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„Hat Gott auch die Künstler geschaffen?“

Victoria Parsons (Foto: V. Parsons)

Victoria Parsons wird auf der E21-Regionalkonferenz in Bonn einen Workshop zum Thema „Hat Gott auch die Künstler geschaffen?“ anbieten. Wir haben uns im Vorfeld mir ihr darüber unterhalten. Das Gespräch hat uns noch neugieriger gemacht, als wir es sowie schon waren. Jetzt zählen wir die Tage bis zur Konferenz. Hier nun das Gespräch:

E21: Du wirst auf der E21-Regionalkonferenz West in Bonn einen Workshop zum Thema „Hat Gott auch die Künstler geschaffen? – Kunst und christliche Weltanschauung“ anbieten. Der Titel macht sehr neugierig. Kannst du uns verraten, was du vorhast?

Victoria: Wir werden uns hauptsächlich mit dem Thema Kunst aus christlicher Weltanschauung auseinandersetzen, d.h. was Gott über Kunst denkt und wie wir als Christen auch über das Thema denken und daraus handeln sollen. Vor allem möchte ich eine ganzheitlichere Denkweise über das Thema fördern und uns ein biblisches Grundgerüst geben. Das ist, ich denke, etwas was jeder Christ braucht, gleich ob man Künstler ist oder nicht. D.h. jeder ist sehr herzlich zu diesem Workshop eingeladen! Fragen sind natürlich besonders erwünscht (lacht).

E21: Wie bist du selbst zum Thema Kunst gekommen?

Victoria: Bei mir gehörten Musik, Tanzen und Bücher immer zu meinem persönlichen Leben. Es sind wenige professionelle Künstler unter meinen Familienmitgliedern. Wir haben uns jedoch immer auf unterschiedliche Art und Weise für die Kunst interessiert. Die Bühne z.B. – ob Gesang, Tanz, Laientheater oder der Ablauf hinter den Kulissen – hat irgendwie immer einen Platz in unserem Familienleben gehabt. Meine Oma steht mit 81 selbst ab und zu noch auf den Brettern! Wir haben alle auch immer viel gelesen und uns über verschiedene Geschichten, die Politik und Theologie ausgetauscht. Wir waren also, und sind immer noch, eine Familie, die sehr offen über Dinge in der Welt und der heutigen Kultur reden kann. Ob wir miteinander immer einverstanden sind, ist eine andere Frage (lacht).

Ich musste mich aber erstmalig als junge Christin mit dem Thema Kunst und Christsein direkter auseinandersetzen, als ich mit 18 zur Universität ging. Mein Leben änderte sich radikal – dort prasselte eine große Welt von Meinungen und Religionen auf mich ein. Ich hatte keine andere Wahl als zu versuchen, alles was mir entgegenkam, aus einer christlichen Perspektive zu verstehen, und die Kunst gehörte dazu, weil die Literatur auch ein großer Teil meines Fremsprachenstudiums war. Es ist mir z.B. durch das Studium viel klarer geworden, dass die Menschen (Christen auch) sehr vom Zeitgeist, d.h. von ihrer Kultur, geprägt sind und dass Kunst eine Art Landwirt für den Ackerboden unseres Denkens und Handelns ist.

Gleichzeitig und besonders später, als ich zusammen mit sehr künstlerisch begabten Menschen bei dem Studentenmissionswerk UCCF („Universities and Colleges Christian Fellowship“, so ähnlich wie die SMD in Deutschland) gearbeitet habe, wurde mir noch klarer, wie heikel dieses Thema für viele evangelikale Christen ist. Meine Mitarbeiter bei UCCF haben mir oft davon erzählt, wie missverstanden sie sich in ihren Gemeinden gefühlt haben. Ob und wie ihre Begabungen mit ihrem Glauben zu versöhnen waren, wussten sie nicht. Aber UCCF hat uns ein tolles theologisches Programm angeboten, wodurch wir uns mit dem Thema mehr auseinandergesetzt haben. Wie du siehst, bin ich dann über die Jahre hinweg auf eine komplexe Art und Weise dem Thema etwas näher gekommen.

E21: Du kommst aus England, hast auch schon in Frankreich gelebt und hast zur Zeit deinen Wohnsitz in Deutschland. Denken Christen über die Kunst überall gleich, oder gibt es da Unterschiede, z.B. zwischen England und Deutschland?

