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Martin Luther: „Dieser Edelstein hat die Kraft von Gott“

Martin Luther (Lucas Cranach der Ältere, 1528)

Alle Welt redet am heutigen Reformationstag über Luther. Wir lassen Luther selbst sprechen. In seiner Römerbriefvorlesung von 1515 sagte er über Römer 1,16:

Wer an ihn glaubt, der ist von Gott her mächtig und weise über alle Dinge. – Das Evangelium ist eine Macht, die da selig macht alle, die daran glauben, d.h., es ist das Wort, das mächtig ist, zu erretten alle, die daran glauben. Und dies durch Gott und aus Gott, wie wenn man sagen wollte: Dieser Edelstein hat die Kraft von Gott, dass, wer ihn trägt, nicht verwundet werden kann; ebenso hat das Evangelium dies aus Gott, dass, wer daran glaubt, selig wird. So also ist, wer das Evangelium hat, mächtig und weise vor Gott und aus Gott, mag er auch um dessentwillen von den Menschen als töricht und schwach angesehen werden.

Es ist zu beachten, dass „virtus“ hier so viel bedeutet wie Gewalt und Macht, „Möglichkeit“, im gewöhnlichen Sprachgebrauch: das Vermögen. Und unter „Kraft Gottes“ ist nicht die zu verstehen, durch die er seinem Wesen nach in sich selbst mächtig ist, sondern die, vermöge deren er mächtig und stark macht. So wie es heißt „Gabe Gottes“, „Geschöpf Gottes“, „Sache Gottes“, so heißt es auch „Kraft Gottes“ (d.h. die Macht, die von Gott kommt), z. B. Apg 4,33: „Mit großer Gewalt gaben die Apostel Zeugnis von der Auferstehung Jesu Christi“, und Apg 1,8: „Und ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen, welcher auf euch kommen wird“, und bei Lukas am letzten: „Bis dass ihr angetan werdet mit Kraft aus der Höhe“ (Lk 24,49); und Lk 1,35: „Die Kraft des Höchsten wird dich überschatten.“

Zum anderen ist zu beachten, dass es „Kraft Gottes“ heißt im Unterschied zu der Kraft der Menschen. Letztere ist das Vermögen, durch das der Mensch Macht und Heil gewinnt dem Fleisch nach und wodurch einer fähig wird, das zu tun, was des Fleisches ist. Dies Vermögen aber hat Gott durch das Kreuz Christi gänzlich zunichtegemacht, dass er nun seine Kraft gebe, durch die der Geist stark und selig wird und durch die einer kräftig ist, das zu tun, was des Geistes ist. Ps 60,13f.: „Menschenhilfe ist nichts nutze, mit Gott wollen wir Taten tun“. Und Ps 33,16f.: „Einem König hilft nicht seine große Macht, ein Riese wird nicht errettet durch seine große Kraft, ein Ross ist eine trügerische Hilfe und wird nicht gerettet durch seine große Stärke.“ Es ist also dasselbe, wenn es heißt: Das Evangelium ist eine Kraft Gottes, d.i.: Das Evangelium ist die Kraft des Geistes, ist Reichtum, Wehr, Zierde und alles Gut des Geistes selbst, aus dem einer all sein Vermögen schöpft, und dies aus Gott. So wie es heißt: Reichtum, Waffen, Gold und Silber, Königreiche und andere Dinge solcher Art machen die Kraft der Menschen aus, durch die sie stark sind, das zu tun, was sie tun, und ohne die sie nichts ausrichten können. Doch all dies muss, wie ich sagte, gänzlich zunichtewerden, wenigstens soweit es sich um das Verlangen danach handelt. Sonst wird die Kraft Gottes nicht in uns sein. Denn die Reichen und Mächtigen empfangen das Evangelium nicht, also auch nicht die Kraft Gottes. Denn es steht geschrieben: „Den Armen wird das Evangelium gepredigt“ (Lk 7,22). „Sie verlassen sich aber auf ihre Kraft und trotzen auf ihren großen Reichtum ...“ (Ps 49,7).

Darum ist zum Dritten noch zu bemerken, dass bis auf den heutigen Tag sich nicht nur des Evangeliums schämt, sondern ihm sogar widerspricht, wenigstens im Herzen und mit der Tat, wer nicht wahrhaft glaubt. Das hat seinen Grund darin: Wer Gefallen und Geschmack findet an dem, was des Fleisches und der Welt Art an sich trägt, kann selbstverständlich keinen Geschmack und Gefallen finden an dem, was des Geistes und Gottes ist. So schämt er sich nicht nur, anderen das Evangelium zu verkünden, sondern er wehrt sich sogar und will es sich selbst nicht sagen lassen; denn er hasst das Licht und liebt die Finsternis. Darum erträgt er's nicht, wenn man ihm die heilsame Wahrheit sagt.

„Sich des Evangeliums schämen“ ist indes der Fehler des Prälaten, dem es an Mut gebricht, widersprechen aber oder nicht hören ist der Fehler und die Torheit des Untergebenen; wenn sich nämlich der Prediger vor der Macht, Gunst oder Menge seiner Hörer fürchtet und die notwendige Wahrheit verschweigt, der unempfängliche Hörer aber die geringe und niedrige Gestalt des Wortes verachtet. Daher wird es ihm auch zu einer Torheit, ja wie zu einer Narretei; 1Kor 2,14: „Der natürliche Mensch vernimmt nichts vom Geist Gottes. Es ist ihm eine Torheit und kann's nicht erkennen.“ Und Röm 8,7: „Die Weisheit des Fleisches ist eine Feindschaft gegen Gott, weil sie dem Gesetz Gottes nicht untertan ist; denn sie vermag's auch nicht.“

So ergibt sich also zuletzt der Schluss: Wer dem Evangelium glaubt, muss schwach und töricht werden vor den Menschen, dass er stark und weise sei in der Kraft und Weisheit Gottes. Denn in 1Kor 1,27.25 heißt es: „Was schwach und töricht ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, dass er, was stark und weise ist, zuschanden mache. Die göttliche Schwachheit ist stärker denn die Menschen sind und die göttliche Torheit ist weiser denn die Menschen sind.“ Wenn du also vernimmst, dass die Kraft Gottes alsbald verworfen wird, so erkenne darin die Kraft des Menschen oder der Welt und des Fleisches. (Also muss alle Kraft, Weisheit und Gerechtigkeit verborgen, begraben werden, sie darf nicht sichtbar werden, ganz und gar nach dem Bild und Gleichnis Christi, der sich selbst entäußerte, so, dass er die Macht, Weisheit und Güte ganz und gar verbarg und lieber Ohnmacht, Torheit und Härte an den Tag legte. In gleicher Weise muss, wer mächtig, weise, anziehend ist, dies so haben, als hätte er's nicht. Darum ist das Leben der Fürsten dieser Welt und der Rechtsgelehrten sowie derer, die sich durch Macht und Weisheit behaupten müssen, von größten Gefahren bedroht. Denn wenn diese Vorzüge nicht in die Augen fallen und auch nur im geringsten Maße verhüllt sind, dann gelten sie selbst ganz und gar nichts mehr. Sind sie aber vorhanden, siehe, dann steckt „der Tod im Topf“ (vgl. 2Kön 4,40), besonders, wenn man im Herzen daran Gefallen findet, dass sie den Menschen in die Augen fallen und von ihnen geschätzt werden. Denn es ist schwer, das vor seinem eigenen Herzen zu verbergen und geringzuachten, was allen offenbar ist und hochgeschätzt wird.