil, welches Konstantin im Jahr 325 in Nicäa einberief, bestätigte die Überzeugung von Athanasius gemäß des Neuen Testaments über die absolute Göttlichkeit unseres Herrn Jesus Christus.

Augustinus

Ein drittes wichtiges Ereignis fand im Leben einer Person statt, deren Schriften ihn zu dem einflussreichsten Denker der Kirche seit den Tagen der Apostel machte. Das Ereignis war natürlich die Bekehrung von Augustinus.

Aurelius Augustinus wurde 354 in Thagaste, Nordafrika geboren (Annaba im modernen Algerien), als Sohn eines heidnisches Vaters und einer christlichen Mutter Monika (deren Gebete laut Augustinus zu seiner Bekehrung beitrugen). Neues Denken und Grenzerfahrungen faszinierten ihn. Im Alter von 18 Jahren nahm er sich eine Konkubine, mit der er für die nächsten 15 Jahre zusammenlebte. Er scheint alles ausprobiert zu haben, einschließlich einer neuen Religion und sogar einer außergewöhnlichen Diät (zeitweise gehörte er einer Sekte an, die glaubte, dass man so viele Melonen wie möglich essen sollte).

Aber er fand keine Befriedigung. Als er über seine Erfahrungen in seinem berühmtesten Werk Bekenntnisse schrieb, bemerkte er, dass er zwar stark nach dem suchte, von dem er dachte, dass es die Wahrheit sei. Jedoch rannte er in Wirklichkeit davon weg und von der Gnade Gottes in Jesus Christus.

Schließlich nahm Augustinus einen prestigeträchtigen Job als Rhetorikprofessor in Mailand, Italien, an. Er fing an, den Predigten des großen Ambrosius, Bischof von Mailand, zuzuhören. Eines Tages, als er in einem Garten saß, hörte er, wie ein Kind im Nachbargarten ein paar Worte rief, die er als Teil eines Spieles erachtete – tolle lege (nimm und lies). Das löste etwas in seinem Kopf aus. Er nahm eine Ausgabe des Neuen Testaments auf, das auf einem Tisch lag, und öffnete es bei Römer 13,14: „Sondern zieht den Herrn Jesus Christus an und pflegt das Fleisch nicht bis zur Erregung von Begierden“. Er fühlte, dass Gott zu ihm direkt gesprochen hatte, als er die Stimme des Kindes gehört hatte. Er tat genau das, was der Text sagte. Er vertraute auf Christus. Die alte Lebensweise war nun vergangen. Er fand die Ruhe in Gott, von der er wusste, dass er für sie geschaffen war. Von da an wurde er ein hingegebener Diener Jesu Christi. Sein Denken und seine Schriften bestimmten auf viele Weisen den Kurs der Geschichte der christlichen Theologie, direkt durch die Reformation.

Eine der faszinierendsten Aussagen in den Bekenntnissen ist ein Kommentar, den Augustinus über Ambrosius macht. Er beschrieb die Zeit seines Lebens, als er nach Mailand kam. Was beeindruckte ihn bei dem Bischof? Er sagt es uns in seinem Gebetsmonolog an Gott: „Ich fing an, ihn zu mögen, zunächst nicht als Lehrer der Wahrheit, denn ich hatte absolut kein Vertrauen in deine Kirche, sondern als ein menschliches Wesen, das freundlich zu mir war. … Nichtsdestotrotz näherte ich mich dir, auch wenn ich es nicht bemerkte“.

Justin der Märtyrer wurde zu Christus gebracht durch einen sonst unbekannten älteren Christen bei einem Spaziergang am Strand; Augustinus kam zum Glauben durch die eloquente Freundlichkeit eines Bischofs und die Gebete einer Mutter. Der Name Justins lebt in der Kirchengeschichte weiter – aber der alte Mann, der ihn auf Christus hinwies, ist vergessen. Viele Christen kennen den Namen Augustinus. Aber viel weniger kennen den Namen seiner Mutter oder den Namen seines Pfarrers, Ambrosius.

Es gibt hier ein Muster und eine Lektion. Wenn wir das Leben von Männern und Frauen lesen, die von Christus gebraucht wurden, um sein Reich zu bauen, bemerken wir, dass die Namen derer, die sie zum Glauben an Christus geführt haben, oft vergessen oder verloren sind. Aber ihre Bedeutung ist unschätzbar. Gott gefällt es, das Verborgene und Vergessene zu gebrauchen.

Das ist gewiss eine große Ermutigung für Menschen wie uns, die unser christliches Leben in relativer Unbekanntheit verbringen. Wir erwarten nicht, unseren Namen in irgendeinem Buch der Kirchengeschichte zu finden. Und doch kann es sein, dass jemand, dem wir freundlich begegnen, weil wir Jesus lieben, von Gott auf außergewöhnliche Weise gebraucht wird, um die Kirche Jesu Christi zu bauen.

Treue ist viel bedeutsamer als Ruhm, wenn Jesus seine Gemeinde baut.

Sinclair B. Ferguson ist Professor für Systematische Theologie am Reformierten Theologischen Seminar (USA). Er diente lange als Hauptpastor der ersten presbyterianischen Kirche in Columbia (South Carolina, USA).