Der Tod von Ulrich Zwingli

Artikel von William Boekestein
31. Oktober 2018 — 25 min Lesedauer

Es war am frühen Morgen des 11. Oktober 1531. Die ersten morgendlichen Sonnenstrahlen schienen durch die taubeladenen Pinien und zwischen die Stein- und Holzhäuser, die den Stadtplatz, genannt „Liebe“, umgaben. Typischerweise wäre der Platz langsam zum Leben erwacht, wie ein Mensch aufwacht, wenn er keinen bestimmten Plan für den Tag hat. Aber an diesem frühen Morgen waren die üblicherweise ruhigen Straßen Zürichs von frenetischer Aktivität erfüllt. Eine wütende und hungrige Armee von mehreren tausend Katholiken – halb verhungert durch ein unglückliches protestantisches Embargo – waren zwei Tage zuvor in den protestantischen Kanton Zürich eingefallen.

Jetzt bewegten sich Männer, Pferde und Kanonen über das feuchte Kopfsteinpflaster. Die raue Luft erklang von schlürfendem Leder, polterndem Stahl, wiehernden Pferden und bellenden Hunden. Der schlürfende Ton kam von Tausenden Stiefeln, die durch die engen, gewundenen Straßen marschierten. Die Stiefel wurden von Männern getragen, die die beste militärische Ausrüstung trugen, die sie kurzfristig auftreiben konnten. Die meisten der bärtigen, rauen Männer trugen Piken – stabile Stangen, die fast dreimal so groß waren, wie die Männer selbst, und mit einer eisernen Spitze versehen waren. Obwohl sie hofften, dass sie sie nicht brauchen würden, trugen die Pikenmänner auch entweder Hellebarden – eine Mischung aus einem Stab und einer Axt, die genauso groß war, wie die Männer, die sie trugen – oder Langschwerter, die beide jeweils im Nahkampf zum Einsatz kamen.

Während der vorhergehenden Nacht hatten die Alarmglocken von jedem Turm im Kanton Zürich geläutet, angefangen vom Zentrum der Stadt mit demselben Namen. Eine Freiwilligenarmee stellte sich auf, um den anstürmenden Feind aufzuhalten. Bei Tagesanbruch ähnelten die Straßen der Stadt dem, was passiert, wenn ein neugieriger Junge einen riesigen Ameisenhügel aufscheucht. Manche der Bürgersoldaten rannten zur städtischen Waffenkammer, um sich Waffen zu besorgen. Andere, die sich zunehmend in kleinere Gruppen aufteilten, kamen mit den Waffen, die sie gefunden hatten, zurück. Ihre Angesichter strahlten den Entschluss eines Kriegers aus, selbst wenn ihre Herzen von Furcht vor dem Unbekannten erfüllt waren. Die Aktivitäten führten zu verschiedenen Kopfsteinpflasterplätzen, auf denen sich kleinere Gruppen zu größeren zusammenschlossen. Zwischen den Scharen streunten Pferde umher, wobei ihre Hufe durch das Drängen ihrer Reiter prasselten. Kanonen, die auf eisernen Rädern getragen wurden, holperten rhythmisch durch die steinernen Straßen.

Ehefrauen und Kinder umarmten ihre Männer und Väter inmitten von Tränen und letzten Abschieden. Frauen hielten ihre Kinder in den Eingängen zu den Häusern zurück; obwohl sich mutigere Kinder auch auf die Straßen trauten. Armeehauptmänner, die vor kurzem erst ihre Marschbefehle erhalten hatten, schrien verzweifelt Befehle in die verwirrte Menge.

„Männer, wir müssen losmarschieren!“ Als der heisere Befehl den Mund des Kompanieführers verlassen hatte – der auch als der Stadtfleischer bekannt war – wandte er sich auf seinen Fersen in Richtung der aufgehenden Sonne und marschierte das steile Tal hinunter, das zum engen, nördlichen Punkt des Zürichsees führt.

Wie auf Befehl öffnete sich die hölzerne Tür des Steinhauses, das noch immer einen abnehmenden Schatten auf die verbliebenen Soldaten warf. Drei Kinder kamen die Stufen heruntergerannt und gingen auf den gelockten, rothaarigen Mann zu, der gerade von seinem Pferd abstieg, um sie zu umarmen.

