Jüngerschaft des Denkens?

Artikel von Albert Mohler
27. September 2018 — 10 min Lesedauer

Die biblische Geschichte dient als ein Rahmen für die kognitiven Prinzipien, die die Herausbildung einer authentischen, christlichen Weltanschauung ermöglichen. Viele Christen entwickeln eilig etwas, das sie eine „christliche Weltanschauung“ nennen, indem sie isolierte christliche Wahrheiten, Lehren und Überzeugungen zusammenfügen, um Prinzipien für das christliche Denken zu kreieren. Ohne Zweifel ist das ein besserer Ansatz als bei vielen Gläubigen, die sich wenig bis überhaupt nicht für christliches Denken interessieren; aber er reicht nicht aus.

Ein robustes und reichhaltiges Modell des christlichen Denkens – die Qualität des Denkens, die in einer gottzentrierten Weltanschauung kulminiert – bedingt, dass wir jede Wahrheit als ineinander verwoben wahrnehmen. Letztlich kann die systematische Ganzheitlichkeit der Wahrheit darauf zurückgeführt werden, dass Gott selbst der Urheber aller Wahrheit ist. Das Christentum ist nicht eine Anzahl von Lehren in dem Sinn, wie ein Mechaniker mit einer Anzahl von Werkzeugen arbeitet. Stattdessen ist das Christentum eine umfassende Weltanschauung und ein Lebensstil, der aus dem christlichen Nachsinnen über die Bibel erwächst und dem sich entwickelnden Plan Gottes, der in der Einheit der Heiligen Schrift offenbart ist.

Eine gottzentrierte Weltanschauung bringt jedes Thema, jede Frage und jedes kulturelle Anliegen in Unterordnung unter alles, was die Bibel offenbart, und sie rahmt jedes Verständnis in das höchste Ziel ein, Gott die größte Ehre zu bringen. Diese Aufgabe, jeden Gedanken gefangen zu nehmen zum Gehorsam gegen Christus, verlangt mehr als nur gelegentliches christliches Denken und muss als Aufgabe der Kirche verstanden werden und nicht nur als Anliegen einzelner Gläubiger. Die Wiedergewinnung eines christlichen Denkens und die Entwicklung einer umfassenden christlichen Weltanschauung werden tiefste theologische Reflektion verlangen, hingegebendste Anwendung christlichen Studiums, die sensibelste Hingabe an Mitgefühl und den Mut, alle Fragen furchtlos anzugehen.

Das Christentum bringt der Welt ein einzigartiges Verständnis von Zeit, Geschichte und dem Sinn des Lebens. Die christliche Weltanschauung trägt zum Verständnis des Universums und all dessen, was es beinhaltet, bei, das uns weit weg vom bloßen Materialismus weist und uns von der intellektuellen Gefangenschaft des Naturalismus befreit. Christen verstehen, dass die Welt – einschließlich der materiellen Welt – eine Würde hat, weil sie von Gott geschaffen wurde. Gleichzeitig verstehen wir, dass wir Haushalter dieser Schöpfung sein müssen und nicht das anbeten dürfen, was Gott gemacht hat. Wir verstehen, dass jeder einzelne Mensch im Ebenbild Gottes geschaffen wurde und dass Gott in jeder Phase der menschlichen Entwicklung der Herr des Lebens ist. Wir ehren die Unantastbarkeit des menschlichen Lebens, weil wir den Schöpfer anbeten. Von der Bibel leiten wir die grundlegende Einsicht her, dass Gott sich an der ethnischen Vielfalt seiner Geschöpfe erfreut, und wir es deshalb auch müssen.

Die christliche Weltanschauung trägt ein einzigartiges Verständnis von Schönheit, Wahrheit und Güte bei, wobei sie diese Transzendentalien letztlich als Eines versteht. Folglich lehnt eine christliche Weltanschauung die Fragmentierung ab, die das Schöne von dem Wahren oder dem Guten scheiden würde. Christen erachten die Haushalterschaft über kulturelle Gaben – von Musik bis zu Theater und Architektur – als Angelegenheiten geistlicher Verantwortung.

