Können wir dem Neuen Testament vertrauen?

Artikel von Michael Kruger
6. Februar 2019 — 15 min Lesedauer

Es kann eine beunruhigende Erfahrung für moderne Leser des Neuen Testaments sein, wenn man an Versen vorbeikommt, die in Klammern stehen und eingeleitet werden mit „unsere frühesten Handschriften enthalten nicht…“. Für diejenigen, denen gelehrt wurde, dass unser Neues Testament vertrauenswürdig ist, können diese Klammern ein paar heikle Fragen aufwerfen: Wie gewiss sind wir uns in Bezug auf den Text des Neuen Testaments? Wenn diese Bibelstellen zweifelhaft sind, sind es dann andere Bibelstellen auch? Und wenn diese Bibelstellen nicht im Ursprungstext stehen, warum stehen sie dann immer noch in unseren Übersetzungen? Wenn diese Fragen nicht beantwortet werden, kann die Existenz dieser Klammern für manche zur sprichwörtliche Fliege in der Salbe der biblischen Autorität werden.

Wenn wir diese Fragen beantworten, müssen wir damit anfangen, anzuerkennen, dass die Bücherherstellung in der Vergangenheit etwas Anderes war als das, was wir in unserer modernen Zeit nach Gutenberg erleben. In der antiken Welt gab es (offensichtlich) keine Laptops, Rechtschreibprogramme, Druckerpressen oder moderne Hilfsmittel, um Bücher herzustellen. Wenn jemand ein Buch schreiben wollte, tat er es von Hand. Und wenn jemand dieses Buch „veröffentlichen“ und in einem weiten geographischen Gebiet verbreiten wollte, mussten Kopien des Buches hergestellt werden – auch von Hand. Deshalb wurde das Neue Testament auf gleiche Weise überliefert wie alle anderen antiken Bücher: Es wurde von Hand durch Kopisten abgeschrieben.

Wie man sich vorstellen kann, machten selbst die besten Kopisten von Zeit zu Zeit Fehler. Das ist kein Skandal – es war ein unvermeidlicher Teil des Abschreibens von Büchern in der antiken Welt, egal ob Neues Testament oder andere. Die meisten dieser Fehler waren gewöhnliche Versehen wie Schreibfehler, veränderte Wortreihenfolgen oder unabsichtliche Auslassungen eines Wortes. Aber gelegentlich gab es während des Abschreibeprozesses größere Veränderungen wie die Verdopplung oder Auslassung einer ganzen Zeile, oder ein Kopist fügte Wörter hinzu, von denen er dachte, dass sie in den Text gehören. Im Licht solcher Veränderungen gibt es ein Gebiet wissenschaftlichen Studiums, welches die verschiedenen Handschriften eines Buches untersucht, um herauszufinden, was vom ursprünglichen Verfasser geschrieben wurde und was vielleicht einen späteren Fehler eines Kopisten darstellt. Dieses Studiengebiet nennt sich Textkritik.

Obwohl Textkritik für alle antiken Dokumente wichtig ist, ist sie besonders wichtig für die Dokumente des Neuen Testaments. Denn als Christen glauben wir, dass die ursprünglichen Worte der Verfasser des Neuen Testaments von Gott eingegeben wurden. Diese Autoren schrieben genau das auf, wozu sie Gott, durch den Heiligen Geist, anleitete. Deshalb ist es wichtig, dass wir den ursprünglichen Text eines neutestamentlichen Buches herausfinden – oder zumindest den frühest möglichen Text – und diesen Text dann von späteren Veränderungen durch Kopisten absondern.

Wenn wir also die Prinzipien der Textkritik auf das Neue Testament anwenden, haben wir dann Grund genug, mit einem vernünftigen Grad an Gewissheit, dem Text des Neuen Testaments zu vertrauen? Absolut. Es ist sogar so, dass die Zeugnisse für den Text des Neuen Testaments ausgezeichnet sind.

Der Ursprungstext ist bewahrt worden

Erstens, wir haben gute Gründe, davon auszugehen, dass der ursprüngliche Text des Neuen Testaments in den Handschriften, die uns zur Verfügung stehen, bewahrt geblieben ist. Warum? Zum einen, weil wir solch eine erstaunliche Menge an Handschriften haben – ungefähr 5.700 und zunehmend. Wie der Forscher über Neues Testament Eldon Epp anmerkt: „Der Punkt ist, dass wir so viele Handschriften des Neuen Testaments haben, dass die ursprüngliche Lesart mit Sicherheit in jedem Fall irgendwo in unserem reichen Schatz an Material vorhanden ist“.

Aber es ist nicht nur die Zahl an Handschriften wichtig. Unsere Gewissheit, dass wir den Ursprungstext in unseren Handschriften haben, beruht auf dem, was die Beharrlichkeit des Textes genannt wird. Wenn einmal eine besondere Lesart Eingang in die handschriftliche Tradition gefunden hat, dann verschwindet sie nicht. Stattdessen bleibt sie stur vorhanden. Kurt und Barbara Aland sagen dazu:

Die Überlieferung der Texttradition des Neuen Testaments ist gekennzeichnet von einem außerordentlich eindrucksvollen Maß an Beharrlichkeit. Wenn einmal eine Lesart auftritt, bleibt sie mit Sturheit vorhanden. Es ist genau diese überwältigende Masse an neutestamentlicher Texttradition, die eine Gewissheit liefert, den Ursprungstext feststellen zu können.