„Papa! Geh nicht los, Papa!“ Die siebenjährige Regula konnte kaum Luft holen, nachdem sie die Worte mit großem Schluchzen hervorgebracht hatten. William und der junge Ulrich, zwei und vier Jahre jünger als ihre Schwester, rannten sie fast um, als sie dahinflogen, um die Beine ihres Vaters zu umschließen.

Der Soldat, ein Pfarrer von Beruf, nahm seinen Helm ab und blickte ein letztes Mal in die Gesichter seiner Kinder. Fast zum ersten Mal seit ihrer Geburt hatte es dem Prediger die Sprache verschlagen. Während er aufschaute, um seine Gedanken zu sammeln und dem unerträglichen Schmerz zu entgehen, der auf den Gesichtern seiner Kinder eingezeichnet war, öffnete sich die Tür seines Hauses ein paar Zentimeter weiter. Seine „zwei Annas“, die in einem cremefarbenen Schal eingehüllt waren, schienen auf ihn zuzugleiten, ohne den Boden zu berühren. Sein Baby, gerade erst ein Jahr alt, zappelte in den Armen ihrer Mutter, während ihr Gesicht einen Ausdruck zwischen Lächeln und Weinen ausstrahlte. Seine Ehefrau hatte einen ähnlichen Gesichtsausdruck.

„Auf Wiedersehen, Ulrich…“, fing sie an, doch stockte sie bald. Sie biss auf ihre zitternden Lippen. Ihre Augen zogen sich zusammen, abgestoßen von der schmerzhaften Szene.

Ulrich hob Regula auf und schleifte seine Söhne an seinen Beinen mit, um die letzten Meter zu überbrücken, die ihn von seiner Frau von gerade einmal sieben Ehejahren trennten. Für eine Sekunde schien die turbulente Szene, in der sich die Familie befand, einzufrieren, während sich ihre Körper berührten.

Jeder wartete darauf, dass der Vater sprechen würde.

„Die Stunde ist gekommen, die uns voneinander trennt. Lasst es so geschehen. Es ist Gottes Wille.“ Er drückte seine Arme fester, während die Gefühle seine Stimme lähmten.

Die Worte ihres Pfarrers und geistlichen Freundes stärkten Anna. „Wir werden uns wiedersehen, wenn es Gottes Wille ist“. Indem sie an ihre Kinder dachte, fügte sie hinzu: „Und was wirst du mit nach Hause bringen?“

„Segen nach einer dunklen Nacht“, antwortete er.

Ulrich drückte seine Familie an seine Brust, so lange es ihm möglich war. Er zog sich von ihnen, presste sein bestes Lächeln heraus, bevor er seinen Helm anzog, um seine Tränen und sein geplagtes Gesicht zu verdecken. Als das Pferd und sein Reiter zur Straßenecke gelangten, wendete sich Ulrich ein letztes Mal um und winkte.

Regula riss sich aus den Armen ihrer Mutter. Liebe und Furcht begannen, ein Wort auf ihren bebenden Lippen zu formen. Der Vater hatte gerade sein Gesicht abgewandt, als ihre schrille Stimme durch den Lärm der Menge drang. „PAPA!“

Ulrichs Kettenhemd klimperte mit jedem Schritt seines Pferdes. „Mein Gott, wir werden niemals zurückkehren!“, sagte er zu sich selbst, während er zurückgelassene Kanonen passierte, für die nicht genug Pferde gefunden werden konnten, um sie zu ziehen. Die schlecht ausgerüsteten Soldaten, an denen er vorbeiritt, blickten auf, als sie hörten, wie Ulrich während des Reitens betete.

„Du solltest besser beten!“, spotteten einige Züricher, von denen viele Ulrichs Reformation immer verachtet hatten. „Vor Tagesende wirst du vor Gott stehen mit unserem Blut an deinen Händen. Wie wirst du dann protestieren?“

Tränen verschwammen Ulrichs Sicht.

Wieder und wieder durchdrangen ihn die letzten Worte seiner Tochter, während seine Hellebarde an der Seite klapperte: „Papa! Papa!“

Zwischen den Gebeten und Tränen erinnerte er sich.

