Wie man zu dem säkularen Zeitalter predigt

Artikel von John Starke
23. August 2018 — 23 min Lesedauer

Neben allem anderen, was Charles Taylors Ein säkulares Zeitalter erreichen will, hilft es grundsätzlich dem geistlichen Leiter zu erkennen, dass unser modernes Zeitalter „selbstgenügsamen Humanismus“ angenommen hat. Taylor meint damit „einen Humanismus, der keine letzten Ziele jenseits des menschlichen Gedeihens kennt, noch irgendeine Loyalität gegenüber etwas anderem als diesem Gedeihen. Für keine vorhergehende Gesellschaft traf dies zu“ (Ein säkulares Zeitalter, S. 18 [Seitenzahl im engl. Original]).

Mit anderen Worten, unsere Nachbarn finden Sinn und Bedeutung in nichts jenseits der immanenten Sphäre – jenseits von Erfolg, Sex, Macht und Beziehungen. Und doch gibt es gleichzeitig ein „Unbehagen“ inmitten dieses selbstgenügsamen Humanismus: „Das Gefühl kann schnell aufkommen, dass wir etwas verpassen, von etwas abgeschnitten sind, dass wir hinter einem Schirm leben. … Ich denke vielmehr an ein allgemeines Unbehagen über die entzauberte Welt, ein Gefühl, dass sie flach und leer ist, eine vielförmige Suche nach etwas in uns oder jenseits von uns, das die Bedeutung, die zusammen mit der Transzendenz verloren wurde, kompensieren könnte“ (S. 302).

Es gibt eine Furcht und eine Angst, dass „unsere Handlungen, Ziele, Erfolge und unser Leben kein Gewicht, Ernst, Festigkeit und Substanz haben. Sie ermangeln einer tieferen Resonanz, von der wir aber fühlen, dass sie da sein sollte“ (S. 307). Aus diesem Grund gibt es unter den Säkularen eine Versuchung in Richtung Transzendenz. Wir können anscheinend nicht ohne sie leben.

Zur gleichen Zeit leben und atmen wir Christen auch in diesem säkularen Zeitalter. Dieser selbstgenügsame Humanismus wird Teil des Muskelgedächtnisses unserer eigenen Seelen, selbst, wenn wir uns seiner Wirkung oft nicht bewusst sind. Was Taylor über Säkularisten sagt, kommt sehr nah an die Kirchenbänke heran. Also, während moderne selbstgenügsame Säkularisten versucht sind in Richtung Glauben, sind Gläubige permanent versucht in Richtung Selbstgenügsamkeit.

Die Aufgabe des Predigers, so scheint es, ist es, diese duale Versuchung anzusprechen. Wir sprechen zu den Sehnsüchten derer, die außerhalb des Glaubens stehen, und zu den Irrfahrten derer, die innerhalb des Glaubens stehen. Taylor ist eine Art Wegweiser für Pastoren, indem er eine ungenaue Beschreibung liefert, wie unsere Herzen als Gesellschaft geformt worden sind. Ich sage „ungenau“ nicht als Kritik; ich merke nur an, dass das, was er über die Gesellschaft im Allgemeinen sagt, von Pastoren im Speziellen durch persönliche Geschichten erforscht werden muss.

In Taylors 800 Seiten kam man hilfreiche Erzählungen und Kategorien finden, die tiefere Einsichten in unseren kulturellen Zeitgeist liefern. Wir sind ein entzaubertes Zeitalter geworden, und Taylor zeigt uns warum und auf welche Weise.

Ich möchte mich auf drei grundsätzliche Elemente von Taylors Projekt konzentrieren, die für Pastoren und Prediger in ihrer Arbeit unmittelbar relevant erscheinen: (1) Das abgepufferte Selbst, (2) Das Unbehagen an der Moderne und (3) Das Zeitalter der Authentizität.

