Unter Autorität leben

Artikel von R. C. Sproul
4. September 2018

Wenn ich die Heilige Schrift lese, besonders das Neue Testament, gibt es ein Thema, das immer wieder auftaucht und die Bereitschaft des Christen betrifft, sich verschiedenen Arten von Autorität unterzuordnen. Angesichts unseres rebellischen Zeitgeistes erschreckt mich das. Es ist viel zu einfach für uns, eine Einstellung zu entwickeln, die uns in offenen Widerstand gegen die Autorität Gottes bringt.

Lasst uns unsere Aufmerksamkeit auf 1. Petrus 2,11-16 richten:

Geliebte, ich ermahne euch als Gäste und Fremdlinge: Enthaltet euch der fleischlichen Begierden, die gegen die Seele streiten; und führt einen guten Wandel unter den Heiden, damit sie da, wo sie euch als Übeltäter verleumden, doch aufgrund der guten Werke, die sie gesehen haben, Gott preisen am Tag der Untersuchung. Ordnet euch deshalb aller menschlichen Ordnung unter um des Herrn willen, es sei dem König als dem Oberhaupt oder den Statthaltern als seinen Gesandten zur Bestrafung der Übeltäter und zum Lob derer, die Gutes tun. Denn das ist der Wille Gottes, dass ihr durch Gutes tun die Unwissenheit der unverständigen Menschen zum Schweigen bringt; als Freie, und nicht als solche, die die Freiheit als Deckmantel für die Bosheit benutzen, sondern als Knechte Gottes.

Petrus spricht zu Menschen, die brutaler, heftiger und gewaltsamer Verfolgung ausgesetzt waren – die Art von Aktivität, die uns zu der schlimmstmöglichen Erwiderung anstacheln kann, wie Wut, Bitterkeit und Hass. Aber Petrus plädiert an diese Menschen, die die Opfer des Hasses ihrer Kultur waren, sich auf eine ehrbare Weise vor einer zuschauenden Welt zu verhalten. Paulus macht wiederholt ein ähnliches Plädoyer dafür, dass wir versuchen, soweit es möglich ist, mit allen Menschen in Frieden zu leben.

Das „deshalb“ in Vers 13 führt eine Schlüsselbekundung dieses ehrbaren Lebens vor einer zuschauenden Welt ein. Wir sollen uns den menschlichen Ordnungen unterordnen. Warum? Ich finde die Antwort erschreckend und faszinierend. Die Ermahnung des Apostels ist, dass wir uns unterordnen um des Herrn willen. Aber wie geschieht Gehorsam gegenüber menschlichen Ordnungen um des Herrn willen? Was nutzt Christus mein Gehorsam gegenüber meinen Professoren, meinem Vorgesetzten oder der Regierung?

Um das zu verstehen, müssen wir das tiefere Problem begreifen, das die Schrift überall behandelt – das Problem der Sünde. Auf der grundlegendsten Ebene ist Sünde ein Akt der Rebellion und des Ungehorsams gegenüber einem höheren Gesetz und Gesetzgeber. Das größte Problem mit der Welt ist Gesetzlosigkeit. Der Grund, warum Menschen Gewalt angetan wird, sie umgebracht und im Kampf verstümmelt werden, der Grund für Morde, Diebstähle und so weiter ist, dass wir gesetzlos sind. Wir sind zu allererst dem Gesetz Gottes gegenüber ungehorsam. Das Wurzelproblem der ganzen Schöpfung ist Ungehorsam gegenüber dem Gesetz, Missachtung von Autorität. Und die ultimative Autorität des Universums ist Gott selbst.

Aber Gott delegiert Autorität, während er über die Schöpfung regiert und sie beherrscht. Gott richtet menschliche Regierung ein. Es ist Gott, der Regierungen einsetzt (Röm 13). Deshalb sind Christen dazu aufgerufen, den König zu ehren und für ihn zu beten, ihre Steuern zu bezahlen und sich so weit wie möglich den Autoritäten in allen Dingen unterzuordnen – weil die Autoritäten von Gott eingesetzt wurden. Weiterhin teilt Gott die höchste Autorität mit Christus, der sagte: „Mir ist [vom Vater] gegeben alle Macht im Himmel und auf Erden“ (Mt 28,18). Folglich hat kein Herrscher in dieser Welt irgendeine Autorität außer die, die ihm von Gott und von Christus delegiert wurde, der der König aller Könige und Herr aller Herren ist. Deshalb ist Ungehorsam gegenüber den rechtmäßigen Befehlen der irdischen Autoritäten letztendlich ein Ungehorsam gegenüber Gott und Christus selbst, weil sie die herrschenden Autoritäten eingesetzt haben.

Die Welt ist voller Gesetzlosigkeit, aber wir sind dazu aufgerufen, anders zu sein. Egal wo wir uns unter Autorität befinden – und mir müssen uns alle verschiedenen Autoritäten gegenüber verantworten – ist es unsere Aufgabe, uns dieser Autorität unterzuordnen. Niemand in dieser Welt ist autonom. Jeder von uns hat nicht nur einen Vorgesetzten, sondern mehrere. Jeder, den ich kenne, mich eingeschlossen, muss nicht nur einer Person Rechenschaft geben, sondern allen Arten von Autoritätsstrukturen. Wirf einen Stein durch ein Ladenfenster und du findest schnell heraus, dass du Rechenschaft geben musst, dass du unter Autorität stehst, dass es Gesetze gibt, die befolgt werden müssen und Polizisten, die das sicherstellen.

Christen sind frei in Christus, aber wir dürfen unsere Freiheit nicht als Freibrief zur Sünde missbrauchen, denn auch wenn wir auf der einen Seite frei sind, bleiben wir auf der anderen Seite Knechte.

Wir sind Knechte Gottes. Wir sind Sklaven Jesu Christi. Deshalb, selbst wenn die ganze Welt auf der Schiene der Antiautorität und Antiunterordnung fährt, dürfen wir da nicht mitmachen. Wir sind aufgerufen, die Ordnung genau zu bewahren. Es gibt so etwas wie Gesetz und Ordnung, die Gott selbst im Universum eingerichtet hat. Und wir sind aufgerufen, dies zu bezeugen, selbst indem wir unbequeme, unangenehme und manchmal schmerzhafte Unterordnung unter die rechtmäßigen Regeln sogar der Autoritäten erleiden, die Gott nicht anerkennen, denn selbst die gottlosen Autoritäten sind von Gott eingesetzt worden.

Ich denke, wir haben alle Erfahrungen gemacht, wo wir uns nur schwer einer Autorität unterordnen konnten und Ordnungen, die wir vehement ablehnen. Lass mich als praktische Überlegung zu Folgendem raten: Wenn wir uns diese menschlichen Institutionen oder Personen anschauen, die tyrannisch, unfair und ungerecht sind, und wir versuchen, uns ihnen einzeln oder als Institution unterzuordnen, werden wir es extrem schwer finden, uns mit einer guten Einstellung unterzuordnen. Aber wenn wir irgendwie durch sie hindurchsehen können, an ihnen vorbei, über sie drüber, und auf denjenigen, den der Vater mit höchster kosmischer Autorität ausgestattet hat, nämlich Christus selbst, dann wird uns das Unterordnen wesentlich leichter fallen. Wir werden Hilfe in unserem Kampf finden, uns unterzuordnen, wenn wir erkennen, dass wir uns letztlich Christus unterordnen, weil wir wissen, dass er nie tyrannisch oder missbräuchlich über uns herrschen wird.


Dieser Artikel von R.C. Sproul erschien zuerst bei Ligonier Ministries. Übersetzung und Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung.