Wie sich die Reformation ausbreitete

Artikel von R.C. Sproul
5. November 2018 — 10 min Lesedauer

Die rapide Ausbreitung der protestantischen Reformation von Wittenberg durch Europa und über den Kanal nach England wurde nicht durch die Anstrengungen eines weltreisenden theologischen "Entrepreneurs" befeuert. Ganz im Gegenteil, Martin Luther verbrachte fast seine ganze Karriere in dem kleinen Ort Wittenberg, wo er an der Universität lehrte. Trotz dieser geographischen Fixierung breitete sich Luthers Einfluss von Wittenberg in konzentrischen Zirkeln in die ganze Welt aus – wie wenn ein Stein in einen Teich geworfen wird. Die rapide Ausbreitung der Reformation wurde schon ganz am Anfang angedeutet, als die 95 Thesen an die Kirchentür genagelt wurden (was eigentlich nur als theologische Diskussion innerhalb der Fakultät gedacht war). Ohne Luthers Wissen und Erlaubnis wurden seine Thesen aus dem Lateinischen ins Deutsche übersetzt und auf der Druckerpresse vervielfältigt und anschließend innerhalb von zwei Wochen in jedes deutsche Dorf verbreitet. Das war der Vorbote von Dingen, die noch kommen sollten. Viele Mittel wurde gebraucht, um Luthers Botschaft auf dem Kontinent und in England zu verbreiten.

Einer der wichtigsten Faktoren war der Einfluss von buchstäblich tausenden von Studenten, die an der Universität von Wittenberg studiert und die lutherische Theologie und Ekklesiologie aufgesogen hatten. Wie Calvins Akademie in Genf wurde die Universität zu einem Zentrum für die Verbreitung der reformatorischen Gedanken. Wittenberg und Genf waren Knotenpunkte für eine weltweite Bewegung.

Die Druckerpresse machte es für Luther möglich, seine Gedanken durch viele Bücher zu verbreiten, die er veröffentlichte, ganz abgesehen von seinen Traktaten, Bekenntnissen, Katechismen, Pamphleten und Karikaturen (eine der ansprechendsten Kommunikationsmethoden für das einfache Volk dieser Zeit waren versteckte Botschaften in Karikaturen).

Zusätzlich zu diesen Druckmethoden wurde in der Reformation Musik gebraucht, um die Lehren und Einstellungen des Protestantismus zu verbreiten, indem sie durch Hymnen und Choräle Ausdruck fanden. Religiöses Theater wurde zwar nicht in den Kirchen, aber auf den Marktplätzen eingesetzt, um die zentralen Gedanken der Bewegung zu kommunizieren – die Wiederentdeckung des biblischen Evangeliums.

Ein weiterer oft übersehener Aspekt der Ausbreitung der Reformation ist der Einfluss der Künste auf die Kirche. Holzschnitzereien und Porträts wurden durch die großen Künstler der damaligen Zeit hervorgebracht – Albrecht Dürer, Hans Holbein, Lucas Cranach der Ältere und Peter Vischer. Die Porträts der Reformatoren machten ihre Botschaft erkennbarer, weil sie mit ihrem Gesicht in der Kunstwelt assoziiert wurden.

Studenten aus England, die in Wittenberg studierten, hatten auch einen wichtigen Einfluss darauf, die Reformation über den Kanal nach Großbritannien zu bringen. Wahrscheinlich die wichtigste Person in der englischen Reformation war William Tyndale, dessen Übersetzung der Bibel ins Englische von entscheidender Bedeutung war. Im Jahr 1524 verließ er England für das europäische Festland und studierte dort eine Zeitlang in Wittenberg. Seine erste Ausgabe des Neuen Testaments wurde 1526 in Flandern veröffentlicht, fünf Jahre nach dem schicksalsträchtigen Reichstag zu Worms, wo Luther seine berühmte „Hier stehe ich“-Rede hielt. Tausende von Bibeln wurden nach England geschmuggelt. Viele wurden als Werk eines Häretikers verbrannt, aber manche konnten den Flammen entgehen und ein theologisches Feuer eigener Art anzünden.

Eine weitere wichtige Person war Robert Barnes, ein Augustinermönch aus Cambridge, der 1540 auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde. Sieben Jahre vor seinem Märtyrertod hatte er sich an der Universität zu Wittenberg eingeschrieben. Es gab auch Martin Bucer, einen wichtigen Reformator, der von den englischen Protestanten im Jahr 1551 eingeladen wurde, um nach Großbritannien zu kommen und dort eine Professur an der Universität von Cambridge erhielt.

Neben denen direkt von Luther beeinflussten englischen Reformatoren, waren andere, deren Einfluss sich auf etwas umständlichere Weise ergab, nämlich via Genf. Johannes Calvin selbst musste aufgrund seiner von lutherisch geprägten Freunden übernommenen Ansichten aus Paris fliehen. Dieser Franzose fand Zuflucht in Genf, wo seine Kanzel und sein Predigtdienst in der ganzen Welt bekannt wurden. Genf wurde zu einer Zufluchtsstätte für Flüchtlinge aus allen Teilen Europas, die dort Schutz suchten. Von den Ländern, die Flüchtlinge nach Calvins Genf sandten, war keines wichtiger als England und die Britischen Inseln. John Knox, der die Reformation in Schottland anführte, verbrachte einige Zeit mit Calvin in der Schweiz und lernte dort seine Reformationstheologie. Obwohl Calvin 26 Jahre jünger als Luther war, übten die Ansichten von Luther einen entscheidenden Einfluss auf das junge Leben von Calvin aus. Obwohl Calvin für gewöhnlich mit der Lehre der Vorherbestimmung assoziiert wird, wird oft übersehen, dass es nichts in Calvins Sicht von Vorherbestimmung und Erwählung gab, das nicht zuerst von Luther geäußert wurde, besonders in Luthers berühmtem Werk Vom unfreien Willen.

Als Calvin in Genf lehrte, kam Maria die Blutige auf den Thron von England. Unter ihrer Herrschaft wurden viele Protestanten auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Viele flüchteten nach Genf. Manche der Flüchtlinge aus England begannen unter Calvins Anleitung mit der Aufgabe, die Bibel ins Englische zu übersetzen. Diese Bibel, genannt die Genfer Bibel, war die erste Bibel, die theologische Anmerkungen am Rand abdruckte, die wiederum stark von Calvins Predigten beeinflusst waren. Diese Bibel war die vorherrschende Bibel unter den englischsprachigen Menschen während der nächsten hundert Jahre, bevor sie durch die populäre King James Bibel ersetzt wurde. Sie war die ursprüngliche, offizielle Bibel der Scottish Presbyterian Church. Es war die Bibel von Shakespeare, die Bibel, die die Pilger auf der Mayflower mit nach Amerika brachten und die Bibel unter den frühen Kolonisten dort.

Von Wittenberg direkt nach England oder von Wittenberg über Genf nach England, auf dieser gewundenen Route gingen die Samen der Reformation, die in Deutschland gepflanzt wurden, in voller Blüte auf, als sie das Britische Weltreich erreichten. Um den Weg von Wittenberg nach London nachzuverfolgen, muss man eine Kette von kurvigen Pfaden gehen, aber der Ursprung dieser Bewegung in Wittenberg ist unverkennbar, und ihr Einfluss setzt sich bis heute fort.