Victoria: Ich denke, es gibt tatsächlich Unterschiede, aber ich bin derzeit der Meinung, dass diese vielleicht weniger mit der deutschen, französischen oder englischen Kultur, sondern vielmehr mit einer christlichen Sub-Kultur zu tun haben, oder mit Tendenzen, die wir als Christen oft aufweisen und ausleben. Es gibt sowohl in England als auch in Deutschland eine Tendenz innerhalb konservativeren evangelikalen Gemeinden, die Kunst als eine rein weltliche Sache zu betrachten, die uns mit Versuchung und Sünde bedroht. Wir (ich zähle mich auch dazu!) neigen folglich dazu, uns von der „Welt“ fernzuhalten, uns also monastisch von der heutigen Kultur abzutrennen. Oft wird der Vers „wir sind in, aber nicht von der Welt“ zitiert, um diese Einstellung zu begründen. Wir spüren also einerseits die Macht des Zeitgeistes, unser Handeln und Denken zu beeinflussen, sind aber andererseits nicht komplett von der biblischen Wahrheit überzeugt, dass wir mit allem, was wir tun (Kunst eingeschlossen), Gott verherrlichen können und sollen.

E21: Christliche Künstler haben es nicht immer leicht. Sowohl die säkulare als auch die fromme Szene beäugen sie oft kritisch. Hast du einen Tipp, wie Gemeinden Künstler stärken können?

Victoria: Lies Francis Schaeffer und lade deine Künstler zum Mittagessen ein! OK – das sind zwei Tipps. Aber im Ernst: zeig Interesse an ihnen. „Kunst und die Bibel“ von Schaeffer ist freundlich, verständlich und bündig genug für jeden Einsteiger geschrieben.

Man muss aber auch kein Experte in Kunst sein, um Fragen zu stellen. Viele künstlerisch begabte Freunde von mir haben sich oft sehr isoliert und verwirrt gefühlt, weil sie einerseits ihren Glauben zusammen mit ihren Gaben nicht in Verbindung bringen konnten; sie hatten dazu keinen, der sich die Zeit mit ihnen dafür genommen hat. Andererseits haben sie sehr viel Missverständnisse sowie Entmutigung seitens Gemeindemitgliedern erlebt. Es ist Teil des Missionsauftrags der Gemeinde, unsere Mitglieder mit der Wahrheit zu bewaffnen, damit sie in ihrem Umfeld mit Integrität für Jesus leben können – wie kann das aber passieren, wo es kein offenes Ohr oder eine Beziehung gibt? Ein cooles Gespräch zusammen mit einem leckeren Essen kann sehr viel lösen.

E21: Wie seid ihr in deiner Heimatgemeinde in England mit dem Thema umgegangen? Gab es gute Angebote?

Victoria: Als Student war ich in einer reformierten Baptistengemeinde zu Hause, die sich sehr um den Studenten gekümmert hat – und das nicht nur durch Schmorbraten! Die Frau vom Pastor hat uns z.B. gute „Werkzeuge“ gegeben, wie wir über unsere Studienfächer als Christen denken sollen, also die christliche Weltanschauung war bei uns ständig Thema.

Soweit ich weiß, hatten wir nie einen spezifischen Vortrag oder eine Themenreihe zum Thema Kunst und Künstlersein. Meine Gemeinde hat aber das Studentenmissionswerk UCCF sehr geschätzt und unterstützt, vor allem weil es den Gemeindemitgliedern ein großes Anliegen war, Studenten mit dem Evangelium zu erreichen. Die Gemeinde hat also indirekt Hilfe geleistet, indem sie ein bestehendes Werk praktisch, finanziell und durch ihre Gebete unterstützt hat.

Vielleicht kann ich dazu noch erwähnen, dass einige meiner Freunde das Morphē Arts, ein britisches Netzwerk für Christen in der Kunstszene, sehr hilfreich gefunden haben. Diese Christen sind mit besonderen Schwierigkeiten und Versuchungen konfrontiert, daher brauchen sie gute Freunde, die ihre Arbeit verstehen und die sie immer wieder auf das Evangelium zurückbringen.

E21: Vielen Dank für das Gespräch!


Zur Anmeldung für die E21-Regionalkonferenz in Bonn vom 1. bis 2. Juli 2016 geht es hier: www.evangelium21.net.