Warum wir über Sünde reden müssen

Artikel von Robert Godfrey
9. September 2018 — 18 min Lesedauer

„Wieso müssen wir über Sünde reden? Wir sollten nur über die Liebe Gottes reden.“ Dieser Kommentar wurde nicht von einem hingegebenen Liberalen gemacht. Stattdessen kam er von einer Frau, die Mitglied einer evangelikalen Gemeinde ist und deren Kinder zu einer reformierten, christlichen Schule gehen. Sie scheint nicht viel vom Wesen des Calvinismus verstanden zu haben.

Leider ist dieser Kommentar nicht nur eine fremdartige Verirrung. In einem kürzlich veröffentlichten Buch argumentiert der Soziologe Alan Wolfe, dass diese Einstellung innerhalb der religiösen Gruppen und Denominationen Amerikas weit verbreitet ist, einschließlich der Evangelikalen. In The Transformation of American Religion erklärt Wolfe: „Die Rede von Hölle, Verdammnis und sogar Sünde ist ersetzt worden durch eine neutrale Sprache des Verständnisses und der Empathie“. Die meisten amerikanischen Kirchen und Synagogen sind heutzutage gekennzeichnet von Einstellungen und Praktiken, die „freudig, gefühlsbetont, persönlich und empathisch sind, während sie ungeduldig mit Liturgie sind und theologisch so breit bis zum Punkt der Zusammenhangslosigkeit“.

Wolfe ist dieser neuen Entwicklung gegenüber grundsätzlich sympathisch eingestellt. Er glaubt, dass diese verbreitete Einstellung den Interessen einer bunt gemischten Gesellschaft diene, die Toleranz, Kooperation und Höflichkeit schätzt. Religionen, die in ihren Ansprüchen zu exklusiv seien, unterminieren die Einheit der Gesellschaft und müssen als tendenziell gefährlich und bigott erachtet werden. Für Wolfe muss der wahre Calvinismus ein Problem für eine tolerante Gesellschaft sein, weil er die Ernsthaftigkeit der Sünde betont und Christus als den einzigen Weg zu Gott.

Das Anliegen von Wolfe und vielen anderen ist nicht neu. Solche Kritik wurde von Anfang an gegen das Christentum geäußert. Im Römischen Reich wurden Christen Verräter und Atheisten genannt, weil sie die römischen Götter nicht anbeten wollten. Christen waren religiöse Eiferer und gefährlich für die Einheit des Reiches, weil sie exklusive Ansprüche für ihren Glauben erhoben.

Treue Christen haben schon immer den Aufruf abgelehnt, ihren Glauben an die Wünsche derer anzupassen, die sagen wollen, dass alle Religionen gleich wahr und nützlich seien. Als Christen bestehen wir darauf, dass wir über Sünde reden müssen, wenn wir wahrheitsgemäß über den Zustand des Menschen reden wollen. Wenn wir unsere Sünde nicht verstehen, werden wir nicht verstehen, welchen Retter wir brauchen. Unsere Sünde schafft für uns zwei Probleme, wenn wir vor Gott stehen. Erstens brauchen wir es, dass die Schuld unserer Sünde weggenommen wird. Adams ursprüngliche Sünde und unsere eigene Sünde haben uns schuldig vor Gott gemacht und verdammungswürdig. Wir brauchen Vergebung und folglich einen Retter, der unsere Vergebung sichern kann. Zweitens brauchen wir als Sünder eine positive Gerechtigkeit, mit der wir vor Gott stehen können. Adam wurde nicht als moralisch neutrales Wesen geschaffen, sondern als rechtschaffen und heilig. Deshalb brauchen wir als Sünder, die eine neue Schöpfung werden wollen, Gerechtigkeit und einen Retter, der uns gerecht machen kann.

Die Reformation war eine Wiedergewinnung der biblischen Lehre von Sünde und Errettung. Sünde wurde wieder als ein Problem gesehen, das nicht durch menschliches Handeln gelöst werden konnte. Errettung wurde wieder gänzlich als ein Werk Gottes angesehen. Gott bezahlte in Christus die Strafe für unsere Sünden. Und Gott rechtfertigt und heiligt den Sünder durch Christus. In der Rechtfertigung wird der Sünder vollkommen heilig im Urteil Gottes. In der Heiligung wird der Sünder aus Gnade schrittweise mehr und mehr heilig in seinem eigenen Leben.

