Die Gründe für Dordrecht

Artikel von Robert Godfrey
17. Januar 2019 — 19 min Lesedauer

Judas lehrt in seinem Brief, dass, obwohl der Glaube der Gemeinde durch die Apostel gegeben wurde, die Gemeinde doch selbst im Laufe der Geschichte diesen Glauben immer wieder verteidigen muss (Judas 3). Paulus widerstand den Gesetzlichen, Athanasius widerstand Arius, Augustinus widerstand Pelagius und Martin Luther widerstand Erasmus. Dies sind ein paar Beispiele dafür, wie Christen im Laufe der Kirchengeschichte für den apostolischen Glauben gekämpft haben. Nach der Reformation erhob sich eine der größten Herausforderungen für den apostolischen Glauben innerhalb der niederländischen, reformierten Kirche durch einen Pfarrer und Professor namens Jacobus Arminius und seine Anhänger.

Arminius (1559-1609) verlor als Junge seinen Vater im niederländischen Aufstand gegen Spanien. Er wurde durch die Großzügigkeit der reformierten Kirchen an der neuen Universität in Leiden ausgebildet und setzte seine Studien später in Genf und in Basel fort. In Genf war Théodore de Bèze, Nachfolger von Johannes Calvin, der führende Theologe und ein großer Verteidiger der calvinistischen Lehre. Arminius erwies sich als ein heller und intelligenter Student. Mit Empfehlungsschreiben von de Bèze kehrte Arminius in die Niederlande zurück und wurde in Amsterdam ordiniert. Er diente dort als Pfarrer von 1588 bis 1603, als er berufen wurde, mit zwei anderen Professoren Theologie an seiner Alma Mater in Leiden zu unterrichten. Dort wirkte er bis zu seinem Tod im Jahr 1609.

Obwohl Arminius Meinungsverschiedenheiten in Genf und in Amsterdam erlebte, verfolgten ihn keine größeren Probleme. Aber Besorgnisse über seine Lehre wuchsen in seinen frühen Jahren in Leiden. Diese Besorgnisse waren schwer einzuschätzen, da Arminius zu seinen Lebzeiten nichts veröffentlichte. Nach seinem Tod wurde eine Anzahl von Schriften gefunden – genug um drei dicke Bände zu füllen – aber, was sehr ungewöhnlich für die damalige Zeit war, hatte er sie selbst nicht veröffentlicht. Während seines Lebens wurde seine Theologie aufgrund der Berichte seiner Studenten beurteilt, und seine Professoren- und Pfarrkollegen wurden immer besorgter. Schließlich wurde er im Jahr 1608 genötigt, seine Ansichten niederzuschreiben, damit sie durch die zivilen Behörden, welche die Universität beaufsichtigten, geprüft werden konnten. Diese Erklärung demonstrierte seine Ablehnung der calvinistischen Lehre der Erwählung. Jüngste Studien über sein Werk haben geschlossen, dass er nicht so sehr durch ein Verlangen getrieben war, ein gewisses Maß an menschlicher Freiheit oder Kooperation bei der Errettung auszudrücken, sondern durch ein Verlangen, die Güte Gottes gegen jedes Anzeichen zu verteidigen, dass Gott ein Tyrann oder der Urheber der Sünde sei.

In den Jahren nach seinem Tod wurden diejenigen, die von sich behaupteten, ihm zu folgen, immer radikaler in ihren theologischen Überzeugungen. Sie übernahmen mehr und mehr die Ansichten, die wir heute als „arminianisch“ oder „semi-pelagianisch“ bezeichnen, indem sie einen begrenzten Einfluss der Sünde auf die menschlichen Fähigkeiten und ein Maß an menschlicher Freiheit lehrten, sodass der Mensch imstande sei, mit der rettenden Gnade zu kooperieren oder sich ihr zu widersetzen. Sie fassten ihre Überzeugungen in einem Dokument zusammen, das als Remonstranz von 1610 bekannt wurde. Diese Zusammenfassung hatte fünf Punkte: bedingte Erwählung, allgemeine Sühne, vollständige Verdorbenheit, widerstehliche Gnade und Ungewissheit über das Ausharren der Heiligen.

Die Jahre zwischen dem Tod von Arminius und dem Zusammenkommen der Synode von Dordrecht waren charakterisiert von einem wachsenden theologischen Streit und Spaltungen in der Kirche. Die Spannung in der niederländischen Gesellschaft wurde so groß, dass ein Bürgerkrieg eine ernste Möglichkeit darstellte. Nur der Wechsel der Zivilregierung und die Einberufung der nationalen Synode der niederländischen, reformierten Kirche in der Hafenstadt von Dordrecht verhinderte diesen Krieg.