Das abgepufferte Selbst

Der grundlegende Unterschied zwischen einem abgepufferten Selbst des modernen Zeitalters und einem durchlässigen Selbst aus früheren Zeitaltern ist die Frage der Verletzbarkeit. In vorhergehenden Zeitaltern wurde angenommen, dass wir verletzbar sind durch Geister, sowohl böse als auch gute, dass wir durch die „Gegenwart“ von etwas jenseits des Menschlichen und Materiellen beeinflusst werden können. Zum Beispiel nicht nur, dass Martin Luther Tintenfässer auf den Teufel warf, während er im 16. Jahrhundert das Neue Testament übersetzte; er war Pfarrer in Gemeinden, die glaubten, dass der Wald mit Geistern und Kobolden verzaubert wäre. Antike und prämoderne Menschen glaubten an eine verzauberte Welt und sahen sich selbst als ein verletzbares und durchlässiges Selbst. Die Mächte konnten bösartig oder gutartig sein, heidnisch oder christlich. Ein durchlässiges Selbst sieht nicht nur, dass es verletzbar ist für Gefahren von diesen Mächten; ein durchlässiges Selbst erhält auch Sinn und Bedeutung von außerhalb.

Aber dieser Sinn für Verletzbarkeit ist bei dem abgepufferten Selbst verschwunden. „Dinge jenseits von mir können mich nicht berühren“ (S. 38). Das abgepufferte Selbst „sieht sich selbst als unverletzbar, als Herr über die Bedeutung der Dinge“ (S. 38). Dieser letzte Satz ist wichtig: Das Selbst wird zum „Herrn über die Bedeutung der Dinge“. Mit anderen Worten, Glaube an Gott ist nicht völlig verschwunden; wir brauchen ihn einfach nicht länger für Sinn oder Bedeutung. Ein abgepuffertes Selbst „blockt bestimmte Wege ab, durch die Transzendenz historisch die Menschen berührt hat und in ihrem Leben gegenwärtig war“ (S. 239). Um es direkter auszudrücken, hier haben wir, was Robert Bellah „expressiven Individualismus“ nennt (Gewohnheiten des Herzens. Individualismus und Gemeinsinn in der amerikanischen Gesellschaft).

Diese Form des Individualismus sieht seine höchste Hingabe zum persönlichen menschlichen Gedeihen. Wenn jemand an Gott oder irgendeine Gottheit glauben soll, dann muss es primär im Dienst des menschlichen Gedeihens stehen. Der moderne Mensch, das abgepufferte Selbst, welches das persönliche menschliche Gedeihen als sein oberstes Ziel sieht, erachtet dann jede Beziehung oder Pflicht (persönlich, relational, religiös oder kommunal) rein und ausschließlich als Fortsetzung seines Hauptziels: des persönlichen Gedeihens. „Deshalb kann man am Ende auf verschiedene Wege das Christentum ablehnen, weil es, indem es zu etwas mehr aufruft als menschlichem Gedeihen, der unversöhnliche Feind des menschlichen Wohls ist; und gleichzeitig eine Leugnung der Würde der selbstgenügsamen abgepufferten Identität“ (S. 264).

Das Christentum ist kein Mittel zum menschlichen Gedeihen. Es lehrt uns sogar, gegenüber unserem Selbst zu sterben, andere als wichtiger zu erachten, die andere Wange hinzuhalten, uns als lebendiges Opfer hinzugeben, am Weinen und der Trauer der anderen teilzuhaben. Das schafft natürlich einen Konflikt mit dem modernen abgepufferten Selbst. Das abgepufferte Selbst sieht Gott und den Nächsten als Steigerungen, die wir in Anspruch nehmen oder aufgeben können, wenn sie lästig werden oder ein Opfer verlangen. Das Christentum sieht sie als eine Verpflichtung an statt als eine Steigerung. Sinn, Moral und Befriedigung kommen im Christentum von außerhalb des Selbst. Ein abgepuffertes selbst sucht nach allem in sich selbst.

Pastoren und andere Gemeindeleiter müssen erkennen, dass ihre Nachbarn diese Art zu Denken internalisiert haben und religiöse Verpflichtungen oft als eindringlich für ihre Selbstgenügsamkeit empfinden. Aber wir müssen auch erkennen, dass unsere Gemeinden potentiell mit Menschen gefüllt sind, die ihre gegenwärtige Verpflichtung zur Gemeinde und ihren Einsatz in der Gemeinschaft als Steigerung ihres Gedeihens sehen. Wenn diese „Steigerungen“ anfangen, unser „Gedeihen“ zu behindern, indem sie Opfer verlangen oder Unbequemlichkeit, dann wird die Versuchung da sein, den Glauben als nicht tolerierbaren Eindringling für das abgepufferte Selbst abzutun. Das mag kein bewusster oder explizit ausgedrückter Zustand sein. Aber es ist der Weg, wie die Herzen heute im Westen geformt sind, ob jemand religiös ist oder nicht.