Die Lehre der Reformation von der Rechtfertigung steht heutzutage besonders unter Angriff und wir müssen diese Lehre wieder aufs Neue verstehen und verteidigen. Ein Weg, das zu tun, ist, über die Lehren der großen Katechismen der Reformation nachzusinnen. Zum Beispiel wurde die große Lehre der Reformation von der Rechtfertigung wunderschön in einer Frage des Heidelberger Katechismus zusammengefasst. Dieser Katechismus, der im Jahr 1563 in der Kurpfalz veröffentlicht wurde, war dazu gedacht, die lehrmäßigen Verpflichtungen der dortigen Kirchen klarzustellen und das Volk Gottes im wahren Glauben zu unterweisen. Dieser Katechismus erwies sich als sehr effektiv aufgrund der persönlichen Art und Weise, wie er biblische Wahrheit vermittelt. Er wurde breit eingesetzt in den reformierten Kirchen Deutschlands, der Niederlande und Ungarns, und wurde später nach Amerika gebracht. Die Lehre des Katechismus über die Rechtfertigung wird in der Frage 60 zusammengefasst. Dort wird gefragt: „Wie bist du gerecht vor Gott?“ Die Antwort, wenngleich lang, ist sehr hilfreich. „Allein durch wahren Glauben an Jesus Christus. Zwar klagt mich mein Gewissen an, dass ich gegen alle Gebote Gottes schwer gesündigt und keines je gehalten habe und noch immer zu allem Bösen geneigt bin. Gott aber schenkt mir ganz ohne mein Verdienst aus lauter Gnade die vollkommene Genugtuung, Gerechtigkeit und Heiligkeit Christi. Er rechnet sie mir an, als hätte ich nie eine Sünde begangen noch gehabt und selbst den ganzen Gehorsam vollbracht, den Christus für mich geleistet hat, wenn ich allein diese Wohltat mit gläubigem Herzen annehme.“

Um diese Antwort zu schätzen, müssen wir uns die vier Bestandteile ihrer Lehre anschauen: 1) das Problem der Sünde, 2) das Werk Christi, 3) Gottes Anrechnung dieses Werkes und 4) die Rolle des Glaubens.

Erstens, die Antwort auf Frage 60 macht deutlich, wie groß das Problem der Sünde für gefallene Geschöpfe ist. Aufgrund von Adams Sündenfall und meiner eigenen Verdorbenheit habe ich alle Gebote Gottes gebrochen und keines je gehalten. Ich habe keine Güte oder Leistung, die ich Gott anbieten kann, um sein Wohlgefallen zu verdienen. Selbst als Christ bin ich immer noch zu allem Bösen geneigt. Auf mich allein gestellt hätte ich keine Stärke oder Gerechtigkeit. Weder als Nichtchrist noch als Christ verdiene ich irgendeine Belohnung oder Segnung von Gott. Ich erkenne meinen traurigen Zustand, da mein Gewissen mich anklagt, aber selbst meine Trauer über die Sünde kann mich nicht retten noch Gottes Gunst erlangen. Ich bin betrübt, weil ich durch meine Sünde meinen himmlischen Vater betrübt habe.

Zweitens, ich erkenne, dass Jesus das für mich getan hat, was ich niemals für mich selbst hätte tun können. Jesus war dem Gesetz Gottes vollkommen gehorsam. Auf diese Weise ist er der zweite Adam. Wie Adam im Ebenbild Gottes geschaffen wurde, um der gehorsame und treue Träger des Ebenbildes Gottes zu sein, so wurde der ewige Sohn Gottes Fleisch und wurde unter das Gesetz getan, um das zu tun, woran der erste Adam scheiterte. Jesus hielt das Gesetz vollkommen, sodass er völlig heilig in sich selbst und vollkommen rechtschaffen im Licht von Gottes Gerechtigkeit war. Des Weiteren tat Jesus der Gerechtigkeit Gottes genüge für Sünder, die sich nicht selbst helfen konnten. Obwohl Jesus vollkommen heilig und persönlich nicht verantwortlich für den Fluch war, der die Sünder trifft, nahm er am Kreuz den Platz von Sündern ein und trug die Strafe und den Fluch für alle, die in ihm sind.

Demnach gibt es zwei Aspekte bei dem, was Jesus tat, die oft sein aktiver und sein passiver Gehorsam genannt werden. Er erfüllte aktiv das Gesetz und erlitt passiv das Urteil und den Tod für die Seinen. Jesus tat alles. Nichts bleibt zu tun übrig, um ewiges Leben zu erlangen. Das Werk Christi für Sünder ist vollendet und vollkommen.

Drittens, das Werk Christi zur Rechtfertigung wird für Sünder wirksam durch die Gabe Gottes. Gott schenkt dieses Werk Christi auf eine besondere Weise, die Weise der Anrechnung. Anrechnung ist nicht ein Wort, das wir oft gebrauchen. Es ist jedoch ein Wort, das Paulus gebraucht, um die Gabe Gottes zu beschreiben (Röm 4,3). Anrechnung bedeutet, dass Gott uns das Werk Christi zugutehält oder zugute schreibt. Der Heidelberger Katechismus drückt das Wesen der Anrechnung deutlich aus, wenn er sagt, dass, wenn mir das Werk Christi angerechnet wird, es so ist „als hätte ich nie eine Sünde begangen noch gehabt und selbst den ganzen Gehorsam vollbracht, den Christus für mich geleistet hat“. Weil mir der Gehorsam Christi – sowohl der aktive als auch der passive – von Gott angerechnet wird, sieht mich Gott im Licht des Gehorsams von Jesus.

Viertens, das Mittel, durch das wir die Anrechnung des Werkes Christi empfangen, ist allein der Glaube. Glaube ist der Weg, wie ich weg von mir schaue – sowohl von meiner Sünde als auch von meinem Fortschritt in der Heiligung – und auf Christus als meine einzige Hoffnung. Glaube ist Vertrauen auf Jesus und nicht Vertrauen auf mich selbst. Wiederum bietet der Heidelberger Katechismus, Frage 21, eine wunderbare Definition des Glaubens: „Was ist wahrer Glaube?“ Antwort: „Wahrer Glaube ist nicht allein eine zuverlässige Erkenntnis, durch welche ich alles für wahr halte, was uns Gott in seinem Wort geoffenbart hat, sondern auch ein herzliches Vertrauen, welches der Heilige Geist durchs Evangelium in mir wirkt, dass nicht allein anderen, sondern auch mir Vergebung der Sünden, ewige Gerechtigkeit und Seligkeit von Gott geschenkt ist, aus lauter Gnade, allein um des Verdienstes Christi willen“.

Diese Antwort zeigt, wie Glaube auf Christus und sein Werk allein blickt und ihm vollkommen vertraut. Sie zeigt auch die fröhliche Zuversicht, die uns wahrer Glaube gibt in der Errettung, die Christus für uns erworben hat. Die Lehre der Reformation von der Rechtfertigung hilft uns zu erkennen, dass unsere Errettung das Werk Christi für uns ist. Sie befreit uns auch von einem Leben des Zweifels und der Furcht, wodurch wir ins Staunen geraten, wie Gott solche Sünder wie uns nur lieben kann. Sie zeigt uns, dass wir objektiv Frieden mit Gott haben, weil Christus die Ansprüche Gottes an uns zufriedengestellt hat, und sie zeigt uns subjektiv, dass wir zuversichtlich wissen können, dass wir durch Glauben an Christus gerecht vor Gott sind.

Viele in unserer Gesellschaft und sogar in unseren Gemeinden mögen diese Lehre als gefährlich erachten – als spaltend oder die Heiligkeit unterminierend. Aber die, die der Bibel glauben, erkennen, dass es die Wahrheit Gottes und ein unaussprechlicher Segen im Leben des Volkes Gottes ist.