Die christliche Weltanschauung verleiht autoritative Ressourcen, um unser Bedürfnis nach Gesetz zu verstehen und unseren angemessenen Respekt für Ordnung. Durch die Bibel belehrt, verstehen Christen, dass Gott die Regierung mit einer dringenden und wichtigen Verantwortung ausgestattet hat. Gleichzeitigt verstehen Christen, dass Götzendienst und Selbstüberhöhung Versuchungen sind, die jede Regierung betreffen. Indem sie von den reichen Lehren der Bibel über Geld, Geiz, den Wert der Arbeit und die Wichtigkeit der Arbeit schöpfen, haben Christen viel zu einem richtigen Verständnis der Wirtschaft beizutragen. Diejenigen, die aus einer biblischen Weltanschauung heraus handeln, können Menschen nicht auf wirtschaftliche Einheiten reduzieren, sondern müssen verstehen, dass unser wirtschaftliches Leben die Tatsache widerspiegelt, dass wir in Gottes Ebenbild geschaffen und als diese mit der Verantwortung betraut sind, Haushalter von allem zu sein, was der Schöpfer uns gegeben hat.

Christliche Treue verlangt eine tiefe Hingabe zu ernster moralischer Reflektion über Fragen von Krieg und Frieden, Gerechtigkeit und Gleichbehandlung und die richtige Anwendung von Gesetzen. Unsere bewusste Anstrengung, eine christliche Weltanschauung zu entwickeln, verlangt, dass wir immer wieder zu den ersten Prinzipien zurückkehren, in einem permanenten und wachen Bemühen, sicherzustellen, dass unsere Gedankenmuster der Bibel und ihrer großen Erzählung entsprechen.

Im Kontext des kulturellen Konflikts sollte die Entwicklung einer authentischen christlichen Weltanschauung die Kirche des Herrn Jesus Christus dazu befähigen, einen verantwortlichen und mutigen Stand in jeder Kultur und in jeder Zeit aufrecht zu halten. Die Haushalterschaft mit dieser Verantwortung ist nicht nur eine intellektuelle Herausforderung; Sie bestimmt zu einem beträchtlichen Maß, ob Christen vor der Welt auf solch eine Weise leben und handeln, dass Gott Ehre und dem Evangelium von Jesus Christus Glaubwürdigkeit verliehen wird. An dieser Aufgabe zu scheitern entspricht einem sich Drücken vor der christlichen Verantwortung, was Christus entehrt, die Kirche schwächt und das christliche Zeugnis kompromittiert.

Ein Mangel an christlichem Denken ist ein Mangel an Jüngerschaft, denn wir sind dazu aufgerufen, Gott mit unserem Verstand zu lieben. Wir können Christus nicht treu nachfolgen, ohne zuerst wie Christen zu denken. Ferner sollten die Gläubigen keine isolierten Denker sein, die diese Verantwortung alleine tragen. Wir sind dazu berufen, treu zusammenzustehen, während wir Jüngerschaft des Denkens in der Gemeinschaft der Gläubigen, der Kirche, erlernen.

Durch Gottes Gnade ist es uns gestattet, Gott mit unseren Verstand zu lieben, aufdass wir ihm mit unserem Leben dienen mögen. Christliche Treue verlangt die bewusste Entwicklung einer Weltanschauung, die mit Gott im Zentrum beginnt und aufhört. Wir können nur als Christen denken, weil wir zu Christus gehören; und die christliche Weltanschauung ist am Ende nichts anderes, als danach zu streben, so zu denken, wie Christus es sich von uns wünscht, damit wir sein können, wozu Christus uns beruft.

Albert Mohler ist Präsident des Southern Baptist Theological Seminary in Louisville, Kentucky und Mitglied des Rates der Gospel Coalition. Er ist Autor mehrerer Bücher, darunter "The Apostles’ Creed". Er und seine Frau Mary haben zwei Kinder.