Er erinnerte sich leicht an die strenge Züchtigung seines Vaters von vor über einem halben Jahrhundert. Die starken Arme seines Vaters umarmten ihn während der Züchtigung immer und versicherten dem Sohn seiner unumstößlichen Liebe. „Wiederum“, dachte er, „züchtigt mich mein Vater für meine Sünde. Ich habe mich zu sehr auf die Macht von Menschen verlassen. Ich habe die Macht von Gottes Wort vergessen. Lass mich diese Züchtigung jetzt nicht verachten“, betete er, „sondern seine Zurechtweisung annehmen, wie von einem liebenden und weisen Vater.“

Wie oft hatten er und seine Brüder Schlachten auf den grasbedeckten Hügeln nahe des Hauses seiner Kindheit nachgespielt? Krieg war damals immer so glanzvoll. Die guten Bündnispartner hatten damals immer die eindringenden Armeen zurückgeworfen. Die „gefallenen“ Krieger waren immer wieder aus dem Gras aufgestanden, als ihre Mütter sie zum Abendessen riefen. Einer seiner liebsten Aussprüche von seinem mittlerweile entfremdeten Freund Erasmus kam ihm über die Lippen: „Krieg ist nur aufregend für die, die niemals sein Elend gekannt haben.“ Der Kaplan der Züricher Armee wurde von Niedergeschlagenheit fast erdrückt.

Plötzlich brachten ihm die klappernden Rüstungen seiner hoffnungslosen Armee die Worte in den Sinn, die er Jahre zuvor auswendig gelernt hatte, als er die Briefe des Paulus aus dem griechischen Neuen Testament des Erasmus in sein eigenes Notizbuch kopiert hatte.

„Im Übrigen, meine Brüder, seid stark in dem Herrn und in der Macht seiner Stärke. Zieht die ganze Waffenrüstung Gottes an, damit ihr standhalten könnt gegenüber den listigen Kunstgriffen des Teufels; denn unser Kampf richtet sich nicht gegen Fleisch und Blut, sondern gegen die Herrschaften, gegen die Gewalten, gegen die Weltbeherrscher der Finsternis dieser Weltzeit, gegen die geistlichen Mächte der Bosheit in den himmlischen Regionen. Deshalb ergreift die ganze Waffenrüstung Gottes, damit ihr am bösen Tag widerstehen und, nachdem ihr alles wohl ausgerichtet habt, euch behaupten könnt.“ (Eph 6,10–13)

Ulrichs Pferd schnappte weg, als es von der Stimme seines Reiters überrascht wurde, die nun neben seinen Ohren aufschrie. „Männer, das ist unser ‚böser Tag‘. Die Schlacht, die bald beginnen wird, wird so hitzig sein, dass jeder, der sich nur für einen Moment ausruht, vernichtet werden wird. Seid nüchtern, seid wachsam. Euer Widersacher wird umhergehen wie ein brüllender Löwe und wird suchen, wen er verschlingen kann. Hört auf meine Worte: Seid mannhaft, seid stark“ (1Kor 16,13).

Nun hörten ihm alle Soldaten, die in Reichweite seiner Stimme waren, aufmerksam zu.

„Hört ihr nicht in diesen Worten, Brüder, unsere Berufung auch als Christen? Das christliche Leben ist ein Kampf, so scharf und so voller Gefahren, dass Anstrengung nirgendwo ohne Verlust nachgelassen werden kann. Wir wissen nicht, wie Gott den Konflikt auf diesem geheiligten Boden heute entscheiden wird. Viele von uns mögen bei Einbruch der Nacht nicht mehr am Leben sein. Und doch können wir in Gottes Kraft stehen. Das christliche Leben ist immer ein anhaltender Sieg, denn jeder, der kämpft, gewinnt, wenn er Christus dem Haupt treu bleibt. Meine Brüder, hört auf den Heiligen Paulus. ‚Denn leben wir, so leben wir dem Herrn, und sterben wir, so sterben wir dem Herrn; ob wir nun leben oder sterben, wir gehören dem Herrn‘“ (Röm 14,8).