Das Unbehagen der Moderne

Ein abgepuffertes Selbst bietet viele Vorteile. Es bietet einen Sinn der Freiheit von den traditionellen Angewohnheiten der autoritären Gesellschaften und der „nichtaufgeklärten Massen“; ein „Gefühl der Macht, der Befähigung, da man imstande ist, seine eigene Welt und sein eigenes Leben zu bestimmen“; ein Gefühl der Unverletzbarkeit, die die Furcht vor einer Welt der Geister und Mächte wegnimmt; ein „Gefühl des Selbstbesitzes, [und] einen sicheren inneren mentalen Raum“ (S. 300-301).

Mit dieser Freiheit kommt jedoch ein Gefühl, „dass wir etwas verpassen, von etwas abgeschnitten sind, dass wir hinter einem Schirm leben“ (S. 302). Es ist, was Taylor ein Gefühl des „Unbehagens“ nennt, dass die Welt ein flacher, leerer Ort ist, wo das, was wir durch unser abgepuffertes Selbst gewonnen haben nicht das kompensiert, was wir mit der Transzendenz verloren haben.

Das Unbehagen nimmt zu, denn auch wenn wir eine transzendentale Wirklichkeit aufgegeben haben, haben wir doch nicht transzendente Gefühle und Erfahrungen aufgegeben. Wir halten stattdessen nach Transzendenz innerhalb eines immanenten Rahmens Ausschau, der aber nur die Begrenztheit unserer Wirklichkeit offenbart und unser Verlustgefühl intensiviert. Taylor beschreibt dieses Unbehagen in drei Formen (S. 308-309).

Erstens, wir ringen damit, Sinn im Leben zu finden. Wie erlangen wir ein „höheres Ziel“, das unsere niedrigeren Ziele transzendiert und ihnen Sinn gibt? Man könnte sagen, dass ohne ein Telos, das von einem transzendenten Ort außerhalb von uns kommt, unser Leben eine Sinnfragilität hat. Führt mein Leben irgendwo hin? Ein Pastor muss beständig hervorheben, wie fragil Sinn und Bedeutung außerhalb von Transzendenz sind.

Zweitens, zentrale Momente im Leben wie Geburt, Ehe und Tod vergrößern dieses Gefühl des Unbehagens. Traditionell haben wir diese Momente feierlich gestaltet, indem wir sie mit etwas Transzendentem verbunden haben. „Aber eine Einengung auf das Immanente hinterlässt hier eine Lücke. Viele Menschen, die keine weitere Verbindung oder gefühlte Anhängerschaft zur Religion haben, nutzen weiterhin das Ritual der Kirche für diese Übergangsriten“ (S. 309).

Drittens, wir nehmen einen Mangel in den alltäglichen Momenten wahr, in dem Banalen. „Manche Menschen nehmen eine unheimliche Flachheit im Alltag wahr, und diese Erfahrung ist besonders mit der Kommerz-, Industrie- oder Konsumgesellschaft verbunden“ (S. 309). Es gibt eine „Leere bei dem wiederholten, beschleunigten Zyklus des Verlangens und Erfüllens in der Konsumkultur“ (S. 309). Wir, als abgepuffertes Selbst, nehmen ein Unbehagen wahr, aber, weil wir Lösungen von innerhalb des immanenten Rahmens suchen, funktionieren unsere Lösungen nicht.

Pastoren und andere geistliche Leiter müssen das unbefriedigende Ergebnis des abgepufferten Selbst wahrnehmen und ihren Gemeinden zeigen, bei dem menschliches Gedeihen als ultimative Pflicht angesehen wird und alle andere Verpflichtungen (kommunal oder religiös) als bloße Steigerungen, die weggeworfen werden können, wenn sie nicht länger steigern. Das abgepufferte Selbst entfremdet uns letztendlich von Sinn, Erfüllung, Intimität und Liebe.