Die niederländischen Calvinisten entschieden, dass die Synode mehr als nur eine nationale Synode sein sollte. Sie luden Repräsentanten aus den meisten reformierten Kirchen Europas ein, teilzunehmen und volles Stimmrecht bei der Synode zu haben. Das Ergebnis war die größte und ökumenischste Zusammenkunft, die die reformierten Kirchen jemals abgehalten haben. (Damit meine presbyterianischen Freunde nicht denken, dass ich die Westminstersynode herabwürdige, möchte ich sie daran erinnern, dass diese Zusammenkunft nicht wirklich eine Kirchenzusammenkunft war, sondern eine Versammlung von Theologen, um das englische Parlament zu beraten.)

Die Synode von Dordrecht ging ihrer Arbeit mit Bedacht und Gründlichkeit nach. Sie kam von Mitte November 1618 bis in den späten Mai 1619 zusammen, wobei sie zuerst die Arminianer anhörte und dann, als diese unkooperativ waren, ihre Schriften las. Die größte Leistung der Synode war die Vorbereitung dessen, was als Lehrregeln von Dordrecht bekannt ist. Diese Lehrregeln von Dordrecht antworten auf die fünf Punkte des Arminianismus. Streng genommen hat der Calvinismus nicht nur fünf Punkte; stattdessen hat er die vielen Punkte, die man im Niederländischen Glaubensbekenntnis oder im Westminster Bekenntnis findet. Der Calvinismus hat fünf Antworten auf die fünf Irrlehren des Arminianismus. Die Lehrregeln antworten Punkt für Punkt auf die arminianische Zusammenfassung, die 1610 vorlegt wurde. Die erste Überschrift (oder das erste Kapitel) der Synode ist bedingungslose Erwählung. Die zweite Überschrift befasst sich mit der begrenzten Sühne. Die Synode kombiniert die dritte und vierte Überschrift, um zu zeigen, dass vollkommene Verdorbenheit nur dann vertreten werden kann, wenn auch die Notwendigkeit der unwiderstehlichen Gnade gelehrt wird. Die fünfte Überschrift lehrt das Ausharren der Heiligen durch die bewahrende Gnade Gottes.

Jede Lehrüberschrift ist in verschiedene positive Abschnitte und Verwerfungen der spezifischen arminianischen Irrlehren aufgeteilt. Die wichtigste Entscheidung darüber, wie diese Abschnitte geschrieben werden sollten, war die Entscheidung, sie für die Menschen in den Kirchen statt für die Professoren an den Universitäten zu schreiben. Die Synode beabsichtigte, dass ihre Lehrregeln klar und verständlich für alle Mitglieder der Kirche sein sollten. Über die Jahre war eines der Probleme, dass die Übersetzung der Lehrregeln ins Englische die langen Sätze behalten hat, die im Lateinischen funktionieren, aber im Englischen nicht klar sind. Aber selbst in den älteren englischen Übersetzungen ist die Bedeutung klar, wenn der Leser von Satzteil zu Satzteil liest.

Die Synode wollte auch die Katholizität des reformierten Christentums aufzeigen, indem sie den arminianischen Vorwurf abstritt, dass die reformierten Kirchen sektiererische Neuheiten lehren würden. Deshalb beginnt jede Lehrüberschrift mit einer katholischen Aussage, der Römisch-Katholische, Lutheraner und Reformierte zustimmen würden. Aus dem anfänglichen katholischen Abschnitt demonstrieren weitere Abschnitte, dass die Fülle der reformierten Lehre rechtmäßig aus den katholischen Grundlagen folgt.

Etwas vom Wesen der Lehrregeln kann nachvollzogen werden, wenn man sich die erste Lehrüberschrift (über die bedingungslose Erwählung), Artikel 6, ansieht:

Dass aber zur Zeit einige mit dem Glauben beschenkt werden, andere nicht, das geht aus Gottes ewigem Ratschluss hervor, denn alle seine Werke weiß Gott von Ewigkeit (Apg 15,18; Eph 1,11). Nach diesem Ratschluss erweicht er die Herzen der Auserwählten gnädiglich, mögen sie noch so hart sein, und führt sie zum Glauben, die Nichtauserwählten aber überlässt er nach gerechtem Urteil ihrer Bosheit und Verhärtung. Und hier offenbart sich uns ganz vorzüglich die tiefe, zugleich barmherzige und gerechte Unterscheidung gleich verderbter Menschen oder jener Ratschluss der Erwählung und Verwerfung, im Wort Gottes geoffenbart. Wie diesen Verderbte, Unreine und Wankelmütige zu ihrem eigenen Untergang verdrehen, so gewährt er frommen und gottesfürchtigen Seelen einen unaussprechlichen Trost.

Auf beispielhafte Weise erklärte dieser Abschnitt die Lehre deutlich, zeigt ihren Ursprung in der Bibel auf und beharrt auf dem Trost, den ein Vertrauen auf Gottes souveränen, rettenden Ratschluss dem Volk Gottes bringt.

Die Synode erreichte auch andere wichtige Dinge, die für das Leben und die Gesundheit der niederländischen, reformierten Kirche für Jahrhunderte in die Zukunft sorgten. Die Synode setzte einen Ausschuss ein, um eine neue niederländische Übersetzung der Bibel vorzubereiten. Diese Bibel bekam den gleichen Status und den gleichen Einfluss in der niederländischsprachigen Welt wie die King James Version der Bibel in der englischsprachigen Welt. Diese Bibel unterstützte die Frömmigkeit und das Leben der niederländischen Christen bis spät in das 20. Jahrhundert.

Die Synode bekräftigte auch erneut die Verpflichtung der Kirche zum Niederländischen Glaubensbekenntnis und legte den offiziellen Text des Bekenntnisses fest, da kleine Variationen in früheren Veröffentlichungen gefunden wurden. Die Synode wurde gebeten, ein neues Glaubensbekenntnis zu verfassen, welches alle reformierten Kirchen Europas annehmen könnten. Die Synode schloss, dass sie nicht genug Zeit für solch ein Unterfangen hatte, aber sie bekräftigte das Niederländische Glaubensbekenntnis als annehmbares Bekenntnis für alle Reformierten.

Die Synode nahm auch eine Kirchenordnung an, die eine Geschäftsordnung für die niederländischen Kirchen für die nächsten Jahrhunderte bildete. Die Kirchenordnung beschrieb den Dienst von Pfarrern, Ältesten und Diakonen sowie den Dienst und die Anbetung der Kirchenmitglieder. Sie erklärte auch die Arbeit der örtlichen Kirchenräte sowie die größeren Versammlungen der Klassen und Synoden.

Die Synode wurde auch gebeten, eine definitive Aussage über die Lehre des Sabbats zu machen. Wiederum hatte die Synode nicht die Zeit für eine abschließende Untersuchung, aber sie bereitete eine kurze Erklärung vor, um Kirchen und Christen zu unterstützen. Der Sabbat ist nämlich nicht nur eine Lehre der Kirchen, sondern auch ein wesentlicher Teil der Frömmigkeit und des Lebens der Kirche. Die Synode rief zu Ruhe und Anbetung am Tag des Herrn auf. Über diese Erklärung hinaus, als sie gefragt wurde, was mit dem traditionellen Abendgottesdienst getan werden sollte, wenn er wenig besucht würde, riet die Synode, dass der Abendgottesdienst stattfinden sollte, selbst wenn nur die Familie des Pfarrers anwesend sei. Mit der Zeit wurden die niederländischen, reformierten Kirchen sorgsam, wie sie den christlichen Sabbat feierten, und die zwei Gottesdienste halfen außerordentlich, um hingegebene und gut ausgebildete Kirchenmitglieder hervorzubringen.

Die Synode von Dordrecht vollbrachte ein außergewöhnliches Werk, das es mehr als wert ist, vierhundert Jahre später gefeiert zu werden. Sie bewahrte die richtige Lehre der Bibel über die Errettung und sorgte auch auf andere Weise für das Wohl der Gemeinde. Die Synode kämpfte den guten Kampf, zu dem Judas alle Christen aufruft. Der Kampf führte zu einer Trennung in der Kirche. Eine kleine Minderheit trat aus und bildete die Bruderschaft der Remonstranten. Aber, wie Judas klarmacht, sind solche Trennungen nicht der Fehler der Rechtgläubigen, sondern der Fehler derer, die der Wahrheit widerstehen (Judas 19). Die große Leistung der Synode war es, dass sie unseren Glauben bewahrte, lehrte und verteidigte, „unser gemeinsames Heil“ (Vers 3).