Inmitten von spontanen Gebeten und Predigten ihres Pfarrers marschierte die bunt gemischte Armee von nur ein paar tausend unausgebildeten und unorganisierten Männern Schritt für Schritt in die Hitze des Tages. Vor der Mittagszeit erklomm die Züricher Armee die Hügelkette, die die Stadt von dem Schlachtfeld trennte.

Wieder erloschen ihre Lebensgeister.

Zahlenmäßig weit unterlegen, hatten die verschiedenen hundert Züricher Truppen, die am Vortag ausgerückt waren, sich auf hohem Gelände eingegraben; aber sie waren fast von hinten durch einen wassergefüllten Graben eingeschlossen und von einem Sumpfgebiet umgeben. Zwischen ihnen und ihrem gewaltigen Gegner war ein Wald, der leicht einen Überraschungsangriff der Katholiken verdecken konnte.

„Wir sollten hier warten, bis die Verstärkung aus Zürich kommt“, schlug einer der Generäle vor. „Die Zahlen stehen gegen uns.“

„Mein lieber Herr“, entgegnete Ulrich, „wir können hier nicht sitzen, während unsere Brüder eingegraben sind und bereit zum Kampf stehen. Wenn der Angriff beginnt, werden wir dann einem Massaker zusehen? Wir müssen unsere Stellung beziehen. Vielleicht waren wir Toren, als wir nicht Frieden schlossen, als es noch möglich war. Aber unsere Feinde werden sich nun mit nichts als Blut zufriedengeben. Sie werden angreifen. Wir dürfen jetzt nicht zurückweichen, wenn unsere Freunde uns am meisten brauchen. Von Tapferkeit zu schwärmen, während die Gefahr weit weg ist, ist schwach und erbärmlich; aber fest entschlossen und unbeirrt zu sein, wenn man der Gefahr ins Auge sieht, das ist das einzige Anzeichen eines tapferen Herzens.“

Die Truppen marschierten weiter.

Am Nachmittag begann die ungleiche Schlacht. Sie war kurz. Bald war der Weg zurück nach Zürich voll von Verwundeten und Desertierenden.

Die, die niemals zu ihren Häusern zurückkehren würden, übersäten das Sumpfgras. Ein paar wenige entschlossene Soldatenscharen kämpften weiter in einer verlorenen Schlacht. Unter ihnen hielt sich der berühmteste Prediger des Evangeliums in diesem Land auf, um weiter Ermutigungen an seine tapferen Freunde zu rufen.

Die katholische Armee umschloss die verbliebenen protestantischen Soldaten, bis keiner mehr aufrecht stand.

Die Abenddämmerung zog ein über den schlammigen Sumpf und Ulrich Zwingli lehnte an einem kleinen Busch, während er schwer atmete und rang, sein Bewusstsein nicht zu verlieren. Seine Beine waren von Speeren durchbohrt worden; sein Helm von einem großen Stein zerschlagen. Ulrich drückte seine Hände gegen seine Stirn, während sein Gesicht von Schmerzen erfüllt war. Er wischte mit seinen Händen über seine Augen; Blut strömte seine Handgelenke hinab.

Seine Gedanken wurden zu seinem geliebten Retter gezogen. Ein altes Lied mit alten Worten ging ihn durch den Sinn.

O Haupt voll Blut und Wunden,
voll Schmerz und voller Hohn,
o Haupt, zum Spott gebunden
mit einer Dornenkron,
o Haupt, sonst schön gezieret
mit höchster Ehr und Zier,
jetzt aber hoch schimpfieret:
gegrüßet seist du mir!

In dem Chaos – dröhnende Musketen, stöhnende Männer, wiehernde Pferde, schlammige Stiefel, die durch den Sumpf marschierten, Schmerz, Blutverlust – schien sich das Leiden Christi mit Ulrichs Leiden zu vermischen. Wie niemals zuvor, wenn auch nur für einen flüchtigen Moment, verstand er Jesu Worte in Markus 8: Verleugne dich selbst, nimm dein Kreuz auf dich, folge mir nach. Hab keine Angst, die Welt zu verlieren, wenn du am Ende deine Seele gewinnst – nichts ist so kostbar!

Mit einer letzten Anstrengung gab er seinem Triumpf Ausdruck: „Sie können den Leib töten, aber nicht die Seele!“