Mit anderen Worten, die große Zahl an Handschriften des Neuen Testaments und die Beharrlichkeit des Textes verleihen uns die Gewissheit, dass der Ursprungstext nicht verloren gegangen ist.

Wenn dem so ist, dann ist die Herausforderung, den Ursprungstext zu rekonstruieren, anders, als man es sich vorstellen mag. Es ist nicht so sehr das Problem, dass wir den Ursprungstext nicht hätten, sondern wir haben den Ursprungstext plus ein paar Variationen in der Handschriftentradition. Kurz gesagt, wir haben zu viel Material.

Die meisten Textvarianten sind offensichtlich nicht ursprünglich

Wenn wir gute Gründe haben, zu denken, dass der Ursprungstext in unseren vielen Handschriften bewahrt geblieben ist, dann besteht der nächste Schritt darin, irgendwelche späteren Veränderungen davon abzugrenzen. Und das führt zu einer zweiten Beobachtung: Die überwiegende Mehrzahl an Textvariationen hat keinen legitimen Anspruch auf Ursprünglichkeit. Die meisten Variationen sind einfach keine realistischen Anwärter auf einen Teil im Ursprungstext, wie er von den biblischen Autoren niedergeschrieben wurde. Das kann aufgrund verschiedener Faktoren sein. Manche Lesarten tauchen nur einmal in der Handschriftentradition auf (und sind deshalb unwahrscheinlich das Original). Andere sind offensichtliche Abschreibfehler der Kopisten oder „unsinnige“ Lesarten. Noch andere ermangeln bedeutender Unterstützung in den Handschriften.

Diese Art von Überlegungen sind relevant für die meist diskutierten Klammern in unseren Bibeln: Markus 16,9-20 (das lange Ende von Markus) und Johannes 7,53-8,11 (die Geschichte von Jesus und der Ehebrecherin). Wenn wir uns diese zwei umstrittenen Bibelstellen ansehen, haben wir gute Gründe dafür, ihre Ursprünglichkeit zu bezweifeln. Im Fall des langen Endes von Markus fehlt es in unseren frühesten Kopien des Markusevangeliums (die in den Kodizes Vaticanus und Sinaiticus gefunden werden) und im Zeugnis der frühen Kirchenväter (besonders Eusebius und Hieronymus). Das weist darauf hin, dass die meisten der frühesten Kopien des Markusevangeliums das längere Ende nicht besaßen. Gleichermaßen finden wir die Geschichte von Jesus und der Ehebrecherin in keiner unserer frühesten Kopien des Johannesevangeliums (Papyri 66 und 75, Kodizes Vaticanus und Sinaiticus), was wiederum auf eine spätere Hinzufügung hindeutet.

Also, auch wenn diese zwei Bibelstellen in Klammern dem durchschnittlichen Leser Sorgen bereiten – besonders aufgrund ihrer Länge und Bekanntheit – bilden sie doch keine wirkliche Bedrohung. Wenn wir wissen, dass sie nicht ursprünglich sind, dann können wir nicht sagen, dass der biblische Text an diesen Punkten nicht vertrauenswürdig sei. Der Text wäre nur nicht vertrauenswürdig an diesen Stellen, wenn wir nicht wüssten, was der ursprüngliche Text wäre.

Natürlich muss eingestanden werden, dass es sich für den durchschnittlichen Leser wie ein Problem anfühlt, wenn wir sagen, dass diese Texte nicht ursprünglich sind. Angesichts der Tatsache, dass diese Bibelstellen seit Generationen in unseren Bibeln stehen, scheint es falsch zu sein, sie beiseite zu schieben. Und solch eine Reaktion ist verständlich. Aber wenn wir den Bereich unserer biblischen Tradition für einen Moment verlassen und uns einfach fragen, was der ursprüngliche griechische Text des Markus- und Johannesevangeliums war, dann erkennen wir, dass diese Texte nicht aus dem Neuen Testament „rausgeschmissen“ werden. Stattdessen sehen wir ein, dass sie wahrscheinlich niemals dazugehört haben.

Keine ungelöste Textvariante beeinflusst eine Schlüssellehre

Es muss natürlich eingeräumt werden, dass Entscheidungen über die Ursprünglichkeit der Varianten nicht immer klar und einfach sind. Es gibt verschiedene Stellen, an denen wir Varianten haben, die gleichberechtigt erscheinen – obwohl das im Großen und Ganzen relativ selten ist. Aber das führt zu einer dritten und letzten Beobachtung über die neutestamentliche Textkritik, nämlich, dass keine ungelöste Textvariante irgendeine wichtige Lehre in Bedrängnis bringt. Egal welche Variante in solchen Fällen gewählt wird, verändert das keine Schlüsselüberzeugung des christlichen Glaubens.

Natürlich werden manche frustriert darüber sein, dass wir keine absolute, hundertprozentige Gewissheit über jede letzte Textvariante haben. Aber wir brauchen keine Gewissheit über jede Textvariante, um Gewissheit über die Botschaft des Neuen Testaments zu haben. Gott hat sein Wort ausreichend bewahrt, sodass die herrliche gute Nachricht des Evangeliums intakt geblieben ist.

Hier kommen wir zum Kern der Sache. Wenn sich der ganze Staub in diesen Debatten über den Text des Neuen Testaments legt, bleibt die wesentliche Botschaft des Neuen Testaments die gleiche. Sie hat sich nicht verändert. Wie Jesus verheißen hat: „Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen“ (Mt 24,35).