Ein abgepuffertes Selbst ist befreit worden von der Transzendenz und all ihren moralischen und religiösen Verpflichtungen, aber es hat dabei auch die Fülle verloren, und es bleibt nur eine quälende Traurigkeit. Der pastorale Dienst besteht darin, den Säkularisten mit Fülle und Freude zu versuchen, damit er Christus nachfolgt, der Freude vor sich liegen hatte, selbst als er sein menschliches Gedeihen aufgab, um am Kreuz zu leiden (Hebr 12,2). Christen haben schon immer gewusst, dass menschliches Gedeihen (oder Fülle) indirekt kommt. Das Christentum lehrt, dass man menschliches Gedeihen in Form von Freude bekommt, einer Frucht des Geistes, wenn man sich selbst stirbt und durch Glauben und Gehorsam Anteil an Christus bekommt. Aber wenn man direkt auf menschliches Gedeihen abzielt, bekommt man nur Unbehagen.

Das Zeitalter der Authentizität

„Lasst uns dies das Zeitalter der Authentizität nennen“, sagt Taylor (S. 476). Wir sind dem persönlichen menschlichen Gedeihen geweiht und wir finden das Gedeihen in uns selbst. Folglich muss unsere Geistlichkeit von „authentischen“ Gefühlen angetrieben sein, die von innen kommen, niemals aus bloßem Gehorsam oder „theologischer Korrektheit“ (S. 448). Gleichermaßen ist unsere Sexualität hauptsächlich dem inneren Verlangen gegenüber treu, nicht gegenüber irgendwelchen kulturellen oder moralischen Erwartungen. Um es anders auszudrücken, unsere moderne säkulare Kultur lehrt unsere Herzen, sich selbst gegenüber treu zu sein, und alles von außen als Eindringling abzuwehren.

Es gibt eine Form der Authentizität, die Christen und Gemeindebesucher anzieht, ohne Bezug auf christliche Ethik. Diese Authentizität rühmt sich der „Schwachheit“ oder der „Unordnung“ des Lebens. Leiter können Anhänger gewinnen, indem sie die „rauen“ Elemente ihres Lebens zeigen, ihre Unvollkommenheiten, die „Schönheit des Chaos“. Aber das ist auch oft eine Form des abgepufferten Selbst. Diese Bekenntnisse der Unvollkommenheiten kommen zu den eigenen Bedingungen. Es ist eine Laissez-faire-Geistlichkeit, die sich der Schwachheit rühmt, aber abgepuffert ist von Kritik und Zurechtweisung. Das Christentum ist ganz anders. Das Christentum rühmt sich auch der Schwachheit (siehe den Apostel Paulus), aber es macht das Selbst verletzbar (anders als nur authentisch) für Veränderung und Transformation.

Das authentische Selbst sagt: „Das bin ich; du musst mich annehmen, wie ich bin“. Das verletzbare Selbst sagt: „Das bin ich; nimm mich und transformiere mich“. Das verletzbare Selbst kommt nicht nur in der Gestalt von Bekenntnissen, sondern auch der Buße. Es schaut nicht auf das Selbst, um Kraft und Anerkennung zu erhalten, sondern auf göttliche Hilfe und Erlösung.

Keines dieser drei Elemente wird den Pastor unbedingt überraschen. Die Bibel zeigt uns, dass diese Themen antiker sind und nicht in einzigartiger Weise modern. Aber Taylor zeigt uns, wie sie sich heute manifestieren und wie wir die Wahrheit von Christus mit größerer Genauigkeit vermitteln können. Die Bibel warnt uns bereits davor, dass das Selbst verarmt ist getrennt von den Reichtümern Christi. Taylor zeigt uns jedoch, wie Menschen in der westlichen Gesellschaft diese Verarmung spüren, selbst wenn sie sie nicht auf diese Weise artikulieren. Er gibt Pastoren und Gemeindeleitern Werkzeuge, um das abgepufferte Selbst mit der Fülle der Freude zu versuchen.